Essaysammlung als Topografie

Ilma Rakusa vereinigt ihre Essays zur Literatur Ost- Mittel- und Südosteuropas in den zwei Bänden „Fremdvertrautes Gelände“

Von Stephan KrauseRSS-Newsfeed neuer Artikel von Stephan Krause

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Der Rundumblick, den Ilma Rakusas in zwei Bänden versammelte Essays bieten, greift sehr weit aus. Rakusa ist zuerst Schriftstellerin, deren poetische Autobiografie „Mehr Meer“ völlig zu recht gelobt worden ist (s. literaturkritik.de, 12.2009). Sie ist zugleich Übersetzerin mit einer Bandbreite, die von großen russischsprachigen Autoren (Marina Zwetajewa, Anton Čechov) über Danilo Kiš bis hin zu Texten von Péter Nádas und Imre Kertész oder Marguerite Duras reicht. Zudem ist sie  Herausgeberin bei dem zweisprachigen Joseph-Brodsky-Band in der Bibliothek Suhrkamp. Nicht zuletzt spiegelt sich Rakusas Enthusiasmus für Literatur in ihrer Tätigkeit als Literaturkritikerin. Denn, was ihren Essays eignet, ist ein sehr angenehmer Ton, der immer zuerst ein so reges Interesse an der jeweiligen Autorin / dem jeweiligen Autor oder an dem gerade behandelten Text signalisiert und der dieses ehrliche Interesse so zu vermitteln versteht, dass dieses auch beim Leser von Rakusas Essays nachhaltig geweckt wird. Es ist ein Ton, der nicht müde wird, aus einer reichen Erfahrung mit Literaturen zu schöpfen, die Rakusa wie selbstverständlich zur Verfügung zu stehen scheinen.

Der Rundgang durch das im metaphorischen Titel angegebene „fremdvertraute Gelände“ gerät so zu einer Art Wanderung. Das Unterwegssein zu einem der zahlreichen Autorinnen und Autoren, die die Literaturen Russlands (teilweise noch der Sowjetunion), Weißrusslands, der Ukraine, Polens, Tschechiens, Ungarns, (Ex-)Jugoslawiens, Albaniens und Rumäniens vertreten, fördert den Wunsch nach weiterer Beschäftigung mit diesen Schriftstellerinnen und Schriftstellern. Die Möglichkeit Autorinnen und Autoren und ihre Texte zu entdecken beziehungsweise ihnen erneut zu begegnen, sind in der Sammlung so vielfältig und mehrstimmig wie das Terrain, das sie beschreiben.

Ihre zweibändige Sammlung, der Walter Schmitz ein Vorwort beigegeben hat, ist ein wertvoller Beitrag zur Geschichte und zur Gegenwart der so vielgestaltigen Literaturlandschaft in den Sprachen und Ländern Mittel-, Südost- und Osteuropas. Die zwei Bände lassen sich als Zeugnis der intensiven und kenntnisreichen Auseinandersetzung Rakusas mit ihren Gegenständen lesen und zeigen dabei die Präzision, die die Autorin jeweils walten lässt. Sie können aber genauso als eine – individuelle – kleine Literaturgeschichte dieses Raumes in Beispielen verstanden werden.

Dass die Essaybände mit einer Literaturgeschichte die Systematik jedoch nicht gemein haben können, liegt in der Natur beider Unternehmen. Rakusas kenntnisreiche Betrachtungen und literaturkritische Auseinandersetzungen aber bieten kundige Analysen und behutsame Wertungen. Beim Lesen eines Aufsatzes etwa zu Dubravka Ugrešić stellt sich der Wunsch ein, ihr Werk weiter zu entdecken. Lebensvoll sei ihr Schreiben und eröffne „Perspektiven auf ein Anderssein“, erklärt Rakusa, deren Texte zu Ugrešić hier stellvertretend dafür zu sehen sind, in welcher Nähe sie die Literatur und die Autorinnen und Autoren kontinuierlich begleitet. Zu Ugrešić finden sich daher zum Beispiel neben kritischen Beiträgen auch eine Rede Rakusas auf die Autorin. An anderer Stelle beginnt ein kurzer Aufsatz zu dem ungarischen Lyriker Dezső Tandori mit der völlig zutreffenden Feststellung, dieser sei in Ungarn eine Institution und einmalig. Ebenso lässt Rakusa den Erfolg des in der ungarischen Literatur geradezu kanonisch gewordenen Romans „Schutzgebiet Sinistra“ von Ádám Bodor spürbar werden.

Bei den vorgestellten (zahlreichen) russischen Autorinnen und Autoren verwundert es kaum, dass die Essays zu Marina Zwetajewas Werk den breitesten Raum einnehmen, ist Rakusa dem Werk der Dichterin doch auch als Übersetzerin verbunden. Einfühlsam zeigt sie sich auch hier und streift, wie in manch anderem Text, nur am Rande den einen oder anderen (fachlichen) Aspekt der deutschen Übersetzung.

Ilma Rakusas Kenntnisse überfordern nie, die Betrachtungen sind Angebote aus einem „Gelände“, dessen – wenigstens teilweise – literarische Unkenntnis der deutsche Durchschnittsleser nur schwerlich wird leugnen können. Dass Ilma Rakusas Essays zu diesen Landschaften nun in einer zweibändigen Sammlung vorliegen, macht Lust auf mehr – mehr von den ost-, mittel- und südosteuropäischen Literaturen wie von den Essays.

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Ilma Rakusa: Fremdvertrautes Gelände. Band 1: Essays zur russischen Literatur.
Thelem Universitätsverlag, Dresden 2011.
277 Seiten, 19,80 EUR.
ISBN-13: 9783942411158

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Ilma Rakusa: Fremdvertrautes Gelände. Band 2: Essays zur Literatur Mittel- Ost- und Südosteuropas.
Thelem Universitätsverlag, Dresden 2011.
431 Seiten, 22,00 EUR.
ISBN-13: 9783942411172

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