Wie die Tochter zur Lunge der Mutter wird
In ihrer Autobiografie „Meine Zuflucht und mein Sturm“ erzählt Arundhati Roy, wie Liebe und Hass gleichzeitig existieren können
Von Mechthild Hesse
Der deutsche Titel des Buches Meine Zuflucht und mein Sturm trifft das Buch besser als der des englischen „Mother Mary Comes to Me“. Das englische Original zitiert aus Paul McCartneys Songtext „Let it be“ und bezieht sich auf den Trost, den der Sänger nach dem Tod seiner Mutter erfährt. Auch wenn man dieses Gefühl nach dem letzten Kapitel von Roys Memoir vielleicht nachvollziehen kann – während der Lektüre geschieht das auf keinen Fall. Arundhati Roy stellt ihre Mutter als selbstgefällig dar, als eine zügellose, exzentrische, ruchlose, heimtückische, unberechenbare, unwirsch-harsche, manchmal gar hasserfüllte Mutter. Gleichzeitig wird sie – vor allem durch ihren Verweis auf die Gründung einer Schule – aber auch als stark, selbstbewusst, mutig, unbeirrbar und im positiven Sinne militant beschrieben. Roys Mutter habe die „Courage einer Gangsterin“. Um die Liebe zu ihr nicht ganz zu verlieren, muss die Tochter im Alter von 18 Jahren von zu Hause ausziehen und braucht jahrelang eine „Mutter-Pause“.
Die Autobiografie behandelt nicht nur die schwierige Mutter-Tochter-Beziehung. Sie zeigt auch, wie Roy erwachsen wird, in welch einfachen Lebensumständen sie als Studentin und später als Erwachsene gelebt hat, welche Männer ihre Vertrauten wurden, wie sie zur Schauspielerin und schließlich zu der gefeierten Schriftstellerin wurde, die sie heute ist. Das Buch erzählt auch von ihrem Aktivismus, noch heute wird sie oft zur Feindin des politischen indischen Establishments. Zahlreiche Verweise und Auszüge aus ihren Romanen und ihren politischen Aufsätzen sind in die Autobiografie eingewoben.
Aber bei allem, was wir über Arundhati Roy erfahren, ist die Beziehung zur Mutter zentral. Trotz der langen Funkstille kann keine der beiden Frauen ohne die andere leben. Die Mutter ist doch in allem anwesend. Die Autorin nennt sich „ihr Organkind“, die Lunge der Mutter, weil sie der Mutter bei deren wiederholten Asthmaanfällen ihren eigenen Atem verliehen hat: “Ich werde für dich atmen, Mama. Ich versuchte, für sie zu atmen. Ich wurde zu ihrer Lunge. Ihrem Körper. Ich dockte an sie an … Ich wurde zu einem ihrer wackeren Organe, zu einem Geheimagenten, atmete ihr mein Leben ein.“
Und trotz der vielfachen Demütigungen kann die Mutter am Ende des Buchs und am Ende ihres Lebens eine Liebesnachricht auf das Handy ihrer Tochter schicken lassen:
Ich habe niemanden auf der Welt so geliebt wie dich. Trotz allem, was zwischen uns passiert war, wusste ich, dass es stimmte. Das lebenslange Festhalten an meiner Liebe zu ihr hatte endlich ihre Barriere durchbrochen. Neben einem Aufwallen von Glück spürte ich den kalten Falter meiner Kindheit auf meinem Herzen landen. Ich glaubte, dass ihr Ende nah war. Meine Finger zitterten, als ich die Antwort tippte. Du bist die ungewöhnlichste, wunderbarste Frau, die ich je gekannt habe. Ich liebe dich… Bis zu meinem letzten Tag mit ihr gewöhnte ich mich nicht an die plötzliche Veränderung, Sonnenschein oder Schatten, den jähen Wetterwechsel in ihren Stimmungen und konnte ihn auch nicht vorhersagen. Doch ich hatte gelernt, mich außerhalb der Reichweite ihrer kratzenden, peitschenden Heftigkeit zu positionieren… Die erste Nacht in der Welt ohne Mrs Roy wirbelte ich ohne Anker, ohne Koordinaten durch den Raum. Ich hatte mich um sie herum konstruiert. Ich hatte diese merkwürdige Form angenommen, die ich bin, um für sie Platz zu haben. Ich hatte sie nie besiegen, gewinnen wollen. Ich hatte immer gewollt, dass sie abtritt wie eine Königin. Und jetzt, da sie es getan hatte, ergab ich für mich keinen Sinn mehr.
Diese berührenden Zeilen schreibt Roy am Ende des Buchs. Trotzdem kann man gerade im vorausgegangenen Text, in der Darstellung des Kindes- und Jugendalters, nur Mitleid mit der kleinen Arundhati und ihrem eineinhalb Jahre älteren Bruder haben. Bildreich beschreibt sie es so:
Meine Mutter wälzte die Last der Streitigkeiten und der täglich zu ertragenden Demütigungen auf meinen Bruder und mich ab. Wir waren ihr einziger und sicherer Hafen. Ihre Stimmung, die sowieso schon schlecht war, wurde irrational und unkontrollierbar. Es war mir unmöglich, vorherzusagen oder einzuschätzen, was sie ärgern, oder was ihr gefallen würde. Ich musste mir ohne Landkarte einen Weg durch dieses Minenfeld bahnen. Meine Füße und meine Finger und sogar mein Kopf wurden oft weggesprengt, doch nachdem sie eine Weile frei herumgeschwebt waren, wuchsen sie wundersamerweise wieder an… Was mich betrifft, so lehrte mich Mrs Roy zu denken und wütete dann gegen meine Gedanken. Sie lehrte mich frei zu sein, und wütete gegen meine Freiheit. Sie lehrte mich zu schreiben und grollte der Autorin, zu der ich wurde.“
Dabei war die Mutter eine engagierte, den indischen hinduistischen Konservatismus bekämpfende Person. Sie gründete 1967 gegen viele Widerstände die heute noch existierende Schule Pallikoodam in der südindischen Provinz, in der kleinen Stadt Kottayam/Kerala, die für die Bevölkerung eine große Anziehungskraft hatte und vor allem aufgrund der absoluten Hingabe von Mrs. Roy an ihre Schülerinnen und Schüler so attraktiv geworden war. Arundhati stellt die Schule einmal als erstes Kind ihrer Mutter dar: Danach kommt ihr Bruder als zweites und erst am Ende sie selbst. Da die beiden Kinder auch Schüler der Schule waren, mussten sie die Mutter auch – wie die anderen Kinder – Mrs. Roy nennen. Deshalb bleibt sie auch im Buch immer „Mrs Roy“, wenn die Tochter von der Mutter spricht.
Als unbeirrbare, ja militante Frau bekämpfte die Mutter das Gesetz (Travancore Christian Succesion Act), das Frauen in Kerala weniger Erbe zugestand als Männern; mutig trennte sie sich bald nach der Geburt von Arundhati von ihrem alkoholsüchtigen Mann und zog die beiden Kinder alleine auf, was sie in der Meinung der Öffentlichkeit auf eine Ebene mit den Unberührbaren stellte. Sie bekämpfte das Kastenwesen, sie bot anderen Frauen ihren Schutz an, sie entrüstete sich gegen Männer, die ihre Frauen misshandelten, sie gab diesen Frauen Jobs. Allerdings bedeutete ihr Hass auf Männer auch zugleich Hass auf den eigenen Sohn. „Von der Zeit an, als er erst sechs oder sieben Jahre alt war, nannte sie ihn für jeden kleinen Fehler oder jedes winzige Missgeschick ein chauvinistisches Schwein.“ Aber auch gegen Arundhati richtete sich ihr Groll. So nannte sie die neunjährige Roy eine „blöde Hündin“, als sie versehentlich auf die Telefongabel drückte. Beide Kinder wurden wiederholt im frühsten Kindesalter in absolut verlassenen Gegenden aus dem Auto geworfen.
Für ihre Schule aber tat sie alles und bewies darin eine moderne, menschenfreundliche Einstellung. Zum Beispiel plante sie die Erweiterung der Schule gemeinsam mit dem engagierten, englischen Architekten Laurie Baker und achtete dabei auf ein kostengünstiges Design, das der Schule eine neue, energieeffiziente Leichtigkeit verpasste, die in Indien nicht häufig zu finden war und ist.
Daran hat die Protagonistin als studierte Architektin eine große Freude, die sie sonst nur bei Literatur, Musik und Tanz findet. Eine weitere, wenn auch etwas anders geartete Freude bereitet ihr auch das Wiedersehen mit John Berger (1926-2017), dem bekannten englischen Schriftstelle und Kunstkritiker. Die Szene, in der er für Arundhatis Mutter in Ferrara eine großen BH kauft, ist außergewöhnlich und zugleich typisch für Bergers unkonventionelle Art. Als englischer Schriftsteller lebt er als Bauer in den französischen Alpen; er versucht, seinen Lesern ein anderes Sehen und Erzählen nahezubringen. Er ist ein wichtiger Freund und Beistand für die ebenso, aber anders unkonventionelle Arundhati. Sie ist begeistert von seiner Sensibilität: „Er nahm alles auf, jeden Tropfen, überhörte absolut nichts. Seine zuhörenden Augen waren Seen in den hohen Bergen.“ Er beruhigt sie, wenn er sagt: „Wenn etwas passiert, was dich aufregt, dann denk daran, dass ich hinter dir stehe wie ein alter Elefant, der mit den Ohren schlackert, um dich abzukühlen.“ Sie hält den Satz für das Schönste, das jemals zu ihr gesagt wurde. Und in ihrem Kampf gegen den wachsenden rechten Hindu-Nationalismus, gegen den geplanten Narmada-Staudamm, gegen die Verbrechen an den Muslimen, gegen die Justiz und alles Weitere braucht sie einen solchen Schutz.
Man erkennt, dass Arundhati Roy eine außergewöhnliche Frau ist, die es mit ihrer Art nicht leicht hat, in Indien zu leben. Nach dem Erfolg als Booker Prize-Trägerin könnte Roy überall leben, aber sie will in Indien bleiben, denn ihr Land liebt sie wie ihre Mutter. Meine Zuflucht und mein Sturm ist ein großartiges Buch mit vielen Facetten, das man immer wieder lesen kann. Und ganz nebenbei erfährt man auch viel über Indien. Das einzig Störende sind die im Buch abgedruckten Textteile einzelner Schriften, die in einem Index mit Seitenzahlen versehen sein sollten. Einen Index aber gibt es nicht.
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