Mittler der Künste

Das „Schreibheft, Zeitschrift für Literatur 105“ nimmt sich dreier Autoren an, deren Schaffen sich an den Schnittpunkten von Literatur und Film verorten lässt

Von Manfred RothRSS-Newsfeed neuer Artikel von Manfred Roth

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Das Schreibheft, 1977 von Wilfried H. Bienek und Ulrich Homann gegründet und seit 1982 in Essen von Norbert Wehr herausgegeben, ist insofern eine ungewöhnliche Zeitschrift, als sie es sich zur Aufgabe gemacht, dem Lesepublikum unter einem bestimmten Themenschwerpunkt Literatur in Form von Textsammlungen näherzubringen. Dabei kann es sich um die Literatur eines Landes, einer Gruppe oder einzelner Autoren handeln, wie in Ausgabe 105, wo mit dem Augenmerk auf Literatur und Film Eric de Kuyper, Gregor von Rezzori und James Agee vorgestellt werden. Dabei sind die Autoren nicht nur mit eigenen Texten vertreten, sondern auch mit an sie gerichteten Briefen von Bekannten und Weggefährten, mit Huldigungen oder Interviews sowie mit einer kurzen Einordnung der Dossierverantwortlichen – im Kunstbetrieb würde man sagen: der Kuratoren. So entsteht nicht nur ein Eindruck des Schaffens selbst, sondern auch eine Einordnung der Autoren in ihre Zeit und ihr Umfeld, ja man erhält sogar eine Ahnung davon, welchen Stellenwert sie für andere Künstler haben. Neben den drei Dossiers als Kern der Zeitschrift finden sich zu Beginn einige Gedichte John Rileys aus dem Band Wenn die Welt in einer Übersetzung von Jürgen Brôcan und Roberta Harms. Das Ende bilden Nachrufe auf den Dichter Alfred Eckerle sowie den Literaturübersetzer Rainer G. Schmidt, dessen Übertragung der Posituren von Henri Michaux das Heft abschließt. 

Unter der Überschrift Doppelbelichtung sind Texte von und über den 1942 geborenen belgischen Roman- und Drehbuchautor Eric de Kuyper versammelt, der außerdem als Regisseur tätig war, als Programmgestalter fürs belgische Fernsehen sowie als Filmdozent und stellvertretender Museumsdirektor. Das vom Herausgeber des Schreibhefts selbst, Norbert Wehr, sowie de Kuypers-Übersetzer Gerd Busse zusammengestellte Dossier beginnt mit einem Auszug aus dem bislang auf Deutsch nicht verfügbaren zweiten Roman de Kuypers, Tante Jeannots Hut, der wie viele seiner literarischen Arbeiten autobiografisch gefärbt ist und von der erwachenden Liebe eines Jungen für das Theaterspielen handelt.

Neben seinen zahlreichen Betätigungsfeldern war de Kuyper nicht zuletzt ein Weggefährte der belgischen Filmemacherin Chantal Akerman, deren Jeanne Dielman (1975) regelmäßig von der britischen Filmzeitschrift Sight & Sound zum besten Film aller Zeiten gekürt wird. In den abgedruckten Auszügen aus de Kuypers Reportagen über gemeinsame Reisen mit der Filmemacherin vollzieht sich so im Dossier auch allmählich ein Schwenk von de Kuypers weg hin zu Akerman. In den Reiseberichten erfährt man unter anderem über Oberhausen, das es Akerman an die Tristesse der eigenen Kindheit erinnert, nichts über Köln im Kapitel Köln – Anfang der 1970er Jahre und davon, dass Agnès Varda, die Grande Dame der Nouvelle Vague, „ziemlich nervig“ gewesen sei, wenn es um Geldangelegenheiten ging, „und das Problem ist, dass sich bei ihr fast alles um Geld dreht“, so Akerman. Am Ende des Dossiers wird de Kuyper schließlich ganz ausgeblendet, wenn die Schriftstellerin und Übersetzerin Esther Kinsky in einem kurzen Essay Akermans Dokumentarfilm D’Est (1993) würdigt. 

Die zweite von José Aníbal Campo und Jan Wilm zusammengestellte Textsammlung rückt unter dem Titel Tiefenschärfe Gregor von Rezzori (1914 – 1998) ins Scheinwerferlicht, einen Tausendsassa, Lebemann, Autor und Schauspieler, der unter anderem in Louis Malles Viva Maria! (1965) einen Auftritt hatte. Die auf der Magazinvorderseite genannten Beiträge von Peter Handke, Volker Schlöndorff und Wolf Wondratschek bestehen aus zwei Briefen Handkes an „Grisha“, wie er Rezzori vertraulich nennt, sowie kurzen Eindrücken, die Schlöndorff und Wondratschek im Umgang mit dem Autor hatten. Der Verweis auf bekannte Namen ist natürlich legitim, dennoch hätte man sich vielleicht Substantielleres von den Genannten erhofft, wie ja auch Esther Kinskys Aufsatz über Akermans L’Est als intellektuelle Auseinandersetzung überzeugt. Andererseits wird so natürlich deutlich, welchen Rang der trotz seiner zahlreichen Romane einer breiten Masse eher unbekannte Gregor von Rezzori in der Welt der Kunst und Kultur hatte.

Von Rezzori selbst finden sich unter anderem Auszüge aus den Tagebüchern von 1943, in denen er eingängig beschreibt, wie er zwischen Extremsituation und Alltag die Bombenangriffe in Berlin in einem Luftschutzkeller erlebte. Und auch Rezzoris Meinung zum Verhältnis Goethes zu seinen Zeitgenossen ist bezeichnend, denn für ihn ist Goethe kein Feuergeist „unter lauter kleinen Spießern, [sondern] ein gigantischer Spießer unter lauter kleinen Feuergeistern.“

Gerne hätte man auch einen Auszug aus einem von Rezzoris Romanen selbst gelesen, etwa aus Ein Hermelin in Tschernopol oder Mein Bruder Abel, auf die im Dossier verwiesen wird, um sich auch aus erster Hand ein Bild von seinen literarischen Arbeiten machen zu können. Trotzdem ist letztlich aber auch dieses Dossier durchaus stimmig und facettenreich. 

In der letzten, mit Nahaufnahme betitelten Textsammlung schließlich rückt Sven Koch den US-amerikanischen Filmkritiker, Drehbuchautor und Romancier James Agee (1909 – 1955) in den Fokus. Unter den Aussagen seiner Zeitgenossen über ihn findet sich ein Leserbrief des US-amerikanischen Autors und Lyrikers W. H. Auden an die Zeitung The Nation sowie Würdigungen von Kritikerkollege Manny Farber und Regisseur John Husten, für dessen African Queen (1951) Agee das Drehbuch verfasst hatte. Von John Agee selbst sind wiederum ein Kurzporträt über John Husten, ein Essay über die Glanzzeit der amerikanischen Stummfilmkomödien sowie eine Kritik zu Charlie Chaplins Monsieur Verdoux (1947) abgedruckt. Agees Texte strotzen nur so vor sprachlichem Überschwang und erinnern darin vielleicht ein wenig an den späteren Musikkritiker Lester Bangs. Allerdings sind sie manchmal so voller sprachlicher Pirouetten, dass sich die Bedeutung des Gesagten nicht immer auf Anhieb erschließt: „All diese Figuren schwirrten und karambolierten auf der unbescholtenen Welt der Leinwand herum wie ein Kongress von Wasserläufern.“ Andererseits sind so selbst ältere Kritiken Agees eben nicht bloß Gebrauchstexte, sondern auch stilistisch immer noch lohnend. Auch in diesem Dossier hätte man sich noch vielfältigere Einblicke in das Schaffen Agees gewünscht, einen Auszug aus einem seiner Romane oder Drehbücher vielleicht. Wobei natürlich der Platz stets begrenzt ist, und auch hier die Entscheidung des Dossiergestalters nachvollziehbar ist. 

Beim Blick ins Autorenverzeichnis des Schreibhefts fällt auf, dass es sich bei den Erstellern der Dossiers fast immer auch um die Übersetzer der jeweiligen Autoren handelt. Gerd Busse hat den bislang einzigen, 2024 bei Wagenbach auf Deutsch erschienen autobiografischen Roman An der See, De Kuypers Erstling von 1988, übersetzt und man kann nur hoffen, dass der hier vorgestellte Tante Jeannots Hut ebenfalls in Vorbereitung ist. José Aníbal Campos übersetzte Gregor von Rezzori ins Spanische und Sven Koch hat gemeinsam mit Andrea Stumpf bereits Texte von Agee übersetzt, erschienen unter anderem 2014 bei Diaphanes.

Auch hierin zeigt sich die besondere Stellung des Schreibhefts: Indem es nämlich Übersetzern, die sich zumeist wie wenig andere mit den Arbeiten der von ihnen übersetzten Autoren auskennen, eine Plattform für ihre Expertise bietet.

Alle Porträts machen neugierig auf die vorgestellten Persönlichkeiten und ihr Schaffen, denn durch die Auswahl der Texte von und über die Porträtierten entsteht ein spannender Einblick in Leben und Werk von übersehenen oder vergessenen Künstlern. Damit kartografiert das Schreibheft 105 noch unerforschtes literarisches Terrain auf ungewöhnliche Art und nimmt mit dieser Form der Literaturvermittlung in der Zeitschriftenlandschaft hierzulande eine herausragende Stellung ein.

Kein Bild

Norbert Wehr (Hg.): Schreibheft, Zeitschrift für Literatur, Nr. 105. Doppelbelichtung. Eric de Kuyper, Schriftsteller und Filmemacher – Tiefenschärfe. Zoom auf Gregor von Rezzori – Nahaufnahme. James Agee, Filmschriftsteller.
Rigodon Verlag, Essen 2025.
168 Seiten, 16,50 EUR.
ISBN-13: 9783924071622

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