Revolutionärinnen
Antje Schrupp stellt in „Unter allen Umständen frei“ drei US-Amerikanerinnen des 19. Jahrhunderts vor
Von Rolf Löchel
Antje Schrupp ist ein ebenso origineller wie interessanter Einstieg in ihr Buch über drei US-amerikanische Feministinnen des 19. Jahrhunderts gelungen. Denn sie nimmt auf den ersten Seiten die Perspektive eines damals führenden Antifeministen und Zensors des sich als Land of the free verstehenden Staates ein, der auf dem Sterbebett höchst zufrieden auf seine zerstörerische Lebensleistung zurückblickt. Die nach diesem Herrn benannten Comstock Acts von 1873 verboten es, ‚sexuell anstößige‘ Sendungen mit der Post zu verschicken. Richtete sich das Gesetzespaket schon damals nicht zuletzt gegen die feministische Zeitschrift Woodhull and Claflin’s Weekly, so wurde es unlängst von Trump reaktiviert, um zu verhindern, dass sich Frauen weiterhin Informationen über Abtreibungen zusenden lassen können.
Herausgegeben wurde das besagte Periodikum von Victoria Woodhull und ihrer Schwester Tennessee Claflin. Erstere ist eine der drei Frauen, mit denen Schrupp ihr Lesepublikum bekanntmacht. Bei den beiden anderen handelt es sich um Lucy Parsons und Emma Goldman. Mögen sie auch recht unterschiedliche Lebenswege beschritten haben und in ihren Ansichten keineswegs konform gegangen sein, so vereint die drei Frauen doch, dass sie „Originale, Individuen, nicht Vertreterinnen einer bestimmten Perspektive oder sozialen Gruppe“ waren; ähnlich vielleicht wie hierzulande Helene Druskowitz oder Franziska zu Reventlow.
Bevor Schrupp sich den drei Revolutionärinnen zuwendet, stellt sie unter der Überschrift „Die Entrechteten“ in einer Art Vorwort allgemeinere Betrachtungen zum Feminismus nicht nur des 19. Jahrhunderts an und macht dabei darauf aufmerksam, dass es „‚intersektionale‘ Ansätze […] schon lange“ gibt, zum Beispiel bereits vor 1848 von Louise Otto-Peters, die von Schrupp allerdings nicht genannt wird. Ebenso unerwähnt bleibt, dass der feministische Intersektionalismus durchaus seine Tücken hat. Je stärker sich die Frauen darauf konzentrieren, dass und wie sich verschiedene Diskriminierungen in einer Person addieren können, desto stärker gerät die Unterdrückung von Frauen, weil sie Frauen sind, aus dem Fokus. Hinzu kommt (und das ist vielleicht noch wichtiger), dass FrauenrechtlerInnen für die ureigensten Anliegen des Feminismus, nämlich die Emanzipation der Frauen und den Kampf gegen deren Unterdrückung und sonstige Diskriminierungen, umso weniger Zeit haben, je mehr sie sich für andere diskriminierte Gruppen einsetzen. Nebenbei bemerkt korrespondiert der intersektionale Feminismus mit dem antifeministischen Ansinnen, Frauen hätten sich um die Nöte aller zu sorgen. Auch wird weit seltener gefordert, andere emanzipatorische Bewegungen, antirassistische oder postkoloniale etwa, hätten sich umgekehrt ebenso sehr für Frauenrechte einzusetzen. Tatsächlich ist das Gegenteil der Fall. Nicht selten wird die Unterdrückung der Frauen etwa in islamisch geprägten Gesellschaften wie beispielsweise im Gaza-Streifen von postkolonialer Seite relativiert oder ignoriert, wenn nicht gar gerechtfertigt.
Schrupps einleitenden Bemerkungen folgen drei Kapitel, die jeweils einer der vorgestellten Frauen gewidmet sind. Sie erzählen das Leben ihrer Protagonistin nicht chronologisch, sondern fokussieren sich auf die Zeit deren feministischen, politischen oder anarchistischen Engagements, mit dessen Ende die Darstellung ihres jeweiligen Lebensweges auch schon mal etwas abrupt abbricht. Auch die biographische Vorgeschichte ihres Aktivismus wird eher knapp umrissen.
Den Anfang macht Victoria Woodhull, die skandalträchtigste, eigensinnigste, vielschichtigste und vielleicht auch emanzipierteste der drei Frauen. Erfrechte sie sich doch zu einer Zeit, als den Frauen das Wahlrecht noch versagt war, als Präsidentschaftskandidatin anzutreten; mehr als ein Jahrhundert vor Hilary Clinton und Kamala Harris. Schrupp zufolge „hat Victoria Woodhull ihre politische Kampagne vollkommen an der organisierten Frauenbewegung vorbei gestartet“, ist aber dennoch zur „neuen Frontfrau der Frauenrechtlerinnen“ avanciert. Ihre Kandidatur brachte Woodhull zwar keinen Amtssitz im Weißen Haus ein, aber einen von mehreren Gefängnisaufenthalten. Und auch wenn sie den Großteil ihrer Zeit nicht in Haftanstalten verbrachte, so doch in denkbar prekären Verhältnissen. Die bekennende Verfechterin der „freie[n] Liebe“ schlug sich zeitweise als Spiritistin, Wahrsagerin oder Prostituierte durch. Als letztere horchte sie einen bekannten Börsenspekulanten aus und betätigte sich daraufhin selbst als erfolgreiche Wallstreet Brokerin. Bedauerlicherweise verfolgt Schrupp Woodhulls Lebensweg nur bis in die 1870er Jahre mit Schwerpunkt auf eben dieses Jahrzehnt ihrer Präsidentschaftskandidatur und ihrer Mitherausgeberschaft des Woodhull and Claflin’s Weekly. Den letzten 50 Jahren ihres Lebens räumt Schrupp hingegen gerade mal eine halbe Seite ein.
Lucy Parsons, der sich Schrupp im zweiten Kapitel zuwendet, war eine ehemalige Sklavin, die ihre afrikanische Abkunft zeitlebens verleugnete und sich stattdessen eine „neue Identität [erfand]“, nämlich die, von „mexikanisch-indigene[r] Abstammung“ zu sein. Mit Woodhull hatte sie nicht allzu viel gemein. So galt ihr die Ehe als „wichtige und heilige Angelegenheit“. Dennoch lebte sie auch während ihrer Ehe promiskuitiv, oder wie Schrupp mit einem heute ebenso angesagten wie ideologisch aufgeladenen Begriff sagt: „polyamor[]“.
Als geborene Lucia Carter verdankt sie den Namen, unter dem sie bekannt wurde, wie wohl auch ihre spätere – nun ja – Berühmtheit ihrer Hochzeit mit dem „weißen Aktivist[en]“ Albert Parsons, einem Anarchisten, der seinerseits dadurch traurige Bekanntheit erlangte, dass er mit vier Gesinnungsgenossen für das Haymarket-Attentat hingerichtet wurde. Keiner der Beschuldigten hatte etwas mit dem Bombenwurf während einer Gewerkschaftskundgebung zu tun, der mehreren Polizisten das Leben kostete. Trotzdem handelt es sich bei dem Skandalurteil keineswegs um einen Justizirrtum. Denn „keiner der Angeklagten wird beschuldigt, die Bombe […] gebaut oder geworfen zu haben, ihnen wird nicht einmal vorgeworfen, an der Planung des Anschlags beteiligt gewesen zu sein“. Vielmehr wurden sie „von den Geschworenen ausgesucht und angeklagt, weil sie Anführer waren“. Das ist nicht etwa die Ansicht Schrupps; es sind die Worte des damals leitenden Staatsanwaltes, den Schrupp zitiert. Nach der Hinrichtung setzte sich Lucy Parsons vor allem für die Erinnerung an ihren Ehemann und die der anderen Opfer des offensichtlichen Justizmordes ein. Den Tod der ermordeten Polizisten bedauerte sie hingegen nicht. Die Polizei „sei selbst schuld gewesen“, argumentierte sie, denn „sie hätte kein Recht gehabt, die Haymarket-Versammlung aufzulösen“. Überhaupt war Parsons Schrupp zufolge von „unnachgiebiger Militanz“. Das ist wohl zutreffend, wie ein Zeitschriftenartikel von Parsons zeigt, der sie „als militante Anarchistin öffentlich bekannt“ machte. Schrupp dokumentiert ihn „in voller Länge“ über drei Seiten hinweg.
Zwar bemerkt Schrupp, dass Parsons eine „lebenslange Vorkämpferin für arme und entrechtete Menschen“ war und ihr „eine Art syndikalistische, direkte Demokratie [vorschwebte]“, in der eine „Utopie von Gerechtigkeit und Fülle“ verwirklicht ist. Doch trat sie trotz ihrer anarchistischen Gesinnung 1939 in die stalinistische KPUSA ein. Da wäre es schon interessant gewesen, zu erfahren, wie sie das mit ihrer anarchistischen Ideologie vereinbarte. Schrupps Darstellung des Lebenswegs von Parsons endet jedoch im Jahr 1905. Da hatte sie fast noch vier Jahrzehnte vor sich. Nach Parsons’ Tod 1942 ließ das FBI ihren Nachlass verschwinden.
Schrupp nutzt das Kapitel über Parsons dazu, die damalige Entwicklung des US-amerikanischen Anarchismus in Umrissen nachzuzeichnen. So kontextualisiert sie etwa das Haymarket-Attentat mit dem Hinweis, dass Arbeitskämpfe in den USA zu dieser Zeit üblicherweise mit Waffen ausgetragen wurden, wobei sowohl die Streikenden als auch die Sicherheitskräfte der Unternehmer und Fabrikbesitzer bewaffnet zu sein pflegten.
Auch für die 1869 in Litauen geborene Emma Goldman bedeuteten die „Haymarket-Ereignisse“ von 1886 einen wichtigen Einschnitt in ihrem Leben. Denn die damals noch Heranwachsende wurde durch sie „politisiert“. Goldman ist wohl nicht nur hierzulande die bekannteste der drei Frauen. Schrupp sieht den Grund dafür darin, dass sie „eine ideale Fläche für Projektionen“ war und noch immer ist. So habe sie es denn auch „in den Kanon der offiziellen Geschichtsschreibung geschafft“. Wobei man sich allerdings fragt, was die offizielle Geschichtsschreibung ist. Jedenfalls wurde Goldman zum „prominenteste[n] Gesicht“ nicht nur des Anarchafeminismus, sondern überhaupt zum „neue[n] Shooting-Star des amerikanischen Anarchismus“. Dass sie „Karriere“ als dessen „Sprachrohr“ machen konnte, ermöglichte ihr nicht zuletzt die von ihr 1906 gegründete Zeitschrift Mother Earth. Sie erschien bis 1917.
Für Emma Goldman war Anarchismus „eine klar definierte Weltanschauung“. Daher legte sie großen Wert darauf, ihn „von anderen sozialistischen Strömungen abzugrenzen“. Die Praxis und die angestrebte Gesellschaftsform der Theorie und Ideologie des Anarchismus ist die Anarchie, in der Goldman allerdings „nicht nur eine Idee und Utopie“ sah. Vielmehr „bedeutet[e]“ sie ihr „immer auch praktische und soziale Freiheit im eigenen Alltag“. Zugleich aber schrieb sie „bürgerlichen Geschlechternormen“ eine „viel größere Bedeutung“ bei als Woodhull oder Parsons dies taten. Allerdings teilte sie mit Woodhull die Erfahrung „unzählige[r] Gefängnisaufenthalte“. Anders als Marx, der mit Verachtung auf das von ihm sogenannte Lumpenproletariat herabsah, galten Goldman „alle Menschen, deren Lebensunterhalt prekär ist“, als „Subjekt der Revolution“. Damit hat sie Herbert Marcuses Randgruppentheorie vorweggenommen.
Von Wahlrecht und Demokratie hielt Goldman hingegen herzlich wenig. Ersteres sei „ein Übel“, zitiert Schrupp sie, das „nur dazu beigetragen [hat], die Menschen zu versklaven“. Denn, so Goldmans Begründung, „das allgemeine Wahlrecht macht es möglich, die Schuld für ihre schlechten Lebensumstände den Armen selbst zuzuweisen“. Die Demokratie wiederum sei „eine Legitimation für die wirtschaftliche Ausbeutung der Schwächsten“.
„Goldmans vielleicht größter [sic] Verdienst“ liegt Schrupp zufolge darin, dass die Anarchistin bereits „sehr früh den Bolschewismus als eine autoritäre Ideologie erkannt hat und nicht als Versuch, ein freiheitliches Gesellschaftssystem zu etablieren“ verkannte. Ein Beitritt in die KPUSA wäre für sie sicher nicht infrage gekommen. Allerdings kritisierte Goldman auch die USA so „scharf und konsequent […] wie kaum jemand sonst“ dafür, dass sie ihr „Freiheitsversprechen“ nicht einlöst.
Im zweiten und dritten Kapitel geht Schrupp jeweils auf Parallelen und Unterschiede zwischen der dort behandelten Protagonistin und der beziehungsweise den zuvor Vorgestellten ein. So merkt sie etwa im Goldman-Abschnitt an, dass diese und Parsons vielfach unterschiedlicher Ansicht waren und sich auch persönlich nicht besonders gut verstanden.
Stilistisch ist das vorliegende Buch etwas uneinheitlich. Wenn Schrupp die Aktivitäten ihrer Protagonistinnen gesellschaftlich und historisch kontextualisiert, ist das zwar informativ, gerät mitunter aber recht trocken. Überhaupt erzählt die Autorin insgesamt ziemlich nüchtern und nicht eben lebendig. Dann und wann würzt sie aber auch schon einmal ironisierende Bemerkungen unter. Auch blickt sie gelegentlich in die Köpfe verschiedener historischer Gestalten wie Isabella Beecher Hooker, die „endlich aus dem Schatten ihrer berühmten älteren Geschwister heraustreten [will]“ und von ihrer „besserwisserische[n]“ Schwester Catharine genervt ist. Dass Schrupp unsauber formuliert, kommt hingegen selten vor. So etwa, wenn sie schreibt, dass zwei Männer als „vermeintliche Ärzte“ arbeiteten, wenn offensichtlich ist, dass es angebliche Ärzte waren. Denn sie gaben sich zu Unrecht als solche aus.
Kritisch anzumerken ist auch, dass Schrupp den beiden damals führenden Feministinnen Elisabeth Cady Stanton und Susan B. Anthony nicht ganz gerecht wird. Jedenfalls interpretiert sie deren Publikationen nicht wohlwollend, sondern legt sie zu ihrem Nachteil aus. Allerdings räumt Schrupp ein,
dass Elisabeth Cady Stanton und besonders Susan B. Anthony mehr als andere bürgerliche Frauenrechtlerinnen ihrer Zeit versuchten, das Anliegen der Gleichberechtigung der Frauen mit anderen sozialen Kämpfen zu verbinden.
Aber auch hier kommt sie nicht umhin, die anderen Frauenrechtlerinnen herabzusetzen.
Hingegen fällt Schrupps Darstellung des schwarzen Bürgerrechtlers Frederick Douglass zu unkritisch aus. Zwar machte er sich schon 1848 für das Stimmrecht sowohl von Schwarzen als auch von Frauen stark. Doch als das 15th Amendment nach dem amerikanischen Bürgerkrieg diskutiert wurde, das afroamerikanischen Männern das Stimmrecht zugestehen sollte, kündigte er den Suffragetten (die sich ihrerseits sowohl für das Wahlrecht von Frauen wie das für schwarze Menschen eingesetzt haben) aus taktischen Gründen die Solidarität auf und weigerte sich, sich weiterhin dafür einzusetzen, dass auch Frauen das Wahlrecht erhalten sollten. Als Begründung führte er an, dass weiße Frauen über ihre männlichen Verwandten ohnehin schon genug Macht besäßen. Ansonsten beruhigte er sich damit, dass er sich ja nicht explizit gegen das Frauenwahlrecht ausspräche. Über diesen taktischen Verrat am Kampf für das Frauenwahlrecht ist bei Schrupp nichts zu lesen.
Ein weiterer Kritikpunkt ist, dass Schrupp Prostitution normalisiert, indem sie von „Sexarbeit“ spricht. Damit verharmlost sie nicht nur den ebenso gefährlichen wie erniedrigenden Alltag von Prostituierten, sondern ebenso sehr die gesellschafts- und geschlechterpolitischen Auswirkungen von Prostitution.
Eine formale Kritik kann auch nicht unterbleiben: Selbst für ein Sachbuch sind die Quellenangaben allzu oft zu allgemein. So heißt es nach einem Zitat einmal nur vage „wie eine amerikanische Historikerin schreibt“. Oft fehlen Quellenangaben auch ganz. Ins Auge sticht zudem, dass Schrupp bei der Übersetzung englischsprachiger Zitate das dort unbekannte generische Maskulinum benutzt, während sie ansonsten mit dem Asterisk gendert.
Im Anhang empfiehlt Schrupp einige Bücher „zum weiterlesen“ von denen einige zweifellos die Lektüre lohnen. Bedauerlicherweise zählt Marge Piercys bedeutender historischer Roman Sex Wars, in dessen Zentrum Victoria Woodhull steht, jedoch nicht zu Schrupps Empfehlungen.
Ungeachtet der genannten Kritikpunkte ist es natürlich zu begrüßen, dass Schrupp an die drei US-amerikanischen Revolutionärinnen erinnert. Die bei weitem interessanteste und außergewöhnlichste der drei Frauen ist zweifellos Victoria Woodhull. Ihr hat Schrupp bereits vor rund zehn Jahren eine weit ausführlichere Monografie gewidmet. Sie ist noch immer in zwei unterschiedlichen Ausgaben und unter zwei verschiedenen Titeln (Das Aufsehen erregende Leben der Victoria Woodhull und Vote for Victoria) erhältlich. Beide sind reich illustriert. Die etwas teurere sogar noch um einiges reichhaltiger.
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