Zusammen verschwinden
Rainer Wieczorek folgt der Aufstiegsbiografie Ringo Starrs und spielt in „Ringo-Variationen“ feinsinnig die fatale Dialektik des Erfolgs der Beatles durch
Von Simon Scharf
Auch die neue Künstlernovelle des Darmstädter Autors Rainer Wieczorek verzichtet nicht auf eine wesentliche Grundbedingung: Sie legt den allumfassend spielerischen Charakter literarischer Möglichkeitsräume offen – diesmal vor dem Hintergrund einer vordergründig leichtfüßigen Auseinandersetzung mit der Geschichte der Beatles, erzählt aus der Perspektive ihres Schlagzeugers Ringo Starr. Was im ersten Moment vielleicht eher technisch anmutet oder einen biografischen Abriss zu versprechen scheint, entpuppt sich in der Folge als ausgesprochen subtile, vieldeutige und in ihren möglichen Anknüpfungspunkten konstant zwischen den erzählten Sujets schwebende Form. Dabei verkoppelt sie figurenbezogene Subjektivität, spekulative historische Elemente und Tatsachenrekurse derart gekonnt, dass ein genuin eigenständiges Werk entsteht – bei enormer Tiefe und gleichzeitiger Zugänglichkeit.
Wieczoreks Künstlernovellen leben von ihrer plastischen Räumlichkeit, die alle Texte gleichermaßen durchzieht und sinnhaft strukturiert. Sein Blick auf die „Beatles als Quadrat“ ist geprägt von einer eigenartig nachdenklichen Grundmelodie, zumal die Geschichte der Beatles eher von den Vorstufen ihrer Auflösung her begriffen wird – ein mehr oder minder dramatisches Ensemble mehrfacher Anläufe der Revitalisierung, bis zum finalen Akt im Jahr 1969. Die später quadratische Architektur der Band ist zunächst noch deutlich offener und ermöglicht dem später hinzugekommenen Ringo Starr eine respektable Aufstiegsgeschichte: Sein „Hass auf die Bedingungen seiner Herkunft“ inmitten der Liverpooler Arbeiterschaft entfaltet einerseits eine radikale Sehnsucht nach persönlicher Veränderung. Sie ist andererseits immer aber auch ein Kampf gegen den Wiederholungszwang von Herkunft und Klasse, gegen die Angst, zu scheitern, gegen das Ressentiment und die gefühlt zementierte Rolle als Außenseiter. Die Band als Gruppe verspricht Zugehörigkeit, auch wenn fortwährend ein gefährlicher Einsamkeitssog bestehen bleibt – trotz der Anwesenheit der anderen.
Starrs Perspektive auf das rauschhafte und mehr und mehr erfolgreiche Bandleben bleibt über den ganzen Text hinweg eine melancholische, beleuchtet das Dissonante, die Widersprüche und Abseitigkeiten des grellen Lebensstils im Scheinwerferlicht. Wieczorek grundiert auch diesen Text mit dem für das künstlerische Handeln zentralen Konflikt zwischen Öffentlichkeit und Privatheit bzw. Intimität, an dessen zunehmend durchlässig gewordener Trennlinie der Schlagzeuger der Band massiv leidet: Die Erzählung setzt hier einen ungemein spannungsreichen und für das Scheitern der Band existenziellen Schwerpunkt. Die idealisierte Aufladung der Beatles, die „massenhysterischen“ Anwandlungen zwischen enormer Zuneigung und schroffer Ablehnung in der Außenwahrnehmung greift dabei (aus Sicht des Schlagzeugers) mehr und mehr den zwischenmenschlichen Zusammenhalt, den natürlichen Kontakt der Bandmitglieder als funktionierender Gruppe an. Indem der Text die zu Anfang skizzierte biografisch bedingte Bedeutung der Gruppenzugehörigkeit für Ringo Starr im Zustand der Erosion zeigt, markiert er eine eklatante Kluft zwischen Innenleben und Außenwahrnehmung der Band als Gruppe. Am Ende ihrer gemeinsamen Zeit fühlt sich das Zusammensein nur noch wie eine „künstliche Hülle“ an, der der Schlagzeuger über einen grundsätzlichen Rückzug aus der Öffentlichkeit entkommt. Diese den Text rahmende „Verwundung“ im jungen Alter von 31 Jahren kann am Ende – so der möglicherweise tröstliche Ausgang der Novelle – in Form eines fortwährenden Sprechens und Zuhörens im engen (räumlichen!) Rahmen der Psychoanalyse vielleicht bewältigt werden, als Wahrheitssuche, biografische Rekonstruktion und Alltagsbewältigung.
Was im Kontext dieser Rezension nach chronologisch-konsistenter Rahmenhandlung klingt, ist in Wieczoreks Text ein kunstvoll arrangiertes literarisches Experiment mit diversen Deutungsmöglichkeiten auf unterschiedlichsten Ebenen. Die Beatles-Novelle, die sicher auch Resultat der eigenen Identifikation mit der Band darstellt, ist die ästhetisch logische Fortführung einer eigenständigen Schreibweise Wieczoreks und stellt abermals dessen Wichtigkeit als Impulsgeber jenes Genres unter Beweis.
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