Zwei Italiener retten Nietzsche

Philipp Felsch erzählt in „Wie Nietzsche aus der Kälte kam“ die Rehabilitierung und intellektuelle Wiedergewinnung Friedrich Nietzsches durch die Buchstabentreue der Philologie

Von Nora EckertRSS-Newsfeed neuer Artikel von Nora Eckert

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Im Nachkriegsdeutschland hatten die Alliierten einen Prozess in Gang gesetzt, der unter der Bezeichnung Entnazifizierung in die Geschichtsbücher einging. Dazu gehörten eine riesige Fragebogenaktion und Spruchkammern, die die Betroffenen in fünf Kategorien einteilten: Hauptschuldige, Belastete, Minderbelastete, Mitläufer, Entlastete. Zu klären war das Ausmaß der Verstrickungen und nicht zuletzt die Frage der persönlichen Schuld. Mindestens als belastet galt auch jemand wie Friedrich Nietzsche, weil er als ideologischer Zulieferer für das NS-Regime gewertet wurde, als einer seiner Vordenker. Eine besondere Rolle spielte dabei das posthum erschienene Werk Der Wille zur Macht im Rang eines belastenden Beweisstücks.

In der Tat hatte die NS-Ideologie gerade dieses Buch für sich reklamiert. Geliefert hatte es das Nietzsche-Archiv in Weimar unter Federführung von Elisabeth Förster-Nietzsche, der Schwester des Autors. Sie hat es als das Vermächtnis ihres Bruders ausgegeben, als die Summe seines Denkens, als ein politisches Testament. Nietzsche konnte sich dagegen schlecht wehren und ebenso wenig verhindern, dass seine Schwester in Weimar Hitler die Tür öffnete und ihn freudig empfing, denn er war da bereits seit 34 Jahren tot.

Mit der Teilung Deutschlands lag nun das Nietzsche-Archiv in der sogenannten Ostzone, wie die spätere DDR im Westen gerne und lange hieß, und damit im Einflussbereich der Sowjetmacht. Das gab zu mancherlei Spekulationen Anlass, ob beispielsweise das Archiv überhaupt noch existiere und wenn ja wo und in welcher „Endlagerstätte“ für faschistisches Gefahrgut. Denn eines war scheinbar klar: Nietzsche konnte nur ein Feind des Arbeiter- und Bauernstaates und des später so genannten realexistierenden Sozialismus sein. Auf jeden Fall hielt man im Westen das Archiv für unzugänglich und der Nachlass schien auf diese Weise verloren. „Das Lamento der abwesenden Handschriften dürfte“, so Felsch, „die eigentliche Nietzsche-Legende dieser Zeit gewesen sein.“

In den ersten Nachkriegsjahren gab es freilich Wichtigeres anzupacken – das Wirtschaftswunder beispielsweise. Dennoch kam es in den 1950er Jahren zu einer neuen Werkausgabe, herausgegeben von Karl Schlechta, der als ehemaliger Mitarbeiter des Nietzsche-Archivs um die dortigen Machenschaften und Fälschungen nur zu genau wusste. Seine Edition galt als Schlussstrich unter die Ära Elisabeth Förster-Nietzsche, so Felsch. Dass Schlechta 1933 in die NSDAP eintrat, schadete seiner akademischen Karriere und Reputation in Westdeutschland nach 1945 allerdings nicht – dafür gab es einfach zu viele Mitläufer, um in ihm einen besonderen Fall zu sehen.

Und hier nun setzt der Kulturwissenschaftler Philipp Felsch mit seiner Geschichte einer Rettung ein, die in den 1960er Jahren ihren Anfang nimmt. Giorgio Colli und Mazzino Montinari sind darin die Helden, obschon sie beim ersten Nietzsche-Kongress 1964 in Frankreich eher als Randfiguren auftraten, aber eine Skepsis herrschte wohl auf beiden Seiten. So spannend sich die Geschichte ihrer Edition liest, so spannend ist auch die Vorgeschichte. Denn Felsch liegt daran, wenn schon nicht eine Antwort zu finden war, warum es gerade dieses ungleiche Paar war, die Nietzsches Werk zum ersten Mal vollständig und mit unbestechlicher Genauigkeit zugänglich gemacht haben, so sollte doch klar werden, aus welchen kulturellen und politischen Zusammenhängen die beiden kamen.

Ungleich waren sie auf verschiedenste Weise: Colli war elf Jahre älter als Montinari. Felsch nennt ihre Beziehung darum ein Lehrer-Schüler-Verhältnis. Auf Montinaris Seite sei das eine „offenkundige Verliebtheit“ gewesen, während Colli „Autoritätsgelüste“ an den Tag legte. Felsch spricht gar von einer homoerotischen Atmosphäre bei intellektueller Gleichberechtigung. Colli war graecophil und eher unpolitisch, während Montinari sich der Kommunistischen Partei Italiens anschloss. Ein Umstand, der ihm den Zugang zum Nietzsche-Archiv später erleichtern sollte.

Unterschiedlich waren sie schließlich auch in ihrem Temperament und ergänzten sich dennoch ideal. Vor allem hatten beide, bei aller Bewunderung für Nietzsche, nichts am Hut mit den alteingesessenen und ebenso wenig mit den neu hinzugekommenen Nietzscheologen französischer Provenienz. Sie fühlten sich da eher fehl am Platz, denn, so Collis Credo, „Nietzsche braucht keine Interpreten“. Im Übrigen unterschieden sie sich auch in ihrer Sicht auf Nietzsche, denn während Colli in ihm den modernen Mystiker wahrnahm, sah Montinari vor allem den radikalen Aufklärer.

Wir erfahren viel über ihre Lebensverhältnisse, über die Zeit des italienischen Faschismus, über sein rasches Ende und den bewaffneten Widerstand der Resistenza, über den großen Bonus eines Neuanfangs und die dann doch vergeblichen Hoffnungen der Kommunistischen Partei auf die politische Macht in einem durch und durch katholischen Land. Felsch mutmaßt in dem Kommunisten Montinari gar noch einen „verkappten Protestanten“, was er aus der Geschichte von Montinaris Geburtsstadt Lucca als einem zeitweiligen Zentrum der Reformation ableitet. Indizien sieht Felsch in einer antikatholischen, moralisch rigorosen Haltung, in Schriftgläubigkeit und dem Hang zur Selbsterforschung. Was seiner Hinwendung zur Philologie eine quasi religiöse Note verleihe – eine wohl gewagte These.

Im Jahr des Mauerbaus reist Montinari zum ersten Mal nach Weimar, was er sogleich als „vielleicht das wichtigste Ereignis meines Lebens“ beschreibt. Als er schließlich ein Manuskript Nietzsches in Händen hält, ist er von der Magie des Authentischen überwältigt. Über die Jahre hin, die er von nun an in Weimar verbringt, wird er derjenige sein, der wirklich alles gelesen haben wird, was von Nietzsche überliefert ist. Ende 1963 schreibt Montinari:

Nietzsche ist eine Krankheit. Jedes Wort, jeder Begriff, jeder Versuch von ihm, finden in mir ein persönliches Echo. Nietzsche ist ein noch nicht gelöstes Problem – und auch ich bin ein noch nicht gelöstes Problem. Sobald ich beschließe[,] mich mit meiner Krankheit zu beschäftigen, beschäftige ich mich mit seiner – und umgekehrt.

Colli und Montinari können nach einigen Anlaufschwierigkeiten drei Verlage für eine parallele Edition in Deutschland, Frankreich und Italien gewinnen. Es entsteht schließlich das, was Nietzsche und seinem Nachlass bis dahin am meisten fehlte – eine zuverlässige Edition seiner Werke und der nachgelassenen Fragmente. „In Wahrheit muß Nietzsche in keiner Weise interpretiert werden, man braucht ihm bloß Gehör zu schenken“, schrieb Colli im Ankündigungstext zur italienischen Gesamtausgabe. Es ging dabei um „Buchstabentreue“, getrieben von dem Bedürfnis, „Nietzsche endlich selbst zu Wort kommen zu lassen, bevor man sein Werk erneut zur Interpretation freigibt“, so Felsch.

Widerstände gegen die Editionspraxis von Colli und Montinari gab es vor allem in Frankreich, was Felsch so kommentiert:

Sämtliche philologischen Probleme, denen sie im Lauf der 1960er Jahre begegnet waren, werden von ihren französischen Lesern zu philosophischen Grundsatzfragen erhoben – aber nur, um den Beweis zu führen, dass ihre Bemühungen, im Chaos von Nietzsches Gekritzel die Stimme eines Autors zu finden und die Grenze eines Werks zu definieren, ihn kaum weniger als seine vormaligen Herausgeber entstellen.

Im Übrigen gerieten die beiden Herausgeber auch noch selbst in Streit, nämlich über die Frage zum Umfang des Apparats. Montinari hatte in der Zwischenzeit mit der Quellenforschung begonnen, nachdem er Nietzsche als einen intensiven Leser und einen noch intensiveren Verwerter von Gelesenem entdeckte. Colli meinte, das sei „philologischer Irrsinn“ und übereifrig.

In den 1970er Jahren wurde ihr Projekt noch durch eine „neue Philologie“ und Textkritik konfrontiert, für die Dietrich Sattler zum Wortführer wurde und für die er ein Beispiel mit seiner Frankfurter Hölderlin-Ausgabe lieferte. Faksimiles standen für ein topographisches, räumliches Prinzip. Das „räumliche Durcheinander“ solle nicht mehr in ein „zeitliches Nacheinander“ aufgelöst werden. Was freilich nichts oder nur wenig mit dem Akt des Denkens und Schreibens zu tun hat, der ein zeitlicher und für gewöhnlich zielgerichteter ist. Der Vorteil von Collis und Montinaris philologischer Praxis liegt auf der Hand, denn Sattlers technische Reproduktionen machen die Texte nicht zugänglicher, sondern nur verrätselter. Ulrich Raulff stellte in der „Süddeutschen Zeitung“ die berechtigte Frage: „Wer soll all diese Notate lesen – und vor allem wie?“ Das war jedenfalls das genaue Gegenteil von dem, was die Nietzsche-Herausgeber beabsichtigten.

Mit allem Recht nennt Felsch die 15-bändige Studienausgabe einen Meilenstein:

Erst dadurch, dass es gelingt, Nietzsche in der Spätphase der paperback revolution doch noch in einen erfolgreichen Taschenbuchautor zu verwandeln, tritt er vollends aus dem Schatten des Nationalsozialismus und wird zum nächsten großen Ding im langen Sommer der Theorie.

Colli und Montinari waren für Nietzsche ein absoluter Glücksfall und erst recht für uns Leser*innen, die ihn uns zugänglich gemacht haben. Sie haben ihn aus schlechter Gesellschaft befreit, in die er ohne sein Zutun hineingeriet, und sie haben so sein Werk im wahrsten Sinne gerettet. Genau davon erzählt Felsch in seiner lesenswerten Geschichte. 1968 konnte Jürgen Habermas beruhigt feststellen, von Nietzsche gehe „nichts Ansteckendes“ mehr aus, aber Inspirierendes wohl doch, gemessen an den unendlich langen Listen der Sekundärliteratur seither. Nietzsche und kein Ende. Philipp Felschs Verdienst ist es, die Philologie als etwas äußerst Spannendes, als einen Schauplatz intellektueller Kämpfe und ja, auch als ein Abenteuer und eine Art Martyrium erzählt zu haben, wodurch der an John le Carré erinnernde Buchtitel seine volle Berechtigung erhält.

Titelbild

Philipp Felsch: Wie Nietzsche aus der Kälte kam. Geschichte einer Rettung.
Verlag C. H. Beck, München 2022.
287 Seiten, 26,00 EUR.
ISBN-13: 9783406777011

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