Autobiographisches Schreiben als Seiltanz
In seinem Lebensbericht „Sepp“ offenbart sich Hans Ulrich Gumbrecht als unzuverlässiger Erzähler
Von Günter Rinke
Die Frage, ob es sich bei Hans Ulrich Gumbrechts Buch Sepp um eine Autobiographie oder um einen philosophischen Langessay handelt, ist nicht leicht zu entscheiden. Von einer Autobiographie wird im Allgemeinen konkrete Erzählung erwartet, von einem philosophischen Essay dagegen verallgemeinernde Reflexion. Der Begriff Erzählung wiederum umfasst die Wiedergabe einer Abfolge von Ereignissen, die mit Daten belegt werden können und in der Regel unterhaltsam ausgeschmückt werden. Dazu kommen Sinnzuschreibungen, aus denen sich ein Selbstbild des Autors herausschält. Die Daten müssten stimmen, wenn der Autor es mit der Wahrheit ernst meint; das Selbstbild ist kontingent, es könnte auch anders ausfallen. Ein „unzuverlässiger Erzähler“, wie Gumbrecht sich nennt, kommt in der Romanliteratur vor, aber üblicherweise nicht in der Autobiographie, jedenfalls nicht intentional.
Interessant wird es, wenn das formulierte Selbstbild mit nachprüfbaren Fakten nicht korrespondiert – was bei Gumbrecht teilweise der Fall ist. Ein Geisteswissenschaftler, der offensichtlich sein Leben lang vom Lesen gelebt hat, behauptet im ersten Satz seines Buchs, er sei nie ein leidenschaftlicher Leser gewesen. Deswegen lese er Bücher auch selten zu Ende, von Ausnahmen abgesehen. Doch nicht genug: Auch für das Schreiben habe er sich nicht recht erwärmen können, ein Schreibtalent zähle nicht zu seinen Stärken. Was man in der Hand hält, ist ein fast 500 Seiten starkes Buch, das in einem eleganten Stil verfasst ist und nach Auskunft des Autors nur 19 Monate Schreibzeit beansprucht hat. Es muss ihm also ‚aus der Feder geflossen sein‘. Im Übrigen verweist er auf seine Publikationsliste, die, man staune, 2535 Einzelveröffentlichungen, darunter sechzig Monographien und eigene Aufsatzsammlungen, umfasse. Es fällt schwer, sich einen Menschen vorzustellen, der so viel publiziert hat, aber eigentlich zum Schreiben nicht begabt ist.
Die Erklärung für diese Unstimmigkeiten liegt möglicherweise im Untertitel Mein Leben auf Halbdistanz, eine Art Motto, auf das Gumbrecht immer wieder zurückkommt. Sowohl zu den weltweit verstreuten Orten, an denen er gelebt und gelehrt hat, als auch zu sich selbst scheint der mittlerweile fast 78-jährige Autor auf Halbdistanz zu leben. Aus ihm ist ein international bekannter und anerkannter Wissenschaftler geworden, aber vorgeblich litt er immer wieder unter dem Komplex minderer Begabung, den er durch gesteigerten Ehrgeiz überkompensiert habe. Hinzugekommen sein muss ein ungewöhnlich großer Mut zum Risiko, der sich darin zeigt, dass Gumbrecht sich nicht scheute, mit den bekanntesten Vertretern der Geisteswissenschaften Kontakt aufzunehmen, sie zu Kolloquien, Tagungen, Kongressen einzuladen und sich bei diesen Gelegenheiten auch mit ihnen zu messen.
Sein Wahlspruch könnte lauten: Wer wagt, gewinnt. Darauf deutet ein Satz hin wie dieser: „Und ich begann meinen Vortrag, ohne eine konturierte Ahnung zu haben, bei welchem Punkt ich ankommen wollte.“ Ein übliches Verhalten normal begabter Menschen dürfte dagegen darin bestehen, sich auf einen Vortrag gründlich vorzubereiten, um sich nicht zu blamieren. Vielleicht sieht es bei den „Superstars“, von denen Gumbrecht in einem Interview sprach (und zu denen er sich höchstwahrscheinlich selbst zählt) anders aus. Jedenfalls stößt, wer sich in der Geschichte der Geisteswissenschaften des 20. Jahrhunderts einigermaßen auskennt, in dem Buch auf zahllose illustre Namen – es würde zu weit führen, hier auch nur zu versuchen, die wichtigsten zu nennen.
Das bewusst prekäre Selbstkonzept Gumbrechts zeigt sich schon im Umschlagfoto, das zumindest auf Selbstverbergung, wenn nicht sogar Selbstridikülisierung hinweist. Da ist zum einen der Spitzname „Sepp“, der mit dem Vornamen Hans Ulrich nicht in Einklang zu bringen ist, aber Assoziationen an bayerische Buben mit Sepplhosen weckt. Der Denkerkopf tarnt sich mit einer übergroßen orangefarbenen Sonnenbrille, als wollte er sagen: Seht her, das bin ich – und bin es doch nicht. Wer etwas zu lachen oder zu staunen haben möchte, wird in dem Buch fündig. Schon die Porträts der wissenschaftlichen „Superstars“ geben manche kauzige Episode her.
Das eigene Leben des Verfassers verlief schon in der Jugend in ungewöhnlichen Bahnen. Den Heranwachsenden schickte der Vater allein auf Weltreisen: nach Kanada, Ghana, Brasilien, Indien. Er schenkte ihm BMWs, von denen einer bei der Trennung von einer Freundin einfach an diese weiterverschenkt wurde. Für Ersatz war schnell gesorgt. Er schickte ihn nach Paris und Salamanca, wobei letzterer Ort für den Sohn den frühen Abschied vom Elternhaus und von der Heimatstadt Würzburg bedeutete. Belustigend ist die Episode an der DDR-Grenze, in der der westdeutsche Professor den DDR-Grenzbeamten damit verblüffte, dass er die vierzigbändige blaue Marx-Engels-Werkausgabe als einziges Exportgut mit in die Bundesrepublik nahm.
Gumbrechts Skepsis gegenüber chronologisch aufgebauten Erzählungen schlägt sich im Aufbau seines Lebensberichts nieder, der durch Zeitsprünge gekennzeichnet ist. Strukturierend ist im Buch nicht die Zeit, sondern es sind die Räume, in denen er sich bewegte, die Orte, an denen er sich nicht nur für längere oder wiederholt für kürzere Zeit aufhielt, sondern die ihn geistig auch prägten. Neben den Hauptstandorten Konstanz, Bochum, Siegen und Stanford sind das Dubrovnik, Rio de Janeiro, Kyoto, Jerusalem und viele andere. Urlaubsreisen musste der Professor nicht machen, die Dienstreisen mit ihrem Begleitprogramm reichten vollständig aus, um die Welt kennenzulernen. Obwohl die Orte den Stoff für sechzehn Kapitel hergeben, fehlen viele, die man in Gumbrechts Wikipedia-Artikel nachlesen kann.
Aus seinem Privatleben gibt der Autor einiges preis, vor allem die zunehmenden Probleme in seiner ersten Ehe werden zum Thema – nicht zuletzt deshalb, weil er, um die Ehe zu retten, schweren Herzens einen Ruf nach Berkeley ausschlug. Im Übrigen dominiert die Arbeitswut das Privatleben und scheint auch zur – schließlich aber bewältigten – Bedrohung für die zweite Ehe geworden zu sein. Von der Natur war der Gelehrte offenbar begnadet, denn es ist an keiner Stelle von Krankheiten die Rede.
Gumbrechts Selbstbild setzt sich hauptsächlich aus drei Merkmalen zusammen: Politisch gibt er sich als typischer Achtundsechziger zu erkennen, der lange dem Marxismus anhing und nach Erfahrungen suchte, die die sozialistische Utopie bestätigen könnten. So erschien ihm das frühere Jugoslawien als das Land, in dem ein humaner, freiheitlicher Sozialismus verwirklicht schien. Während der Tagungen in Dubrovnik, die er insgesamt fünfmal organisierte, konnte er seine sonst zur Umgebung eingenommene Halbdistanz aufgeben, erlebte produktive Diskussionen, die neue Denkansätze hervorbrachten, registriert rückblickend aber auch Illusionen, die spätestens in den Kriegen im Zuge der Staatsauflösung offensichtlich wurden. Die Entzauberung der sozialistischen Präferenzen setzte sich nach dem Zerfall des Ostblocks fort.
Das zweite Merkmal, das auch eine Obsession genannt werden kann, ist die Ablehnung der deutschen Herkunft wegen der Verbrechen des Nationalsozialismus. Ein Schock war für Gumbrecht die Entdeckung, wie tief sein Doktorvater Hans Robert Jauß in diese Verbrechen verstrickt war. Er brach mit Jauß, der ihm, man mag es kaum glauben, als letzte Botschaft den Satz „Schämen Sie sich“ zuschickte. Sein persönliches Schuldgefühl glaubte Gumbrecht bearbeiten zu können, indem er Einladungen nach Jerusalem annahm. Dabei musste er feststellen, dass vor allem den jüngeren Israelis die Kritik an der Regierung Netanjahu wichtiger war als die Vergangenheit und dass man ihn, der mit Annahme der amerikanischen die deutsche Staatsbürgerschaft bewusst abgelegt hatte, dennoch als deutsch geprägt ansah.
Der große Rest des Buches ist den rastlosen Geistesbewegungen und -abenteuern gewidmet, die Gumbrechts Leben vor allem ausmachen. Eben deshalb kann diese Autobiographie auch als philosophischer Langessay gelesen werden. Gumbrecht hat das Talent zur Synthese, zur Zuspitzung und damit auch zur Provokation. Ihn treibt die Frage um, inwieweit eine Geschichtsphilosophie, die einen steten Fortschritt in der Menschheitsgeschichte unterstellt, heute noch als Deutungsmuster taugen kann oder ob in einer „breiten Gegenwart“ ein unübersichtliches Nebeneinander herrscht, in dem der gegenwärtige Moment nicht mehr in eine allmählich sich entfernende Vergangenheit rückt. Des Weiteren ist das ganze Buch durchzogen von der Frage nach der Berechtigung ‚realistischer‘ oder ‚konstruktivistischer‘ Standpunkte: Gibt es eine Wahrheit, nach der zu suchen sich lohnt, oder gibt es nur eine unbegrenzte Anzahl von Konstruktionen?
In besonderem Maße auf sich aufmerksam gemacht hat Gumbrecht durch seine Auffassung von Präsenz an Stelle von Deutung, etwa der Vergangenheit. Deshalb schrieb er das Buch 1926. Ein Jahr am Rand der Zeit, in dem es nicht um die Anwendung hermeneutischer Verfahren, sondern um die Vergegenwärtigung der Vergangenheit, eben um die Herstellung von Präsenz, gehen sollte. Bücher über einzelne Jahre sind seitdem Mode geworden. Allerdings vergegenwärtigen sie die Vergangenheit auf eine Weise, die Gumbrecht vermutlich nicht vorschwebte. Denn er bleibt, wie auch in seiner Autobiographie klar zu erkennen ist, ein Geisteswissenschaftler, indem er Dispositive, Codes oder Dichotomien aufzeigt. Sein Buch weist nicht darauf hin, dass er, wie ihm vorgeworfen wurde, die Geisteswissenschaften beerdigen will. Allenfalls dass er ihnen in einer Zeit, in der die Dualität von Geist und Materie fragwürdig geworden ist, neue Aufgaben zuweist.
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