Nous nous devons à la mort

Jacques Derrida folgt den Spuren von 34 Fotografien Jean-François Bonhommes und Athen

Von Andreas HudelistRSS-Newsfeed neuer Artikel von Andreas Hudelist

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Im Jahr 1996 begibt sich Jacques Derrida mit verschiedenen Fotografien von Jean-François Bonhomme und dem Versprechen, ihre zukünftige Publikation schriftlich zu begleiten, nach Athen. Dabei sieht er sich gleich zu Beginn seiner Reise mit der Schwierigkeit seines Versprechens konfrontiert: „Ich bin mit diesem Photographien durch Griechenland gereist, seit Jean-François Bonhomme sie mir gegeben hat. Ich war bereits ein Risiko eingegangen, nämlich zu versprechen, nämlich ihre Publikation in irgend einer Weise zu begleiten, und so begann ich mich ihnen mit der Vertraulichkeit eines Unwissenden zu nähern, in der Faszination, Bewunderung, Staunen, alle Arten beunruhigender Fragen sich mischten, insbesondere im Hinblick auf die Form, die ich meinem Text geben könnte.“

In weiterer Folge bemerkt Derrida, dass die Weise seines Schreibens, ohne im Vorhinein ein Wort über die Fotografien verfasst zu haben, eigentlich schon feststeht, sie wird nämlich seriell und aphoristisch sein. Denn so bewege er sich zwischen den abgebildeten Gegenständen der verschiedenen Fotografien. Ihre Motive reichen vom Fleisch- und Gemüsemarkt über Musiker und anderen Porträts auf der Straße bis hin zu Grabmälern und ihren gravierten Steinen. Die Fotos wirken dabei wie ein Versuch, Verschwundenes festzuhalten. An diese Stelle verweist auch Jean Baudrillard, wenn er in seinem Aufsatz „Warum ist nicht alles schon verschwunden“ im Januar 2007 schreibt, dass alles, was verschwindet, uns viel stärker bestimmt als jede sichtbare Machtinstanz.

Vor diesem Hintergrund entsteht ein ständig beobachtetes Sein, ein konstantes Hin und Her: So wie die Kamera das unwissende Objekt und der Tod das unwissende Subjekt fokussiert, fühlt sich Derrida vom Satz „Nous nous devons à la mort“ eingenommen. Mit der Hilfe einer imaginären Kamera wollte er an den Wörtern, welche fast wie von selbst aus den Fotografien hervortraten, entlang gleiten und so mit ihnen verbunden bleiben. „Bleibe“ leuchtet dabei im Sinne eines Prozesses hervor. „Bleibe, Athen“ lautet der Titel, jedoch ist dieses Athen keines, welches jeder von uns kennen kann, sondern ein Ort, welcher aus vielen Erinnerungen und Details zusammengefügt wird. Athen besteht hier nur in Verbindungen, welche aus dem Prozess der Wahrnehmung der Fotografien entsteht. Durch den Topos Athen entsteht so eine imaginäre Utopie. Darin zeigt sich die Unübersetzbarkeit, da sich das Bild erst durch das betrachtende Subjekt ergibt. Wie sich daraus das Bild formt, bleibt dem Betrachter vorbehalten.

Über die Antwort, ob die Fotografie eine Reproduktion oder doch eine Produktion sei, will Derrida sich nicht den Kopf zerbrechen. Das soll hier jedoch nicht bedeuten, dass eine Übersetzung der Bilder die Wörter nur streifen würde und an ihnen vorbeigleitet. Eine Kunst des Schweigens – sofern man die Fotografie als solche bezeichnen kann – schuldet der Sprache wahrscheinlich mehr als jede andere. In diesem Buch distanziert sich Derrida aber von der Unübersetzbarkeit eines Bildes, da es – egal welche Sprache man auch spricht – immer dasselbe zeigt. Die Unmöglichkeit des Übersetzens resultiert bei ihm aus der individuellen Erfahrung des ersten Bildes, welches ihm die Worte „Nous nous devons à la mort“ wie eine Foto-Orthografie ins Ohr flüstert.

Jacques Derrida: Bleibe, Athen.

Kein Bild

Jacques Derrida: Bleibe, Athen.
Mit Photographien von Jean-Francois Bonhomme.
Übersetzt aus dem Französischen von Markus Sedlaczek.
Passagen Verlag, Wien 2010.
80 Seiten, 14,90 EUR.
ISBN-13: 9783851659344

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