Das Lächeln im Auge des Lehrers
James Hilton erzählt in „Leb wohl, Mister Chips“ von einem erfüllenden und erfüllten Berufsleben
Von Heribert Hoven
Der Beruf des Lehrers gilt heute vielerorts als unattraktiv. Die meisten sehen in ihm eine übergroße Belastung. Dabei ist allen klar, dass das Wirken von Lehrerinnen und Lehrern seit je die Grundvoraussetzung für das Gelingen einer jeden Gesellschaft ist, der modernen allemal. Vielleicht aber könnte man einmal die Perspektive umdrehen, weg von den Anstrengungen des Berufs und der immer auch beklagten geringen Entlohnung und hin zu der Wertschätzung und Liebe, die dem Lehrer und der Lehrerin von Seiten der Schülerschaft entgegengebracht werden, oft über das Berufsleben hinaus.
Diesen Weg beschreitet der britische Schriftsteller James Hilton (1900-1954) in seinem Roman Leb wohl, Mr. Chips aus dem Jahr 1934. Der Inhalt ist rasch erzählt. Der hochbetagte Mr. Chiping, dem der liebevolle Spitzname „Chips“ anhängt, blickt an seinem Lebensende ziemlich rührselig zurück, vor allem auf seine Tätigkeit als Lehrer für Latein und Griechisch an einer „altehrwürdigen“ Internatsschule. Alles an diesem Berufsleben ist eher mittelmäßig, die Schule selbst, aber auch die Erfolge als Lehrer. Unterbrochen wird dieses ruhige, biedermeierliche Dasein nur einmal kurz durch die Ehe mit einer deutlich jüngeren Frau, die sich lebensfroh über Konventionen hinwegsetzt, allerdings früh im Wochenbett stirbt. Die erinnerten Anekdoten aus dem Schulleben gehen in ihrer humorig-melancholischen Grundierung zunächst kaum über das Niveau bekannter Pennälergeschichten hinaus, wie sie hierzulande fast zeitgleich 1933 Heinrich Spoerl (Die Feuerzangenbowle) oder Erich Kästner im Fliegenden Klassenzimmer bekannt gemacht haben. Die scharfe Kritik zahlreicher Autoren am System Schule, etwa Friedrich Torberg in Der Schüler Gerber (1930) , ist ihm fremd. Hiltons Held bewegt sich in einem ganz anderen Umfeld. Ihn trägt das Bewusstsein, über Generationen von Schülern die Gesellschaft des Alten Englands mitzugestalten. Der Tradition, die doch bei Hermann Hesse (Unterm Rad), Robert Musil (Törless) oder Heinrich Mann (Professor Unrat) bereits unter Verdacht steht, fühlt er sich verpflichtet.
Das „Ureigene England“, dabei spielt Hilton wohl die Viktorianer gegen die Edwardianer aus, zeichnet sich aus durch Weltläufigkeit, Toleranz, Fairness und Bildung. Hier herrscht noch eine „Vorstellung von Würde und Großzügigkeit, die immer seltener wurde in dieser in Raserei verfallenen Welt.“ So vertritt Chips auch unpopuläre Ansichten und teilt z.B. nicht, wie viele seiner Zeitgenossen, „die erbitterte Hetze gegen die Buren“, und gänzlich in die Nesseln setzt er sich, als er den Tod eines früheren Deutschlehrers und jetzigen Feindes an der Westfront öffentlich bedauert. Eine tiefere Dimension erhält der Erinnerungsstrom dadurch, dass Hilton den Lebensweg des Lehrers, der 1848 beginnt, immer wieder, aber eher nebenbei mit historischen Ereignissen verknüpft, am Auffallendsten dort, wo der alte Lehrer den Schülern nachtrauert, die ihr Leben in den zahlreichen Kriegen des Empire gelassen haben, das darin auch seinem Ende entgegentorkelt.
Sein Lerninhalt lautet auf einen Nenner gebracht: Das Maß der Dinge erkennen und wahren, „darauf kam es an.“
Seine pädagogische Haltung zeichnet kein didaktischer Eifer aus, sondern menschliches Wohlwollen, wie es Friedrich Nietzsche beschrieben hat:
… ich meine jene Äußerungen freundlicher Gesinnung im Verkehr, jenes Lächeln des Auges, jene Händedrücke, jenes Behagen, von welchem für gewöhnlich fast alles menschliche Tun umsponnen ist. Jeder Lehrer, jeder Beamter bringt diese Zutat zu dem, was für ihn Pflicht ist, hinzu; es ist die fortwährende Betätigung der Menschlichkeit.
Warum ist der Roman auch heute noch interessant und durchaus zeitgemäß? Einmal gibt er Kraft und Zuversicht. Gegenüber einem jüngeren Vorgesetzten, der ihn in den Ruhestand schicken will, bleibt der erfahrene Pädagoge standhaft. Er wendet sich gegen forsche, vor allem am Zeitgeist orientierte Neuerungen, die die Schule zu einem Experimentierfeld der Betriebswirtschaftlehre machen: „Ralston wollte Brookfield leiten wie eine Fabrik – eine Fabrik, die eine Gesellschaft von Snobs produzieren würde, auf der Grundlage von Geld und Maschinen“. Gegen eine kalte Effektivität setzt er sein Konzept der Herzensbildung und bleibt damit am Ende siegreich. Er strebt keine Karriere an, die im Schuldienst ohnehin recht überschaubar ist. Sein Ehrgeiz liegt allein darin, vor seiner Klasse zu (be-)stehen, der er durch seine Beispielhaftigkeit auch Respekt vor dem Alter beibringt.
Der vom Umfang her sehr schmale Roman, ursprünglich in der Weihnachtsausgabe der Zeitung British Weekly erschienen, ist im eigentlichen Sinne kein Roman, wie es der Untertitel suggeriert. Ihm fehlt dazu der große Atem. Und auch keine Novelle, wie man bisweilen lesen kann, weil keine „unerhörte Begebenheit“ zu berichten ist. Als „Falke“ kann allenfalls gelten, dass dem Lehrer immer wieder das „Leben Sie wohl, Mr. Chips“ seiner dankbaren Schüler entgegenschallt. Am ehesten ähnelt der Text einer sehr weltlichen Legende. Wenn Chips auf dem Sterbebett gefragt wird, ob er es bedauere, kinderlos geblieben zu sein, womit sicher auch sein Kummer um den Tod von Frau und Kind wieder aufgerührt wird, erklärt er lapidar: „Ich habe sie ja …Tausende davon.“
Als Vorbild für sein Werk diente Hilton die eigene Schule, The Leys-School, Cambridge, und ein dort wirkender Pädagoge, William Balgarnie. Der war in den Zwanzigern auch der Lehrer des Schriftstellers Malcolm Lowry, der jedoch in weitaus größere Welten vorstieß als sein Mitschüler James Hilton.
Immerhin hatte der Roman eine recht große Wirkung: Er wurde in viele Sprachen übersetzt, mehrfach verfilmt und ist diesmal auch wieder einfühlsam neu von Manfred Allié ins Deutsche übertragen worden. Die überraschende Anerkennung des kleinen Werkes steigerte auch das Interesse an einem weiteren, bereits 1933 erschienenen Roman des Autors, Lost Horizon, und vor allem für das darin beschriebene mythische „Shangri-La“, ein Ort, der allerdings anders als die Institution Schule eine reine Erfindung Hiltons war.
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