Im Halbdunkel
In „Drei Wochen im August“ zeigt Nina Bußmann, wie trügerisch Gewissheiten sind, und lässt uns Fährten folgen, die sich im nächsten Moment verlieren – ein leises, aber anhaltendes Spiel aus Zuspitzung und Entzug
Von Christina Bickel
–Nina Bußmann, 1980 in Frankfurt am Main geboren und vielfach ausgezeichnet, gehört zu den markanten Stimmen der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Aus der Komparatistik kommend, ist ihr Schreiben geprägt von intertextueller Sensibilität und einer ausgeprägten poetologischen Reflexion. Drei Wochen im August ist kein Roman, der sich über Handlung erschließt. Er entfaltet vielmehr einen Wahrnehmungsraum – ein Gefüge aus Perspektiven, Stimmungen und Bedeutungsverschiebungen, das sich jeder eindeutigen Festlegung entzieht.
Ausgangspunkt ist eine scheinbar vertraute Konstellation: ein Haus am Meer mit Garten, eine Gruppe von Erwachsenen und Kindern, die drei Wochen Sommerferien dort miteinandner verbringen. Sommer, Hitze, offene Türen. Doch sehr schnell zeigt sich, dass diese Offenheit trügerisch ist. Etwas liegt in der Luft, das sich nicht benennen lässt – eine leichte Verschiebung, ein kaum wahrnehmbares Ungleichgewicht.
Der Roman arbeitet von Beginn an mit einer Ästhetik des Halbdunkels. Das Motiv „Der Mond ist aufgegangen“ liefert dafür einen leisen, aber wirksamen Resonanzraum: Die Welt ist sichtbar, aber nicht klar erkennbar. Konturen verschwimmen, Gewissheiten verlieren ihre Schärfe. Wahrnehmung wird unsicher.
Diese Unsicherheit strukturiert den gesamten Text. Immer wieder geraten die Figuren in Situationen, die sich wie Zuspitzungen anfühlen: ein Auftritt, der aus dem Rahmen fällt; ein Körper, der über seine Grenzen hinausgeht; eine Szene, die kippen könnte, ohne es ganz zu tun. Blicke, die zu lange dauern. Gesten, die nicht eindeutig bleiben.
Doch was sich zunächst wie eine Katastrophe ankündigt, entzieht sich im nächsten Moment der Eindeutigkeit. Nichts eskaliert vollständig, nichts löst sich vollständig auf. Die Spannung bleibt bestehen, als hätte der Roman selbst kein Interesse an Auflösung.
Gerade darin liegt seine poetologische Schärfe: Drei Wochen im August inszeniert immer wieder Momente der Krise, ohne sie in klassische Erzählmuster zu überführen. Die Katastrophe erscheint als Möglichkeit – nicht als Ereignis. Der Text führt seine Leserinnen und Leser an eine Schwelle und lässt sie dort stehen.
Diese Bewegung zeigt sich besonders eindrücklich in der Darstellung von Körpern. Körper sind in diesem Roman keine stabilen Einheiten, sondern empfindliche Oberflächen. Sie reagieren, zeigen Spuren, geraten aus dem Gleichgewicht. Haut rötet sich, wird verletzt, entzündet sich. Bewegung kippt in Kontrollverlust, Ekstase in Überforderung. Gerade in den Szenen gemeinsamer Auftritte – im Tanzen, im Sich-Zeigen, im Beobachtet werden – wird diese Ambivalenz sichtbar: Bewunderung und Befremden liegen dicht beieinander.
Parallel dazu entfaltet der Roman ein dichtes Geflecht aus Natur- und Tiermotiven. Wasser ist allgegenwärtig: als Meer, als Regen, als Feuchtigkeit in der Luft. Es trägt, es lockt, es bedroht. Feuer erscheint als Hitze, als Reibung, als unsichtbare Spannung zwischen den Figuren. Beide Elemente sind keine Gegensätze, sondern Zustände des Kippens.
Die Tiere fungieren dabei als eine Art Gegenwelt zur menschlichen Wahrnehmung. Ein Hund, der Fährten folgt. Bienen, die sich sammeln und zerstreuen. Ein Pferd, das hörbar ist, bevor es sichtbar wird. Tiere reagieren unmittelbar, ohne die Umwege der Deutung. Sie scheinen zu wissen, was geschieht – oder zumindest, dass etwas geschieht.
Die Menschen hingegen erzählen. Sie deuten, beruhigen, erklären. Immer wieder entsteht der Eindruck, dass sie sich selbst Geschichten anbieten, um die Fragilität ihrer Situation zu überdecken. In diesem Sinne ist der Roman auch eine Studie über Selbsttäuschung: darüber, wie notwendig es ist, die eigene Erfahrung in erzählbare Formen zu bringen – und wie brüchig diese Formen zugleich bleiben.
Diese Reflexion wird im „Roman im Roman“ noch einmal zugespitzt. Die von den zwei Teenager-Mädchen entworfene Geschichte wirkt zunächst wie ein Nebenstrang, entfaltet jedoch schnell eine Spiegelstruktur. Sie greift Motive des Haupttextes auf, variiert sie und führt vor, wie Erzählen selbst funktioniert: als Auswahl, als Perspektivierung, als Konstruktion von Sinn. Wirklichkeit erscheint hier nicht als gegebene Größe, sondern als etwas, das erst im Erzählen entsteht.
Auch die Namen tragen zu dieser intertextuellen Tiefenschicht bei. Noémi, Elena, Kolya, Ilyas, Franz – sie verweisen über den Text hinaus, öffnen Resonanzräume – ob zur biblischen oder antiken Literatur, zu Kafka oder Dostojewski, die sich nicht vollständig erschließen lassen. In ihrer Schwebe erinnern sie an literarische und kulturelle Traditionslinien, die im Text anklingen, ohne je festgeschrieben zu werden.
Auffällig ist dabei eine leise Nähe zu Motiven, wie man sie etwa aus dem Werk Thomas Manns kennt: das Morbide unter der Oberfläche, das allmähliche Kippen von Ordnung in Auflösung, die Verbindung von Schönheit und Verfall. Auch hier liegt über vielen Szenen ein kaum greifbares Wissen darum, dass etwas bereits beschädigt ist, bevor es sichtbar wird.
Während sich die Handlung nicht in klassischen Bögen entfaltet, verschieben sich die Beziehungen zwischen den Figuren umso deutlicher. Nähe wird prekär, Vertrauen instabil. Besonders eindrücklich zeigt sich dies dort, wo eine Partnerschaft zu bröckeln beginnt – nicht im offenen Konflikt, sondern in der Abwesenheit des Partners, in Gesprächen, die aus der Distanz geführt werden und ins Leere laufen.
Am Ende scheint sich alles wieder zu beruhigen. Man sitzt zusammen, isst, spricht, verbringt Zeit miteinander. „Uns geht es doch sehr, sehr gut“, heißt es. Und doch bleibt ein Zweifel, unter dem sich leise ein Bruch der Partnerschaft abzeichnet.
Denn nach allem, was sich zuvor ereignet – oder eben nicht eindeutig ereignet – hat, lässt sich dieser Satz nicht mehr ungebrochen glauben. Er wirkt wie eine letzte Erzählung, die man sich selbst anbietet, um das Erlebte zu ordnen. So endet Drei Wochen im August nicht mit einer Auflösung, sondern in einem Zustand der Schwebe. Die Dinge sind nicht geklärt, sondern lediglich zur Ruhe gekommen.
Und vielleicht liegt genau darin seine größte Stärke: dass dieser Roman uns nicht entlässt, sondern zurücklässt – im Halbdunkel, auf einer möglichen Spur, von der wir nicht wissen, ob es je eine gewesen ist.
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