Hannah Arendt – keine Heilige, aber eine stets gegenwärtige Zeitgenossin
Willi Winkler gelingt ein faszinierendes Porträt der Jahrhundertintellektuellen
Von Jens Hacke
Ob die Arendt-Welle zum 50. Todestag der Philosophin einen vorläufigen Höhepunkt erreicht hat, ist schwer zu sagen. Vermutlich nicht. Arendts mittlerweile ikonischer Status, der sich in der Allgegenwart ihrer Porträts, in Ausstellungen, Filmen und Theateraufführungen und in der Flut der Publikationen zu Leben und Werk widerspiegelt, hat eine exorbitante Dimension erreicht. Vor allem, wenn man berücksichtigt, wie anspruchsvoll die Lektüre ihrer Hauptwerke sich gestaltet. Von Arendts Vita activa oder Vom tätigen Leben und ihrer Studie über Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft gehen immer noch einige Tausend Exemplare im Jahr über die Ladentische. Ob sie tatsächlich gelesen und verstanden werden, lässt sich kaum sagen. Nicht umsonst bleibt der Prozessbericht Eichmann in Jerusalem – schon aufgrund der einprägsamen Formel über die „Banalität des Bösen“ – ihr berühmtestes Buch: Arendts Mut zur konsequenten These und ihr Provokationsdrang entfalten sich darin spektakulär. Bekanntlich thematisierte sie die vermeintliche Kollaboration der Judenräte während des Völkermords und modellierte Eichmann zum Bürokraten, dessen Einfältigkeit gar keinen antisemitischen Fanatismus nötig hatte. Positiviert man Arendts Wirkung, so lässt sich zumindest sagen, dass die Eichmann-Kontroverse viele Forschungen zur „Endlösung“ erst inspirierte. Jedenfalls legt der Streit um Eichmann nahe, dass es womöglich verfehlt ist, sie als systematische Denkerin rein akademischen Gefilden zu überlassen. Sie war eben in ganz besonderer Weise eine öffentliche Intellektuelle, die urteilsstark die publizistische Aufmerksamkeitsökonomie einzuschätzen wusste und sich als ebenso selbstbewusste wie nervenstarke Einzelkämpferin erwies.
An Arendt-Biographien herrscht mittlerweile kein Mangel mehr. Nach der Pionierstudie von Elisabeth Young-Bruehl sind allein auf dem deutschen Buchmarkt in kurzer Folge drei gewichtige Lebensbilder erschienen. Neben Grit Straßenbergers umsichtiger und ausgewogener Darstellung von Leben und Werk, das mit dem Schwerpunkt auf die politische Theorie alle Wegmarken der Denkerin berücksichtigt und ihrer Faszination nachspürt, sowie Thomas Meyers aufsehenerregender Biographie, die nach zwei Jahren nun in der Paperbackausgabe vorliegt, hat der Literaturkritiker, Journalist und Autor Willi Winkler ebenfalls ein fulminantes Buch über Arendt verfasst. Wenn Meyer das Verdienst gebührt, die Familiengeschichte neu ausgeleuchtet, die Exiljahre aufgrund von Archivstudien auf neue faktische Grundlage gestellt und die Eingebundenheit in jüdische Debattenkontexte erhellt zu haben, so liefert Winkler eine intellektuelle Lebenserzählung, die mit dem Spürsinn für literarische Querverbindungen, intellektuelle Konflikte und vergangenheitspolitische Abgründe der deutschen Nachkriegszeit aufwarten kann. Es gereicht der Leserin zum Vorteil, dass Winkler auf den Anspruch verzichtet, alles, was über Arendt zu wissen ist, noch einmal zu erzählen. Auf eigentümlich packende, mitunter idiosynkratische Weise situiert er Arendts Wirken in den intellektuellen Kämpfen ihrer Zeit, oft durch die Brille der Schriftsteller, Journalisten und Verlagsleute, die ihren Weg kreuzten.
Natürlich kommen in Winklers Buch die großen Themen zur Sprache: der frühe Weg in die Philosophie, die lebenslange Faszination und Liebe für Heidegger, die Freundschaft zu Jaspers, die Auseinandersetzung mit dem Totalitarismus, Ehen und Freundschaften, Arendts Etablierung als New Yorker Intellektuelle, ihr Amerikabild, der Blick auf Adenauer-Deutschland und die NS-Kontinuitäten etc. Aber entscheidend bleibt doch sein neugieriger und erfrischend respektloser Blick auf die Protagonistin, deren Irrungen und Wirrungen ihn genauso interessieren wie die erstaunlich hellsichtigen und originellen Gehalte ihres politischen Denkens und Urteilens.
Bei aller Lust an der Kritik würdigt Winkler Arendt als eine antiautoritäre, undogmatische Zeitgenossin, die furchtlos zu ganz verschiedenen Gegenwartsfragen Stellung bezog. Leitmotivisch bleibt ihr Satz: „Kein Mensch hat das Recht zu gehorchen bei Kant.“ Folgerichtig entwirft Winkler keine Theoretikerin, der dann eine Schule der Arendtianerinnen und Arendtianer folgen könnten, denn ihr Werk bietet weder Vorschriften noch Glaubenssätze. Eben weil es („ohne Geländer“) keine Einschränkungen liefert, darf es als Einladung zum Weiterdenken genutzt werden. Ihrer Originalität gewiss archivierte Arendt ihr Schaffen akribisch: Denktagebücher, Notizzettel, Manuskriptentwürfe, Gedichte, Briefe – ein Monument des prädigitalen Zeitalters, das die Kritische Gesamtausgabe auf Jahre hinaus beschäftigen wird. Es ist erstaunlich, welche Funde Winkler allein aus dem öffentlich zugänglichen Nachlass präsentiert und wie er mit detektivischem Gespür Resonanzen und Ablagerungen der Diskurse, in die Arendt involviert war, ausfindig macht. Winkler ist ein ebenso engagierter wie unkonventioneller Erzähler, der seine Leserinnen und Leser in Atem hält. Man muss all seine Urteile, seine Schwerpunktsetzungen und Steckenpferde („braune Netze“ und Nazi-Kontinuität) nicht in vollem Maße teilen, um durch die Fülle an originellen Verknüpfungen, überraschenden Volten, manchmal auch halsbrecherischen Deutungsversuchen gebannt zu sein. Sogar im Widerspruch bleiben Leserin und Leser bestens unterhalten, wenn man Winklers Nonchalance, seine ironischen Insinuationen und seine Freude an metaphorischen Pointen zu schätzen weiß.
Es ist unmöglich, in einer Rezension der Fülle dieser 19 dramaturgisch virtuos komponierten Kapitel gerecht zu werden. Nur einige Aspekte sind im Folgenden herauszugreifen. Keine Arendt-Biographie kann die Beziehung zu Heidegger übergehen, und auch Winkler akzentuiert dies lebenslange Verbindung. Arendt hatte sich nie von ihrem ersten philosophischen Lehrer gelöst und war bereit, ihm alles Mögliche nachzusehen, auch sein Nazitum verstehend zu verzeihen. Ob man Winklers „naheliegender Erklärung“ folgt, dass die Liebe zu Heidegger mit dem frühen Verlust des Vaters zu tun habe, sei dahingestellt. Derartige psychologisierende Ableitungen lassen sich ohnehin schwerlich überprüfen. Jedenfalls kann Winkler eindrucksvoll vorführen, dass Heideggers Zauber sich keinesfalls in philosophischer Nähe erschöpfte, sondern durchaus eine irrational-emotionale Komponente beinhaltete.
Es ist retrospektiv nur schwer zu fassen, wie Arendt mit der Nähe von Ex-Nazis klarkommen konnte. Ihr Lektor im Piper Verlag, der Germanist Hans Rössner, war ein SS-Kamerad von Hans Schneider/Schwerte und betreute das Eichmann-Buch. Mit Hans Egon Holthusen, ebenfalls ein ehemaliger SS-Mann, hatte sie Kontakt in seiner Zeit als Leiter des Goethe-Instituts in New York Anfang der 1960er Jahre. Auch zum ehemaligen Geliebten aus Studienzeiten Benno von Wiese nahm sie wieder Verbindung auf, als dieser NS-Karrierist, so Winkler lakonisch, „längst entnazifiziert und munter wie ein Zäpfchen von der Nazi- in die Nachkriegsgermanistik geflutscht“ war. Winkler zitiert den unveröffentlichten, deutlichen Brief Arendts an von Wiese aus dem Jahr 1965, der sich bislang in keiner Arendt-Biographie findet: „Damals hast Du Dich für eine ungestörte Laufbahn entschieden und schneller als viele andere gleichgeschaltet, indem Du die ‚Entfernung fremden Bluts‘ von den Universitäten fordertest.“ Im Blick auf die zu erwartenden „Ausgrabungen“ einer jüngeren Generation konstatiert sie lapidar: „Es ist doch klar, dass die junge Generation lesen kann und dass das, was Ihr damals geschrieben habt, sich nicht erst heute sehr komisch ausnimmt.“
Die Konfrontation mit „unbewältigten Vergangenheiten“ schildert Winkler mit Verve und Sensibilität für Abgründe. Das Buch ist eine Fundgrube für derlei „deutsche Zustände“, und nachhaltige Passagen gelingen Winkler, wenn er Arendts Verhältnis zur jüngeren Intellektuellengeneration beschreibt: die enge Freundschaft zu Uwe Johnson, der zeitweise bei ihr wohnte und sie in den Jahrestagen zur Romanfigur macht; die Bewunderung Enzensbergers, dessen politische Eskapaden Arendt verdächtig blieben; die Faszination, die sie auf Joachim Fest ausübte – er erfuhr während einer gemeinsamen Bahnfahrt von der Liaison mit Heidegger.
Als ausgewiesener USA-Kenner gibt der Verfasser der Amerikanerin Arendt genügend Raum, schildert sie als streitbare Intellektuelle in der McCarthy-Ära, die sich nicht dem Schwarz-weiß-Raster des Kalten Krieges fügt. „Joseph McCarthy hatte sie zur Verteidigerin der Republik gemacht, sie wurde Amerikanerin des Herzens“, konstatiert Winkler. Freilich entwarf sie ein idealisiertes ursprüngliches Amerika, das den Maßstab für die Kritik der Gegenwart bereitstellte. Zu den Cold Warriors des Congress for Cultural Freedom geht sie auf Distanz. Obwohl Arendt später zur Gegnerin des Vietnam-Krieges wird, von der Alternative des Rätesystems fasziniert bleibt und mit den Protestformen der Studentenbewegung sympathisiert, lässt sie sich kaum umstandslos für die Linke vereinnahmen. Weder interessiert sie sich für den Feminismus, noch kümmern sie Fragen der Ökonomie – als Liberale will sie überdies auf keinen Fall gelten.
Die größte Irritation verursachte freilich ihre völlig verunglückte Stellungnahme zur afroamerikanischen Bürgerrechtsbewegung. Der berüchtigte Aufsatz über Little Rock, als sie die Erziehung kurzerhand zur Privatsache erklärt und der protestierenden Black Community vorwirft, ihre Kinder für einen politischen Kampf zu missbrauchen, stieß schon bei Zeitgenossen auf Unverständnis. Darin verteidigt sie auf verquere scholastische Weise das gesellschaftliche Recht auf Diskriminierung – ein verstörender intellektueller Tiefpunkt: „Bei diesem Thema wollte sie weniger verstehen als recht behalten“, urteilt Winkler. Ob man, wie der Autor dies tut, an dieser Stelle den wohlfeilen Rassismusvorwurf lancieren sollte und ihre Position mit Arendts literarisierten Einfühlungsversuchen ins koloniale Bewusstsein aus dem Kapitel über die „Gespensterwelt des Schwarzen Erdteils“ kurzschließen sollte, daran lassen sich Zweifel anmelden. Arendts fehlende Sensibilität in dieser Frage hängt womöglich mit ihrer durchgehenden Ignoranz gegenüber sozialen Fragen zusammen, begleitet von einer gehörigen Portion New Yorker Snobismus – die Südstaaten hatte sie nie gesehen. Vom ostjüdisch geprägten Literaturnobelpreisträger Saul Bellow (den Winkler übrigens noch kannte und übersetzte) ist die maliziöse Charakterisierung Arendts als „superior Krautess“ überliefert.
Willi Winkler hat das originelle Porträt einer Jahrhundertintellektuellen vorgelegt. Man liest darin nichts über die ausgeleierten Floskeln Natalität, Pluralität oder Handeln in Freiheit, welche die Arendt-Community anhaltend in Verzückung versetzen. Stattdessen präsentiert er eine beeindruckend eigenständige Denkerin, die ein Übermaß an Mut und Selbstbewusstsein besaß, sich zu exponieren. Ihre Versuche, de eigene Zeit zu verstehen, bleiben faszinierend auch dort, wo sie daneben lag. Winklers Tour de Force schreitet Wege und Abwege aus, entfaltet ein breites transatlantisches Geistespanorama, ohne jemals in Seichtigkeit abzugleiten. Arendt-Fans werden manches Mal vor den Kopf gestoßen sein, ihre Gegner werden Urteile revidieren. Während und nach der Lektüre spürt man den Wunsch, noch einmal bei Arendt und um sie herum weiterzulesen. Was lässt sich Besseres über ein Buch sagen?
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