Zu starke Gravitation im literarischen Universum

Warum die Erkundung des Kulturellen Übersetzens im Band „Schwarze Löcher im Gewebe der Sprachen“ nur bedingt Kenntnisgewinn in Bezug auf japanische Literatur erbringt

Von Lisette GebhardtRSS-Newsfeed neuer Artikel von Lisette Gebhardt

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Der Band „Schwarze Löcher im Gewebe der Sprachen“. Kulturelles Übersetzen in der japanischen Literatur (2025) wurde von den beiden Absolventen der Münchner Japanologie, Carolin Fleischer-Heininger (aktuell wissenschaftliche Mitarbeiterin am Deutschen Institut für Japanstudien) und Kevin Schumacher-Shoji (Mitarbeiter / Co-Kurator an der Bayerischen Staatsbibliothek München), herausgegeben; er ist in der Reihe Monographien aus dem Deutschen Institut für Japanstudien (DIJ) erschienen. Ausgangspunkt der Aufsatzsammlung war ein im Juni 2023 abgehaltenes Symposium am Japanzentrum der LMU München. Entstanden ist nun eine Kompilation von neun Aufsätzen, die man drei Unterkapiteln zuweist.

Vorauszuschicken wäre, dass die beiden Verantwortlichen, denen die Aufgabe zukam, die Symposiumsbeiträge zu edieren, keine Spezialisten für das Thema Übersetzung sind – im eigentlichen Sinn als Translationstechnik und Übersetzungskunst angewandt auf japanische literarische Texte. Ebenso wenig haben sie sich, soweit bekannt, in der Vergangenheit intensiv mit dem Feld „Kulturelles Übersetzen“ befasst. Dabei handelt es sich um einen Ansatz, der sich weniger mit Translationstechniken auseinandersetzt, sondern vielmehr für eine kritische Sicht auf Prämissen und Verfahrensweisen im Hinblick auf das Übersetzen plädiert. Als von den cultural studies geprägtes, sich gegen kulturelle Vormachtsgesten wendendes methodologisches Konzept steht das Kulturelle Übersetzen vor allem unter dem Gebot, das sich entweder als Sprachbarriere oder als inhaltlich nur schwer darstellbares Ideengebilde manifestierende indigene Moment des fremdsprachigen Textes nicht zugunsten einer einebnenden, in der Zielsprache leichter zu lesenden Diktion zu unterschlagen. Ein solcher Gedanke dürfte dem guten Literaturübersetzer mit Sensibilität für Begriffe und Begriffsgeschichte seit jeher nicht fremd sein: Die gelungene Übertragung erfordert neben dem rein sprachlichen Verstehen die Reflexion auf etlichen zusätzlichen Ebenen. Dringend gefordert sind ein sprachästhetisches Empfinden und die adäquate Konzeptualisierung des Übersetzungstexts in seiner Gesamtheit, was sowohl Stilistik und Temperament der Sprachlichkeit wie auch Kohärenz und Sprachlogik anbelangt. Für das Übersetzen japanischer Literatur gibt es jenseits einiger aufschlussreicher Übersetzungskritiken (notorisch: Jürgen Stalph) keine ausführlicheren Hinweise erfahrener Übersetzerinnen und Übersetzer, geschweige denn einen umfassenden Aufsatz mit praktischen Handlungsanweisungen oder gar ein Handbuch, das die meisten der üblichen Fragen beantworten könnte. 

Titel, Einführung, Methodisches

Was tragen also die „schwarzen Löcher“ zu einer Diskussion von Übersetzung aus dem Japanischen im Zeichen des kulturwissenschaftlichen Paradigmas „Kulturelle Übersetzung“ bei? Die Antwort muss gemischt ausfallen. Eine grundlegende Problematik des Bandes lässt schon der Titel erkennen – er bleibt suspendiert im Raum möglicher Zuordnungen. Was genau mit der Wendung Kulturelles Übersetzen in der japanischen Literatur gemeint ist, erschließt sich nicht unmittelbar. Möchte man betrachten, wie die japanische Literatur sich zu aus China oder dem Westen übernommenen Inhalten verhält? Später bestätigt sich diese Mutmaßung. Allerdings soll es auch um die literarische Übersetzung als Theorie und Praxis gehen, worauf die Bezugnahme auf die Schriftstellerin Tawada Yôko eingangs direkt hinweist. Wäre dann nicht eventuell die Formulierung „Kulturelles Übersetzen im japanologisch-literaturwissenschaftlichen Kontext“ naheliegender gewesen? Die Einleitung der beiden Herausgeber bemüht sich im Folgenden unter der Überschrift „Kulturelles Übersetzen in der japanischen Literatur und literaturwissenschaftlichen Japanforschung“, die Dinge klarer erscheinen zu lassen. Dazu soll angemerkt werden, dass man im Abschnitt zwei der Einführung dem rein Literaturwissenschaftlichen erstaunlicherweise die Verbundenheit aufkündigt, um zu konstatieren:

Das Kulturelle Übersetzen stellt eine fachwissenschaftlich-handwerkliche, zugleich aber immer auch epistemologische und theoretische Grundanforderung der seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zunehmend kulturwissenschaftlich geprägten literaturwissenschaftlichen Japanforschung dar.

Abgesehen davon, dass diese pauschale Behauptung des kulturwissenschaftlichen Primats in der Beschäftigung mit der japanischen Literatur kaum zutrifft und nicht belegt wird, bliebe zu fragen, warum sich der Band an eine Leserschaft richtet, die zum gegenwärtigen Zeitpunkt inexistent sein dürfte, forschte man dann ja seit 70 Jahren zuvorderst in einer anderen Disziplin.

Erklärt wird im Übrigen nicht, worin der Unterschied zwischen Literaturwissenschaft und Kulturwissenschaft zu sehen wäre bzw. worin die Vorzüge der Kulturwissenschaft in ihrer forschungsgeschichtlichen Dimension und der gegenwärtigen Renaissance des Kulturellen Übersetzens zu sehen sind. Kulturelles Übersetzen wurde von der (der Stiftung Mercator sowie der Heinrich-Böll-Stiftung nahestehenden) Literatur- und Kulturwissenschaftlerin Doris Bachmann-Medick (*1952) in den germanistischen Forschungskanon der 1990er eingebracht; der Ansatz habe heute, da auch die Koryphäe ihre dreißig Jahre alten Thesen wiederaufbereite (einschlägige Aktivitäten seit 2021), eine „neue Aktualität“: 

Angesichts einer rasanten Zunahme an Komplexitäten und Wissensbeständen, sich verfestigenden Partikularisierungen und Polarisierungen sowie multipler Krisenphänomene und -artikulationen erscheinen das Vermögen und der Wille dazu, Befunde und Erkenntnisse, aber auch Befindlichkeiten, Erfahrungen und Ängste zu vermitteln sowie zu ergründen, begrenzt. So resultierte auch unsere Idee, eine wissenschaftliche Veranstaltung durchzuführen, die durch Schlaglichter untersucht, wie, durch wen, unter welchen Bedingungen und mit welchen Motivationen Kulturelles Übersetzen im Allgemeinen und insbesondere im Medium Literatur erfolgt, aus einem Unbehagen gegenüber den in ihrer Quantität und Qualität als ungenügend zu qualifizierenden gegenwärtigen Prozessen des Verstehens und Verstehbarmachens. 

Auf den ersten Blick zeigt sich in den verschachtelten Sätzen des Zitats zumindest eine Strapazierung von Wissenschaftsprosa. Mäandernd strebt man danach, den Lesern und Leserinnen seinen Standpunkt zu unterbreiten, um die Potenz des Kulturellen Übersetzens zu bekräftigen. Was doch langsam Unmut aufkommen lässt, denn das Thema des literarischen Übersetzens und der Kulturellen Übersetzung zeichnet sich trotzdem nicht wesentlich konturierter ab. Ob es bei einer wissenschaftlichen Veranstaltung – sei sie auch multidisziplinär – sinnvoll ist, sich bloß in „Schlaglichtern“ austauschen zu wollen, schürt zudem leise Zweifel am Vorhaben. Während die Zielrichtung der Erkenntnissuche im Band „Schwarze Löcher im Gewebe der Sprachen“ zwischen Bachmann-Medick, Salman Rushdie, dem Wissenschaftshistoriker Jürgen Renn (*1956) und dem Soziologen Armin Nassehi (*1960) mehr oder weniger verborgen bleibt, tritt die programmatische Forderung nach einer funktionierenden, institutionalisierten Wissenskommunikation an Politik und Öffentlichkeit, verbunden mit Rückbezügen auf die Covid-19-Pandemie, eine Spur deutlicher hervor.

Ganz Japan, heißt es kurz darauf, sei im Rahmen der Kulturellen Übersetzung „zu lesen“, habe es doch die Leistung des Adaptierens fremder Vorstellungen im Laufe seiner Modernisierung gründlich eingeübt, zudem sei es ein „Übersetzungsland par excellence“. Die sieben Seiten des ersten Teils der Einleitung, die zentrale Aspekte wie Forschungsstand, Arbeitsbegriffe, Definitorisches und die Absicht des Projekts vermitteln sollten, darauf sei noch hingewiesen, stützen sich im Wesentlichen auf europäische Kommentare. Einlassungen japanischer Forscher oder Forscherinnen sucht man leider vergebens – ob an diesem Punkt nicht schon im Sinne der credibility mehr interkulturelle Perspektivität einzubringen gewesen wäre?

Aufbau des Bands: Beiträge und Inhalte

Noch einmal sei erwähnt, dass sich der Band das Ziel setzt, eine Forschungslücke für die literaturwissenschaftliche Japanforschung (ab Seite 13 wird diese Kategorie mit der Formel „textimmanent arbeitende Japanforschung“ modifiziert) zu füllen. Bestätigt wird die Mission im letzten Abschnitt der Einleitung ein weiteres Mal, zeichnet sich jedoch im Ganzen nicht viel nachvollziehbarer ab, zumal die Einzelartikel sich in ihrer Mehrzahl germanistisch-komparatistischen Fragen widmen. Leider wird die Message zugunsten des Kulturellen Übersetzens nicht offen, überzeugt und selbstbewusst vertreten. Das Kulturelle Übersetzen als „metaphorische Extension des Übersetzungsbegriffs“ könnte so auch als eine „sichere Investition zur Bildung kulturellen Kapitals“ (Birgit Wagner, Wien 2009) gemeint sein. Die Handwerkskunst, d. h. die eigentlich nötige sensible und sprach- respektive literaturaffine Beschäftigung mit dem Übersetzen an sich, vermag das Konzept aber nicht auszublenden und hinterlässt den Eindruck einer Philologie-Aversion gefolgt von transdisziplinärer Beliebigkeit:

Damit zeigen wir schließlich die begrifflich-konzeptionelle Weite des Kulturellen Übersetzens auf und machen deutlich, wie produktiv dieses als ein Zugriff der Wissensproduktion zu unterschiedlichsten Untersuchungsgegenständen und Forschungsfeldern sowie zu inter- und intrakulturellen pragmatischen Zusammenhängen herstellen kann [sic!, offenbar ein falsches Verb].

Tatsächlich behandeln die Beiträge mannigfache Inhalte, allein findet sich als Artikel zu einer veritablen japanischen Autorin am Ende nur der Aufsatz (Beitrag 7 im Abschnitt „Konzepte in/als Übersetzung“) von Elena Giannoulis zu Murata Sayaka. Die übrigen Arbeiten widmen sich der Übertragung von Heinrich Heines Gedicht Lorelei ins Japanische in fünf japanischen Textbeispielen (Michaela Oberwinkler; 3), der Walter Benjamin-Lektüre der Schriftstellerin Tawada Yôko und des Komparatisten und Filmwissenschaftlers Yomota Inuhiko (Yu Uwagawa; 1), der Genese japanischer Lyrik in deutscher Sprache; im Mittelpunkt steht eine Fake-Übersetzung des deutschen Autors Manfred Hausmann (1896–1986), der mit seiner Publikationen vorspiegelt, der Übersetzer einer japanischen Dichterin zu sein (Michaela Manke; 2), sowie der japanischen Verlagspolitik im Falle von Thomas Mann-Übersetzungen ins Japanische (Nicole M. Mueller; 4) – alle im Abschnitt „Werkübersetzung und Übersetzungen als Werk“. Mit einem ideengeschichtlichen Konzept aus der Taishô-Ära, nämlich dem Terminus dakyô für Kompromiss, setzt sich die in Neuerer und Neuester Geschichte promovierte Julia Mariko Jacoby (8) auseinander. Im neunten Artikel „kulturelles Erleben, Verstehen, Übersetzen“ erkundet der auf die japanische Historie spezialisierte Christoph Völker die Europaerfahrungen des Gelehrten und auf dem Feld einer neuen nationalen Kunst engagierten West-Ost-Vermittlers Okakura Kakuzô (1863–1913).

Japanische Literatur übersetzen

Das Thema japanische Literatur in Übersetzung bzw. als translatorische Aufgabe bleibt zwei Essays vorbehalten: Verena Maser berichtet auf zwölf inhaltlichen Seiten aus dem „Nähkästchen einer Manga-Übersetzerin“ (5). Ursula Gräfe wendet sich in Zeiten eines „translatorischen Anspruchswandels“ dem Problem der Neuübersetzungen zu und plädiert über acht Seiten hinweg für deren Akzeptanz (6), womit sie in der Wissenschaftsgemeinde wahrscheinlich offene Türen einrennt. Verlorene zwanzig von 244 Seiten bemühen sich dergestalt, das Sprachlich-Literarische zu diskutieren – ein Thema, verbunden mit Tawadas Sprachuniversum. Beide Verfasserinnen machen erhellende Beobachtungen. Da erscheint es besonders schade, dass gerade diese Beiträge so kurz geraten sind. Nun können die Essays der praxiserfahrenen und der Praxis verpflichteten Übersetzerinnen aufgrund ihrer Knappheit keine belastbaren Brückenkonstruktionen in die Raumforderung der poetischen schwarzen Materie, d. h. in das nicht leicht zugängliche Universum des Stils und der Sprachkunst legen, andererseits kann man von Werkstattberichten keine substantiellen translatorischen Darlegungen erwarten (es fehlen nicht zuletzt die Anknüpfungen an das Gebiet der Übersetzungs- und Translationsforschung). Erwägungen „aus dem Nähkästchen“ erfüllen zumindest nicht die Erwartungen, die die Einleitung schürt. Im Falle des mit dieser unglücklichen Wendung betitelten Manga-Artikels hat im Übrigen die Redaktion auch der beschlagenen Übersetzerin keinen guten Dienst erwiesen.

Ein Großteil der informativen und originellen Aufsätze wäre besser im germanistisch-komparatistischen oder im ideengeschichtlichen Rahmen publiziert worden, etwa Nicole M. Muellers gewissenhaft recherchierte und professionell angelegte Abhandlung über Thomas Mann-Übersetzungen, japanische Verlagsgeschichte und Details der kommerziellen Literaturrezeption zwischen den Kontinenten im Zeichen des „Weltliteratur-Booms“ nach 1945. Auch die Trouvaille „Toyotama Tsuno“ (ein etwas seltsamer japanischer Name als Alias Hausmanns) von Michaela Manke liefert beachtenswertes Material. Yu Uwagawa zählt zur jüngeren Generation japanischer Germanisten und hat sich wie etliche Kollegen und Kolleginnen die Sache der postcolonial studies (in Japan oft karusuta genannt) zu eigen gemacht. Mit Venuti plädiert er in seinem durchdachten, dichten Beitrag für eine „Ethik der Differenz“, für eine verfremdende Strategie des Übersetzens und eine reflektierte Übersetzungspolitik; ebenso präzise zeichnet er Tawadas Schreibstrategie als die einer Dekonstruktion des „eleganten Japanisch“ und einer Etablierung der sogenannten Exophonie nach. Vielleicht hätte man diese akademische Edelfeder auch gleich das Vorwort schreiben lassen sollen.

Ein Beitrag aus der Redaktion Gegenwartskulturen der Universität Duisburg-Essen

Titelbild

Carolin Fleischer-Heininger / Kevin Schumacher-Shoji (Hg.): „Schwarze Löcher im Gewebe der Sprachen“. Kulturelles Übersetzen in der japanischen Literatur.
Iudicium Verlag, München 2025.
254 Seiten, 39,00 EUR.
ISBN-13: 9783862050574

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