Romolog und romunizieren
Peter Wawerzineks neues Rom-Buch „Rom sehen und nicht sterben“ erzählt von Krankheit, Liebe und Neuanfängen
Von Werner Jung
Der neue Roman von Peter Wawerzinek setzt die Texte fort, die der Rostocker Schriftsteller (Jg. 1954) und u. a. Bachmann-Preisträger seit eh und je geschrieben hat: autofiktionale (Prosa-)Texte. Diesmal wählt Wawerzinek die Form des Briefes an eine alte Bekannte, um nacheinander von drei markanten Stationen seines Lebens zu erzählen: von der Einladung durch ein Villa-Massimo-Stipendium nach Rom, noch während der, wie er es nennt, „Coroma-Zeit“, dann von der Krebsdiagnose, der Dauer der Behandlung, schließlich der Begegnung mit einer Frau, zufällig auf der Straße, seiner nachmaligen Liebsten, mit der ein neues Leben beginnt, nicht zuletzt mit einem neuerlichen Besuch der ewigen Stadt. Zum Ende des Textes heißt es:
Bin über den Krebs hinweg. Habe diese Liebe an meiner Seite. Finde zum Schreiben zurück. Komme zum Schluss. Lege diesen Brief an Dich ad acta. Brauche keine andere Therapie. Schöpfe aus zwei Quellen. Der Liebe. Dem Wunsch, zu scheiben.
Und überaus kunstvoll dann die letzten Sätze, mit denen der Anfang der eigentlichen Schreibarbeit beginnt:
Es ist alles überstanden. Ich setze mich an den Schreibtisch, beginne, den Roman zu schreiben. Rom sehen – und nicht sterben. Ein Lächeln befällt mich.
Wawerzinek, so könnte man seinen neuen Text lesen, hat einen Roman vorgelegt mit verschiedenen Schichten und Geschichten, wobei bekanntlich die Geschichte immer etwas Geschichtetes meint. Da ist auf der einen Seite (wieder einmal) ein Rom-Buch, aber eines, das zunächst davon berichtet, wie überaus schwer es dem Schriftsteller gefallen ist, unter den Zwängen des Stipendiums einen Text schreiben zu müssen, was schließlich darin gipfelt, dass der Ironiker Wawerzinek vorgibt, einen ganzen Liebesroman in kürzester Zeit verfasst haben zu wollen, der dann aber auf völlig unerfindliche Weise im Orkus seines Laptops verschwunden sein soll. Auf der anderen Seite dann ein Buch über die Krebserkrankung, Berichte von und assoziative Bilder- und Phantasiefolgen zu den Behandlungen bis zur endgültigen OP des Tumors; darin eingewoben Rückblicke auf die Kindheit und andere biographische Momente mit häufigen Verweisen auf die ihn lebenslang schon prägende Großmutter mit ihrem Witz und ungeheuren Fundus an Merksprüchen, Küchenliedern und anderen Volksweisheiten, auch ihren Sprachspielen, die Wawerzinek ihr abgeschaut hat und die endlich auch zur Signatur seines Schreibens geworden sind. Die dritte Schicht des Romans bildet die Liebe und das dadurch möglich gewordene neue Leben. An einer Stelle fasst Wawerzinek diese drei Ebenen, Elemente bzw. Momente seines neuen Textes „im Schnelldurchgang“, wie er sich ausdrückt, zusammen:
War einmal der Krebs. Ist nun die Liebe. Wurde nichts gegeneinander eingetauscht, wie Geld gewechselt. Steht beides für sich. Hat alles miteinander zu tun. Wird mir unverhofft die Diagnose vor den Latz geknallt. […] Überstehe die Operation. Lebe weiter. Lebe auf. […] Sehe die Liebste. Verliebe mich. […] Breche, kaum dass die letzte Vergiftung vorbei ist, mit der Liebsten nach Rom auf. Um einfach hier zu sein und gemeinsame Wege zu gehen, die ich in den drei Jahren vor dem Krebsbefund allein abgelaufen bin.
Immer wieder ist Wawerzineks Text auch einer, der sich selbst poetologisch ausstellt und reflektiert, so wenn der Erzähler davon berichtet, wie er das Material für seine Texte und die Inspiration fürs Schreiben findet: „Bin der ewige Tramper, halte den Daumen mein Leben lang in den Wind. Gehe hinaus. Lasse mich auf all die Abenteuer ein, die mir begegnen. Begebe mich in fremde Hand. Komme hinzu. Entdecke die Situation, sehe die Möglichkeit, ergreife sie. Habe das Bild, das ich schaffen möchte, vor Augen. Stelle ihm nach, stelle es her.“
Wawerzinek ist mit seinem neuen Roman ein Glückswurf gelungen, zugleich anrührend und bestürzend ein Krebs-Buch zu schreiben wie ein beglückendes Liebesereignis darzustellen, was – dialektisch verstanden – sein Schreiben auf eine neue, höhere (oder sollte man nicht vielmehr sagen: tiefere?) Ebene gebracht hat.
Ein Beitrag aus der Redaktion Gegenwartskulturen der Universität Duisburg-Essen
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