Einstiegslektüren

Vicki Baums Werkauswahl ist hilfreich - mit Einschränkungen

Von Walter DelabarRSS-Newsfeed neuer Artikel von Walter Delabar

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Vicki Baum, 1888 in Wien geboren, 1960 in Los Angeles verstorben, gehört zu den großen, und darüber hinaus erfolgreichen Autorinnen der Weimarer Republik, mit einer langen Geschichte im Exil und der Nachkriegszeit. Baum, die bis nach dem Ersten Weltkrieg als Harfenistin aktiv war, wechselte im Laufe der 1920er Jahre zur Literatur, schrieb vor allem Erzählungen und Romane, war sich aber auch für den journalistischen Brotberuf nicht zu fein. Zeitweise war sie Redakteurin bei Ullstein, was vor kurzem nochmals mit einem schönen Auswahlband von Veronika Hofeneder dokumentiert wurde (Makkaroni in der Dämmerung, 2018).

In der literaturwissenschaftlichen Diskussion spielt ihr 1928 erschienener Roman stud. chem. Helene Willfüer eine große Rolle, eigentlich nur übertroffen vom Nachfolgeroman Menschen im Hotel aus dem Jahr 1929, der 1931 eine Auflage von knapp 60.000 Exemplaren erreichte. 1932 wurde eine Sonderausgabe mit 100.000 Exemplaren aufgelegt. Der Zusammenhang mit der Verfilmung des Romans, die im selben Jahr in die Kinos kam, ist offensichtlich.

Baum war also als Autorin erfolgreich. Vor allem hat sie die Schwelle zum Film schnell genommen. Bereits 1932 siedelte Baum in die USA über, wo sie bis zu ihrem Tod blieb und weiterhin als Autorin, auch für Film und Theater aktiv war.

Das Hotel-Thema, das dazu einlädt, zahlreiche ansonsten unverbundene Charaktere und Schicksale aufeinander treffen zu lassen, hat Baum im weiteren nicht losgelassen, wie die Roman Hotel Shanghai (1939) und Hotel Berlin (1947) demonstrieren.

Aber ihr Werk reicht weit darüber hinaus. Die Liste ihrer Romane umfasst über 30 Titel, was die Entscheidung für die nun erschienenen, von Julia Bertschik und Veronika Hofeneder herausgegebenen Ausgewählten Werke nicht leicht gemacht haben wird.

In die Ausgabe geschafft haben es neben den beiden unverzichtbaren Romanen stud. chem. Helene Willfüer und Menschen im Hotel (samt Bühnenfassung) noch der Hollywood-Roman Leben ohne Geheimnis aus dem Jahr 1932 sowie die beiden Exilromane Marion lebt (1942) und Kautschuk (1944), die beide von Baum in englischer Sprache geschrieben wurden. Die gleichfalls 1942 bei Bermann Fischer publizierte Übersetzung von Marion lebt wird nun in überarbeiteter Fassung vorgelegt, während Kautschuk in einer neuen Übersetzung in die Ausgabe aufgenommen wurde. Die beiden bereits vorliegenden Übersetzungen von Kautschuk, bei Bermann Fischer und Kiepenheuer & Witsch erschienen, hätten zu weit in die englischsprachige Vorlage eingegriffen und teils sprachliche Konzepte verwandt, die heute nicht mehr akzeptabel seien, teilt der Bandbearbeiter mit. Allerdings muss darauf verwiesen werden, dass Baum bei der zweiten, bei Kiepenheuer & Witsch erschienenen deutschen Fassung beteiligt war. Allerdings haben sich die Herausgeberinnen ja für eine Ausgabe erster Hand entschieden.

Die nun vorgelegte Übersetzung folgt der amerikanischen ersten Fassung, was zu begrüßen ist (auch wenn es sich hierbei eben nicht um die Rekonstruktion der Ur-Fassung handeln kann, um der Ausgabe ein wenig den Überschwang zu nehmen). Besonders verwiesen wird im übrigen darauf, dass in den Übersetzungen diskriminierende oder diskreditierende Begrifflichkeiten, soweit sie der Figurenrede zuzuordnen ist, beibehalten wurden, da sie einerseits der historischen Praxis entsprächen, andererseits in der Figurenrede zur Charakterisierung der Figuren gehörten. Ansonsten wurden Begrifflichkeiten gewählt, die aus heutiger Sicht neutraler sind. Das wird man immer dann akzeptieren können, wenn damit keine Umwertung historischer Konnotationen verbunden ist, was auch mit der Frage zusammenhängt, welche subkutanen rassistischen Denkmustern man auch der Autorin zuordnen will. Diese Frage ist freilich auch nicht allein mit der Korrektur von Begrifflichkeiten zu beantworten.

Hinzu kommt ein Band mit Erzählungen, die allein deshalb von Interesse ist, weil Baum in ihrer Autobiografie angibt, einige Erzählungen in den renommierten Velhagen und Klasings Monatsheften unter dem Namen ihres damaligen Mannes Max Prels veröffentlicht zu haben. Dieser habe unter einer Schreibhemmung gelitten. Aber anscheinend haben die Herausgeberinnen diese Texte bislang nicht auffinden können.

Insgesamt wird man mit der Auswahl leben können, auch weil andere Texte bereits etwa von Kiepenheuer & Witsch oder Wagenbach neu veröffentlicht wurden. Die in der Ausgabe präsentierten Texte werden in der Fassung des ersten Buchdrucks vorgestellt, was für die Übersetzungen allerdings ins Leere läuft. Dass für die Ausgewählten Werke Übersetzungen und keine englischen Originaltexte verwendet werden, ist nachvollziehbar. Trotz des Kommentars handelt es sich doch um eine Leseausgabe, die ihr Publikum haben will, das nun mal deutsch liest. Dennoch ist der Verzicht auf das englischsprachige Original bedauerlich, auch weil ausdrücklich auf die schlechten Englischkenntnisse Baums Anfang der 1930er Jahre verwiesen wird (was ein bisschen despektierlich ist).

Die Bände sind jeweils mit einem umfänglichen Nachwort zum Text, zur Textgrundlage und zur Rezeption versehen. Hinzu kommen detaillierte Stellenkommentare, die das Verständnis gerade auch mittlerweile nicht mehr selbstverständlichen Alltagswissens sicherstellt. Das mag in einzelnen Fällen überflüssig oder redundant erscheinen, ist aber dem Umstand geschuldet, dass kulturelles Wissen mit der historischen Distanz schwindet.

Die Brauchbarkeit der Ausgabe leidet allerdings darunter, dass die Kommentare nicht mit den Textbelegen verbunden werden und so Bezüge von Nutzern mühsam hergestellt werden müssen. Das ist bei den Erzählungen wohl unproblematisch, weil kleinschrittig rekonstruiert werden kann. Doch bei umfänglichen Romanen ist es kaum möglich, vom Text auf den Kommentar und umgekehrt zu schließen. Das wird dann noch gesteigert, wenn wie in Marion lebt, ein Kommentar auf einen anderen Kommentar verweist. Da sich das Verfahren auch in anderen Wallstein-Werkausgaben findet (etwa in der Irmgard Keuns) muss man annehmen, dass die Entscheidung auf den Verlag zurückgeht. Schade um die kommentierende Arbeit, die damit eben auch ein bisschen für die Katz ist.

Anders hingegen fällt das Urteil für den Textzustand aus: Die Herausgeber/innen haben sich dankenswerter Weise entschieden, den historischen Textstand weitgehend zu bewahren, haben mithin weder normalisiert, also auf Neue Rechtschreibung umgestellt, noch unbesehen aktuelle formale Standards übertragen. Allerdings sind typografische Eigenheiten älterer Drucke wie die Auflösung von Umlauten oder die Platzierung der Ausführungszeichen in der wörtlichen Rede an heutige Gewohnheiten angeglichen worden. Das ist insofern zu akzeptieren, weil auch die historische Praxis uneinheitlich, teilweise innerhalb von Drucken schwankend ist.

Dass die Herausgeber/innen die Marginalisierung der Autorin im literaturwissenschaftlichen Diskurs als Unterhaltungsautorin beklagen, wirkt ein wenig zu sehr um Anerkennung bemüht, zumal dann, wenn die ästhetischen Qualitäten der Arbeiten Baums im selben Atemzug demonstrativ betont werden. Die Bemühungen um vom Kanon nicht berücksichtigte Autor/innen hat mittlerweile eine längere Tradition. An der zentralen Stellung von klassischen Autoren hat das bis heute nichts geändert. Das Fach liebt seine Klassiker, Weimarer wie moderner Façon. Bleibt also die Frage, auf was die steten Bemühungen um Anerkennung durch Publikum und Fach abzielen.

Die Texte Baums können nun ohne weiteres bestehen, wie jede Lektüre zeigt, auch wenn der Autorin nicht alles gleich gelungen sein mag. Aber welcher Autor, welche Autorin könnte das für sich beanspruchen? Soll heißen, den Aufwand, gegen die Marginalisierung von Unterhaltungsliteratur vorzugehen, kann man sich sparen, auch im Fall Baums. Die beiden frühen Romane brauchen wohl keine weitere Unterstützung, die Erzählungen sind überhaupt erst einmal zu entdecken, wozu hier Gelegenheit besteht. Der Hollywood-Roman ist nicht die stärkste Arbeit Baums, bietet sich aber thematisch an, die Erinnerungen Marions von k.u.k.-Zeit bis 1940 mögen historisches Interesse auf sich ziehen, Kautschuk hingegen ist eine beeindruckende Lektüre. Hinzu kommt: Baums Qualitäten sind der Verlagsbranche anscheinend bereits schon seit längerem aufgefallen, wenn man die Zahl der Neuauflagen von Baum-Texten aus den vergangenen Jahren berücksichtigt. Eine gute Autorin ist Baum also sowieso, und eine vergessene Autorin ist sie nicht im geringsten, und das aus gutem Grund. Die Werkauswahl bestätigt das noch ein weiteres Mal.

Titelbild

Vicki Baum: Ausgewählte Werke.
Wallstein Verlag, Göttingen 2025.
3160 Seiten , 128,00 EUR.
ISBN-13: 9783835358614

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