August bis November 1938

Die Vorgeschichte des „Volkszorns“ vom November 1938 als Graphic Novel – Kann das funktionieren?

Von Walter DelabarRSS-Newsfeed neuer Artikel von Walter Delabar

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Pierre Boisserie und François Warzala setzen Philipp Kerrs-Berlin Trilogie als Graphic Novel fort, was eine gute Nachricht ist. Eben nicht nur, weil hier aktuelle Themen angesprochen werden, sondern auch, weil sich auch an dieser Fortsetzung die Stärken und Schwächen des Genres zeigen lassen. Der Band zeigt beides in hinreichender Deutlichkeit.

Bei einer zumindest in Teilen völkisch, im Grundsatz nationalistisch orientierten Partei, die sich großer Zustimmung in der breiteren Bevölkerung erfreuen kann und sich als wahre Statthalterin von Volkes Stimme geriert, ist ein Blick auf jene Phase in der deutschen Geschichte, in der eine (trotz aller Unterschiede, aber doch auf den ersten Blick) vergleichbare politische Gruppierung an der Macht war, schon erhellend. Wenngleich einem der Optimismus, dass sich aus der Geschichte lernen lässt, angesichts der herrschenden, ja auch in anderen politischen Parteien vorherrschenden politischen Grundstimmung ein wenig verloren gehen kann. Nun ja, es sind jetzt nicht mehr die Juden, die an allem schuld sein sollen, sondern die Migranten (wobei in beiden Fällen die Stempel jeweils sehr freizügig vergeben werden). Auch fehlt es derzeit noch an einer charismatischen Führergestalt und an der militaristischen Grundierung des Ganzen, aber vielleicht kommt es darauf ja auch gar nicht an, sondern darauf, dass hier endlich einmal jemand „klare Worte“, die „Wahrheit“ sagt, endlich mal die „Interessen der kleinen Leute“ vertritt und auch „handelt“, statt zu „schwatzen“.

Nun unterscheiden sich die Mühen der Opposition immer von denen der Herrschaft, die – um erhalten zu werden – immer auch der Kompromisse bedarf. Insofern wissen wir nicht, was werden würde, wenn. Und ja, wir sind nicht Weimar, und die AfD nicht die NSDAP, und Geschichte wiederholt sich nicht, sie nimmt vielleicht nur Anleihen. Aber das hilft im Ernstfall auch niemandem, so gut vorbereitet man auch immer sein mag.

Aber dennoch der Blick in die Bildvorgeschichte zum 9. November 1938. Dass das Ganze eine Inszenierung einer Gruppe esoterischer SS-Spinner ist, die eine Reihe von jungen Mädchen (blond, blauäugig, aber auch gesichert arisch) ermordet, sie ausbluten lässt und dann das Ganze als jüdischen Ritualmord verkauft, ist bekannt genug, zumindest dem, der die Kerr-Romane kennt. Der Plot ist vielleicht ein wenig kurzschlüssig, aber solche verschwörungstheoretischen Kurzschlussgeschichten haben eben den Vorteil, dass sie auf einen knappen Nenner bringen, was ansonsten der komplexen Darstellung bedarf, der dann die meisten nicht mehr folgen wollen oder können.

Solche Geschichten gehen einen anderen Weg als die ausufernde Darstellung der politischen Interessengruppen, die den Pogrom vom November 1938 vorangetrieben haben. Aber Kerr und mit ihm seine Nacherzähler erzählen eine immerhin anschauliche Geschichte, in denen die unterschiedlichen Interessen der NS-Chargen deutlich genug hervortreten. Und das ist wohl die wichtigste Botschaft der Kerr-Geschichte, dass nämlich eine monolithische Machtstruktur, an deren Spitze ein unangefochtener Führer steht, nicht existiert. Frei nach Norbert Elias braucht der Fürst zum Machterhalt antagonistische Interessengruppen, die er gegeneinander ausspielen kann. Und das unterscheidet moderne Autokraten nicht von den historischen. Ihre Machtbasis hingegen ist je unterschiedlich.

Auffallend ist nun an diesem zweiten Band der Kerr-Adaption, dass die Schwächen des ersten deutlich gemindert sind. Soll heißen, die Passagen, in denen die Bildgeschichte zur Illustration abzusinken droht, weil die Erzählstimme dominiert, sind deutlich zurückgedrängt. Zwar müssen die Autoren immer wieder Brücken schlagen und erzählerische Abkürzungen nehmen (erklären etwa, statt zeigen). Und das tun sie, indem sie den Erzähltext über die Zeichnungen legen und die Dialoge fallen lassen. Aber bis auf die Schlussseiten, in denen Story abgebunden werden muss, sind solche Passagen auffallend selten. Das kommt der Geschichte zugute, auch wenn die Dominanz der erzählenden Metatexte innerhalb der Graphic Novel ein gebräuchliches Mittel ist. Aber gerade am Beispiel der Kerr-Adaptation wird eben auch erkennbar, dass eine Graphic Novel eine konventionell erzählte Geschichte nicht einfach nur nacherzählen kann. Sie muss aufs Bild und den Dialog setzen, und damit auf eine viel stärkere Arbeit der Rezipienten, als dies Texterzählungen zu tun brauchen.

Titelbild

Pierre Boisserie / François Warzala (Hg.): Im Sog der dunklen Mächte. Die Berlin Trilogie. Bd 2.
Aus dem Französischen von Resel Rebiersch.
Verlag Schreiber & Leser, München 2025.
144 Seiten, 29,80 EUR.
ISBN-13: 9783965822115

Weitere Rezensionen und Informationen zum Buch