Geknechteter Körper, befreiter Geist

Peter-André Alt legt eine solide Schiller-Biografie vor

Von Ralf HertelRSS-Newsfeed neuer Artikel von Ralf Hertel

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Man sollte meinen, Friedrich Schillers Leben müsste der Alptraum eines Biografen sein: Erstaunlich ist an diesem Leben vorrangig die Beschränkung, der Mangel, das Unspektakuläre. Natürlich, Schiller verkehrte mit den führenden Köpfen seiner Zeit, stand im Mittelpunkt des deutschen Idealismus, und sein aus der Freundschaft mit Goethe entsprungener Briefwechsel ist Monument deutscher Klassik. All das weiß jedes Schulkind, hier gibt es nichts Neues zu erzählen. Aber das, was den Leser zu einer Biografie eines Autors greifen lässt, dessen jegliches Wort scheinbar zum Zitat geworden ist: der Voyeurismus, die Lust, dem Nationalhelden hinter die Maske unangreifbaren Klassikertums zu blicken, muss unbefriedigt bleiben. Exotische Reiseabenteuer, tragische Amouren und versteckte Liebschaften, gebrochene Herzen und Tränen der Trennung, psychische Katastrophen, ekstatische Erweckungserlebnisse, markante Wendepunkte in der persönlichen Entwicklung: alles Fehlanzeige. Goethe war in Rom, Venedig, Straßburg und bei der Kanonade von Valmy - Schiller dagegen in Bauerbach, Lauchstädt und Tiefurt.

Dass man aus diesem unspektakulären Leben jedoch durchaus eine zweibändige, insgesamt gut 1.400 Seiten starke Biografie machen kann, welche nie langweilig wird, beweist Peter-André Alt mit seiner gerade bei C. H. Beck erschienenen Studie. Einfühlsam vermittelt der Bochumer Germanist das Bild eines Schriftstellers, für den die Welt der Literatur zunächst ein früher Zufluchtsort ist, ein locus amoenus der freien Fantasie inmitten der harschen, rigiden Realität der Militärschule, und für den später, im Zeichen der schweren Krankheit, diese Welt mehr und mehr zur einzig möglichen wird.

Alts Schiller-Biografie gebührt unter anderem der Verdienst aufzuzeigen, dass sich Leben und Werk keineswegs so einfach voneinander trennen lassen, wie es zunächst scheinen mag. Im Gegenteil, er vermutet einen engen Zusammenhang zwischen Schillers Krankheit und seiner Ästhetik:

"Es kann kein Zufall sein, dass Schiller in den ersten beiden Krankheitsjahren die Theorie des Erhabenen, die auf dem Studium Kants fußt, als Grundlage seiner klassischen Ästhetik entwickelt hat. Das Programm einer moralischen Autonomie des Menschen, die dort ihre eigentliche Erprobung findet, wo sie äußerster Gefährdung unterliegt, bildet auch das Nervenzentrum von Schillers literarischem Wirkungsanspruch. Was er einem fragilen physischen Zustand abgerungen hat, bleibt das Resultat einer intellektuellen Unabhängigkeit, die sich durch die Gesetze des Körpers nicht bezwingen lassen möchte. Die Theorie des Erhabenen ist folglich die versteckte Selbstbegründung von Schillers Künstlerpsychologie unter den Bedingungen der Krankheit."

So betrachtet wird das klassische Streben nach der Darstellung der reinen Seele, gleichsam moralisch unanfechtbare Instanz über den Verstrickungen des irdischen Daseins, biografisch verständlich. Und unversehens erscheint eine Figur wie Maria Stuart als verkleidetes Selbstbildnis des Autors: während die Schottenkönigin erhobenen Hauptes ein Beispiel ungebrochener seelischer Würde auch in Zeiten düsterer Gefangenschaft abgibt, trotzt Schiller in seiner Theorie des Erhabenen seinem ganz persönlichen Gefängnis: dem unheilbar kranken Körper.

Alt ist mit seiner Schiller-Biografie eine solide, gut lesbare Einführung in Leben und Werk des Klassikers gelungen. Zwar bieten die Abschnitte zu den einzelnen Werken demjenigen, der bereits über Grundkenntnisse des Œuvres verfügt, wenig Überraschendes. Auch die Ausführungen zu den Personen in Schillers Umkreis - etwa zu Wilhelm von Humboldt, Mme. de Staël und Friedrich Hölderlin - bleiben recht oberflächliche, konventionelle Kurzbiografien, die nicht immer von einer profunden Kenntnis des Porträtierten zeugen. So ist es etwa schwer nachzuvollziehen, warum Alt Schillers und Goethes Rat an Hölderlin, "kleine Gedichte zu machen", schlicht als "eklatantes Fehlurteil" ansieht. Wer einmal erfahren hat, wie meisterlich es Hölderlin in den Frankfurter Kurzoden gelingt, größtes auf engstem Raum durch wohl überlegte lyrische Form auszudrücken, der wird sich kaum wie Alt zu einem so pauschalen Urteil hinreißen lassen, Hölderlin besitze "weder zum Idylliker noch zum Miniaturmaler [...] Talent oder Neigung" und sei ausschließlich ein Dichter der langen Form.

Abgesehen davon jedoch bietet Alt eine gut lesbare, weder trockene noch hagiografische Einführung zu Schiller, der es gelingt, dessen Leben in den größeren Kontext der klassischen Epoche zu stellen. Da dabei auch Erläuterungen zur historischen Situation im Umfeld der Französischen Revolution oder zu Grundbegriffen der Epoche wie eben jener der Klassik Platz finden, ist Alts Studie nicht allein eine Biografie, sondern vermittelt zugleich fundamentale Grundkenntnisse des deutschen Idealismus

Titelbild

Peter-André Alt / Peter-André Alt: Schiller Leben - Werk - Zeit. 1. Band.
Verlag C. H. Beck, München 2000.
720 Seiten, 45,00 EUR.
ISBN-10: 3406459056

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Titelbild

Peter-André Alt / Peter-André Alt: Schiller Leben - Werk - Zeit. 1. Band.
Verlag C. H. Beck, München 2000.
720 Seiten, 45,00 EUR.
ISBN-10: 3406459056

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