Das Schweigen brechen
Sabine Bode schreibt mit „Geschwister im Gegenlicht“ einen Roman über die vererbten Kriegstraumata einer Täter-Familie
Von Marieluise Labry
Es ist mittlerweile ein Klassiker in der deutschen Gegenwartsliteratur, über die Verstrickungen einer Familie in der Gewalt- und Kriegsgeschichte des 20. Jahrhundert in Deutschland zu schreiben. Meist über mehrere Generationen werden Traumata und Familiengeheimnisse einer Kinder- oder Enkelgeneration in der Gegenwart aufgearbeitet. Seien es die Tätergeschichten der Eltern und Großeltern als Nazis oder die Opfergeschichten als Verfolgte und Geflüchtete, zerrissene Familie durch die deutsche Teilung nach dem Zweiten Weltkrieg, ideologische Grabenkämpfe um Weltanschauungen, Wiedervereinigung und Wieder-Zusammenführungen von Familien – die deutsche Geschichte des 20. Jahrhundert ist voll von Geschichten, die in Romanen verarbeitet werden wollen. Die Traumata der Kriegskinder und Kriegsenkel können sich dabei von Generation zu Generation weitervererben. Sabine Bode hat diese Mechanismen schon in einigen sehr erfolgreichen Sachbüchern geschildert. Die 1947 geborene Journalistin und Autorin bleibt auch bei ihrem zweiten Roman Geschwister im Gegenlicht bei diesem Thema und rückt wie auch schon in ihren Sachbüchern das Thema des Schweigens in den Familien in den Vordergrund.
Ausgangspunkt für den Roman ist ein Wiedersehen der Geschwister Sonja und Rolf nach jahrelanger Kontaktpause. Sonja ist anfangs skeptisch, da das Verhältnis zum Bruder nicht immer einfach war. Doch Rolf sucht bewusst wieder den Kontakt zu Sonja, um über die Familie zu sprechen. Denn Rolf beschäftigt sich seit einem psychischen Zusammenbruch und einer darauffolgenden Therapie mit der Familiengeschichte und den vielen Ungereimtheiten und Andeutungen der Nazi-Eltern. Seine Recherche führt ihn vom Rhein über Ostdeutschland bis nach Polen. Er schreibt einen Bericht über seine Erinnerungen an seine Kindheit und seine Eltern mit dem Titel „Eine langweilige Familie“, den er auch seiner Schwester zukommen lässt. Die reagiert mit heftiger Ablehnung nach ihrem Lebensmotto: „Familie, nein danke.“ auf die Versuche ihres Bruders, über die gemeinsame Kindheit und die Eltern zu sprechen.
Es ist ein Kapitel, das Sonja für sich scheinbar längst abgeschlossen hat. Sie hatte bereits vor Jahrzehnten den Kontakt zur Mutter abgebrochen. Doch der Bericht und die Recherchen von Rolf beschäftigen Sonja. Hinzukommt das Auftauchen ihrer 13-jähirgen Nichte Nina, die gerade selbst in einer Lebenskrise steckt und die von ihrer Tante Sonja Unterstützung erfährt. So nähert sich Sonja wieder ihrer Familie an und bei einer gemeinsamen Reise mit dem alten Bully ihres Bruders öffnen sich die Geschwister füreinander und brechen das ihnen aufgelegte Schweigen. Die Demütigungen, die körperliche und seelische Gewalt der Eltern haben Sonja und Rolf tief geprägt und sprachlos werden lassen. Die Eltern, die bekennende Nazis auch nach dem Kriegsende waren, machten immer wieder Andeutungen über ihre Tätigkeiten während des Krieges. Das schreckliche Ausmaß der Verbrechen, die die Eltern im Auftrag der Nazis begangen haben, konnten Sonja und Rolf kaum erahnen. So schreibt Rolf in seinem Bericht über seine Eltern: „Unsere Eltern haben uns nach Strich und Faden belogen. Raffiniert waren sie beide, und nie wurden sie erwischt. Nie hat sie irgendjemand ausgebremst.“
Der Roman verdeutlicht, dass die Ideologie der Nazis in vielen Familien auch nach dem Krieg weiterlebt und sich nicht selten im autoritären Erziehungsstil mit Gewalt und Misshandlungen an den Kindern manifestiert. Die in der Kindheit erlebten Traumata kommen erst in späteren Jahren bei Rolf und Sonja zum Vorschein und spiegeln sich in psychischer Instabilität, Depressionen und Burn-Outs wider. Die Geschwister schaffen es nur gemeinsam, das Schweigen zu brechen und sich ihren Traumata zu stellen.
Sabine Bode verdeutlicht in ihrem Roman sehr gut, welche Spuren der Gewalt in der Nachkriegsgesellschaft sich auch in den folgenden Generationen festgesetzt haben. Die Protagonisten Sonja und Rolf sind widersprüchliche Figuren. Nicht immer sind ihre Handlungen und Motive für die Rezipierenden nachvollziehbar. An manchen Stellen ist der Stil etwas hölzern, beispielsweise in einigen Dialogen. Auch sind manche Beschreibungen der Umgebung zu ausufernd und teilweise unnötig für die Geschichte, die erzählt wird. Dennoch baut der Roman eine Spannung auf, die bis zum Ende anhält.
Kritisch zu sehen ist die Rolle der Mutter von Sonja und Rolf, die am Ende als Sadistin enttarnt wird. Die Mutter war als Krankenschwester mit großer Überzeugung an der systematischen Ermordung von körperlich, geistigen und seelisch kranken Menschen und an Zwangssterilisierungen während der Zeit des Nationalsozialismus beteiligt. Der Vater, der zwar auch überzeugter Nazi und SS-Mitglied war, zeigt sich am Ende dann doch abgestoßen von den Verbrechen der Nazis sowie schockiert vom Konzentrationslager Auschwitz. So sagt er zu seiner Tochter als Kind immer wieder: „Alles, was Menschen sich an schlimmster Grausamkeit in ihrer Fantasie ausmalen können – das geschieht auch in Wirklichkeit. Menschen quälen Menschen auf die unvorstellbar grausamste Weise. Und noch darüber hinaus!“ Erst als Erwachsene versteht Sonja, dass ihr Vater damit die Verbrechen in und um die Konzentrationslager meinte.
Es bleibt bis heute trotz aller Forschung und Studien über den Nationalsozialismus für viele Nachgeborene unverständlich, wie und warum die eigenen Eltern, Groß- oder Urgroßeltern freiwillig solch grausame Verbrechen begangen haben oder mit ihnen einverstanden waren. Waren das wirklich alles SadistInnen und Monster, die psychisch krank waren? Es ist unerträglich schwer, sich mit der Schuld in der eigenen Familie auseinanderzusetzen, das Schweigen zu brechen und sich genau anzusehen, wer wie gehandelt hat und weshalb. Der Roman zeigt diese Schwierigkeit, findet aber mit der sadistischen Mutter und dem am Ende doch reuigen Vater eine etwas zu simple Lösung. Für die Geschwister im Roman bleibt es eine Erlösung sich den Verbrechen und der Gewalt ihrer Eltern zu stellen und sich von den Eltern endgültig abzugrenzen.
Die Verbrechen der Nazis und vieler Deutscher bleiben weiterhin ein Thema und werden noch lange nicht zu Ende erzählt sein. Dafür sitzt das Schweigen zu hartnäckig mit an vielen Familientischen dieses Landes. Das verdeutlicht der Roman auf eine eindringliche Weise.
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