Feminismus in seinen Anfängen

Ein Klassiker der feministischen Literatur von Alix Kates Shulman liegt nun erstmals auf Deutsch vor

Von Monika GroscheRSS-Newsfeed neuer Artikel von Monika Grosche

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Unter dem Titel Erfahrungen eines schönen Mädchens hat der Arche-Verlag 2021 Alix Kates Shulmans Memoirs of an Ex-Prom Queen veröffentlicht, der von der Autorin mit einem aktuellen Vorwort versehen wurde. Bei dem Roman aus dem Jahr 1972 handelt es sich um das literarische Debüt der 1932 geborenen Feministin Alix Kates Shulman. Diese ist seit 1967 Mitglied im Women’s Liberation Movement und engagiert sich bis heute nicht nur als Frauenrechtlerin, sondern auch als Aktivistin im Kampf gegen Rassismus.

Während der Lektüre sollte man das ursprüngliche Erscheinungsdatum im Hinterkopf behalten, denn nur so versteht man die Explosivkraft des Romans, der in den USA seinerzeit für Aufsehen sorgte. Memoirs of an Ex-Prom Queen stellt nicht nur die scheinbar „naturgegebene“ Rollenfestschreibung für Frauen als treusorgende Hausfrauen und Mütter in Frage. Darüber hinaus benennt Shulman darin offen alles, was Frauen bis dahin stillschweigend zu akzeptieren hatten: Übergriffige Anmache, Geschlechtskrankheiten, Abtreibungen, Vergewaltigung in der Ehe…

Protagonistin des Romans ist die junge Amerikanerin Sasha Davis, die in den 1950er Jahren aufwächst. Sie steht für einen Feminismus, der quasi noch im „Larvenstadium“ verharrt: So versucht sie einerseits, den engen gesellschaftlichen Erwartungen und Normen zu entsprechen, indem sie alles daran setzt, um zu äußerer Schönheit und Perfektion zu gelangen. Auf diese Weise möchte sie sich als Heiratskandidatin für einen möglichst erfolgreichen Ehemann „qualifizieren“. Andererseits erkennt sie, dass sie durchaus über einen klugen Kopf verfügt, den sie lieber für eine eigene wissenschaftliche Karriere einsetzen würde, anstatt nur das Aushängeschild am Arm des Gatten und Mutter seiner Kinder zu werden.      

Sasha ist in diesem Dilemma gefangen. Auch wenn sie in ihren Gedanken schon den Willen zur Befreiung formuliert, glaubt sie als „schnellverderbliche Ware“ keine andere Wahl zu haben, als nach Mr. Right auf dem Heiratsmarkt zu suchen. Ebenso wie andere scheinbar allgemeingültige „Wahrheiten“, hat sie verinnerlicht, dass Frauen mit 30 bereits „alt“ und nicht mehr begehrenswert sind.

Trotzdem ist Sasha bereits von Kindesbeinen an eine Fragende und Suchende. Ihr entgeht nicht, wie groß die Ungleichheit in der Behandlung von Jungen und Mädchen ist. Doch sie erfährt ebenfalls, dass man dies weder thematisieren noch dagegen aufbegehren darf – egal, ob es um „erlaubte“ und „verbotene“ Spiele für Mädchen geht oder um die Tatsache, dass sie von den Jungen verbal und körperlich attackiert werden. Enge Freundschaften zu anderen Mädchen eröffnen sich ihr nicht, deren Gesprächsthemen wie Mode, Jungs und Filmstars sind ihr suspekt. Ihre wirklichen Neigungen zu Literatur und Philosophie hält Sasha vor den Gleichaltrigen geheim, schließlich weiß sie, dass sich Schönheit statt Klugheit für Mädchen und Frauen auszahlt. Umso erfreuter und überraschter ist sie, als es ihr gelingt, den äußeren Normen entsprechend, einen enormen Sieg einzufahren: Sie wird zur Ballkönigin gewählt!

Den Wert dieser Art Auszeichnungen zu hinterfragen oder gar ihren wirklichen Ambitionen zu folgen, fällt Sasha unendlich schwer, auch wenn sie immer wieder aufbegehrt und sich über die an sie gestellten Erwartungen hinwegsetzt.
So erlebt sie beispielsweise am College eine sexuell wie intellektuell befriedigende Affäre mit ihrem Philosophieprofessor – um dann aber den Langweiler Franklin zu heiraten, der seine Doktorarbeit schreibt, während sie arbeiten geht und ihm den Haushalt macht. Ihrer Ehe überdrüssig, lässt sie ihn allein in München zurück, um nach Spanien zu reisen und dort aber erneut in Abhängigkeit von einem Mann zu geraten. Später, als ihr dann doch die Trennung von Franklin gelingt, landet sie prompt beim nächsten Mann. Mit Willy, dem Charmeur, scheint das Liebesglück perfekt. Doch mit gerade mal 28 und zwei kleinen Töchtern am Rockzipfel muss sie erkennen, dass auch dies ein gewaltiger Irrtum war…

Als Lesende des in Rückblenden aus Sashas Sicht erzählten Romans erfahren wir nicht, was sie aus dieser Erkenntnis macht und ob ihr tatsächlich der Ausbruch aus den Zwängen ihres Lebens gelingt. Gerade diese Zwiespältigkeit macht dieses Buch ein so einzigartiges Zeugnis seiner Zeit.

Anstatt einem Befreiungsschlag beizuwohnen, der am Ende der Coming-of-Age-Story stehen könnte (und den man aus heutiger Sicht zu erwarten versucht ist), sehen wir hier eine widersprüchliche Frau, deren innere Zerrissenheit beim Lesen quasi mit Händen greifbar und emotional miterlebbar wird. Dementsprechend ist auch der Akt des Lesens kein leichter: 50 Jahre nach dem ersten Erscheinungstermin möchte man die Protagonistin wachrütteln, wenn sie über ihre vergehende Schönheit nachsinnt, Ratgeber zur Kindererziehung wälzt oder bei einem ekligen Therapeuten landet, anstatt mit der Faust auf den Tisch zu hauen und aus der Tür zu stürmen… Doch bevor man die Nase rümpfen kann, weil Sasha den gängigen Stereotypen und Rollenerwartungen verhaftet bleibt und nicht permanent aufbegehrt, präsentiert uns die Autorin diese andere Sasha, die mit enormer Klarheit genau das benennt, was die Gesellschaft um sie herum ausmacht. Sie versteht nur allzu gut, dass Rassismus, Antisemitismus und Frauenfeindlichkeit Hand in Hand gehen, wenn es darum geht, durch „Teile und herrsche“ bestehende Machtstrukturen aufrechtzuerhalten. – Aber ihr fehlen Mittel und Wege aus dieser Erkenntnis etwas zu machen.

Nicht nur das versöhnt mit Sasha, der unvollkommenen Heldin des Romans. Auch ihre Selbstironie und ihr Lachen sind ein Stück Selbstermächtigung und zeugen von ihrem Mut, sich sexueller Gewalt, alltäglichen Schikanen und struktureller Unterdrückung entgegenzustellen.Dabei ist sie ganz allein auf sich gestellt, nur eine einzige Freundin weiß sie an ihrer Seite. Ansonsten gibt es keine Mitstreiterinnen, keine feministischen Medien, keine Frauenbewegung, der sie sich anschließen kann.

Erschreckend ist, dass die Themen, die Shulman in dem Roman anspricht, nach fünf Jahrzehnten alles andere als überholt sind. Auch heute noch herrscht strukturelle Ungleichheit zwischen den Geschlechtern, Bodyshaming ist ein enormes Problem in der Mediengesellschaft und sexuelle Gewalt in der Arbeitswelt ist immer noch traurige Realität für viele Frauen… Wer sich also nicht scheut, diese Themen einmal aus dem Blickwinkel der 1970er Jahre zu betrachten, sollte zu Shulmans Klassiker greifen – und dann alles daran setzen, dass das Gelesene in weiteren 50 Jahren nicht immer noch brandaktuell ist.

Titelbild

Alix Kates Shulman: Erfahrungen eines schönen Mädchens.
Aus dem Englischen von Sabine Kray.
Arche Verlag, Hamburg 2021.
352 Seiten, 22,00 EUR.
ISBN-13: 9783716027967

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