Geschichtenerzähler und einer der bekanntesten deutschen Kinderbuchautoren der Nachkriegszeit

Der 100. Geburtstag von James Krüss wird mit einer Vielzahl von Neuerscheinungen gewürdigt

Von Manfred OrlickRSS-Newsfeed neuer Artikel von Manfred Orlick

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Die Kinder- und Jugendbücher von James Krüss haben ganze Generationen begleitet und geprägt. Mit Werken wie Timm Thaler oder das verkaufte Lachen und seiner Begeisterung für fantasievolle Erzählungen weckte der oft als „Meister der Phantasie“ bezeichnete Autor auf spielerische Weise Kreativität und Freude am Lesen. Seine Geschichten bestechen durch geschickte Wortspiele, humorvolle Elemente und eine spürbare Wertschätzung für die Welt der Kinder.

James Krüss, der sich selbst einmal als „Inselkind“ bezeichnete, wurde am 31. Mai auf der Nordseeinsel Helgoland geboren. Dort verbrachte er seine Kindheit als ältestes von vier Kindern des Elektrikers Ludwig Krüss und der Schneiderin Margaretha Friedrich. Friesisch war zunächst seine Muttersprache, in der er auch mit fünf Jahren sein erstes Gedicht schrieb. Auf Helgoland besuchte er die Volks- und Mittelschule, wo er auch Hochdeutsch erlernte. Im Alter von zehn Jahren gründete er aus Protest gegen einen Lehrer, der die Kinder oft an den Ohren zog, eine Schülerzeitung mit dem Titel „Die Kneifzange“.

Mit Beginn der alliierten Luftangriffe auf Helgoland wurde seine Familie im Jahr 1941 evakuiert. Zunächst fanden sie in Arnstadt in Thüringen Zuflucht, später in Hertigswalde in Sachsen. Ab 1942 begann Krüss eine Lehrerausbildung in Lunden, Ratzeburg und Braunschweig. Mit 17 Jahren stellte er einen Aufnahmeantrag für die NSDAP und meldete sich im Spätsommer 1944 freiwillig zum Kriegsdienst bei der Luftwaffe. Der Zweite Weltkrieg endete jedoch, bevor er eingesetzt wurde. Eine Rückkehr nach Helgoland war zu jener Zeit nicht möglich, da die Insel von der britischen Luftwaffe als Bombenübungsgebiet genutzt wurde.

Krüss wagte einen Neuanfang auf dem Festland und setzte sein pädagogisches Studium in Lüneburg fort. Mit Der goldene Faden, einer Sammlung von Legenden, veröffentlichte er 1946 sein erstes Buch. Zwei Jahre später gründete er die Monatszeitschrift Helgoland, die bis 1956 als Sprachrohr für die von der Insel evakuierten Bewohner diente. Obwohl er sein Lehramtsstudium erfolgreich abschloss, ging Krüss nie in den Lehrerberuf. Stattdessen zog es ihn nach München, wo er die Bekanntschaft von Erich Kästner machte, der ihn dazu ermutigte, Kinderbücher zu schreiben.

Krüss versuchte sich zunächst als Hörspielautor, wo er teilweise mit Peter Hacks zusammenarbeitete. Mit seinem ersten Kinderbuch Der Leuchtturm auf den Hummerklippen (1956) legte er den Grundstein für eine erfolgreiche Karriere. Den Durchbruch feierte er jedoch 1959 mit dem Werk Mein Urgroßvater und ich, das ein Jahr später mit dem Deutschen Jugendbuchpreis ausgezeichnet wurde und als Klassiker der Kinderliteratur gilt. Die Geschichte handelt von dem zehnjährigen Jungen Boy, der eine Woche bei seinem Urgroßvater verbringt, einem ehemaligen Seemann. In ihrer Dichterwerkstatt schreiben die beiden gemeinsam poetische Verse auf Holzbretter. Das Buch ist eine liebevolle Hommage an die Macht der Sprache und die Schönheit der Poesie.

In Timm Thaler oder Das verkaufte Lachen (1962), Krüss‘ größtem Erfolg, wird die Geschichte eines Waisenjungen erzählt, der sein einzigartiges, ansteckendes Lachen an den zwielichtigen Baron Lefuet (ein Anagramm für „Teufel“) verkauft. Im Gegenzug erhält er die Fähigkeit, jede Wette zu gewinnen. Erst nach zahlreichen Abenteuern gelingt es ihm schließlich, sein Lachen zurückzugewinnen. Das zeitlose Werk erlangte insbesondere durch die populäre 13-teilige Fernsehserie aus dem Jahr 1979 mit Thomas Ohrner in der Hauptrolle zusätzliche Bekanntheit.

In den 1960er Jahren war Krüss für das Fernsehen tätig und moderierte dort die Kinderserien ABC und Phantasie und James‘ Tierleben (mit Hans Clarin und Suzanne Doucet), die beide in der ARD ausgestrahlt wurden. Im Jahr 1966 zog Krüss erneut auf eine Insel, diesmal nach Gran Canaria. Dort lernte er seinen spanischen Lebensgefährten Dario Francesco Perez kennen. Im verschlafenen Dorf La Calzada konnten sie ein harmonisches Leben führen, frei von gesellschaftlichem Druck und Anfeindungen, bis Krüss‘ Tod sie trennte. Nachdem der Autor 1964 zum zweiten Mal den Deutschen Jugendbuchpreis erhielt, wurde ihm 1968 mit der Hans-Christian-Andersen-Medaille die weltweit höchste Ehrung für Kinder- und Jugendliteratur verliehen.

Inspiriert von der neuen Umgebung auf den Kanarischen Inseln schuf Krüss zahlreiche Werke, darunter die Kinderbücher Sommer auf den Hummerklippen (1977), Timm Thalers Puppen oder die verkaufte Menschenliebe (1979) sowie Nele oder das Wunderkind (1987). Diese Veröffentlichungen erschienen hauptsächlich im Boje- oder Oetinger-Verlag. Im Buch Briefe an Pauline (1968) lässt Don Jaime (alias Krüss) das sonnige Gran Canaria im Kontrast zu Pauline im regnerischen München stehen. Die Briefe sind eine Mischung aus Fantasie, Alltagsbeobachtungen von Gran Canaria und kleinen Lebensweisheiten. 1986 brachte Krüss in der 17-teiligen Taschenbuchreihe Die Geschichten der 1001 Tage eine Sammlung seiner Werke heraus. Im hohen Alter begann er mit der Arbeit an einer autobiografischen Trilogie, von der jedoch nur der erste Band unter dem Titel Der Harmlos. Frühe Jahre 1988 veröffentlicht wurde. In diesem Werk setzte sich Krüss intensiv mit seiner Vergangenheit während der Zeit des Nationalsozialismus und seiner Homosexualität auseinander.

Trotz einer Herzoperation und eines gewissen Rückzugs vom turbulenten Literaturbetrieb blieb Krüss in seinen letzten Jahren weiterhin schöpferisch aktiv. In regelmäßigen Abständen unternahm er auch Reisen, insbesondere nach Deutschland, wo er immer noch eine große Fangemeinde hatte. 1996 wurde er für sein Lebenswerk mit dem Bundesverdienstorden ausgezeichnet. Ein Jahr später, am 2. August 1997, starb James Krüss im Alter von 71 Jahren auf Gran Canaria und wurde später vor seiner Heimatinsel Helgoland auf hoher See bestattet.

Insgesamt verfasste Krüss rund 160 Werke: Kinder- und Jugendbücher, Romane für Erwachsene sowie Gedichte und humorvolle Nonsens-Literatur. Für die künstlerische Ausgestaltung seiner Bücher arbeitete er mit renommierten Illustratorinnen und Illustratoren zusammen. Zu seinem 100. Geburtstag wird sein Schaffen durch zahlreiche Neuerscheinungen gebührend gefeiert.

Der Reclam Verlag zelebriert das Jubiläum von James Krüss gleich mit mehreren Neuveröffentlichungen. Besonders hervorzuheben ist die Lyrikanthologie So viele Tage wie das Jahr hat – 365 Gedichte für Kinder & Kenner. Krüss stellte diese Sammlung von Kindergedichten 1958 nach den Monaten gegliedert zusammen, und sie erschien ein Jahr später im Sigbert Mohn Verlag in Gütersloh. Er sah die Anthologie als ein Hausbuch der Poesie für Kinder, was ihn, nach seinen Worten, zu sorgfältiger und präziser Auswahl verpflichtete. Neben bekannten Autoren wie Bertolt Brecht, Wilhelm Busch, Annette von Droste-Hülshoff, Peter Hacks, Joachim Ringelnatz oder Walther von der Vogelweide fanden auch weniger bekannte Dichter wie August Kopisch, Robert Reinick oder Josef Guggenmos Eingang in die Sammlung.

Die aktualisierte Reclam-Ausgabe wurde umsichtig an die moderne Rechtschreibung und den heutigen Sprachgebrauch angepasst. Dabei sind Gedichte, die heutzutage als diskriminierend empfunden werden, durch angemessene Alternativen ersetzt worden. Besondere Aufmerksamkeit wurde dabei Dichterinnen gewidmet, um den Beitrag weiblicher Stimmen deutlich hervorzuheben. So wurden unter anderem Werke von Elisabeth Borchers, Elisabeth Dauthendey und Mira Lobe in die Sammlung aufgenommen. Diese Neuauflage wurde von der Designerin Julia Dürr mit charmanten sowie frech-fröhlichen Illustrationen gestaltet. Das Lesebuch, das gemäß seinem Titel insgesamt 365 Gedichte beinhaltet und schon bei seiner ursprünglichen Veröffentlichung von Erich Kästner sehr geschätzt wurde, bleibt auch heute ein wertvoller literarischer Schatz für die ganze Familie.

Wer von uns hat je von Polulangrien gehört? Wer könnte von sich behaupten, alle Sprachen und Dialekte dieser vielsprachigen, imaginären Halbinsel zu beherrschen? In seinen Polulangrischen Liedern aus dem Jahr 1968 erschuf James Krüss mit 21 Gedichten, Anmerkungen, Fußnoten und eigenen Illustrationen den Eindruck einer fiktiven Kultur. Als selbsternannter Sprachwissenschaftler nutzte er eine lautmalerische Lyrik und die eigens erdachte Fantasiesprache „Polulangrisch“, um parodistische und humorvolle Texte zum Leben zu erwecken. Diese Nonsens-Sammlung gewährt Einblicke in Krüss‘ ausgeprägte Leidenschaft für sprachliche Spielereien und erscheint nun in einer Hardcover-Ausgabe bei Reclam – ergänzt durch eine Zeittafel seiner Biografie.

In Reclams Universal-Bibliothek wurde mit James Krüss für alle Lebenslagen eine Sammlung seiner schönsten Gedichte und Geschichten veröffentlicht. Neben bekannten Versen wie „Wenn die Möpse Schnäpse trinken“, „Der begossene Pudel“ oder „Im fernen Lande Lutschistan“ warten auch weitere humorvolle und nachdenkliche Überraschungen auf die Leserinnen und Leser. Der Band ist mit Illustrationen von James Krüss selbst ausgestattet und enthält ein Nachwort von Tilman Spreckelsen, der Krüss‘ Freude an Sprache und seinen spielerischen Umgang mit ihr kurz beleuchtet. Bereits im Oktober 2025 erschien mit Der wohltemperierte Leierkasten eine humorvolle Gedichtsammlung in der Universal-Bibliothek.

In der Reihe „Reclam Taschenbuch“ wurden gleich zwei bemerkenswerte Titel veröffentlicht. Der Band Wenn die Möpse Schnäpse trinken bietet eine Sammlung der schönsten Gedichte des sprachgewandten Künstlers. Leser*innen begegnen darin unter anderem der knipsverrückten Dorothee, einem heruntergekommenen Löwen, einem verstörten Tausendfüßler oder hundertzwei Gespensterchen. Zudem laden Geschichten wie eine Schneeballschlacht unter Mäusen oder ein Wettlauf zwischen einer Giraffe und einem Autobus quer durch die Sahara zum Schmunzeln ein. Hauke Krüss, Neffe von James Krüss, ergänzt den Band mit einem persönlichen Nachwort über das inspirierende Leben seines Onkels.

Der zweite Band mit dem Titel Kleine Katzen sind so drollig und so wollig und so mollig ist nicht nur ein wahres Vergnügen für Katzenliebhaber*innen. Humorvolle Gedichte und Geschichten nehmen das faszinierende Leben von Katzen, Löwen und anderen Samtpfoten unter die Lupe. Die teils skurrilen Verse bieten einen charmanten Einblick in die Eigenheiten der Fellnasen. Im umfangreichen Nachwort beleuchtet die Literaturwissenschaftlerin Ada Bieber auf spannende Weise das einzigartige Schaffen von James Krüss.

Für September ist mit Heute tanzen alle Sterne ein weiterer Band mit den schönsten Geschichten und Gedichten zur Weihnachtszeit von James Krüss in dieser Reclam-Reihe angekündigt. Der neue Band zeigt eindrucksvoll, wie sehr Krüss es liebte, die Advents- und Winterzeit mit seinen fantasievollen Texten zum Leuchten zu bringen.

Der Atrium Verlag präsentiert zudem Ein Leben zwischen Inselwind und Wörtermeer, eine James-Krüss-Biografie, die speziell für ein junges Publikum ab sieben Jahren geschrieben wurde. Das Autorinnen-Duo Paula Peretti und Dorthe Voss erzählt auf humorvolle und lebendige Weise die Lebensgeschichte des Schriftstellers, ergänzt durch zauberhafte Illustrationen von Maja Bohn. Ein Buch, das ganz im Geiste von Krüss‘ Werk steht.

Anlässlich des James-Krüss-Jubiläums legt der Verlag außerdem James’ Tierleben neu auf, erstmals veröffentlicht im Jahr 1965. Mit Illustrationen von Johanna Mücke versehen, begeistert diese Sammlung heiterer Tiergedichte mit dem Untertitel Eine kleine Zoologie zur Unterhaltung und Belehrung. In typischer Krüss-Manier erschafft er eine fantastische Unsinns-Zoologie, in der Reime, Wortspiele und melodische Sprache die Tiere lebendig werden lassen – sei es durch wettrennende Giraffen, debattierende Flöhe oder verliebte Nilpferde.

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James Krüss: So viele Tage wie das Jahr hat. 365 Gedichte für Kinder und Kenner. Gesammelt und aufgeschrieben von James Krüss – Ein zeitloses Lesebuch voller Poesie für die ganze Familie – Jeden Tag ein Gedicht.
Reclam Verlag, Ditzingen 2026.
304 Seiten , 28,00 EUR.
ISBN-13: 9783150115763

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James Krüss: Polulangrische Lieder. Gesammelt, herausgegeben und mit einer Vorbemerkung, Anmerkungen, Fußnoten, Zeichnungen und einem Literaturverzeichnis versehen von James Krüss.
Reclam Verlag, Ditzingen 2026.
88 Seiten , 16,00 EUR.
ISBN-13: 9783150115688

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James Krüss: James Krüss für alle Lebenslagen. Die schönsten Gedichte und Geschichten.
Hg. von Ulrike Schuldes. Mit Illustrationen von James Krüss und einem Nachwort von Tilman Spreckelsen. Reclams Universal-Bibliothek Nr. 14766.
Reclam Verlag, Ditzingen 2026.
128 Seiten , 8,00 EUR.
ISBN-13: 9783150147665

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James Krüss: Kleine Katzen sind so drollig und so wollig und so mollig. Gedichte und Geschichten. Hg. von Ulrike Schuldes. Mit einem Nachwort Ada Bieber.
Reclam Verlag, Ditzingen 2026.
144 Seiten, 12,00 EUR.
ISBN-13: 9783150208021

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James Krüss: Wenn die Möpse Schnäpse trinken. Die schönsten Gedichte. Verse für Erwachsene – James Krüss neu entdecken.
Hg. von Ulrike Schuldes. Mit einem Nachwort von Hauke Krüss.
Reclam Verlag, Ditzingen 2026.
144 Seiten , 12,00 EUR.
ISBN-13: 9783150208038

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Paula Peretti / Dorthe Voss: James Krüss. Ein Leben zwischen Inselwind und Wörtermeer. Illustrationen von Maja Bohn.
Atrium Verlag, Zürich 2026.
144 Seiten , 16,00 EUR.
ISBN-13: 9783855352289

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