Flanierender Dauerarchivar des Alltags

Antonio Muñoz Molinas faszinierender Band „Gehen allein unter Menschen“

Von Peter MohrRSS-Newsfeed neuer Artikel von Peter Mohr

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

„Ich bin eine Kamera, ich bin ein Blick, ein Spion“, heißt es in Antonio Muñoz Molinas neuem, ohne Genrebezeichnung erschienenen Band Gehen allein unter Menschen. Es ist weder ein Roman noch ein Essay, wir haben es mit einem ausschweifenden hybriden Text zu tun, einer Art erzählerischer Collage eines modernen Flaneurs.

Muñoz Molina, der 1991 für den Roman Der polnische Reiter den Premio Planeta (den wichtigsten spanischen Literaturpreis) erhalten hat und Mitglied der Königlichen Akademie ist, sucht so etwas wie die „visuelle Polyfonie“ der Stadt. Er sammelt und verschlingt Eindrücke. Fragmente und Schnipsel, die (auf den ersten Blick) nicht zusammengehören, werden kunstvoll miteinander verzahnt.

„Am Anfang war es kein Buch, eher eine Manie, die ich entwickelte. Ich fing an, auf der Straße auf alles acht zu geben. Ich notierte alles, ich belauschte andere Menschen. Es war wie eine Obsession“, notierte der 65-jährige Muñoz Molina, der viele Jahre das Cervantes-Institut in New York leitete und von dem zuletzt in deutscher Übersetzung der Roman Schwindende Schatten (2019) erschienen war.

Trotz des stark assoziativen Charakters, trotz der beinahe exzessiv ausgelebten Subjektivität fehlt es diesem Band nicht an aktuellen Bezügen. Er übt Kritik am Turbo-Kapitalismus, an den Auswüchsen des Konsumwahns und am Klimawandel, dessen Gefahren – nach Ansicht von Muñoz Molina – noch immer bagatellisiert werden. Die Flüchtlingsfrage, die Europa zu teilen droht, kommentiert er nicht minder kritisch und polemisch wie den Brexit und (damit verbunden) die blonden (oder blondierten) Populisten wie Boris Johnson, Donald Trump und den Niederländer Geert Wilders. Mit diesen Personen verbindet er die Gefahr drohender, starker Veränderungen in den westlichen Gesellschaften, gar eine Aushöhlung der Demokratie. Diese zeitkritischen Befunde vermischt er mit Beobachtungen aus seiner unmittelbaren Umgebung. Das sind Geräusche, Wahrnehmungen anderer Personen und die Vermüllung unserer direkten Umgebung.

Mal betätigt sich Muñoz Molina als Archäologe des Alltags in Madrid, mal in Paris und mal in New York. Er begleitet in Gedanken Marcel Proust durch Paris, er erzählt vom bettelarmen Dichter Charles Baudelaire und er wandelt auf den Spuren von Walter Benjamin (dessen 1928 erschienener Band Einbahnstraße wird häufig zitiert) und Fernando Pessoa.

Mit dem Smartphone in der Tasche wird er zum „gehenden Aufnahmegerät“, zum flanierenden Dauer-Archivar des Alltags. Muñoz Molina wechselt bei seiner latenten Lobpreisung des Müßiggängertums in seiner Erzählperspektive häufig vom Ich zum Er, ohne dass dies zu einer merklichen Veränderung des Tonfalls oder des pointiert-kritischen Blickwinkels führt.

Der in Andalusien geborene Autor beschreibt die Omnipräsenz der Reizüberflutung in „seinem“ Alltag bei seinem ambitionierten Versuch, dem Herzschlag der Städte zu lauschen. All die Slogans an Hauswänden, die oftmals aggressiven visuellen und akustischen Werbebotschaften, die Grafittis und Parolen können zur totalen Erschöpfung führen.

Ein klein wenig schwingt in diesem opulenten Buch auch die Melancholie des letzten großen deutschsprachigen Flaneurs, des 2018 verstorbenen Georg-Büchner-Preisträgers Wilhelm Genazino mit, bei dem man stets das Gefühl hatte, er würde mit einer Träne im Augenwinkel schreiben.

Antonio Muñoz Molinas große Kunst besteht darin, all die Fundstücke und Schnipsel, die flüchtigen Wahrnehmungen so perfekt zu drapieren, dass trotz etlicher erzählerischer Längen etwas Neues daraus entsteht, eine ungebändigte, beinahe anarchische Energie.

Wahr oder unwahr? Was ist Realität, was ist Fiktion? Wie unwichtig ist dies bei Muñoz Molina, denn er lässt uns eintreten in seine subjektive Welt, bittet uns über eine fiktive Schwelle und gewährt uns (durchaus spannend erzählt) tiefsten Einblick in seinen faszinierenden Gedankenkosmos. Die Formlosigkeit des Bandes, die Disparität der Texte – mitnichten ein Zufall. Gehen allein unter Menschen ist inhaltlich wie formal eine außerordentliche und faszinierende Allegorie für den Zustand unserer Welt.

Titelbild

Antonio Muñoz Molina: Gehen allein unter Menschen.
Aus dem Spanischen von Willi Zurbrüggen.
Penguin Verlag, München 2021.
539 Seiten, 26,00 EUR.
ISBN-13: 9783328600978

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