Die Filme Astrid Lindgrens

Analysen mit Schwerpunkt auf den auralen Aspekten

Von Kirsten KumschliesRSS-Newsfeed neuer Artikel von Kirsten Kumschlies

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Der vorliegende Band ist der erste in der Reihe „Kinder – und Jugendliteratur intermedial“. Er versammelt zwölf detaillierte Analysen der Filme Astrid Lindgrens, die alle der ausdrucksmittelübergreifenden Kinder – und Jugendfilmanalyse verpflichtet sind und damit vor allem die Auralität des Filmtextes ins Zentrum stellen.

Hintergrund ist der von Tobias Kurwinkel und Philipp Schmerheim im einleitenden Aufsatz postulierte Umstand, dass ein „methodisches Instrumentarium der Filmanalyse“ fehlt, „das sich an die kindlichen Rezeptionsbedingungen anpasst“. Die Entwicklung eines solchen Instrumentariums sei jedoch besonders wünschenswert „aufgrund der Bedeutung der Kindermedienkultur für die kognitive und emotionale Entwicklung des Kindes“. Diese Beobachtung gelte vor allem für die Filmadaptionen von Astrid Lindgren, deren kinderliterarisches Werk in schriftlicher Form dagegen Untersuchungsgegenstand zahlreicher Studien ist. Somit schließt der Band eine Lücke in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit den Filmen Astrid Lindgrens, deren Drehbücher in den meisten Fällen von der Autorin selbst verfasst wurden und folglich durchaus als ihre Filme bezeichnet werden können.

Die im Band versammelten Analysen untersuchen die ausgewählten Filme sowohl auf inhaltlicher als auch auf filmästhetischer Ebene. Der Erkenntnis folgend, dass insbesondere die Tonelemente eines Films die Emotionen der Rezipienten ansprechen, orientieren sich alle Filmanalysen am Auralen (der Terminus stammt aus der angloamerikanischen Forschung) und legen nahe, dass „aurale Elemente die sonstige Struktur und Gestaltungsweise eines Films nicht nur nachzeichnen oder spiegeln und die verschiedenen filmischen Ausdrucksmittel verknüpfen, sondern vor allem für Kinder und Jugendliche rezipierbar gestalten“. Dabei kommen komplexe, anspruchsvolle Analysen zustande, die sich den Filmen Astrid Lindgrens widmen, so zum Beispiel „Ronja Räubertochter, Die Brüder Löwenherz, Wie Kinder von Bullerbü“ und „Madita“. Etwas verwunderlich, wenn nicht sogar unpassend, ist nur, dass „Pippi Langstrumpf“ auf dem Buchcover zu sehen ist, die gleichnamigen Filme aber in keinem der Beiträge thematisiert werden.

Grundlage aller Analysen sind Sequenzprotokolle der einzelnen Filme, die im Anhang des Buches zu finden sind. Diese stellen ein Novum im Forschungsdiskurs da und dürften zukünftige Arbeiten mit den Filmen Astrid Lindgrens erheblich erleichtern. Aus heuristischen Gründen greifen die Autoren auf in der Filmwissenschaft etablierte Analysekategorien wie Inhalt, Narration, Figuren, ästhetische Gestaltung sowie Kontexte (vor allem Wirkungs – und Bezugsrealität) zurück, wobei der Schwerpunkt erklärtermaßen die auralen Aspekte sind.

Auf die einleitenden theoretischen Grundlagen folgen elf äußerst lesenswerte Einzelanalysen, die alle durch Sorgfalt und Liebe zum Detail überzeugen: Bettina Kümmerling-Meibauer vergleicht das fantastische Erzählen im Kinderbuch „Die Brüder Löwenherz“ mit jenem in der filmischen Adaption, wobei sie zu dem Schluss kommt, dass die Filmadaption ein filmästhetisches anspruchsvolles Kunstwerk ist, das „weit über die zeitgenössische Kinderfilmkunst der 70er Jahre hinausragt“. Ebenfalls einen Vergleich zwischen Buch und Film stellt Ragna Metzdorf an, die sowohl die „Bullerbü“-Filmadaptionen aus den 1060er-Jahren sowie jene aus den 1980ern betrachtet. Damit sind nur zwei Beispiele vieler interessanter Aufsätze genannt, die allesamt den Blick öffnen für die Besonderheiten im filmischen Werk Astrid Lindgrens. Kritisch verwiesen sei auf die häufige Wiederholung des Umstands, dass Musik und Geräusche sich stark auf die Emotionen der Filmzuschauer auswirken und damit wesentlich zur Rezipientenlenkung beitragen. Diese – wenig neue und nicht allzu überraschende – Erkenntnis wird im vorliegenden Band ein wenig überbetont, was seiner Lesenswertigkeit insgesamt aber keinen Abbruch tut.

Wünschenswert wäre ein Folgeband, der sich mit didaktischen Perspektiven befasst, die sich aus den Filmanalysen ergeben und eventuell Modelle für den Unterricht vorstellt.

Jetzt schon darf man gespannt sein auf weitere Bände, die in der Reihe erscheinen und sich mit den Verfilmungen der Werke von Joanne K. Rowling, Michael Ende und Otfried Preußler befassen wollen.

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Tobias Kurwinkel / Annika Kurwinkel / Philipp Schmerheim (Hg.): Astrid Lindgrens Filme. Auralität und Filmerleben im Kinder- und Jugendfilm.
Verlag Königshausen & Neumann, Würzburg 2012.
285 Seiten, 29,80 EUR.
ISBN-13: 9783826044670

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