Opfer – Diener – Partner

Harald Haarmann beschäftigt sich in einem Parforceritt mit dem „Zeitalter der Pferde“

Von Jörg FüllgrabeRSS-Newsfeed neuer Artikel von Jörg Füllgrabe

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Dass das Leben kein Ponyhof sei, ist eine allgegenwärtige Wendung, welche üblicherweise in Diskussionsrunden auftaucht, die allesamt nichts mit Pferden oder Reithöfen zu tun haben. Die Bedeutung dieses rhetorischen ‚Meisterwerks‘ ist in ihrer Anwendung klar, ihr Ursprung scheint indes kaum nachvollziehbar. So ist es ein wenig schade, dass Harald Haarmann in Das Zeitalter der Pferde zwar über die Anfänge der Beziehung von Pferd und Mensch informiert wie auch räsoniert, der ‚Ponyhof‘ dabei aber ausgespart bleibt.

Selten ist es, dass ein Produkt weniger verspricht, als es dann hält – im vorliegenden Fall ist es jedoch genau so. Wo im Untertitel von der Geschichte einer Zähmung von den Anfängen bis zu den Reitervölkern die Rede ist, werden im Buch zwar die – ungezähmten – Anfänge thematisiert, allerdings geht die Information sehr weit über die Reitervölker hinaus, und Haarmann wirft auch einen Blick bis zur Rolle des Pferdes im technologischen Zeitalter. Dabei werden sowohl horizontale wie vertikale Wege beschritten, indem einerseits chronologisch vorgegangen wird, aber zugleich auch Themenschwerpunkte gesetzt werden. Dass es hierbei gelegentlich zu Überschneidungen kommt, ist kaum zu vermeiden, stört im vorliegenden Fall gleichwohl nicht.

Dass das vorliegende Buch mehr bietet, als angekündigt wird, macht ein Blick auf die Umschlagrückseite deutlich, die insbesondere in den gegenwärtigen Tagen eigentlich mit einer Triggerwarnung versehen sein müsste: Bezüglich des Verhältnisses Pferd – Mensch wird bereits hier „seine Rolle als Nahrungslieferant“ erwähnt, der auch der erste thematische Abschnitt gewidmet ist. Und ‚mehr‘ bedeutet in diesem Zusammenhang, dass diese früheste Phase nichts mit Domestikation zu tun hat oder die Geschichte einer Zähmung erzählt wird, sondern das Tier offenbar auch vollkommen ungezähmt zu nutzen war, eben als Fleischlieferant. Wobei in diesen archaischen Zeiten, dies mag ein schwacher Trost für Hippophile sein, das Tier immerhin sein ganzes Leben in freier Wildbahn verbringen durfte.

Das entsprechende thematische Kapitel folgt auf die alle Missverständnisse aufklärende Einleitung, die mit „Der lange Weg zur Domestizierung“ überschrieben ist. Hier geht es um das ursprüngliche Gegeneinander zwischen diesen wilden Tieren und den Menschen, das erst allmählich zu einem Miteinander werden sollte und an dessen Anfang trotz Aspekten kultischer Überhöhung kaum die Innigkeit der Verbindung heutiger Tage stand.

„Jäger und Pferde in der Steinzeit“ befasst sich dementsprechend zuvorderst auch mit der Jagd auf Pferde, auch wenn Haarmann mit einem Blick auf die evolutionäre Entwicklung des Pferdes einsteigt, dann den Aspekt magischer Verehrung, bezogen auf das Beispiel der Chauvet-Höhle, anspricht und schließlich chronologisch wieder zwei Schritte zurückgeht, indem der Homo heidelbergensis ins Spiel gebracht wird. Dieser vor circa 600.000 Jahren Europa besiedelnde Frühmensch wird – das wäre bis vor etwa zwei Jahren auch wissenschaftlicher Konsens gewesen – mit dem berühmten Speerdepot in Verbindung gebracht, das in den 90er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts im niedersächsischen Schöningen bei Tagebauarbeiten entdeckt und geborgen wurde. Die Sensation waren acht vollständig erhaltene hölzerne Speere, die offenbar sorgfältig vergraben worden waren, sowie zahlreiche weitere Artefakte und Tierknochen, unter denen insbesondere die intakt gelassenen Wildpferdeschädel auffällig waren.

Ein Ritualplatz? Vermutlich, allerdings haben neueste Untersuchungen die Datierung näher an unsere Zeit herangerückt, sodass davon auszugehen ist, dass das Depot auf frühe Neandertaler zurückgeht. Mit einem Blick auf die Przewalski-Pferde, die am Beginn der Linie zu den domestizierten Tieren stehen, endet dieses erste Kapitel mit einer Überleitung zum eigentlichen Thema.

Dieses beginnt mit dem Blick auf die „Anfänge einer symbiotischen Partnerschaft (ab dem 7. Jahrtausend v.u.Z.)“ und der überraschenden Erkenntnis, dass Wildpferde als ‚Scouts‘ der Hirtenvölker dienten, indem diese sich auf verschiedenste Weise am hierarchisch geprägten Herdenverhalten der Tiere orientierten. Aber auch dies war offenbar ein lange andauernder Prozess, denn neben den späterhin als Zug- und Reittieren domestizierten, ursprünglich aus Zentralasien stammenden Wildpferden existierten weiter westlich kleinere Verwandte (Equus hydruntinus), die von nomadisierenden Steinzeitmenschen im vierten Jahrtausend vor Christus ausgerottet wurden. Der Prozess der Domestizierung hinterließ nicht nur archäologische Spuren, sondern schlug sich, auch dies wird diskutiert, im Sprachgebrauch nieder, wobei das ‚Wandern‘ von entsprechendem Lehngut auch Hinweise auf das Nutzen eben jener Pferde liefert.

Die sich anschließenden Kapitel („Schrittweise Domestizierung“, „Neue Mobilität: Migration und Kriege“ sowie „Der Weg nach Westasien und Afrika“) greifen sowohl sprach- als auch kulturgeschichtliche Fragen weiter auf und folgen gewissermaßen den Spuren domestizierter Pferde durch Zeiten und Räume. Dass dabei nicht nur der pure Nutzeffekt, das heißt, die gezähmten Pferde als Last- oder Tragetiere zu halten, wesentlich war, sondern die Tiere auch weniger friedlichen Zwecken dienten, ist eine der dunklen Seiten der Geschichte – und zwar nicht der Pferde, die für derlei Verwendung gedrillt wurden, sondern der sie entsprechend dressierenden Menschen.

Dass in diesem Rahmen ausgehend von den indoarischen Streitwagenleuten auch Hethiter und Ägypter angesprochen werden, deutet nicht nur die Spannweite der historischen Geschehnisse an, sondern auch den Anspruch des Verfassers, diese Aspekte in kondensierter Form zur Sprache zu bringen. Dies gelingt auf überzeugende Weise. Selbstverständlich können die thematisierten historischen Ereignisse und Entwicklungen nicht vollumfänglich dargestellt werden, doch geht das Gebotene weit über knappe Lexikonartikel hinaus, und es wird das Wesentliche thematisiert, ohne bloße Banalitäten zu paraphrasieren.

War im Zusammenhang mit dem Schöninger Speerdepot bereits der Aspekt früher kultischer Beziehungen der Menschen zu Pferden angesprochen worden, so wird dieser weit über die Altsteinzeit hinausreichenden religiösen Sphäre im Anschluss ein eigenes Kapitel gewidmet, das unter der Überschrift „Symbole, Rituale, Mythen“ firmiert. Von den steinzeitlichen Pferdeschädel-Deponierungen leitet Haarmann über das detaillierter belegte Phänomen der Pferdeopfer bei „Kelten, Römern und Indern“ und eine im Detail nur zu erschließende „mächtige Pferdegöttin der Hirtennomaden“ zu einer der am wirkmächtigsten gedachten europäischen Pferdegöttin – Epona – über, deren Verehrung auch noch im (provinzial-)römischen Kontext nachweisbar ist.

Mit den eigenartigen Mensch-Pferdewesen, den Kentauren, wird die eigenartige Kombination von Ungezähmtheit, aber gleichzeitig auch großer Weisheit diskutiert. Mythisch erschien wohl auch das pferdebeherrschende Volk der Amazonen; die Archäologie hat allerdings anhand zahlreicher reich ausgestatteter Kriegerinnengräber im steppennomadischen Kulturbereich die alptraumartig-märchenhaft klingenden griechischen Überlieferungen in gewisser Hinsicht zur Realität gemacht. Und dass die Griechen selbst mit Athena Hippia und Demeter ‚Pferdeversteherinnen‘ verehrten oder Platons Schimmel und Rappe das Pferd in die hohe Philosophie erhob, vervollständigt den Blick aus griechisch-antiker Warte. Dass im Unterpunkt „Pegasus und andere berühmte Pferde“ Pegasus vorkommt, ist selbstverständlich, die Erwähnung von Alexanders Pferd Bucephalus folgerichtig. Dass der polyglotte spanische Habsburger Karl V. Deutsch nur mit seinen Pferden sprach, weil die ‚ungehobelte Sprache‘ allenfalls zum Befehlen tauge, ist eine amüsante Anekdote, dass jedoch der ausgerechnet der achtbeinige Sleipnir bei Haarmann keinerlei Erwähnung findet, ist wiederum bedauerlich.

Der vorletzte Block ist dem Feld der „Höhepunkte“ des Pferdezeitalters gewidmet, das wiederum in großen Zügen militärisch geprägt war. Einleitend mit einem Blick auf die Kavallerie Alexanders des Großen leitet der Verfasser unter Rückgriff auf die für ihre Kampftaktik zu Pferde berühmten Skythen über zu den ihnen folgenden Reitervölker der Sarmaten, Alanen, Hunnen, Awaren und selbstverständlich, gewissermaßen als Höhepunkt reiternomadischer Kriegsführung, den Mongolen. Deren Herrschaft, die selbst nach dem Zerfall der mongolischen Einheit nach Dschingis Khan noch andauerte, war nur durch den sowohl in Masse als auch Strategie effektiven Einsatz von Reitern möglich und erstreckte sich von der asiatischen Ostküste bis nach Osteuropa.

Die bloße Angst vor den Mongolen reichte dabei sogar weiter als ihre eigentliche Westausbreitung. Dort, in Zentraleuropa, entstand aus den Anfängen der karolingerzeitlichen Reiterei das Rittertum, das spätestens im Hochmittelalter neben rein kriegerischen Aspekten von kulturellen Werten und Erwartungen, eben dem Ritterideal, geprägt war. Während erstere allerdings durch die veränderte Form der Kriegsführung und nicht zuletzt das Aufkommen von Feuerwaffen bald an Bedeutung verloren, hatte (und hat) die Idee einer idealisierten ‚Ritterlichkeit‘ weiter Bestand.

In differenzierter Form, so Haarmann weiter, waren Pferde bei den spanischen Eroberungen in Mittel- und Südamerika als taktisches Element auch in der Frühen Neuzeit noch von Relevanz und prägten einerseits in Süd- und Nordamerika (Gauchos und Cowboys) sowohl in rein praktischer als auch romantisierend-mythenhafter Weise die Lebenswirklichkeit bis ins 19. Jahrhundert und darüber hinaus. Auch die indigenen Reiter der Prärie werden kurz erwähnt, bevor der Blick auf die ‚Pferde-Nachzügler‘ in Australien gelenkt wird.

‚Nachzüglerisch‘ ist auch das kurze abschließende Kapitel zum Thema „Pferde in der technisierten Welt“. Wenn dies auch mit einem Blick auf den Wettlauf zwischen landwirtschaftlichen Maschinen und technischen Fortbewegungsmitteln wie Zügen sowie Automobilen und ihren tierischen Vorläufern beginnt – leider bleibt der vermutlich bekannteste und tragischste Exponent dieses Wettkampfes, der ‚Eiserne Gustav‘, unerwähnt –, wurden auch im Ersten und sogar noch Zweiten Weltkrieg Pferde im Krieg eingesetzt. Da stimmt es versöhnlich, wenn neben der Erwähnung von Pferden in Folklore und Brauchtum, aber etwa auch der Forstwirtschaft, nicht nur auf Reiten als Therapieform verwiesen, sondern – ein eleganter und gelungener Schritt – auf das in diesem Kontext zu beobachtende Weiterleben einer archaischen und intensiven Beziehung zwischen Pferd und Mensch übergeleitet und somit der Bogen zum Ausgangspunkt geschlagen wird.

Das Zeitalter der Pferde besticht bereits durch seine Gestaltung und vermag durch die sorgfältige Fertigung absolut zu überzeugen. Es steht damit in guter Tradition des C. H. Beck Verlages, in dessen Programm etwa die Beck’sche Reihe für Qualität und adäquate Darstellung komplexer Themen bekannt ist. Der Autor hinwiederum ist durch seine sprach- und kulturgeschichtlichen Publikationen eine feste Größe, was sich auch in vorliegendem Band widerspiegelt. Sicherlich wäre es schön gewesen, wenn etwa der erwähnte nordische Sleipnir Eingang gefunden hätte, und ebenso gilt dies auch für das Childerich-Grab mit seiner Pferdebestattung. Da es sich aber eben nicht um ein mehrbändiges Kompendium handelt, sind derlei Lücken unvermeidlich. Die wesentlichen Punkte werden trotz des begrenzten Umfangs absolut adäquat behandelt – der gespannte Bogen von der Evolutionsbiologie über Archäologie, Sprach- und Kulturgeschichte, technische wie militärische Fragen bis in die Gegenwart lässt dabei nichts vermissen. Für ‚Pferdemenschen‘ ein absolutes Muss ist das Buch auch denjenigen unbedingt ans Herz zu legen, die das Glück der Erde nicht unbedingt auf dem Rücken dieser faszinierenden Tiere suchen – zumal der Verkaufspreis für dieses wertige Produkt mehr (oder vielleicht eher: weniger) als angemessen ist.

Ein Beitrag aus der Mittelalter-Redaktion der Universität Marburg

Titelbild

Harald Haarmann: Das Zeitalter der Pferde. Geschichte einer Zähmung von den Anfängen bis zu den Reitervölkern.
Verlag C.H.Beck, München 2025.
159 Seiten, 20,00 EUR.
ISBN-13: 9783406836176

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