Vom exotischen Wunsch- zum dystopischen Schreckbild
Jutta Person relativiert in „Palmen“ den sich um diese rankenden Mythos
Von Thomas Schwarz
Der Naturforscher Carl von Linné hat die Palmen als „principes plantarum“ gerühmt, als „Fürsten des Pflanzenreichs“. Während sein Systema Naturae von 1735 nur elf Arten kennt, werden heute in der Familie der Palmen, der Arecaceae, 183 Gattungen mit etwa 2600 Arten unterschieden. Wer jetzt glaubt, dass es in diesem Buch um Palmbäume geht, sieht sich von Jutta Person gleich korrigiert. Denn da die Stämme der Palmen anders als Laub- und Nadelbäume keine Jahresringe ausbilden, gehören sie als „Einblättrige Pflanzen“ botanisch eher zu den Gräsern.
Ihren Erstkontakt mit der Palme datiert die Berliner Journalistin auf eine Reise in den Siebzigerjahren, die sie ins Tessin geführt hat. Dort säumen Palmen noch immer die Uferpromenade des Lago Maggiore in Ascona. Heute jedoch gelten die „Tessinerpalmen“ in der Schweiz als invasive Spezies. Nach Europa eingeführt hatte die „Chinesischen Hanfpalmen“ der Botaniker Franz von Siebold 1830, und zwar nicht aus China, sondern aus Japan.
Diese Schreibweise, die Perspektiven immer wieder zurechtrückt, hat bei Person Methode. Palmen sind nicht von Natur aus einfach da, wo sie gerade stehen, sie haben vielmehr eine Geschichte. Auf der einen Seite ist eine Palme ein Stamm, der zu beträchtlicher Höhe aufwachsen kann und an dessen oberem Ende ein paar Wedel angesetzt sind. Doch auf der anderen Seite heften sich an diesen Umriss ambivalente Konnotationen. Für die einen mag die Palme ja das Paradies bedeuten, doch was ist mit denjenigen, die mit Palmen in der Form einer monokulturellen Plantagenwirtschaft konfrontiert werden? – Diesen Widerspruch arbeitet Persons Naturkunde sorgfältig heraus.
Palmenhauptstadt Berlin
Persons Buch hat einen geographischen Standpunkt, den die Autorin auch kenntlich macht, sie nimmt ihre Wahlheimat Berlin als „Palmenhauptstadt“ wahr. Schon Mitte des 18. Jahrhunderts erbrachte hier der Botaniker Johann Gottlieb Gleditsch den Nachweis der Sexualität von Pflanzen, indem er im Botanischen Garten eine weibliche Zwergpalme mit dem Blütenstaub eines aus Leipzig beorderten männlichen Exemplars befruchtete. Im „Tropenhaus“ in Dahlem bewundert Person die „selteneren Palmen der Stadt, von der Brasilianischen Nadelpalme über die Fuchsschwanzpalme bis zur Kubanischen Königspalme“.
Mit ihrer Palmenberichterstattung stellt sie sich in die Tradition Siegfried Kracauers, der 1930 in einem Feuilleton für die Frankfurter Zeitung die um sich greifende Modeerscheinung der Palmen in Caféhäusern als „Zeichen der Ferne“ begreift: „Da das Schlechte so nahe liegt, wird das Gute in exotischen Gegenden gesucht, dort wo die Kokosnüsse gedeihen, die Menschenfresser friedlich beisammen wohnen und niemand etwas von Arbeitslosigkeit weiß oder von Nationalsozialisten“.
Auf der Berliner Pfaueninsel findet Person nur noch „steinerne Markierungen“, die auf das von Carl Blechen 1834 gemalte und so im Stadtgedächtnis verewigte Palmenhaus verweisen – es ist 1880 abgebrannt. Im Kreuzberg des 19. Jahrhunderts leistete sich der Fabrikant Carl Justus Heckmann ein Palmenhaus, dem Theodor Fontane in L’Adultera (1882) ein literarisches Denkmal gesetzt hat. Mit wenig Sympathie für die „Neureichen in seinen Romanen“ moniert Person, dass sie sich „unter Palmen zu unsittlichen Handlungen hinreißen“ lassen.
Stilisierte Dattelpalmen schmücken seit 1913 den Berliner U-Bahnhof Klosterstraße. Sie sind motivisch den Darstellungen auf der berühmten Thronsaalfassade nachempfunden, die im Vorderasiatischen Museum gezeigt wird. Der Archäologe Robert Koldewey hatte diese Palastanlage mit dem Ischtar-Tor aus Babylon nach Berlin schaffen lassen. Sie stammt aus Mesopotamien, wo die Kultivierung der Dattelpalmen im fünften Jahrtausend vor Christus begonnen hatte und wo einst die sumerische Göttin Inanna oder Ischtar als „Schutzherrin der Dattelpalmen“ verehrt wurde.
Heute sollen 22 Meter hohe „Stahlpalmen“ des Künstlers Ulrich Brüschke vor der Zentrale des Berliner Bundesnachrichtendienstes als „Kunst am Bau“ angeblich „Ferne und fremde Kulturen“ repräsentieren. Tatsächlich stehen sie für den Höhepunkt einer Kultur der Beamtenpflanze, die jede Form von Vernachlässigung stoisch erträgt. „Palme paßt immer“, meinte schon Fontanes Gärtner, und Person fügt hinzu: „Mehr Palme vom Dienst geht nicht.“
Palmen-Exotismus
Überzeugend rekonstruiert Person die Genealogie der Verknüpfung von Palmen und Exotismus. Im europäischen Altertum galt die Palme zunächst als Siegeszeichen. Auch das Hohelied Salomos, das die Gestalt der Geliebten mit einer Palme vergleicht, zeugt von einer positiven Wahrnehmung. Nachdem Goethe 1786 im Botanischen Garten von Padua auf eine „Fächerpalme“ gestoßen war, wurde er „Palmenfetischist“. Die Palme, die Goethes „Metamorphosenlehre“ inspiriert hat, war 1585 gepflanzt worden und ist inzwischen über vierhundert Jahre alt.
Der palmophile Goethe hat auch die ersten Lieferungen der Historia naturalis palmarum (1823–1850) von Carl Friedrich Philipp von Martius freundlich rezensiert. In seinem „Garten- und Partnertauschroman“ Die Wahlverwandtschaften (1809) vertraut Ottilie ihrem Tagebuch einen Satz an, der als Aphorismus noch heute vor exotistischer Reiselust warnt: „Es wandelt niemand ungestraft unter Palmen“. Zugleich gesteht sie sich aber ein Verlangen nach „abenteuerlichen Dingen“ ein und bewundert Alexander von Humboldt.
Der Naturforscher hatte einen „regelrechten Palmenfimmel“. Die Grundlage für seine „Sehnsucht nach fernen Reisen“ wurde beim Anblick einer Palme im Schöneberger Botanischen Garten gelegt. Als er 1799 mit Aimé Bonpland in Südamerika landete, berauschten sich die beiden an den „Kokospalmen“. Person unterstreicht, dass Humboldt Natur „als großen terrestrischen Zusammenhang verstanden“ hat, „aus dem die menschliche Spezies sich nicht auskoppeln kann“: „Er war ein früher Netzwerkdenker – und die Palme eine seiner bevorzugten pflanzlichen Akteurinnen.“
Heinrich Heine hat die europäische „Palmensehnsucht“ 1827 in einem Gedicht zum Ausdruck gebracht, das einen einsamen „Fichtenbaum“ im kalten Norden von einer „Palme“ in orientalischer Hitze träumen lässt. In diesem lyrischen Bild schießt das Narrativ der Liebesgeschichte zwischen Europäer und seiner heißen Exotenbraut unter Palmen zusammen. Heine präfigurierte so einen „Palmen-Animismus“, der sich auch im Exotismus Lafcadio Hearns oder Paul Claudels niederschlug. Letzterer publizierte im Jahr 1900 ein Prosagedicht, in dem eine Kokospalme „ihre Wedel in einer glücklichen Ekstase“ spreizt.
Koloniale Plantagenwirtschaft
1848 wurde im Südwesten Londons in Kew das Palmenhaus der Royal Botanic Gardens fertiggestellt. Person erklärt, dass sich die „Wintergärten, Tropen-, Palmen- und Gewächshäuser des 19. Jahrhunderts“ nicht trennen lassen von den „Kolonialträumen“, aus denen sie hervorgegangen sind. Die „haushohen Palmen“ in diesen „Glas-Eisen-Tempeln“ korrespondieren den extraktivistischen „Ambitionen“ der Kolonialmächte.
In diesem Kontext verortet Person dann auch den deutschen „Kokosapostel“ August Engelhardt, den Romane von Marc Buhl und Christian Kracht bekannt gemacht haben. 1902 erwarb dieser im Bismarck-Archipel die Insel Kabakon, um dort eine Plantage mit melanesischen Kontraktarbeitern zu betreiben. Den ideologischen Überbau des Projekts bildet ein „Evangelium“, das Person als „kokosfixierte Mischung“ aus Mitgliederwerbung und Befreiungsversprechen, Gedichten und „Kokosnuss-Exporttabellen“ charakterisiert. Es propagiert die „Lösung der sozialen Frage“, von der die Kolonisierten allerdings ausgenommen sind. Um die Palmen zu pflegen, Kokosnüsse zu ernten, die Kopra aus den Früchten zu gewinnen und sie versandfertig zu machen, verkünden die vom Idealismus der Lebensreform beflügelten Pflanzer auf Kabakon offen, dass sie „Eingeborene“ verwenden, die „bei entsprechender Beaufsichtigung der anstrengendsten Arbeit fähig“ seien. Sie unterscheiden sich an diesem Punkt in keiner Weise von den anderen „profitorientierten“ Plantokraten des Kolonialismus.
Person erklärt, dass die Plantage die „Urform der Fabrik“ ist. Ihren Anfang nahm diese Geschichte zu Beginn des 16. Jahrhunderts mit den Zuckerrohrplantagen der Karibik, deren Arbeitskräftebedarf den transatlantischen Sklavenhandel in Gang setzte. Diese Plantagenwirtschaft kombinierte effizient die Ausbeutung unfreier Arbeit und der Natur. Westafrikanisches Palmöl avancierte während der Industriellen Revolution zu einem „wichtigen Bestandteil der europäischen Seifenherstellung“. Der britische Seifenfabrikant William H. Lever sicherte sich 1911 „riesige Anbauflächen“ für Ölpalmenplantagen in der Kolonie Belgisch-Kongo. Dort wurden „ganze Dörfer“ brutal mit der chicotte, mit der Nilpferdpeitsche, „zur Arbeit in den Plantagen gezwungen“. In den 1920er-Jahren legte die britische und niederländische Plantokratie in Malaysia und Sumatra Plantagen an. Die US-amerikanische United Fruit Company experimentierte in dieser Zeit in Lateinamerika mit den Afrikanischen Ölpalmen.
Die Ölpalme als Allegorie einer dystopischen Gegenwart
In den 1970er-Jahren erlebte die Plantagenwirtschaft einen neuen Boom. Seit 2010 werden in West-Papua riesige Flächen gerodet, um Plantagen für Ölpalmen anzulegen. Die indigene Gruppe der Marind verliert in diesem Prozess ihre Lebensgrundlage; die dabei eingesetzten Pestizide vergiften sie und „bewaffnete Sicherheitskräfte“ bedrohen ihre Existenz.
Aus einer Studie der Anthropologin Sophie Chao geht hervor, dass die Marind Pflanzen in ihren Träumen als „Akteurinnen mit Handlungsmacht“ wahrnehmen. Ihre „geträumten Ölpalmen“ bevölkern einen Alptraum aus „Umweltzerstörung, Landraub und der Vernichtung einer Lebensweise, die aus dem Beziehungsgeflecht von Menschen, Tieren und besonders: Pflanzen besteht“. Für die Marind gibt es nur noch eine „dystopische Gegenwart“. Im Zukunftsprojekt der „technokapitalistischen Regierung“ Indonesiens kommen sie nicht vor. In einem der Träume, die Chao aufgezeichnet hat, treten die Ölpalmen als mordende Militärs auf. Die Palme ist aus dieser Perspektive zum allegorischen Schreckbild des Zeitalters der Plantage mutiert.
Person kritisiert die „Palmölindustrie“ als „Klimakiller und Regenwaldvernichter“. Sie ersetzt „Artenvielfalt durch Monokulturen“. Vor diesem Hintergrund macht Person auf lateinamerikanische Palmölkonzerne aufmerksam, die „Greenwashing“ betreiben. Sie lassen sich Nachhaltigkeit bescheinigen, während sie ungehemmt „Landnahmekonflikte mit tödlichem Ausgang“ eskalieren. Auch der „größte Palmölproduzent der Welt, der asiatische Agrarkonzern Wilmar International“, ist als „nachhaltig zertifiziert“ worden, obwohl er „Menschenrechte verletzt“ und fortgesetzt „Regenwald gerodet“ hat.
In der Reihe Naturkunden hat Person bereits 2019 ein Buch über Korallen vorgelegt. Die vom Klimawandel bedrohten Ökosysteme der Riffe fungieren im Diskurs über das Anthropozän als Indexzeichen, die auf den kritischen Zustand des planetaren Gesamtsystems verweisen. Persons flüssig geschriebene und gut lesbare Natur- und Kulturgeschichte der Palme führt nun zu einem anderen Brennpunkt dieses Diskurses, der das Anthropozän als Plantagenzän ins Auge fasst. An einer Stelle bemerkt Person, dass die Kokospalme Cocos nucifera „in der frühen Menschheitsgeschichte eine große Rolle gespielt hat“, denn nur „mit der Hilfe von Kokosnüssen konnte Ozeanien überhaupt erst besiedelt werden“. In beiden Büchern hätte die südpazifische Inselwelt als ein lebendiges Laboratorium zum Studium der von Person aufgearbeiteten Problemkreise noch ausführlicher behandelt werden können. Doch sei dieser Kritikpunkt eher als Anregung an die zuständigen Förderinstitutionen verstanden, der Autorin eine Pazifikexpedition zu finanzieren und ihr so den Anschluss an die Erfahrungswelten zu ermöglichen, die Georg Forster und Adelbert von Chamisso geprägt haben.
Im Tropenexotismus der Tourismusindustrie vermag die Palme noch immer das Urlaubsparadies schlechthin zu symbolisieren. Persons Buch stellt diese Wahrnehmung insofern vom Kopf auf die Füße, als im Plantagenzän die Ölpalme für die von der Expansion der Plantagenwirtschaft betroffenen Indigenen die Hölle einer Monokultur konnotiert, die andere Pflanzen und Lebewesen rücksichtslos verdrängt. Sie verbreitet den Schrecken der ursprünglichen Akkumulation, der im Kapitalozän mit der Verdrängung der Indigenen von ihrem Land und ihrer brutalen Verwandlung in Arbeitskraft einhergeht. Zwar scheint der „Mythos vom guten Leben unter Palmen unzerstörbar“ zu sein, doch Persons Buch ist ein gelungener Beitrag zu seiner Relativierung. Großzügig mit meist farbigen Abbildungen ausgestattet, lädt der Band auch zur visuellen Erkundung seines Gegenstandes ein. Im Anhang bieten zehn knappe Palmenportraits mit Illustrationen von Falk Nordmann nicht nur ein Repetitorium, sie machen es auch möglich, das handliche Werk als elementares Bestimmungsbuch zu verwenden.
|
||















