Meist hinter Mauern und Gittern und lebenslang unbehaust

Vor 50 Jahren starb der Heilbronner Gefängnisschriftsteller Ernst Siegfried Steffen

Von Anton Philipp KnittelRSS-Newsfeed neuer Artikel von Anton Philipp Knittel

Sein kurzes Leben war geprägt von Gewalt und Strafdelikten. Fast die Hälfte davon (beinahe 17 Jahre) verbrachte Ernst Siegfried Steffen hinter Mauern – erst in Heim- und Jugend-, später in Vollzugsanstalten. Ende der 1960er Jahre entdeckt, hat der in Heilbronn geborene Autor mit Lebenslänglich auf Raten (1969) und Rattenjagd. Aufzeichnungen aus dem Zuchthaus (1971) nur ein schmales Werk hinterlassen. Gleichwohl gilt Steffen, so seine frühe Deuterin Sigrid Weigel in ihrem KLG-Artikel, als „einer der bekanntesten Gefängnisschriftsteller der deutschen Gegenwartsliteratur“. Das „Leitmotiv“ seiner Texte war in der Tat, „delinquente und schriftstellerische Identität in Übereinstimmung zu bringen“. Das gelte gleichermaßen auch für deren Rezeption durch die Literaturkritik.

Ich bin jeden Tag ein anderer und noch lange nicht vollendet. Ich muss es einmal sein. Ich hoffe es zu sein. In der Vollendung könnte ich nur wahnsinnig sein oder verblödet oder tot. An meinen Widersprüchen messe ich meine Existenz. 

Und an anderer Stelle heißt es:

Ich vermute,
ich bin nur provisorisch gemeint;
irgendwann wird man mich
zu Ende denken und
dann bekomme ich
diese Jahre zurück. 

Oder:

Ich werde von mir getragen
wie ein Anzug.
Ich hoffe,
daß ich nach meiner Entlassung
noch ein Leihhaus für mich finde. 

Sätze, die unter die Haut gehen – umso mehr, wenn man weiß, dass sie in den 1960er Jahren in der Strafanstalt Bruchsal entstanden sind und wenn man die Biografie ihres Verfassers kennt. Sie stammen vom Heilbronner Autor Ernst Siegfried Steffen, dessen Werk zu Unrecht nur noch wenigen bekannt sein dürfte. 

Doch der Reihe nach in diesem unsteten, kurzen Leben: Geboren wird Ernst Siegfried Steffen am 15. Juni 1936 als Sohn eines alkoholabhängigen und gewalttätigen Musikers und seiner Frau, einer Vertreterin. Im Alter von zwölf Jahren zertrümmert ihm der gewalttätige Vater mit einem Besenstiel das Gesicht und Teile des Schädels; im Gesicht wird die frühe Verletzung ein Leben lang sichtbar sein. Die Verletzungen der kindlichen Seele bleiben unsichtbar.

Der junge Steffen kommt in die Pius-Pflegeanstalt in Oggelsbeuren im Kreis Ehingen, wie der Lebenslauf, ergänzt mit längeren Ausführungen aus Strafurteilen, in Rattenjagd ausweist. Weitere Heimaufenthalte folgen. 1950 kehrt Steffen nach Heilbronn zurück. Weder als Lehrling in einer Stahlbaufirma noch als Hilfsarbeiter in einer Schuhgroßhandlung kann Steffen, dem die Justiz später überdurchschnittliche Intelligenz bescheinigt, Fuß fassen. Es folgen Einbruchsdelikte, Zechprellereien und verschiedene, teils schwere Diebstähle, Internierungen und Fluchtversuche. Steffen landet schließlich in der Strafanstalt Bruchsal. Dort entdeckt der junge Gefängnisassessor Rolf Zelter, der gerade mal drei Jahre älter ist als sein Schützling, das Schreibtalent des Häftlings Steffen. Rolf Zelter, Vater des Schriftstellers Joachim Zelter, ist es auch, der erstmals öffentlich auf den talentierten Autor Steffen aufmerksam macht. Im Stuttgarter Theater der Altstadt im Januar 1967 liest Zelter „unveröffentlichte Lyrik und Prosa von Strafgefangenen“. Den Flyer zur Lesung unter dem Titel „Auf den Blechnapf getrommelt“ entwirft Steffen selbst, der zu der Zeit in der Druckerei der Strafanstalt arbeitet. Die Lesung sorgt für die erste Medienresonanz, denn die Stuttgarter Zeitung berichtet ein paar Tage danach mit einem längeren Artikel über den Autor Steffen. Nach einer bald darauf erfolgten zweiten Lesung berichtet Christ und Welt. Das öffentliche Interesse ist nun geweckt, zumal in diesen Jahren das Interesse an sozialkritisch-dokumentarischer Literatur ohnehin groß ist.

An Weihnachten 1967 wird Ernst Steffen aufgrund eines Gnadengesuchs aus dem Gefängnis entlassen. Nach seiner Haft kommt der Heilbronner Autor, dessen zweiter Vorname Siegfried eine Hommage an den Verwandten der Mutter, Siegfried Unseld, ist – wie Rolf Zelter im Interview mit dem Literaturhaus Heilbronn enthüllt –, mit dem literarischen Establishment, mit Günter Grass, Martin Walser und anderen in Kontakt. Bereits im Gefängnis führt ihn Zelter, der sich auch nach seiner Entlassung um den ehemaligen Häftling kümmert, zudem an die moderne Dichtung, insbesondere an Hans Magnus Enzensbergers Museum der modernen Poesie heran, wie Zelter im Literaturhaus-Interview erzählt. Im neuen Heilbronner Literaturhaus ist Steffen und acht anderen Autoren die Wechselausstellung „Heilbronn-er-lesen“ gewidmet.

In Heilbronn macht der Journalist Rudi Fritz in einem Artikel in der Heilbronner Stimme im Juli 1968 unter der Überschrift „Heilbronner wurde im Zuchthaus zum Lyriker“ auf Steffen aufmerksam. Im Gefolge dessen nimmt sich auch die damals in der Stadt am Neckar lebende Schriftstellerin Rosemarie Bronikowski des jungen Dichters an. Ihre Essays Ein Strafgefangener und eine bürgerliche Familie. Auseinandersetzung mit Ernst S. Steffen (1974/76) und Irgendwann wird man mich zu Ende denken: Begegnung mit Strafgefangenen (2003) geben Aufschluss über die Persönlichkeit Steffens.

Steffens erster Gedichtband Lebenslänglich auf Raten erscheint schließlich 1969 im renommierten Luchterhand-Verlag. Der Band wird von der Kritik überaus positiv aufgenommen – ist doch die Leserschaft in den späten 1960er Jahren bereit für Themen aus dem Strafvollzug, für Felder abseits des gesellschaftlichen Establishments. Die Texte beschreiben die Situation des Gefangenen als Erfahrung des Mangels, der Erniedrigung, der Ohnmacht und des Identitätsverlusts. Bürgerliche Doppelmoral wird ebenso angesprochen wie Gewalt und Fremdbestimmung. Sie werden, wie Weigel bemerkt, „als individuelle Erlebnisse erzählt, in der typisierenden Bezeichnung der an seinem Schicksal Beteiligten erhalten sie aber gesellschaftlich verallgemeinerbare Bedeutung“.

Die positive Resonanz seines ersten Gedichtbandes hilft Steffen jedoch nicht wirklich. Denn außerhalb der Gefängnismauern kann er kaum schreiben. Auch als Volontär beim Fernsehen fasst er nicht richtig Fuß. Die Veröffentlichungen seiner Aufzeichnungen aus dem Zuchthaus unter dem Titel Rattenjagd, betreut von der später renommierten Lyrikerin Elisabeth Borchers, erlebt Steffen nicht mehr.

Steffens Aufzeichnungen sind authentische Prosatexte, die sich bewusst literarischen Zuschreibungen verweigern („Dies ist keine Literatur und soll auch keine sein.“), stattdessen in erster Linie dokumentarisch verstanden werden wollen. Als Ali Gator berichtet der Ich-Erzähler seit dem Frühjahr 1965 aus seinem Gefängnis-Alltag, über die Schikanen der Anstaltsleitung und seinen Kampf gegen Behördenwillkür: „Ich kämpfe nicht, weil Kampf aussichtslos ist. Ich führe Beweis. Und nur das will ich beweisen: Kampf ist sinnlos.“

Dieser Kampf ist denn auch nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis auf Bewährung nicht vorbei. Schließlich bringt Steffen ein kurzer Auszug aus den Aufzeichnungen in der Zeitschrift Kürbiskern eine Zivilklage wegen Beleidigung ein. Ein Fürsorger wird als „Sündenbock. Laufbursche. Hilfsarbeiter. Prolet“ charakterisiert. Steffen wird zu 50 DM Strafe verurteilt, insbesondere für das Wort „Prolet“. Es folgt ein Weg durch die für Steffen allzu bekannten Instanzen: Amtsgericht, Landesgericht, Oberlandesgericht, schließlich Verfassungsklage. Diese wird unterstützt durch den Verband deutscher Schriftsteller. Steffen erlebt die Verhandlung jedoch nicht mehr.

„Die Windmühlen sind stärker, auch wenn man nur den Beweis dafür erbringen will, schlagen sie eine nieder. Selbst wenn man nur Beweis führt, die da ein Kampf im Gange: der gegen die Nerven oder was es auch immer sei“, heißt es am Ende von Rattenjagd, bevor im zweiten Teil die Dokumente zum Beleidigungsprozess abgedruckt sind. „Ich falle von einem Extrem ins andere: werde vom Gelächter geschüttelt und von Depressionen gebeutelt. Ich muss mich in acht nehmen.“

Fast so etwas wie ein Menetekel. Ernst Steffen, in den letzten Monaten seines Lebens „in schlechter seelischer Verfassung“, wie die Schriftstellerin Sibylle von Oppeln-Bronikowski, die Tochter von Rosemarie Bronikowski, in ihrem Video-Beitrag zu Ernst S. Steffen im Heilbronner Literaturhaus sagt, stirbt am 10. Dezember 1970 in Karlsruhe an den Folgen eines Autounfalls. Bei Baden-Baden zerschellt Steffens Wagen ausgerechnet am einzigen Baum auf diesem Streckenabschnitt. Das zunehmend rastlose Herumfahren des gewissermaßen lebenslang Unbehausten Ernst S. Steffen endet jäh. Seine Jahre außerhalb der Mauern als roadmovie waren ein paradoxer Ersatz für den nicht realisierbaren Wunsch Steffens, der die Hälfte seines Lebens ein ‚Eingehauster‘ war, anzukommen, endlich heimzukommen. Fast die Hälfte seines 34-jährigen Lebens hatte Steffen hinter Mauern verbracht: drei Jahre in Heimen und fast 14 Jahre hinter Gittern. Beigesetzt ist Ernst S. Steffen auf dem Heilbronner Hauptfriedhof.

Man muss Steffen vielleicht nicht mit den Heilbronner Ausstellungsgrößen Heinrich von Kleist, Friedrich Hölderlin oder Wilhelm Waiblinger in Beziehung setzen. Oder gar mit Oscar Wilde, wie der Tübinger Schriftsteller Joachim Zelter, der in einer Mail an den Autor dieser Zeilen aufschlussreiche Analogien zieht, um die Bedeutung von Ernst Siegfried Steffen ein halbes Jahrhundert nach seinem Tod zu würdigen. Und doch geben Bezüglichkeiten des Unbezüglichen Aufschluss über die Bedeutung Ernst Siegfried Steffens. Joachim Zelter schreibt u. a.:

Hier ein Dichter ohne Bildung und Schulabschluss, dort der Mann aus Oxford, der in der englischen Oberschicht ein- und ausging. Hier der antiliterarische Gestus Steffens, dort der hochgesteigerte Ästhetizismus Oscar Wildes. Die Unterschiede könnten kaum größer sein. Und doch verbindet sie eines: das Gefängnis. Kaum ein arrivierter Autor landet so ohne weiteres im Gefängnis (Oscar Wilde war wegen homosexueller Kontakte zwei Jahre in Haft), so wie kaum ein Gefangener so ohne weiteres aus der Haft heraus zu einem veritablen Autor wird. Die Haft verbindet die beiden als neuralgischen Dreh- und Angelpunkt ihres Lebens. Wilde hat sich von seiner Haft nie mehr erholt, hat nach seiner Entlassung außer The Ballad of Reading Goal kaum mehr etwas geschrieben. Bei Steffen war es umgekehrt: Sein Leben als Autor begann in der Haft und war von Anfang an die Haft. Was die beiden aber verbindet: Dass sie nach ihrer Entlassung nicht mehr schreiben konnten. Als ob ein Leben und Schreiben vor und während der Haft noch möglich wäre, aber nicht mehr danach. 

*Deutlich erweiterte Fassung des Artikels, der am 10. Dezember 2020 im Kulturteil der Heilbronner Stimme erschienen ist.