Literatur und Wirklichkeit
Weitere Überlegungen zum sogenannten Fiktionalitätsproblem der Vormoderne
Von Jan Alexander van Nahl
Fakt und Fiktion erfreuen sich als Beurteilungs- und Entscheidungskategorien keiner nennenswerten Glaubwürdigkeit mehr, diesen Eindruck könnte man derzeit gewinnen. Wenn Politiker und Wirtschaftler in xenophober Psychose alternative Fakten schaffen, um nicht an der Realität zu scheitern, und allerlei Verquerdenker solchen Hirngespinsten zur Wirklichkeit verhelfen, dann scheint mit den guten alten Fakten im Alltag nicht mehr viel los zu sein. Und da haben wir noch nicht die KI genannt, die im digitalen Raum durch statistische Berechnungen ihre eigene Wahrheit schafft, ohne Verständnis für Fakt und Fiktion, mit potenziell fatalen Folgen. Andererseits machte jüngst mit Stephen King einer der erfolgreichsten menschlichen Erschaffer fiktiver Welten internationale Schlagzeilen damit, der zurzeit meistverbotene Literaturschaffende an Schulen in den Vereinigten Staaten zu sein, womit wohl auch solcher Fiktion eine Wirklichkeit im Sinne einer potenziellen Wirkung eingeräumt wird, die manch einflussreichem Bildungsgegner gefährlich erscheint.
Die Erforschung historischer Literaturen oder, noch weiter gefasst, von Geschichte überhaupt ist von solchen Strömungen und Meinungen nicht unbehelligt, doch stellt sich die Sachlage bekanntermaßen etwas anders und noch vertrackter dar. Angesichts einer Unzahl an wissenschaftlichen Erörterungen können in historischer Forschung derzeit wohl kaum eigentliche Umwälzungen in diesem Fragenkomplex erwartet werden, selbst wenn manche Ausarbeitung breitere Zustimmung erfährt als andere. So titelt auch das hier nun vorliegende Buch zwar mit Literarische Fiktionalität in der Vormoderne zunächst weitgreifend, schränkt dann aber im Untertitel gleich ein auf Beiträge zu Problemen und Perspektiven.
Sechs solcher Beiträge sind es, die auf insgesamt knapp 150 Seiten die diffuse Fragestellung erörtern. Die Hälfte dieser Beiträge (Stefan Feddern, Hartmut Wulfram und Gabriel Siemoneit) beschäftigt sich mit antiker Literatur, genauer mit klassischen Werken, wie sie Catull, Ovid, Seneca oder Cicero zugeschrieben werden, und da nochmals genauer vor allem mit dichtungstheoretischen Gesichtspunkten, die sich aus solcher Überlieferung gewinnen lassen. Ein Beitrag (Christian Schneider) befasst sich mit einer mittelalterlichen Erzählung, dem Iwein, zumindest als Fallbeispiel. Die beiden anderen Beiträge (Maria Reicher und Sonja Glauch) bieten Reflektionen zum weiteren Thema, einer epistemologisch perspektiviert, die Frage nach der Begründung fiktional gestalteten Wissens ins Zentrum rückend, der andere mit Blick auf den Figurenbegriff beziehungsweise auf die Geltung fiktionaler Figurenentwürfe, die den einzelnen Text überschreiten. Eine knappe Einleitung der Herausgeber Meike Rühl und Gabriel Siemoneit stellt in aller Kürze diese Beiträge vor, ohne tiefer in die Grundthematik einzuführen.
In dieser Sammlung findet man im Einzelnen allerlei Bekanntes, aber auch weniger frequentierte Blickrichtungen, die die Lektüre insgesamt bereichern. Auch ansatzweise programmatische Positionen finden sich formuliert, wenn etwa Glauch dezidiert gegen den „unhinterfragten Einsatz von Theoriekonzepten und -begriffen“ argumentiert, welche sich „als allgemeingültig verstehen, aber in Wirklichkeit moderne, westliche Kulturtechniken der Bildungselite beschreiben“. Unter solche (etablierte) Kritik fällt der Fiktionsbegriff nur zu leicht. Angesichts der sehr zurückhaltenden Einführung bleibt allerdings unklar, wie dieser schmale Band entstanden ist und welchen Anspruch er verfolgt – mühelos hätte man sich ja zahlreiche weitere Betrachtungen zu Zielsetzung, Geltung und Grenzen des modernen Denkens über das vormoderne Fiktionale vorstellen können. So aber bleibt die gebotene Auswahl eigenartig arbiträr und mancher Gedanke wohl auch unvollständig. Die einzelnen Zugänge zum Thema stehen eher nebeneinander, manches Problem, das bereits die frühere Forschung beschäftigt hat, wird neu aufgeworfen, andere Punkte werden zur Diskussion gebracht, die interdisziplinär durchaus unterschiedlich gewichtet werden können.
Das betrifft vor allem den philosophisch untermauerten Beitrag Reichers zu Fiktion als Wissensquelle: Die verhandelte These, dass auch Werke, die sich allein aus fiktionalen Aussagen zusammensetzen, als Wissensquelle fungieren können, erscheint zumindest aus literaturwissenschaftlicher Sicht unproblematisch, ebenso wie die Voraussetzung, dass ein Text oft mehr ist als die Summe einzelner Aussagen – das ist ja fast eine Grundannahme der Erforschung von (mittelalterlicher) Literatur. Es geht dort letztlich eben nicht darum, ein abstraktes Gebilde vormoderner Fiktionalität zu entwerfen, sondern eine Überlieferung, die nach zumindest heutigem Maßstab als fiktional angesehen werden könnte, so auszuwerten, dass wir etwas über den damaligen Menschen dahinter lernen, und der war eben mehr als nur ein theoretischer Begriff. Schneiders Beitrag bringt das gleich einleitend noch einmal auf den Punkt, wenn er bemerkt: „Welcher Aussagestatus einem Text zukommt, ob ein fiktionaler oder etwa ein faktualer, darüber entscheiden letztlich die Hörer oder Leser“ – dem lässt sich sofort zustimmen.
Die Einleitung merkt hier zwar den potenziellen Nutzen einer disziplinüberschreitenden Diskussion an, doch bleiben die versammelten Beiträge im engen Rahmen und setzen sich auch mit bestehender Forschung im eigenen Feld nur punktuell auseinander. Interessant wäre zum Beispiel der Dialog mit der Archäologie gewesen, die ja im Befund zunächst einmal mit einer Realität konfrontiert ist, die nicht in Frage steht. Man hätte sich innerhalb der Literaturwissenschaft auch einen skandinavistischen Beitrag gut vorstellen können, ist in der dortigen Forschung der jahrzehntelange Streit zwischen Frei- und Buchprosaisten doch auf ganz ähnlichem Gebiet ausgefochten worden (ohne eigentliches Ergebnis). Und gerade die altisländische Literatur ist ein Paradebeispiel für, mit Glauch gesprochen, transtextuelle Figuren, die nicht nur innerhalb eines Genres wiederholt in unterschiedlichen Erzählungen auftreten (durchaus mit historischem Anspruch, wie es scheint), sondern die Genre-Grenzen auch überschreiten und diese damit pointiert als Konstrukte überhaupt in Frage stellen.
Summa summarum setzt der Band also die kritische Auseinandersetzung mit dem weiteren Thema und damit dessen Kenntnis voraus, um das hier Gesagte zu bewerten. Vielleicht böte sich ein zweiter Band als Ergänzung und Reaktion an; hier erschwert wie gesagt die fehlende Entstehungsgeschichte die Einordnung. Nicht zuletzt sei an dieser Stelle aber noch eine kleine Kritik anderer Art geübt: So schwierig es geworden ist, bei der Lektüre alle Leserkreise anzusprechen, so sollte bei wissenschaftlichen Publikationen doch die Lesbarkeit einen wichtigen Stellenwert behalten. Man betrachte Satzkonstruktionen wie im Beitrag von Reicher: „Doch fiktionale Texte scheinen keine dieser Bedingungen zu erfüllen, da fiktionale Äußerungen niemals als Behauptungen intendiert sind und die Leser/innen das wissen. Von den Autor/inn/en wird daher weder Wahrhaftigkeit noch epistemische Rechtfertigung erwartet. Daher sind Autor/inn/en fiktionaler Texte keine zuverlässige Zeugnisgeber/innen und werden von den Leser/innen auch nicht für zuverlässig gehalten.“ Hätte sich wirklich eine Zeugnisgeberin oder ein Zeugnisgeber daran gestört, hier nicht im korrekten Genus adressiert zu werden?
Ein Beitrag aus der Mittelalter-Redaktion der Universität Marburg
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