Im Würgegriff der Konstellationen
In „Situation und Konstellation“ zeigt Hartmut Rosa, wie sich unser Handlungsspielraum schleichend verengt – und warum uns das müde macht
Von Sebastian Meißner
Hartmut Rosa hat in seinen vorherigen Arbeiten – insbesondere in Beschleunigung und Resonanz – die Signatur der Spätmoderne als eine der permanenten Steigerung beschrieben: Technische, soziale und lebensweltliche Beschleunigung erzeugen ein strukturelles Gefühl der Entfremdung. Dem stellte er das Konzept der Resonanz entgegen, verstanden als eine gelingende, antwortende Weltbeziehung, in der Subjekt und Welt sich wechselseitig berühren und verwandeln. Mit Situation und Konstellation. Vom Verschwinden des Spielraums legt Rosa nun den nächsten Schritt vor: Mit der These, dass die Handlungsspielräume zunehmend erodieren, erklärt er, warum die Möglichkeiten resonanter Weltbezüge schwinden – nicht durch offenen Zwang, sondern durch die stille Dominanz algorithmischer Steuerung, administrativer Verdichtung und parametrischer Optimierung.
Entfremdung in neuer Gestalt
Rosa steht mit seiner Diagnose in einer langen Linie bürgerlicher Entfremdungskritik – von den frühsozialistischen Romantikern über den jungen Karl Marx bis hin zur klassischen Soziologie und kulturkritischen Moderne. Doch er wiederholt diese Tradition nicht schlicht, sondern transformiert sie. Entfremdung erscheint bei ihm weder als bloßes Kulturpessimismusmotiv noch als nostalgische Verfallserzählung, sondern als strukturelles Resultat einer Moderne, die ihre emanzipatorischen Versprechen gerade durch Rationalisierung einlöst – und dabei neue Abhängigkeiten erzeugt.
Die Pointe seines Ansatzes liegt darin, die gegenwärtige Form der Entfremdung als Verschiebung vom situativen zum konstellativen Handeln zu bestimmen. „Situationen“ sind für Rosa offene, ambivalente Handlungsmomente, die Urteilskraft, Fingerspitzengefühl und Verantwortung erfordern. „Konstellationen“ hingegen sind vorstrukturierte Entscheidungsarrangements, in denen Regeln, Apps, Rankings und Algorithmen den Möglichkeitsraum bereits vorab definieren. Das Subjekt vollzieht, was andere – häufig maschinelle – Instanzen vorentschieden haben. Die moderne Rationalisierung, einst Garant von Freiheit und Rechtssicherheit, gerinnt so zur Totaladministration des Alltags.
Die Banalität als Brennglas
Besonders eindrucksvoll ist Rosas Fähigkeit, seine Theorie an scheinbar trivialen Alltagsszenen zu schärfen. Die Ohnmacht beim Ausfüllen digitaler Formulare; die Servicekraft, die aus regeltechnischen Gründen keine Ausnahme machen darf; der Videobeweis, der das intuitive Augenmaß des Schiedsrichters suspendiert; standardisierte Prüfungsordnungen, die professorales Ermessen ersetzen; Fitness-Apps und smarte Küchengeräte, die Optimierungslogiken in intimste Lebensbereiche tragen – all diese Beispiele wirken vertraut und gerade deshalb überzeugend.
Rosa demonstriert hier seine typische Gründlichkeit: Er analysiert nicht abstrakt „die Digitalisierung“, sondern rekonstruiert präzise die Mikrostrukturen des Handelns. Zugleich verliert er nie das große Ganze aus dem Blick. Die kleine Geste – der Klick auf „Ich stimme zu“ – ist bei ihm Symptom einer umfassenden Transformation des Weltverhältnisses. Diese Doppelperspektive, die das Alltägliche ernst nimmt, es nicht trivialisiert, gehört zu den größten Stärken dieses Buches.
Rationalisierung als Freiheitsbedingung – und ihr Preis
Dabei ist Rosa weit davon entfernt, eine simple Niedergangserzählung zu entwerfen. Er betont ausdrücklich, dass Standardisierung, Verrechtlichung und algorithmische Koordination historisch Freiheitsgewinne bedeuteten: Sie reduzierten Willkür, schufen Transparenz, ermöglichten Erwartungssicherheit und trugen zur Gleichbehandlung bei. Gerade diese Ambivalenz macht seine Diagnose analytisch anspruchsvoll.
Doch wenn jede Handlung in kontrollierbare Parameter zerlegt wird, wenn Ratings und Rankings das Feld strukturieren und Optimierungsimperative zur Selbstverständlichkeit werden, dann verändert sich – so schlussfolgert Rosa – der Charakter des Handelns selbst. Aus urteilsfähigen Akteuren werden Vollziehende; aus Verantwortung wird Compliance. Das Resultat ist kein spektakulärer Zusammenbruch, sondern ein schleichender Energieverlust, ein diffuses Gefühl der Ermüdung und Ohnmacht, das sich gesellschaftlich sedimentiert. Rosas Begriff des „Konstellationismus“ bringt diese Entwicklung präzise auf den Punkt: Er bezeichnet eine Ordnung, in der nicht mehr Menschen Situationen gestalten, sondern Konstellationen Menschen disponieren.
Rückgewinnung des Spielraums
Die normative Stoßrichtung des Buches liegt in der Forderung nach einer Wiedergewinnung von Ermessensspielräumen. Leben, so Rosa, erschöpft sich nicht im Abarbeiten vorstrukturierter Optionen. Es verlangt nach Momenten der Unverfügbarkeit, nach offenen Situationen, in denen Urteilskraft eingeübt und Verantwortung übernommen werden kann. Hier knüpft er implizit an seine Resonanztheorie an: Resonanz setzt Spielräume voraus.
Dass Rosa gelegentlich zugespitzt argumentiert und politische Phänomene mitunter pointiert deutet, gehört zu seinem Stil. Entscheidend ist jedoch, dass seine Kritik nicht in antimoderne Sehnsucht zurückfällt. Vielmehr plädiert er für eine reflektierte Modernisierung der Moderne: für Institutionen, die nicht nur Effizienz, sondern auch situative Urteilskraft ermöglichen; für Technologien, die unterstützen, ohne zu substituieren; für Organisationsformen, die Vertrauen vor Kontrolle stellen.
Situation und Konstellation ist damit mehr als eine Zeitdiagnose. Es ist ein sorgfältig gearbeitetes, theoretisch fundiertes und zugleich erstaunlich alltagsnahes Buch. Rosas besondere Stärke liegt darin, die Fassaden des Gewohnten zu durchdringen und jene feinen Verschiebungen sichtbar zu machen, die unser Selbstverständnis als Handelnde unterminieren. Seine Analyse ist scharf, doch nie zynisch; kritisch, aber stets von dem Vertrauen getragen, dass gesellschaftliche Verhältnisse gestaltbar bleiben. Gerade diese Verbindung aus akademischer Tiefe und praktischer Sensibilität macht das Buch zu einem wichtigen Beitrag der gegenwärtigen Sozialphilosophie.
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