Sperma und Menstruationsblut

Erica Jongs immer noch lesenswerter feministischer Klassiker „Angst vorm Fliegen“ ist in einer gelungenen Neuübersetzung erschienen

Von Rolf LöchelRSS-Newsfeed neuer Artikel von Rolf Löchel

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Vor etwas mehr als einem halben Jahrhundert erschien ein feministischer Roman, der seine bis dahin unbekannte Autorin mit einem Schlag weltberühmt machen sollte. Die Rede ist von Erica Jong und ihrem Buch Fear of Flying. Schnell wurde der Roman in zahlreiche Sprachen übertragen. Darunter auch ins Deutsche. Die Übersetzung unternahm damals Kai Molvig, der 1996 verstarb. Nach mehr als fünfzig Jahren, in denen Molvigs Translation zahlreiche Neuauflagen erreichte, liegt nun eine Neuübersetzung vor. Diesmal von einer Frau: Lilian Peter. Sie zeigt, dass Jongs Bestseller gut gealtert und noch immer lesenswert ist.

Seine oft (selbst-)ironische Ich-Erzählerin ist eine 29-jährige US-Amerikanerin namens Isadora, die sich – zum zweiten Mal verheiratet – auf die Suche nach (nicht nur) sexueller Freiheit begibt. Denn beide Ehen haben sie zu der Überzeugung gebracht, dass man in ihnen bestenfalls „versuchen“ kann, „durch die Tage zu kommen, einander beizustehen, gut zueinander zu sein, die Dinge zu erledigen, wie sie kommen, und sich nicht allzu sehr darum zu scheren, wer welche Aufgaben übernimmt“. Ihre Liebesutopie oder besser gesagt sexuellen Wünsche und Phantasien haben allerdings wenig mit den Vorstellungen der Freien Liebe der Kommunarden (und wenigen Kommunardinnen) der späten 1960er Jahre gemein. Vielmehr geht es ihr um eine Idealvorstellung, die sie „Nix-wie-Vögeln“ nennt.

Zwar versteht sich Isadora schon ihr „ganzes Leben lang“ als Feministin, doch ist es ihr noch immer nicht gelungen, „die große Frage“ zu beantworten, „wie Feminismus und unstillbare Lust auf männliche Körper unter einen Hut zu bringen waren“. Überhaupt zweifelt sie gelegentlich, ob ihr „ganzes hochgestochenes Rebellentum“ vielleicht nicht doch „nur eine Reaktion darauf“ ist, dass sie „im tiefsten Innern unterwürfig“ ist.

Jedenfalls wird ihr Ausbruch aus dem Ehealltag auch dadurch symbolisiert, dass sie, allerdings noch gemeinsam mit ihrem Mann, die Vereinigten Staaten verlässt und mit dem Flugzeug den Alten Kontinent bereist. Denn dort findet, natürlich in Wien, ein hochkarätig besetzter internationaler Kongress einer Psychoanalytiker-Vereinigung statt, der auch ihr Gatte angehört. Die meisten der auf der Tagung anwesenden Psychoanalytiker kennt Isadora, und bei nicht wenigen war sie irgendwann einmal in Therapie gewesen, ganz so wie es sich in ihren Kreisen geziemt. Psychoanalytikerinnen spielen hingegen keine Rolle. Abgesehen von Anna Freud, die auf dem Kongress das Schlusswort hält. Hat Isadora auch zahlreiche Therapien über sich ergehen lassen, so hält sie im Grunde doch herzlich wenig von der Zunft der ‚Seelenklempner’ und ihren Methoden. Denn „ihr ganzes Analyse- und Selbstanalysegerede war kompletter Bullshit. Konfrontiert mit einem echten Ereignis in ihrem eigenen Leben, waren sie unfähig darüber zu sprechen.“ Vor allem aber wittern sie in allem, „was auch nur ansatzweise nach Emanzipation [riecht], lediglich ein neurotisches Problem“ und pathologisieren „jegliche Protesthaltung gegen konventionelles weibliches Verhalten als ‚phallisch’ und ‚aggressiv’“.

Isadora selbst ist denn auch keine Psychoanalytikerin, sondern eine Schriftstellerin, die Lyrikbände veröffentlicht und für die Zeitschrift Voyeur satirische Artikel schreibt. Nun will sie ihren ersten Roman verfassen; ein Vorhaben, das in dem vorliegenden geradezu postmodern eingearbeitet wird. Auch reflektiert sie über die damals virulente Frage, ob Frauen, wie es damals hieß, ‚anders schreiben’. Männer schreiben mit Sperma, Frauen mit Menstruationsblut, lautet ihre Antwort. Entsprechend hart fällt ihre Kritik an der männlich/maskulinistischen Literaturkritik und deren Blick auf Schriftstellerinnen und ihre Werke aus, der sich mehr auf die Autorinnen als auf ihre Erzeugnisse richtet. Dabei sitzen Frauen ohnedies in der Falle der Widersprüche des weiblichen Daseins, zumal als Künstlerin und Feministin. „Wenn du weiblich und talentiert warst, war das Leben eine Falle, gleich für welchen Weg du dich entschiedst“. Aber trifft das nicht auf das Leben aller Frauen zu, ob sie nun talentiert sind oder nicht?

Auf dem Wiener Kongress lernt Isadora Adrian kennen und lässt sich auf eine Affäre mit ihm ein. Anders als ihr Mann Bennet ist er kein Freudianer, sondern Anhänger Lacans. Eines hat er allerdings mit zahlreichen seiner Geschlechtsgenossen gemeinsam: Er beutet weibliche Schaffenskraft aus. Denn er hat sich seinen erfolgreichen Vortrag auf dem Kongress kurzerhand von Isadora schreiben lassen.  

Hätte ihr dies schon eine Warnung sein können, so verlässt sie ihren Mann dennoch kurzentschlossen, um des „Nix-wie-Vögeln[s]“ willen mit Adrian in dessen „ramponierte[m] Triumph“ ziellos quer durch Europa zu fahren. Denn diese Art geschlechtlichen Verkehrs ist „das Reinste, was es gibt“. Zumindest in ihrer utopischen Vorstellung. Denn die „närrische Geschichte von der Suche nach dem idealen Mann“ hat sie längst aufgegeben.

Auf ironisierende Weise metaphorisch zu verstehen ist nicht nur das herabgekommene Vehikel ihres Liebhabers, sondern auch dessen Nachname Goodlove. Denn Adrian hat nicht nur Potenzprobleme. So erinnert sich Isadora an den ersten gemeinsamen Koitusversuch mit der lapidaren Bemerkung, „ich hatte kein Diaphragma und er hatte keine Erektion“. Zugleich aber stellt sie resigniert fest, dass „die ultimative sexistische Herabsetzung“ ein „Schwanz [ist], der sich bei der Arbeit schlafen legt“. Adrian erweist sich auch in anderer Hinsicht als wenig liebevoller Mann. Denn als sie sich ihm anschloss, „betrat“ sie „eine Welt, die nach seinen Spielregeln funktionierte“. Er „gab die Regeln vor, doch hatte er auch einen Hang, sie nach Belieben zu ändern“. Als er sich während der Reise als Tierquäler entlarvt, lässt das noch Übleres erwarten. Nämlich seinen „Machthunger und Sadismus“, dem allerdings nicht wenige Männer im langen „Kampf zwischen den Geschlechtern“ huldigen.

Die Handlung ist zwar im Jahr 1971 angesiedelt, doch blickt Isadora immer wieder über längere Passagen hinweg in ihre Vergangenheit zurück. So etwa in ihre Kindheit während der 1950er Jahre und noch weiter zurück in die Familiengeschichte, in der sich die Unterdrückung künstlerischer Ambitionen der Frauen über Generationen hinweg wiederholt. So übermalte schon der Großvater die Bilder ihrer Mutter. Auch einen Aufenthalt im Libanon erinnert die Protagonistin. Dort besuchte sie eine ihrer Schwestern, die ihren Lebenszweck darin sieht, ein Kind nach dem anderen zu gebären und Isadora ihre Kinderlosigkeit vorzuhalten. Den arabischen Männern gegenüber ist sie – kurz nach dem Sechs-Tage-Krieg – ebenso ablehnend wie später in Heidelberg den Deutschen. Ihre Abneigung gilt insbesondere dem Mann ihrer Schwester, der sie und ihre beiden anderen Schwestern eines Nachts wie selbstverständlich nacheinander beschlafen will.

Andere Erinnerungen gelten ihrer ersten Ehe mit einem hochgebildeten Genie, das während ihrer gemeinsamen Zeit langsam dem Wahnsinn verfällt und beginnt, sich für Jesus zu halten. Oder aber einem zweijährigen Aufenthalt Ende der 1960er Jahre in Europa, wo ihr zweiter und jetziger Ehemann als US-Soldat in Heidelberg stationiert war. Als Jüdin begegnet sie Deutschen während ihrer Heidelberger Zeit mit verständlichem Misstrauen und Ablehnung. Fast alle von ihnen verharmlosen den Nationalismus auf sich selbst exkulpierende Weise und leugnen, von der Shoa etwas gewusst zu haben. Symbolträchtig ist, dass Isadora auf dem Heidelberger Heiligenberg das 1935 von den Nazis errichtete und einer Thingstätte nachempfundene monumentale Freiluft-Theater aufsucht und es sich aneignet, indem sie dort lauthals ihre Gedichte deklamiert.

Jong arbeitet nicht nur mit einer Reihe von Rückblenden, sondern flicht auch zahlreiche Anspielungen auf Literatur-, Film-, Kunst- und sonstige Kulturgeschichte ein. Auch spielt Sex nicht eben eine geringe Rolle, doch sind ihre oft expliziten Schilderungen nie plump obszön. Noch ein weiteres ist positiv anzumerken. Angesichts der Handlungszeit 1971 und des Erscheinungsjahres der Publikation 1975 ist es keineswegs selbstverständlich, dass die Protagonistin die Bezeichnung „Negro“ als obsolet zurückweist und stattdessen von Schwarzen spricht.

In ihrem Nachwort erläutert Lilian Peter, was ihr bei der Übersetzung wichtig war, nämlich „ein[en] Ton zu finden, der wirklich aus und für Isadora spricht […] und der so heutig klingt, wie es das Original überraschenderweise zu weiten Teilen, immer noch tut“. Das ist ihr insgesamt überzeugend gelungen. Gelegentlich aber lassen allzu heutig klingende Wendungen und Ausdrücke zweifelnd innehalten. „Einen Plan [haben]“ etwa, „queer“ sein oder „Dummies“. Die angesichts des Vietnamkrieges getroffene Feststellung dass das Leben in Asien billig sei“, lässt wiederum vermuten, es solle gesagt werden, das ein Leben sei dort nicht viel wert. Möglicherweise hat Peter hier allzu wörtlich übersetzt.

Sehr gelungen ist hingegen ihre Übertragung der wiederkehrenden Rede von einem „zipless fuck“. Ihr „Nix-als-Vögeln“ ist zwar anders konnotiert als das Original und weckt andere Assoziationen, auch fehlt ihm die Eindeutigkeit des „zipless fuck“, eine Phantasie zu sein, denn Geschlechtsverkehr bei geschlossenem Reißverschluss ist nicht möglich. Ganz fraglos aber ist ihre Übersetzung weit besser und angemessener als der „Spontanfick“ der ersten Übersetzung von Molvig.

Titelbild

Erica Jong: Angst vorm Fliegen. Roman.
Aus dem Amerikanischen und mit einem kritischen Nachwort zur Neuübersetzung von Lilian Peter.
Ecco Verlag, Hamburg 2024.
525 Seiten, 25,00 EUR.
ISBN-13: 9783753000947

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