Aufgeklärtes und gebildetes Sehen

Willibald Sauerländers posthum veröffentlichte Aufsatzsammlung „Die Natur im Stundenglas der Zeit“ zu den Bildern von Nicolas Poussin ist eine erhellende, gedankenscharfe und poetische Lektüre

Von Georg PatzerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Georg Patzer

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Wie viele andere Maler seiner Zeit hat auch der Barockmaler Nicolas Poussin biblische Themen aufgegriffen. Zum Beispiel hat er Matthäus gemalt, wie er an einem breit fließenden Bach und umgeben von Ruinen sitzt und schreibt, von einem weißglänzenden Engel inspiriert oder angeleitet. Die Ruinen sollen dann den Zusammenbruch des Heidentums symbolisieren. Ein anderes Bild zeigt Johannes, auch er sitzt zwischen Ruinenblöcken, Feder und Papiere neben und vor sich. 

War auf dem Matthäus-Bild die Inspiration durch den Engel das eigentliche Thema gewesen, so gleicht Poussins Johannes einem antiken Philosophen, der aus eigener geistiger Macht seine Gedanken und Schriften konzipiert. Er ist auch gar nicht schreibend, sondern lesend und sinnend dargestellt. Man fühlt sich an den Diogenes auf der früheren Landschaft für die Familie Cassiano dal Pozzos erinnert. Diese synkretistische Annäherung an die Gestalt eines reflektierenden Philosophen wird dadurch noch eindringlicher, dass Johannes nicht, wie in der abendländischen Bildtradition üblich, als ein sanfter und lieblicher Jüngling präsentiert ist, sondern als ein von geistiger Anspannung erfüllter Greis. Wie bei Matthäus erstrahlt sein Obergewand in einem Goldgelb, aber darunter zeigt die Kleidung ein feuriges Rot. Alles an dieser Figur ist voll Erregung. Neben dem Lesenden liegen beiseite getane Schriftblätter auf dem Boden. Er ist ganz bei der gedanklichen Arbeit. Der Adler, das symbolische Wesen, das ihn nach der theologischen und ikonographischen Tradition eigentlich inspirieren müsste, steht abgewandt und wie ausgestopft hinter seinem Rücken, ein Relikt einer durch die Vernunft entmachteten Magie. 

So schreibt gedankenscharf beschreibend der deutsche Kunsthistoriker Willibald Sauerländer (1924–2018) in seinem posthum veröffentlichten Buch Die Natur im Stundenglas der Zeit. Poussins Landschaften. Eingebettet ist der Apostel Johannes, der klein im Vordergrund sitzt, sein Adler winzig und braun fast verschwindend, in eine mediterrane Landschaft, über ihm spannt sich eine ganze Welt auf, eine Bucht mit einem Berg, eine Stadt, die von Johannes durch ein Gebüsch getrennt ist, eine Grotte. Das Bild ist nach Sauerländer denn auch kein sakrales Werk, sondern ein Historiengemälde, eine Vedute. Die Landschaft ist natürlich Patmos, die Insel, auf die Johannes von Kaiser Domitian verbannt wurde, die Stadt ist Scala, das antike Phora, und die Wohngrotte liegt genau zwanzig Minuten von der Stadt entfernt. Es ist fast schon ein Philosophen- oder Dichterporträt. 

In achtzehn Aufsätzen umkreist Sauerländer Poussin als Maler von Landschaften – nicht als realistische, sondern vor allem als Orte der Erinnerung, der Geschichte, Mythen und des Schicksals. Die Natur als Stundenglas der Zeit, so der Titel des Buchs, bedeutet: Poussins Landschaften sind immer auch Historie. Das bedeutet auch, dass man die Landschaft ernst nimmt und nicht ihre Details nach einer verborgenen Bedeutung, nach ihrem Symbolgehalt befragen soll, wie es der einflussreiche Kunsthistoriker Erwin Panofsky vorexerziert hat. Die Landschaft wird einfach zum Schauplatz einer Weltenwende wie im Fall der schreibenden und denkenden Apostel. Auf einem anderen, nicht minder berühmten Gemälde wirft der kynische Philosoph Diogenes gerade seinen Becher als letzten irdischen Besitz weg, als er einen Jüngling sieht, der sich Wasser mit der Hand schöpft. Das Bild zeigt im Hintergrund gleichnishaft eine wunderschöne, besiedelte Landschaft – Gleichnis jener mit Dingen vollgestopften Welt, von der Diogenes sich abkehrt. Der glatte Spiegel des Sees in der Mitte, auf dessen blanker Oberfläche sich keine Welle kräuselt, ist eine Metapher der stoischen Apathie. 

Es ist für Sauerländer Ausdruck von Poussins Genie, wie er Landschaften zu intellektualisieren vermag, ohne ihnen das sinnliche Leben zu rauben. „Viele halten ihn für Frankreichs größten Maler“, hat er einmal geschrieben: „Für das Populäre allerdings, den Geschmack der Masse, eignet er sich nicht. Alles an ihm ist ungewöhnlich. Die erlesene Schönheit seiner Werke bleibt hermetisch.“ Geboren wurde der Maler 1594 in einem Städtchen der Normandie. Mit 30 Jahren ging er 1624 nach Rom, wo er bis zu seinem Tod 1665 lebte, mitten im europäischen Barock: 

Ihr Pomp war dem Stoiker nicht nur fremd, sondern moralisch zuwider. Die großen offiziellen Aufträge hat er nicht gesucht. Nie hat er einen Palast geschmückt, nur wenige Male einen Altar bekrönt. Seine wichtigsten Auftraggeber waren nicht der Hof und die Kirchenfürsten, sondern gelehrte Antiquare wie in Rom Cassiano dal Pozzo, in Paris der Amtsadel und gebildete Geschäftsleute. Für diese ihm oft freundschaftlich verbundenen Sammler malte er langsam, mit reflektierender Sorgfalt Themen aus der antiken Mythologie und Geschichte, aber auch aus der Bibel, auffallend oft aus dem Alten Testament. Er malte nicht für die Andacht, schon gar nicht für die mystische Verzückung, sondern für die Nachdenklichkeit. „Peintre-Philosophe“ hat man ihn gepriesen. 

Dabei wird, in einer Gegenbewegung zum ausschweifenden Barock, Poussins Bildsprache zunehmend strenger, seine Anforderungen an den Betrachter auch: 

Sein berühmtes Gemälde mit der Manna-Lese der Israeliten in der ägyptischen Wüste erläutert er (Poussin, G.P.): „Sie werden unschwer jene erkennen, die schmachten, die staunen, welche Mitleid haben und welche Barmherzigkeit üben.“ Dann folgt der erhellende Satz: „Lesen Sie die Geschichte und das Gemälde, um sich darüber klar zu werden, ob jedes Ding zum Thema passt.“ Es ist eine Aufforderung, welche sich auch kunsthistorische Interpreten von heute noch hinters Ohr schreiben sollten. Die Lektüre von Poussins „vernünftigen“ Historienbildern ist eine Aufgabe von sensibler Rationalität. 

Und so ist auch Sauerländers Ansatz der eines aufgeklärten und gebildeten Sehens, um etwas zu entdecken, das er in seinem letzten Buch jetzt die „poetische Intelligenz“ Poussins nennt. Es ist die Anschauung, die Sauerländer, der anders als die meisten seiner kunsthistorischen Kollegen auch Kunstkritiker wurde, immer wieder auf das Schönste zelebriert und den Leser und Betrachter des opulent bebilderten Buchs in die Tiefe der Kunstbetrachtung führt: Der Sturm in der Katastrophenlandschaft von „Landschaft mit Pyramus und Thisbe“ (1651), in dem die Ochsentreiber zu Boden geworfen sind, der feuchte Morgen, durch den ein blinder Riese in „Landschaft mit blindem Orion“ (1658) in Richtung Meer läuft, das strotzende Grün im Garten Eden und die prallen Früchte und Blüten am Baum der Erkenntnis in „Der Frühling“ (1660–64) mit Adam und Eva. 

Nach einer ausführlichen Werkgeschichte, in der Sauerländer von den frühen Landschaften zu den mythologisch orientierten Bildern Poussins führt, geht es um die vier jahreszeitlichen Gemälde, die biblische Themen auf eine ganz eigene Art aufgreifen – eine „landschaftliche Vermählung zwischen den Gezeiten in der Natur und den Ereignissen der biblischen Geschichte“: Der „Frühling“ findet im Garten Eden statt, im üppigen Grün redet Eva auf den sitzenden Adam ein und zeigt auf die Früchte am Baum der Erkenntnis, während hinten schon Wolken aufziehen. Für Sauerländer ist hier ein „vorwitziger Hauch von Gewissensfreiheit“ zu sehen, eine für alle offene Symbolik. Der „Sommer“ zeigt die erste Begegnung von Rut und Boas und damit eine Überleitung vom Alten zum Neuen Testament, und selbst die erntenden Bauern sind Teil der Erzählung. Auch der „Herbst“ spielt im Alten Testament, aber da Moses‘ Kundschafter eine riesige Weintraube tragen, mit der Eucharistie auch im Neuen Testament. Und im „Winter“ sieht man ertrinkende Menschen, im Hintergrund schippert die Arche Noah davon, und ein Blitz nimmt die Romantik vorweg. 

Sauerländer führt präzis, gelehrt und oft plauderig durch die klaren und gleichzeitig poetischen Bildkompositionen und vielschichtigen Landschaften. Immer aber geht es um die Natur als Teil und Versinnbildlichung menschlicher Leidenschaften und Schicksale, und Sauerländer deckt gleichzeitig ihre literarischen und kunsthistorischen Quellen auf. „Hier ist auf Poussins Landschaften die letzte, sublimste Stufe der Verschmelzung von Natur und Geschichte erreicht.“ Das ist nach Sauerländer in der Geschichte der Malerei ohne Vorbild.

Titelbild

Willibald Sauerländer: Die Natur im Stundenglas der Zeit. Poussins Landschaften.
Hg. von Reinhold Baumstark.
Verlag C.H.Beck, München 2024.
287 Seiten , 58,00 EUR.
ISBN-13: 9783406811869

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