In wenigen Zeilen ganze Geschichtsdramen

Selten berührt ein lakonischer Ton so tief wie bei Tom Schulz, der in dem Gedichtband „Salz und Erinnern“ das Leben im Vorbeigehen und als ein Verschwinden beschreibt und im Erinnern zugleich für die Unvergänglichkeit des Vergangenen votiert

Von Nora EckertRSS-Newsfeed neuer Artikel von Nora Eckert

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Der norwegische Schriftsteller Jan Fosse meinte einmal, dichten heiße zuhören, denn eigentlich gehe es darum, etwas hervorzubringen, was es schon gibt. Klar, dichten ist in besonderer Weise Erinnerungsarbeit und gleichermaßen kreative Übung mit Worten, dass wir das Erinnerte am Ende so hören und lesen, wie wir es vorher noch nie taten. Zum Hinhören kommt aber auch das Hinschauen – beides beherrscht der Dichter Tom Schulz virtuos. Kein Zufall, wenn eine Gedichtzeile dies mit den Worten auf den Punkt bringt: „Soziales im Vorübergehen“. Der wache Blick ist dabei so unerlässlich wie ein gutes und tief wurzelndes Gedächtnis. Und um noch einen weiteren Dichter ins Spiel zu bringen, so sei hier auf Erich Frieds Einspruch hingewiesen, der in dem Gedicht „Fügungen“ meinte, es stimme nicht, dass ein Dichter Worte zusammenfüge. Die Wahrheit sei genau umgekehrt:

Ein Dichter
ist einer
den Worte
noch halbwegs
zusammenfügen
wenn er Glück hat
Wenn er Unglück hat
reißen die Worte
ihn auseinander

 – Zeilen, als ob sie Tom Schulz gewidmet seien.

 Das eine Zitat erscheint mir darum so passend wie das andere, um Tom Schulz‘ Gedichten einen Rahmen zu geben zwischen Erinnerungsarbeit und Sprachkreation und der an sie geknüpften Dichter-Hoffnung, dabei heil zu bleiben und eben nicht von den Worten auseinandergerissen zu werden und erst recht nicht vom Leben selbst. Was mir in vielen seiner Gedichte auffiel und wie ein ‚Markenzeichen‘ vorkam, das ist so etwas wie eine soziale Geistesgegenwärtigkeit.

Was meine ich damit? Zum Beispiel eine ganze Serie von Alltagsbeobachtungen, versammelt unter der Überschrift „Die Sonne überm Holstentor“. Da geht eine Person im öffentlichen Raum umher und sammelt Wahrnehmungen ein wie einer, der die Natur in der Botanisiertrommel sammelt: „Tränen gehen den Bürgersteig entlang“ mit der Aufforderung, sie an die Hand zu nehmen und ihnen über die Straße zu helfen. „Wir blickten in Einkaufskörbe / der Rollatoren […]“. Oder dies: „und der Mensch ein Flaschensammler“. Und ein Stück weiter: „Karstadt grenzte an Kaufhof. Die Geschäfte / liefen regelrecht schlecht […]“. Aber es gibt auch „Villen mit Klingelschildern ohne Namen“. Unverwandt taucht ein alter Bekannter auf: „Frag mal Estragon nach einer halb aufgerauchten / Zigarette. Lehn dich an die Nacht […]“. Daneben diese Feststellung: „Wir leben im abgesicherten Modus, im Schatten / der Mandarinen. Wir mühen uns ab mit dem Pellen / der Schale. Wir werfen sie weg, wir kauen die Kerne.“

In all dem Banalen liegt jedenfalls mehr verborgen, als uns seine Oberfläche auf den ersten Blick verrät. Und erst recht, wenn es der Wunsch ist, dass sich Dinge ändern: „Noch einmal die Welt neu verfassen, ihrer Ordnung / die Staubsauger klauen und die Bügeleisen. / Ihren Herrschern die Hosenträger abschneiden.“ Oder einfach nur: „Noch einmal das Leben wie ein Ei in der Pfanne / wenden, die Scheibe im Toaster.“ Um aber zugleich die Zeit buchstäblich im Nacken sitzen zu haben: „Beim letzten Ton des Zeitzeichens / ist es 18.48“ und sich der Unmöglichkeit bewusst zu werden, die beispielsweise darin besteht: „In das eigene Land ausreisen, können nur / Störche, Singvögel.“ Doch es bleibt für den Dichter dabei: „Höre ich Heimat, laufe ich / zum Kompost.“

Der Band ist in fünf Abteilungen gegliedert, darin versammelt Alltagswahrnehmungen, von denen gerade einige zitiert wurden, und die wie Inventuren des Unscheinbaren daherkommen, gefüllt mit lauter Dingen, Orten, Bildern, Gefühlen, Namen, Stimmungen. Sodann taucht Schulz erinnernd in einige Kapitel der deutschen Geschichte ein, aber auch in Erinnerungen an Persönlichkeiten wie Peter Szondi, Paul Celan oder Friederike Mayröcker. Dazu gehört eine Liebeserklärung („Wenn das Blütenstaub-Taxi hält“) an die italienische Dichterin Maria Borio in der Abteilung „Ich singe dir die Wolken“. Beide hatten sich eine Zeitlang Briefe geschrieben und sie in dem Band „Briefe aus der roten Wüste“ veröffentlicht (erschienen 2025). Den Schluss bildet die „Kleine Zytostatika-Suite“ als ebenso präzise wie eindringlich beschriebene Wahrnehmungen aus einem Krankenhausbett heraus.

Beeindruckend das poetische Protokoll einer Chemotherapie – „eine Fantasie in Dur“:

Hochsee-Kranke, Kassen-
Patienten mit Tropf und Wagen
rollen durch die Schlucht, durch
eine Tapetenwelt. Die Abendsonne
leuchtet über Ischia und Capri.

Dazwischen: „Klopf, klopf, wie geht es uns heute?“ Es sind oft Traumgeschichten, die sich gegen die Taghelle der Wirklichkeit stemmen, wenn „die Schaumstofftiere“ tief im Blut randalieren und der „Tag hinter / den Gardinen mit der Goldkante“ ausfranst. Und dazu bleibt „The tick and the tock of the damnable clock“.

Gleichermaßen beeindruckend, wie Schulz ein deutsches Geschichtsdrama in wenigen Zeilen umreißt zwischen Landverschickung, blonden BDM-Mädels, einem Schorsch, der eine F6 raucht, und einer DDR in Gänsefüßchen in der BILD-Zeitung. In dem Langgedicht „Kissingenplatz 12“ versammelt der Autor DDR-Erinnerungen: „Die Kraftwerkswolke durch Freude, das Lob des Kommunismus / und Kohlenstaub auf den Fensterbrettern des Wohn- / Heims […]“. Dazu „die Krater von Buna, von Leuna – auf dem Mond / die Halden von Haldensleben […]“. Oder diese Beobachtung: „In Ruin steckt Urin, saubere Fliesen und Kacheln. / Frisch gewischte Hausflure, Ata und Fit.“ In einer Hinterhofwohnung am Berliner Ostkreuz befindet sich die Mutter kurz vor der Niederkunft: „Wurdest du geboren oder ausgeworfen? / Bist du herausgeplatzt oder erschienen?“ Am Ende gibt es jedoch das Bekenntnis, wie sehr diese Geschichten langweilen, „weil ich sie zu oft / erzählt habe“. Zum Glück hat der Autor sie doch noch einmal erzählt.

Zum Schluss und nebenbei gesprochen: Wer es als Leser*in mit der Lyrik hält, hat gute Chancen, auch noch wertvoll gestaltete Bücher in die Hand zu bekommen. Was freilich den Sinn für das schöne Buch voraussetzt – auf beiden Seiten, nämlich auf der Seite derjenigen, die die Bücher herstellen, und auf jener, die sie lesen. Dem Verlag Poetenladen, der den hier besprochenen Gedichtband verlegt hat, ist – wie ich meine – ein edles Buch gelungen, das ich mit Lust aufblätterte und mit Gewinn las. Dazu gehört die Großzügigkeit der Gestaltung, als ob es da ein reziprokes Verhältnis gebe, nämlich je weniger Worte desto wertvoller ihr Rahmen.

Titelbild

Tom Schulz: Salz und Erinnern. Gedichte.
Poetenladen, Leipzig 2026.
112 Seiten, 22,80 EUR.
ISBN-13: 9783948305307

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