Siegfried Lenz – der Dichter des Nordens
Zu seinem 100. Geburtstag sind zwei Lesebücher erschienen, die seine Verbundenheit zu Norddeutschland zeigen
Von Manfred Orlick
Siegfried Lenz (1926–2014) gilt als einer der bedeutendsten deutschen Autoren der Nachkriegszeit, der über Jahrzehnte in Hamburg lebte und dort Ehrenbürger wie auch von Schleswig-Holstein wurde. Er war eng mit Norddeutschland verbunden; der Landstrich wurde für ihn zu einer zentralen Inspirationsquelle. Viele seiner Erzählungen und Romane sind in Hamburg und Schleswig-Holstein angesiedelt oder reflektieren die Mentalität und das Landschaftsbild Norddeutschlands. Ohne Wind, Deiche, das Meer und die raue Küstenlandschaft sind seine Werke kaum denkbar.
Anlässlich des 100. Geburtstags des Schriftstellers am 17. März 2026 hat der Wachholtz Verlag zwei Lesebücher herausgebracht, die Auszüge aus Lenz‘ Werken, Reden, Rundfunkbeiträgen oder Manuskripten versammeln. Beiden Auswahlbänden sind die Dankesreden vorangestellt, die Lenz zur Verleihung der Ehrenbürgerwürde der Stadt Hamburg (2001) bzw. des Landes Schleswig-Holstein (2004) gehalten hat. In seiner „Hamburger Rede“ betonte er seine Verbundenheit zu Hamburg als eine „Liebe ohne Pathos“:
Seit mehr als fünfzig Jahren lebe und schreibe ich in Hamburg. Meine Frau ist Hamburgerin, sehr nahe Freunde, sehr liebe Freunde sind Hamburger. Schon werde ich, wenn ich in Kopenhagen rede oder Saarbrücken, in Boston Massachusetts oder in Flensburg als Hamburger Schriftsteller eingeführt.
Die 2004-Auszeichnung würdigte sein literarisches Schaffen, in dem er die Landschaften und Orte Schleswig-Holsteins literarisch bedeutsam mache und die Menschen einfühlsam porträtiere. In seiner Dankesrede „Was ich Schleswig-Holstein verdanke“ verstand sich Lenz als Geschichtenerzähler der kleinen Leute:
Um zu zeigen, welche Probleme dem Menschen aufgegeben sind und wie sie diese bewirtschaften, bin ich in vielen Jahren immer wieder auf Schleswig-Holstein zurückgekommen. Die Nähe ermutigte mich, die Vertrautheit schien meine Wahl zu rechtfertigen.
Beide Lesebücher sind in thematische Kapitel unterteilt. Der „Hamburg“-Band beginnt mit einem längeren Auszug aus der Novelle Lehmanns Erzählungen oder So schön war der mein Markt (1964), in der Lenz die Bekenntnisse eines Schwarzhändlers in der Nachkriegszeit schildert. Weitere Auszüge stammen aus der Erzählung Feuerschiff (1960), dem Roman Der Mann im Strom (1957) und dem Porträt Leute von Hamburg (1968), ergänzt durch einige Manuskripte aus dem Deutschen Literaturarchiv Marbach.
Im Mittelpunkt des „Schleswig-Holstein“-Lesebuches stehen zwei Auszüge aus den beiden bekanntesten Romanen Deutschstunde (1968) und Heimatmuseum (1978) von Siegfried Lenz. Während in Deutschstunde das fiktive nordfriesische Dorf Rugbüll nahe der dänischen Grenze Schauplatz der Handlung ist, wo der pflichtbesessene Polizist Jens Ole Jepsen während der NS-Zeit die Einhaltung eines Malverbots gegen seinen Jugendfreund, den Maler Max Ludwig Nansen (angelehnt an Emil Nolde), überwachen muss, erzählt der stark autobiografisch geprägte Roman Heimatmuseum die dramatische Geschichte eines Heimatmuseums aus Masuren, das der Protagonist Zygmunt Rogalla nach Flucht und Vertreibung in Egenlund (Schleswig-Holstein) wieder aufbaut. Nachdem das Museum für revanchistische Zwecke vereinnahmt und missbraucht wird, verbrennt er sein Lebenswerk. Mit dem Geschichtenband Jäger des Spotts (1958) oder dem Roman Brot und Spiele (1959) sind weitere Werke mit Auszügen vertreten. Die beiden Neuerscheinungen werden jeweils durch ein kurzes Nachwort des Herausgebers Günter Berg ergänzt, in denen er einige biografische Informationen über den Wahlhamburger Siegfried Lenz und dessen Verhältnis zu Hamburg und Schleswig-Holstein vermittelt. Die beiden Lesebücher bieten alle Facetten eines beeindruckenden Lebenswerks und laden dazu ein, wieder einmal das eine oder andere Werk zu lesen.
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