Eine Stippvisite ins erste Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts
Mit Felix Salten in Österreich und in Wien
Von Günter Helmes
Das wie eine Edition mit Texten von Carl von Ossietzky im handlichen Format 18,5 x 11,5 gefertigte, aufwendig mit Fadenheftung, Kapital- und Leseband ausgestattete, gefällig gesetzte und auf festem, Hand und Nase schmeichelndem Papier gedruckte Hardcover aus der Reihe „Limbus Preziosen“ des Innsbrucker Limbus-Verlags präsentiert sechs wohl aus dem ersten Jahrzehnt des vorvergangenen Jahrhunderts stammende essayistische Texte von Felix Salten. Der im Band gewählten Reihenfolge nach: Das österreichische Antlitz, Nachtvergnügen, Die Wiener Straße, Stalehner, Das Wirtshaus von Österreich und Menagerie in Schönbrunn. Die ersten beiden Texte werden an dieser Stelle stellvertretend näher interessieren.
An die Texte Saltens schließen sich ein „Antlitz der Zeit, Physiognomie einer Stadt“ betiteltes Nachwort des Herausgebers Alexander Kluy, eine „Zeittafel“ zu Leben und Werk des Autors sowie „Quellennachweise“ an. Einen Kommentarteil zu Textstellen, die heute nicht ohne Weiteres als verständlich vorausgesetzt werden können, zumal nicht bei einem Laienpublikum, an das sich der schmale Band vermutlich vor allem wendet, gibt es leider nicht. Dafür sind in die Texte in eckige Klammern hier und da, jedenfalls nicht systematisch, knappe Erläuterungen insbesondere zu Personen der Zeitgeschichte eingefügt. Das ist allerdings ein Verfahren, das weder vom Lesefluss her befriedigt noch ästhetisch, zumal nicht bei einem Band, der ansonsten (s.o.) erkennbar auf sich hält. Nicht befriedigen kann auch, dass zumindest an einer Stelle offensichtlich in einem Akt der beflissenen Selbstzensur in einen Salten-Text eingegriffen wurde, ohne dies zu vermerken. Statt „Negers“ nämlich steht dort „N**s“ (was ich, um Verständnis des betreffenden Satzes bemüht, nicht anders als Negers lesen kann).
Felix Salten? Richtig, das ist der von einem gerissenen Filmproduzenten namens Walt Disney übertölpelte Autor des Romans Bambi. Eine Lebensgeschichte aus dem Wald (Dez. 1922, vordatiert 1923), der als Zeichentrickfilm für Kinder mit dem schlichten Titel Bambi (1942) zu einem alle Kassen prall füllenden Welterfolg wurde – nur nicht diejenige des Autors. Und richtig, Salten ist auch der Autor, dem man oftmals die Autorschaft zum skandalträchtigen erotischen Roman Josefine Mutzenbacher oder Die Geschichte einer Wienerischen Dirne (1906) zugeschrieben hat. Ob zu Recht oder zu Unrecht, sei an dieser Stelle dahingestellt. Dass Felix Salten allerdings sehr viel mehr gewesen ist, lässt sich dem in dieser Hinsicht informativen „Nachwort“, der Fachliteratur im engeren Sinne und, zum Einstieg, beispielsweise auch dem ihm gewidmeten Wikipedia-Artikel entnehmen.
Saltens Texte zu lesen ist meist ein Vergnügen, unter stilistischen Aspekten allemal, denkt man allein an deren impressionistische Bildlichkeit, die unaufdringliche Gediegenheit ihrer Wortwahl, die Geschmeidigkeit ihrer Satzkaskaden und an die subtile (Selbst-)Ironie, die immer wieder aufblitzt. In inhaltlicher Hinsicht sind sie es mehrheitlich dann, wenn man, auch in begrifflicher Hinsicht, historisch zu denken gewillt ist, Saltens meist in der psychologisierenden Beschreibung von Phänomenen verharrenden Weltzugang akzeptiert und gegebenenfalls in Nachsicht nicht nach Gutmenschenart, das heißt moralinsauer, besserwisserisch und exekutionsversessen, eine Untugend sieht.
Nachtvergnügen, eine „Betrachtung“, an die Salten leidenschaftslos keine „Schlussmoral“ knüpfen will, ist einer jener Texte, die zumindest bei oberflächlicher, womöglich eifrig nach ‚Belastungsmaterial‘ fahndender Lektüre schnell Anstoß erregen können, geht es doch um die bei aller Internationalität „Lokalton“ wahrenden „nächtlichen Freudenlokale“ Wiens und hier um das „Wichtigste“ dort, nämlich „die jungen Mädchen, welche tanzen.“ Aussagen wie „Es sind lauter niedliche kleine Mädchen“, „alle zusammen sind wie die Kinder, […] ganz arglos in ihren Begierden, in ihrer Gefallsucht“, „Dieser achtzehnjährige Leib fiebert und glüht und tobt“ oder „Alle diese Mädchen tanzen sich selbst, […] lassen ihr Wesen sogleich erraten“ können leicht dazu verleiten, im dem Nachwort nach „frivolen Kitzeln“ durchaus nicht abgeneigten „Bonvivant“ Salten vorschnell mehr, wirklich Arges nämlich in der Manier der Epstein und Co. zu vermuten. Argumentiert dieser „Bonvivant“ hinsichtlich des „Wesens“ dann auch noch à la völkischer Germanistik mit geographischer und nationaler Herkunft – „Immer ist das besondere Kolorit ihrer Heimat an ihnen [den „Mädchen“] bemerkbar“ –, ist unter Umständen schnell endgültig der Stab über ihn als einen Sexisten und Rassisten gebrochen.
Mit in Betracht gezogen werden sollte allerdings, dass Salten es nicht bei der als solcher hier allenfalls angedeuteten, tatsächlich ebenso pointierten wie perspektiven- und nuancenreichen Beschreibung der „Mädchen“ und ihres Tanzes belässt, sondern auch die (groß)bürgerlichen Besucher der Nachtlokale ausgiebig beäugt und in ihrem Handeln bedenkt, ja gnadenlos seziert. „Unsicher sind sie“, heißt es über die Männer u.a., „ihrer selbst, und dieser Freuden da. Unsicher und lüstern zugleich und zugleich bereit, sich irgendetwas vorzulügen“. Und von den (meisten der) Ehefrauen heißt es, sie ergingen sich in „taktlose[r], selbstgefällige[r] Nachsicht“, seien nur „hergekommen, um sich aufzuspielen, um sich auf Kosten dieser Mädchen da überlegen zu fühlen.“
Zum titelgebenden und den Band einleitenden Essay Das österreichische Antlitz: Der ist eine mit Seitenhieben auf das zu „Theatralische[m]“ und Exaltierte[m]“, jedenfalls „Unmöglichem“ neigenden Preußen nicht sparende Hommage an das Österreich von Franz Joseph I. Geschrieben in dem Bewusstsein, in einer Zeit des Übergangs zu einem freilich noch nicht zu bedenkenden „neuösterreichischen Typus“ zu leben. Der Text kreist um die These, dass „kein anderes Antlitz und keines anderen Mannes Wesen“ – mögen sie auch Andrássy (hier Andrassy; nicht erläutert), Taaffe, Girardi oder Johann Strauß (nicht erläutert) heißen – so vielfach, so stark und so nachhaltig sich in der Menge gespiegelt und auf die Menge abgefärbt [hat] wie das Antlitz und das Wesen des Kaisers“. Das habe „zumeist“ damit zu tun, dass Franz Joseph u.a. in seiner Menschlichkeit, in all seinen Bewegungen und Haltungen, seinem „mit Freundlichkeit gepolsterten Stolz“, seiner „verbindliche[n] Kunst, lächelnd zu distanzieren“, seiner „unauffällige[n], diskrete[n], sorglose[n] und ihrer selbst unendlich sichere[n] Eleganz“, seinem „kultivierte[n] Geschmack“, seinem „subtile[n] Taktgefühl“, seinem „Hang zum Unauffälligen“ und in seinem „zuverlässige[n] Zufriedensein“ mit Überkommenem und Regionalem das echte Österreich verkörpere. Er ein „Typus“ sei, eine „Gestalt, diesem Lande eingeboren und verwurzelt.“ Augenfällig werde dies besonders dann, wenn man sich Bilder anschaue, die „den Kaiser in Zivil zeigen“. Oder solche, die ihn in jungen Jahren zeigen, gerade im Vergleich beispielsweise zu Jugendbildnissen des „Norddeutschen“ Kaiser Wilhelm I. In Summe ergebe das: Ob Offiziere, Beamte oder das Bürgertum, die Österreicher seien „Franz-Joseph-mäßig“ geworden, deshalb auch, weil „eine tiefe Verwandtschaft des Blutes und der Rasse […] den Österreicher an den Kaiser und den Kaiser an den Österreicher“ binde, „an den niederösterreichischen, an den wienerischen, um es genauer zu sagen.“
Betrachtet man den vorliegenden Band unter editorischen Gesichtspunkten, wird es problematisch. Das beginnt bereits beim leicht in die Irre führenden Haupttitel. Das österreichische Antlitz war auch der Titel einer – alle nachfolgenden Angaben beruhen auf intensiven Internetrecherchen – wohl 13 Beiträge umfassenden Buchpublikation Saltens, die 1909 bei S. Fischer und ein Jahr später im selben Verlag in einer anscheinend auf über 20 Beiträge erweiterten 2. Auflage erschien. Diese 2. Auflage, auf die sich die vorliegende Edition laut „Quellennachweise“ unter der Angabe von Seitenzahlen dort ausschließlich bezieht, ist in den letzten Jahren mehrfach wieder in Gänze aufgelegt worden. Das zieht die seitens des Verlags bzw. des Herausgebers nicht beantwortete Frage nach sich, warum es dieser vorliegenden Edition bedurfte. Will man jedenfalls diese nicht einmal ein Drittel des Originals umfassende Edition von jenem unterscheiden, muss man auf den Untertitel achten, hier „Feuilletons“, dort „Essays“. Ob buchhändlerische Unterscheidbarkeit der Grund dafür war, vom ursprünglichen Untertitel abzuweichen? Oder ob es sachbezogene Gründe gab? Auch darüber erfährt man nichts.
Apropos „Quellennachweise“: Auch wenn man keine allzu strengen Maßstäbe an eine Edition wie die vorliegende anlegt, hätte man doch gerne gewusst, wo die hier versammelten Beiträge erstmals abgedruckt wurden. In der zugrunde gelegten 2. Auflage oder in der weder hier noch in der „Zeittafel“ noch im „Nachwort“ erwähnten Erstausgabe von 1909 oder verstreut in Zeitungen und Zeitschriften? Und unter welchem Namen bzw. Pseudonym – Salten benutze ja bekanntlich eine ganze Reihe von Pseudonymen, nannte sich sogar Marie Hemmer? Eine Stichprobe in ANNO (Austrian Newspapers Online) der ÖNB (Österreichische Nationalbibliothek) hat ergeben: Der der Sammlung den Titel gebende Essay „Das österreichische Antlitz“ erschien erstmals am Mittwoch, den 12. Dezember 1908 in der Wiener Tageszeitung Die Zeit, S. 1f., gezeichnet Felix Salten.
Zur angesprochenen „Zeittafel“: Auch diese ist mit Vorsicht zu genießen, lässt sie doch nicht nur bedeutsame Ereignisse jüngeren Datums wie die Ausstellungen Felix Salten. Schriftsteller – Journalist – Exilant (2006/07) und Im Schatten von Bambi. Felix Salten entdeckt die Wiener Moderne (2020/21) außer Acht, sondern nennt zumindest in einem Fall auch eine falsche Jahreszahl. Saltens Wurstelprater mit Fotografien von Emil Mayer erschien u.a. laut ÖNB nicht 1895, sondern 1912.
Schließlich das faktisch acht Seiten lange, irritierender Weise ohne ein Literaturverzeichnis oder Anmerkungen daherkommende „Nachwort“: Von diesen acht Seiten entfallen beinahe die Hälfte auf einen der Behauptung nach aus dem Jahr 1909 stammenden Salten-Text über sein „Kindheits- und Jugendgrätzel“ Währing, mit denen das Nachwort – warum auch immer – schließt. Ob es sich dabei um einen Auszug oder um den gesamten Text handelt bleibt ebenso offen wie der Titel und ggf. der Erscheinungsort des Textes (eine Recherche in ANNO für das Jahr 1909 führte zu keinem Ergebnis).
Keine Frage, der Herausgeber trägt (aus welchen Quellen auch immer) einiges hier nicht zu referierende Wissenswerte über das literarische Leben im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts und insbesondere über Felix Salten als eine in der Tat ebenso schillernde wie umtriebige wie ungemein vielfältige, produktive Persönlichkeit zusammen. Aber wird man Salten gerecht, wenn man ihn gleich als ein „ganzes Bündel an Widersprüchen“ charakterisiert? Stellt es wie behauptet überhaupt einen Widerspruch dar, wenn man bspw. zugleich „Kunstkritiker“ und „Hedonist“, Autor von Tiergeschichten und Jäger oder „wohlsituierter Bourgeois“ und „verspielter Intellektueller“ ist?
Eher billig wirkt die Behauptung des Herausgebers, Salten sitze deshalb am „Katzentisch“ der Literaturgeschichte – tut er das überhaupt? –, weil er für „die strikte Genre- und Wirkungsgrenzen mit treuherziger Rigidität beachtende Literaturwissenschaft […] in seiner Komplexität bis heute schlicht zu viel“ gewesen sei. Sollte dem Herausgeber – unselbstständige Publikationen einmal außen vorgelassen – allein eine ganze Anzahl von einschlägigen literatur- und kulturwissenschaftlichen Buchpublikationen seit der Jahrtausendwende entgangen sein, die anderes besagen?
Immerhin hätte der Herausgeber von der gescholtenen Literaturwissenschaft neben anderem lernen können, dass man, trifft man zu Editionszwecken eine Auswahl aus einem Konvolut, gehalten ist, jene Kriterien zu benennen, nach denen ausgewählt wird bzw. worden ist. Nur zu behaupten, „vor allem die in diesem Band arrangierten Texte“ seien „frisch geblieben“, ist denn doch zu wenig – wenn auch besser als nichts. Nichts: Eine Begründung, eine Andeutung nur, warum der Verf. in seinem Arrangement der Texte vom Arrangement des Originals abgewichen ist, ist mir nicht begegnet.
Trotz dem und dem und alledem: Aus literarischer und kulturgeschichtlicher Sicht ist die Lektüre des Essayisten Felix Salten nachdrücklich zu empfehlen. Ob in der vorliegenden oder in anderen Ausgaben, ist dabei nachrangig.
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