Klar zu sprechen und dabei nicht zu vergessen zu lieben

Mit der „Lectura Dantis“ wird eine alte Tradition in einem großen Experiment auf Deutsch neu belebt

Von Christine FrankRSS-Newsfeed neuer Artikel von Christine Frank

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Seit Giovanni Boccaccio am 23. Oktober 1373 mit der ersten von vielen folgenden Freitagsvorlesungen in Santo Stefano di Badia in Florenz die „Lectura Dantis“ ins Leben gerufen hat, finden sich immer wieder Kenner und Interessierte zusammen, um in regelmäßiger Folge den „göttlichen“ Text (die Zuschreibung stammt von Boccaccio selbst) Gesang für Gesang laut zu lesen und seinen vielfachen Schriftsinn auszulegen. Bei seinem Tod zwei Jahre später war Boccaccio erst bis zum XVII. Gesang des Inferno gelangt – jener farbenreichen Vision vom Fliegen auf dem Rücken des Monsters Geryon, das die Wanderer nur noch weiter hinab in die Hölle bringt. Nach Versuchen, die Praxis der auslegenden Dante-Lektüre im Florenz des Humanismus und der Renaissance fortzusetzen, kam es erst im 19. Jahrhundert zu einer europaweiten Wiederentdeckung Dantes im Kontext der Romantik und schließlich 1899 zu einer Wiederbelebung der modernen „Lectura Dantis“ ebenfalls in Florenz. Die zunächst nur in Italien gepflegte Tradition verbreitete sich auch in anderen europäischen Ländern und wurde zur festen Institution wie die „Lectura Dantis Turicensis“ der Universität Zürich oder die bis heute an der Universität St. Andrews in Schottland gepflegte „Lectura Dantis Andreapolitana“. Mit Blick auf den 700. Todestag des Dichters wurde 2009 in einer Kooperation zwischen der Accademia delle Scienze und dem Dipartimento di Filologia Classica e Italianistica der Universität Bologna die „Lectura Dantis Bononiensis“ begründet, in deren Verlauf wissenschaftliche und zugleich für ein allgemeines Publikum gedachte Kommentare in drei Bänden erarbeitet wurden, die bis zum Dantejahr 2021 abgeschlossen waren. Ein ähnliches Projekt verfolgte die schon mehr als ein Jahrzehnt zuvor begonnene „California Lectura Dantis“, in der ebenfalls in drei Bänden die englische Übersetzung von Allen Mandelbaum Gesang für Gesang in Beiträgen internationaler Spezialisten kommentiert wird; bisher sind beim University of California Press die Bände Inferno (1999) und Purgatorio (2008) erschienen. In ihrer schlichten Titelgestaltung ähnelt die hier zu besprechende Anthologie dem Cover der amerikanischen (aber nicht der italienischen) Lectura, unterbietet sie aber noch in demselben Understatement, das das Projekt als Ganzes auszeichnet. Als „Lectura Dantis“ reiht es sich dennoch selbstbewusst ein in eine sehr weit zurückreichende, enorm aufwendige Tradition der Lektüre, Auslegung und Vermittlung von Dantes Hauptwerk, die von dem unermüdlichen Engagement Einzelner ebenso abhängt wie von gewichtiger institutioneller Unterstützung. Sie verbindet hohe wissenschaftliche Fachkompetenz mit dem Anliegen, das komplexe Werk dieses Weltliteraten sondergleichen einer interessierten Öffentlichkeit nahezubringen. Und sie hat wesentlich dazu beigetragen, dass das spätmittelalterliche Epos für beide Seiten, die Gelehrten wie die Nur-Lesenden, bis heute nicht an Reiz verloren hat, eher im Gegenteil an Faszination immer noch gewinnt. 

Während die italienischen Lecturae sich ausschließlich der Lektüre und Kommentierung von Dantes Text widmen, sind die Lesenden in anderen Sprachen auch mit Fragen des Übersetzens konfrontiert. Die nun schon über fast drei Jahrzehnte hinweg betriebene kalifornische Lectura Dantis geht dafür von der 1980–1984 in drei Bänden erschienenen Gesamtübersetzung in Blankversen aus, für die der Übersetzer Allen Mandelbaum mit der Ehrenmedaille in Gold von der Stadt Florenz ausgezeichnet wurde. Seither ist die Divine Comedy in mehr als zwanzig Gesamtübersetzungen in englischer Sprache erschienen, davon sechs in England (C.H. Sisson 1981; Peter Dale 1996; J. Gordon Nichols 2005–2012; Robin Kirkpatrick, 2006–2007; Alasdair Gray 2018–2020; Ned Denny 2021), eine in Australien (Clive James 2013), und vierzehn in den USA (James Finn Cotter 1987; Stephen Wentworth Arndt 1994; Robert M. Durling, 1996–2007; Kathryn Lindskoog, 1997–1998; A. S. Kline 2000; Jean Hollander, Robert Hollander, 2000–2007; Michael Palma 2002–2008; Anthony M. Esolen, 2002–2004; Tom Simone 2007–2017; Stanley Lombardo 2009–2017; Burton Raffel 2010; Gerald J. Davis 2021; Joe Carlson 2022–2023). Hinzu kommt noch die spektakuläre Version von Mary Jo Bang (2013, 2021, 2025), die zwischen Gesamtübersetzung und postmodernem Rewriting schwankt und ebenfalls in diesem Jahr abgeschlossen wurde.

Im Vergleich dazu sind im selben Zeitraum in deutscher Sprache nur dreizehn neue Gesamtübersetzungen erschienen, eine davon ins Berndeutsche (Dominik Meil 2021). Die letzte in der Reihe wurde von dem promovierten Romanisten, Spitzendiplomaten und ehemaligen Vizepräsidenten des Bundesnachrichtendienstes Rudolf Georg Adam im vergangenen Jahr bei Manesse in München publiziert.

Diese schier unglaubliche, überwältigende Fülle an Übersetzungsunternehmungen belegt die ungebrochene Popularität, die Dantes Werk international nicht allein unter etablierten AutorInnen und ÜbersetzerInnen genießt – mit immer noch steigender Tendenz. Sie belegt auch die intellektuelle und sprachkünstlerische Herausforderung, die es nach wie vor bietet. Der doppelten Herausforderung von Kommentar und Neuübersetzung hat sich die abwechselnd in Berlin, Wien und Italien lebende Herausgeberin der jüngsten Lectura Dantis, Theresia Prammer, in einer durchaus eigenwilligen Auffassung des etablierten Modells gestellt – und dies weitgehend ohne institutionelle Unterstützung und mit größtmöglichem persönlichen Engagement.  

Seit 2019 führt Prammer immer wieder in verschiedensten Konstellationen Deutsch schreibende Autorinnen und Autoren in einem gemeinsamen Gespräch zusammen, um mit ihnen Dantes Commedia zu lesen, zu kommentieren und schließlich zu übersetzen. Was mit Blick auf das Dantejahr 2021 begonnen worden war, unter Corona-Bedingungen fortgeführt wurde und auf mehreren Symposien, Festivals und Zusammenkünften vorangetrieben wurde, ist noch lange nicht zum Abschluss gelangt. Der jetzt vorgelegte, 450 Seiten umfassende „Werkstattband Lectura Dantis versteht sich als Ausschnitt aus einem langfristigen Vorhaben, das deutlich mehr Material umfasst, als mit diesem Buch abgedeckt werden könnte. Den Fluchtpunkt bildet eine kollektive Gesamtübersetzung der Commedia.“ Dieser knappe Hinweis in einer quasi redaktionellen Notiz am Ende des Buches, mit der die Entstehung des Projekts und seine verschiedenen Stationen knapp umrissen werden, ist vom selben Understatement getragen, das den Band als Ganzen auszeichnet. In Wirklichkeit handelt es sich um ein Mammutwerk, dessen Vollendung in Form einer kollektiven Gesamtübersetzung man sich nur als Stampede vorstellen kann.

Zur Vorwarnung hätte der dem „Dichter der Superlative“ (Prammer) gewidmete Band ruhig etwas mehr Lautstärke in seinem Auftritt verdient. Was Prammer hier an Namen versammelt hat, ist ein aufregend unkonventioneller Querschnitt durch die im deutschen Sprachraum gegenwärtig besonders vielseitig sich artikulierende AutorInnen- und ÜbersetzerInnenszene, in dem auch einige (keineswegs unmotivierte) Ausreißer vertreten sind wie Gustav Sjöberg, der üblicherweise aus dem Lateinischen, Italienischen und Deutschen ins Schwedische übersetzt und der sein gewohntes Feld nun probeweise einmal in der Gegenrichtung beackert, oder wie Thomas Schestag, der in den USA lehrende Literaturwissenschaftler und Essayist sui generis, dessen überbordender Kommentar sich als eine weitere unter die vielen hier versammelten Erscheinungsformen des Übersetzens einreiht. Mit nicht geringem Bedauern registriert man demgegenüber das Fehlen einiger weniger der Großen ihrer Zunft, wie Uljana Wolf oder Ralph Dutli – kaum auszudenken, was sie der Stimmenvielfalt, auf die es Prammer angelegt hat, noch hinzugefügt hätten (aber es sind ja noch Lieder zu singen…).       

Von den insgesamt 100 Gesängen (canti) plus Prolog, die die drei großen Abteilungen (cantiche) der Commedia umfassen, präsentiert der „Werkstattband“ eine Auswahl von 36 canti in deutschen Übersetzungen von mehr als 36 verschiedenen Übersetzerstimmen (Franz Josef Czernin und Michael Donhauser treten zweimal auf, und hinter dem Übersetzerkollektiv „Versatorium“ steht eine ganze Gruppe Beteiligter). Dante Alighieri selbst kommt mit dem ersten und dem letzten Gesang zu Wort. Theresia Prammer hingegen, die Beatrice des ganzen Unternehmens, die die Lesenden und nach Worten Tastenden jahrelang unbeirrt durch die Gesänge geführt hat, und deren übersetzerisches Können (vor allem aus dem Italienischen) 2022 mit dem Österreichischen Staatspreis für Übersetzen gewürdigt wurde, enthält sich der Stimme – fast, denn in einem prammertypischen wortgewaltigen Nachwort, das in Dantes kosmisches Werk feuerwerksgleich einführt, ohne mit philologischem Wissen zu ermüden, gelingt es ihr (immer noch) mit Understatement und Überzeugungskraft, eine Lanze zu brechen für das noch lange nicht abgeschlossene Projekt, das im Grunde nichts anderes will als Lesende aller Couleur anzulocken und aufzufordern, sich einzureihen in die lange Kette jener, die das ewige Feuer der „Lectura Dantis“ gefangen genommen hat. 

Was der „Werkstattband“ bietet, ist nichts weniger als eine umfassende Einführung in die Commedia in medias res, qua Lektüre, ein Kaleidoskop der Lesarten und Zugangsweisen: traditionell, experimentell, philologisch, reflexiv, transgressiv, aber kaum je naiv; ein Wander- oder Reiseführer mit noch auszufüllenden weißen Flecken, den man von Anfang bis Ende oder auch in beliebiger Reihenfolge lesen kann; ein Vademecum aber auch der Lesenden und Übersetzenden, die sich hier und heute von Dante einfangen ließen und ein Stück mit ihm gegangen sind – auf ihre Weise, in ihrer Gangart, mit ihren Worten.

Als Tribut an das strenge Ordnungsprinzip, das das Werk und seinen Kosmos strukturiert, hat Prammer die Reihenfolge der drei cantiche Inferno, Purgatorio und Paradiso und ihrer canti beibehalten und ganz im Sinne der „Lectura Dantis“ für jeden der bearbeiteten Gesänge eine (mit wenigen Ausnahmen) gleichbleibende Struktur gewählt: Der Übersetzung wird jeweils ein Kommentar der Übersetzenden vorangestellt, in dem sie über den Text und ihre eigene Auseinandersetzung mit ihm reflektieren. Diese AutorInnenbeiträge reichen vom knappen, augenzwinkernden Resümee des eigenen Unternehmens (Ulf Stolterfoht: „der dreiunddreißigste gesang, welcher klaro als oberflächenübersetzung begann, gerann wie unter zwang zu einer art systemprogramm […]“) über autobiographische Digressionen (etwas nostalgisch Michael Krüger und virtuos Monika Rinck) bis zu Oswald Eggers systematischer Zerlegung des Reim- und Zeitschemas von Dantes Terzinen („im Gedritterschein von Sukzession, Traduktion und augenblicklicher Erschaffung“) als Trigramme im Beschreibungsmodus der Computerlinguistik. Nicht völlig überraschend erfolgt seine Übersetzung dann in „Farbtriaden“. Eggers Methode beeindruckt ebenso wie die erste Version eines Gesangs der vielübersetzten Commedia in Einfacher Sprache, mit der Daniel Falb den Durchgang durch die Jenseitswelt eröffnet: „Ich treffe einen Geist der mir helfen will […] Der Geist möchte mich durch die Hölle führen, aber ich muss keine Angst haben […] Dann geht der Geist los, und ich gehe hinterher.“ Schlichtheit im Ausdruck, deren Sogwirkung man sich kaum entziehen kann.

Nora Zapf hingegen entscheidet sich nicht für eine definite, sondern für eine performativ das erzählte Erlebnis nachvollziehende Übersetzung: Sie umschreibt die aus gemeinsamer Lektüre heraus sich tragisch entwickelnde Liebesgeschichte von Paolo und Francesca durch eine vorsichtig tastende Anhäufung von Worten und Varianten, Fragen und Versuchen, und sagt doch, am Ende, mit Dante, überwältigt vor Mitleid: „und ich fiel, wie ein toter Körper fällt“.

Abenteuerliche Wortmonster erfindet Ferdinand Schmatz, dem der Geryon-Gesang oblag, in seinem Versuch, die terza rima nachzubilden („spitzbohrig“; „Trügerlarf“; „SchwanzSpitzSpan“; „einer Schlange Drah“; „speerätzt“; „zitterkauig“). Anja Utler und Christian Filips, der sich mit Dante im „Darkroom“ wieder findet, liefern stilistisch ganz unterschiedliche, aber traumwandlerisch sicher voranschreitende Übersetzungen neben klugen Reflexionen, die man in einer ausführlicheren Version andernorts nachlesen kann (per QR Code im Buch). Bert Papenfuß liest Dante mit Han Ryner, Annette Kopetzki markiert das Dantes Vorgehensweise kennzeichnende Gespräch durch den Wechsel zwischen Dialogen in Versform und „,dramaturgischen‘ Einschübe[n] in Prosa“. Lutz Seiler hebt hervor: „nichts ist vergessen“ (und vergisst auch nicht die Danksagung an Theresia Prammer). Berührende Notizen über die „Demutspflanze“, nämlich das Schilf, mit dem Dante von Vergil sorgsam umgürtet wird, hinterlässt Bodo Hell nichtsahnend, bevor er selbst im Sommer 2024 auf der Suche nach seinen Ziegen im Dachsteingebirge für immer verloren geht.

Während die überwiegende Mehrheit der Übersetzungen an Dantes Terzinen festhält, lassen gerade die wenigen alternativen Formen, die im Band vorkommen, aufhorchen. Norbert Langes Prosaübersetzung von Paradiso I, die er „aus der Erinnerung aufgeschrieben“ hat, bleibt im Ohr hängen. Sie wird von einer sensiblen Einführung in die gesamte cantica begleitet. Mathias Traxler (Paradiso III) klagt, „hätt ich’s doch auf Polnisch übersetzt, dann wär das nicht so Deutsch geworden“, und Paul-Henri Campbell liefert eine witzige zweisprachige englisch-deutsche Übersetzung von Paradiso X  („wo joy verwandelt wird zu eternity“) zusammen mit einer gelehrten Erklärung zur Besonderheit des Motives des Kreises (der „Rundlichkeit“) in diesem Gesang. Fast zu perfekt schließlich liest sich die Übersetzung des Theologen und Lyrikers Christian Lehnert in Blankversen: „Woraus man folgern kann, dass aus Erkenntnis/ Die Seligkeit erwächst, und nicht aus Liebe,/ Die später erst entsteht; und das Erkennen/ Ist ein Verdienst, das nach dem Maß der Gnade/ Und gutem Willen eingeboren wird:/ So fügt es sich, gestuft, von Grad zu Grad.“ (Paradiso XXVIII, 109–114)

Einzig die berühmte Stelle im „Canto di Ulisse“:       

Considerate la vostra semenza:
fatti non foste a viver come bruti,
ma per seguir virtute e canoscenza (Inferno XXVI, 118–120)         

überzeugt in der archaisierenden Version, in die das Versatorium ihn übersetzt, nicht:

erkennt eure sendung
ihr seid nicht geschickt zu leben als köter
sondern auszufahren um ehre und kenntnis

Die elementare Wucht dieser Verse, die einst Primo Levi in Auschwitz ins Leben zurückgeholt haben, weil sie ihm den Glauben an die Bestimmung der menschlichen Existenz zurückbrachten, und die gerade heute wieder allen und jedem/r mit einem dicken Ausrufezeichen zuzurufen wären, ist diesen deutschen Worten nicht mehr abzulesen. Der Gegensatz zwischen einer Lebensart, die sich der Brutalität verschrieben hat, und der ultimativen Forderung, dem Weg der Einsicht in ein Verhalten zu folgen, das sich auf das Wohl der Menschengemeinschaft ausrichtet (und den Dante in seinem Werk exemplarisch abschreitet), zerfällt hier in Worte wie modrige Pilze, die keinesfalls mehr zu erschüttern vermögen. Spannender hingegen liest sich ein paar Verse weiter das ‚Einschmuggeln‘ des eigenen Übersetzungsvorgangs: „nach dem wir begannen das über setzen“ für „poi che ‘ntrati eravam ne l’alto passo,” (Inferno XXVI, 132).

Unmöglich hier alle faszinierenden Stellen anzuführen oder weniger überzeugende Varianten zu diskutieren (und sich unweigerlich im Gespräch wiederum überzeugen zu lassen, warum sie gerade so formuliert sein mussten). Dem in seiner Perfektion fast totalitär anmutenden System Dante (das Arno Schmidt nach Auschwitz mit gehöriger Galle überzogen hat) kann in der Tat nur entsprochen werden in der notwendigerweise unabgeschlossenen „Lectura Dantis“, die wie die Hölle selbst ad infinitum fortgesetzt werden kann, will sie deren Komplexität erfassen – Schritt für Schritt, Vers für Vers abschreitend und Worte dafür suchend. Gerade die Vielstimmigkeit des Übersetzens der Vielen (die sich kaum in ein Kollektiv werden fügen lassen) tritt in dieser Lectura Dantis als vollständig angemessene Übertragung von Dantes Werk hervor. „Wir alle arbeiten am kosmischen Netz der Übersetzungen“, schreibt Yoko Tawada, unterwegs in Paradiso XVII, in ihren „17 Notizen zum Schwindelgefühl des Übersetzens“. Wie wichtig erscheint doch ihr Blick aus einer ungewohnten Perspektive – und zugleich ihre Bereitschaft, die eigenen Grenzen zu überschreiten:

Während der Dante-Lektüre ertappte ich mich als heidnische Leserin und fühlte mich an manchen Stellen unwohl. Irgendwann sprang ich über meinen Schatten und fragte mich nüchtern, was Dante in diesem Gesang mit „christlich“ gemeint haben könnte. Ich fand eine mögliche Antwort darauf: klar zu sprechen und dabei nicht zu vergessen zu lieben. Eine schöne Antwort. Genauso schön ist aber auch, was „heidnische Wahrsager“ angeblich tun: Sie führen uns in die Irre mit ihrer „Doppeldeutigkeit“. Mehrdeutigkeit und Klarheit: Wenn alles gut geht, dann sollten Literatur und Übersetzung beides in sich verwirklichen.   

Und dann übersetzt sie ganz wunderbar, „heilig-nüchtern“, „heidnisch-wahr“, die letzten Verse ihres Gesangs, des Gesangs vom Exil und der Mission des Dichters:

Die Seele der Zuhörer findet keine Ruhe, wenn sie
von einem Fall erzählt bekommt, deren Wurzel
unbekannt war und so bleibt

Und dazu noch von einer Quelle, die nicht gilt.

Olga Martynova, die im Kommentar zu ihrer Übersetzung von Inferno XV die eigene Vorgehensweise systematisch beschreibt, führt als erste in diesem Band Ossip Mandelstam als offenkundigen Mitleser, als mit ins Gespräch gezogenes Gegenüber (собеседник), mit ein. Mandelstams unter dem Eindruck zunehmender staatlicher Repression der Sowjetadministration in den frühen 1930er Jahren entstandenes, fragmentarisch gebliebenes Разговор о Данте (Gespräch über Dante) ist das Modell, das der klassischen Institution der „Lectura Dantis“ in diesem Projekt immer wieder komplementär gegenübergestellt wird. Dante hat nicht nur „eine Figur geschaffen […], mit der sich andere Dichter über Jahrhunderte und Sprachbarrieren hinweg identifizieren können“, wie Martynova mit Mandelstam feststellt. Dieser pointierte vor allem die Vielstimmigkeit der lebendigen Rede, das Gespräch, das schon Dantes Text durchgehend strukturiert. Mandelstam liest nicht, er hört Dantes Worte, und er formuliert seine Wahrnehmung des Gehörten wiederum als lebendige, vielstimmige Rede, die er mit den Vergangenen an die Zukünftigen – und damit in die Gegenwart richtet. „Es geht um die Suche nach einem Brennpunkt, an dem Vergangenheit und Zukunft in die Gegenwart fließen.“ (Tawada). Es geht Mandelstam um „die verjüngende Kraft der Metapher“, um das Zitat als „Zikade“, die sich nicht „zum Schweigen bringen lässt“, um das subversive Potential, die Sprengkraft, die Mandelstam in Dantes Text erkannt hat, um die Erfahrung: „Die Commedia ist nichts als die poetische Rede selbst, der man bei ihrem Entstehen und Verschwinden zusehen kann, Wellen-Signale des Sinns“, wie Christian Filips formuliert. Genau diesem Merkmal von Dantes Werk in der Lectura Dantis, im gemeinsam Mit- und Einander Entgegenlesen, Übersetzen, Sich-Austauschen nachzuforschen, war das offensichtliche Anliegen von Theresia Prammer, die ihr Nachwort programmatisch mit einem Wort aus Mandelstams Gespräch über Dante überschreibt („Kommentar im Futurum“ – Die Lektüre und Übersetzung der Commedia als Kommendes): „Es ist undenkbar, Dantes Gesänge zu lesen, ohne sie in Gegenwart zu verwandeln. Sie sind dazu geschaffen. Es sind Netze zum Einfangen der Zukunft. Sie verlangen einen Kommentar im Futurum.“ (Übersetzung von Wolfgang Beilenhoff und Gabriele Leupold, 1994).            

Am Ende des Bands erscheint in der von Prammer so kundig wie geduldig angeleiteten Lectura Dantis natürlich „l’amor che move il sole e l’altre stelle“ (Paradiso, XXXIII, 145), „die Antigravitation […] das Levitationsgesetz“, wie Peter Waterhouse schreibt. Die vorläufigen Schlussbetrachtungen bleiben einem 16 Seiten langen Essay vorbehalten, mit dem der auch als Übersetzer Andrea Zanzottos bekannte Autor zu dem Projekt beiträgt. Der Text von Waterhouse stellt ein wichtiges Verbindungsstück dar zwischen seinem eigenen bisherigen Hauptwerk (Krieg und Welt) von 2006, das bereits ein langes, einer kritischen Auseinandersetzung mit der Dante-Ausgabe von Hermann Gmelin gewidmetes Kapitel über die Divina Comedia enthielt, und dem über mehr als zehn Jahre hinweg in Entstehung befindlichen, 2000 Seiten umfassenden Roman Z Ypsilon X, seinem neuen opus magnum (2025). Waterhouse’ Beitrag zur Lectura Dantis ist das Verbindungsstück zwischen den Lektüren seines Vaters in jenem und den Lektüren seines anderen Großvaters in diesem neueren Werk, Verbindungsstück aber auch zwischen dem übersetzungskritischen Sinnieren über Hannah Arendts „Treue: ,true‘: wahr und treu“ (dem Waterhouse ebenfalls einen eigenen umfangreichen Text gewidmet hat) und dem Abtasten von „trösten: to trust“, mit dem er sich in diesem Essay auseinandersetzt. So assoziativ er darin vorzugehen scheint, so dicht ist der Beitrag verwoben mit seinen bisherigen Dante-Lektüren, und so konsequent entfaltet er von hier aus eine persönliche, von Dante herkommende und auf Dante bezogene und doch allgemeine Poetik des Übersetzens, die mit Recht den vorläufigen Abschluss des „Werkstattbands“ bildet. „Ich meine, Dante denkt anders“, so Waterhouse. „Er denkt auf Wegen, die wirklich Wege sind, bewegliche. Er denkt auf und in Zeilen. Er geht auf Zeilen und Wegen und bleibt stehen. Wie mein Vater, der im September 1944 auf einem Blatt notiert hat: auf einem Weg stehen, im Weg stehen. […] Ist das die Auffassung Dantes: Worte sind im Weg liegende Hindernisse?“ Und nach vielen weiteren vorsichtigen Schritten und wiederholtem Innehalten stellt der Essay schließlich die Frage „Sind gute Übersetzungen Hindernisse, keine Erklärungen oder Vermittlungen?“ In einem unverwechselbaren Gestus wird Waterhouse nicht müde, Fragen zu stellen und sie im Raum stehenzulassen. Es sind Stolpersteine für resonierende Echoräume, die nicht aus dem Weg geräumt werden sollen, die gehört werden wollen.

In der Zusammenführung der vielen Stimmen, die uns mit ihren „Verwandlungen, Lektüren, Übersetzungen und Hingabeübungen“ solche Stolpersteine akut vernehmbar werden lassen und sie zum Klingen bringen, hat Theresia Prammer mit ihrer Lectura Dantis all denen, die die Divina Commedia wieder und wieder lesen und ins Gespräch bringen, das große Geschenk gemacht, „die darin enthaltene Möglichkeit, die Welt mit anderen Augen zu sehen“, neu zu entdecken. Und damit zugleich – wie die Farbbeutel am Hals der Händler im XVII. Gesang des Inferno (Geryon) – eine beeindruckende Musterkollektion zur aktuellen deutschsprachigen Poetik (des Übersetzens) vorgelegt.

Ein Beitrag aus der Redaktion Gegenwartskulturen der Universität Duisburg-Essen

Titelbild

Theresia Prammer (Hg.): Lectura Dantis. Zeitgenössische Dichtung im Dialog mit Dante Alighieris „Commedia“.
Urs Engeler, Schupfart 2025.
454 Seiten, 35 EUR.
ISBN-13: 9783907369487

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