„Da bin ich. Hungrig.“

Elisabeth Papes Romandebüt „Halbe Portion“ erzählt von Zahlen und Zwängen

Von Annelie KnaubRSS-Newsfeed neuer Artikel von Annelie Knaub

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Schonungslos erzählt Elisabeth Papes Halbe Portion (2025) vom Aufwachsen in Armut und unter Kontrolle, von einer toxischen Mutter-Tochter-Beziehung und der bleibenden Wunde, jeden Cent abwägen und jede Kalorie zählen zu müssen. Papes autofiktionaler Roman berührt, beklemmt und hallt nach. Die Dramatikerin und Autorin setzt sich mit Ess(störung)en und der zeitgenössischen Gesellschaft auseinander: Wie schon ihr preisgekröntes Theaterstück Extra Zero (2023) bildet Papes episches Debüt das Leiden unter der Krankheit ab und macht soziale Ungleichheit und Klassenunterschiede sichtbar.

Als Erwachsene arbeitet die namenlose Protagonistin als Autorin, jobbt zusätzlich im Kino und vor allem: Sie isst wieder. Ihren Hunger hat sie in ihrer Kindheit mit halben Portionen stillen müssen – initiiert und streng kontrolliert von ihrer migrantischen, alleinerziehenden Mutter, die selbst zwanghaft darauf bedacht ist, dünn zu bleiben und Geld zu sparen. Die Folgen dieser Zwänge prägen die Protagonistin nachhaltig. Im Alltag kreisen ihre Gedanken um jede Kalorie und um die besten Angebote in den Supermarktprospekten, nur um ihre Einkäufe anschließend im Vorrats- und Kühlschrank verderben zu lassen. Zusätzlich fällt es ihr schwer – so zeigen es die Dialoge, in denen die Protagonistin mehr nachdenkt als spricht – sich um ihre Freundschaften zu kümmern und ihre Berufung zu finden – bis sie einen Mann kennenlernt, der ihr Halt zu geben scheint.

Im lakonischen Stil und mit tragikomischen Momenten vereint Pape Autobiographie mit Fiktion: Sowohl die Autorin als auch die Protagonistin haben Theaterwissenschaften und Szenisches Schreiben studiert und sind als Töchter ukrainischer Migrantinnen in Berlin aufgewachsen. Im Interview mit Suhrkamp erläutert Pape, dass sie es komisch fände, „so INTENSIV von Armut und Essstörungen zu erzählen, ohne selbst betroffen zu sein“. Die Romanlektüre ist intim, erscheint wie ein Blick in ein Tagebuch – nicht zuletzt aufgrund der Ich-Perspektive und der Nähe zur Gedankenwelt der Protagonistin, die als Erwachsene mit Rückfällen kämpft:

Ich fühle mich schuldig, fühle mich schlecht, fühle mich zurückgeworfen, fühle mich willenlos, fühle mich labil, fühle mich weiter schuldig, weil ich verschwendet habe: Lebensmittel, Energie und Zeit. Gedankenkapazität.

Die 377 Seiten sind in zwei Teile und zwei Erzählstränge gegliedert. Der erste Teil wird von zwei Zeitebenen strukturiert: Im stetigen Wechsel zwischen „früher“ und „jetzt“ werden die Leser*innen in das Leben der Protagonistin mitgenommen – von der Geburt über die Kindheit bis ins Erwachsenenleben, in dem sie mit den Folgen des transgenerationalen Traumas kämpft. Wenn sie ihre Kindheit reflektiert, wendet sich die Erzählerin persönlich an ihre Mutter und suggeriert den Leser*innen damit eine unangenehme Vertrautheit:

Darum geht es dir ja auch – den Anschein nach außen zu wahren, dass wir nicht arm sind, im Gegenteil sogar Geld haben.

Der deutlich kürzere, 61 Seiten lange zweite Teil findet ausschließlich im „Jetzt“, in Abwesenheit der Mutter statt und legt den Fokus auf die sich vertiefende Beziehung zwischen der Protagonistin und ihrem Date. Während dieses Kennenlernens erleben sowohl die Protagonistin als auch die Leser*innen Hoffnung und Unsicherheit – eine Dynamik, die Spannung erzeugt und zugleich verdeutlicht, wie stark die Essstörung und die Zwänge die Partnerschaft beeinflussen.

Die 83 Kapitel sind sehr kurz, oft nur zwei bis fünf, nie länger als elf Seiten lang. Durch die Kürze der Kapitel werden Pausen gesetzt und das Tempo der Erzählung erhöht, was die Lektüre im Kontrast zur inhaltlichen Schwere erleichtert. Die eher schlichte Sprache steht dabei in bewusstem Kontrast zu den anspruchsvollen Themen und macht deren Komplexität durch die Nähe zur Protagonistin greifbar. Dass das Denken der Protagonistin an ihre Kindheitserinnerungen und die dort erlernten Strukturen gebunden ist, wird auch formal hervorgehoben: Die Kapitel sind aufeinander abgestimmt und werden flüssig durch die Erinnerungen der Protagonistin miteinander verbunden – findet sie sich auf Dating-Apps wieder, denkt sie zurück an die ehemaligen Partner ihrer Mutter; spricht ihre Freundin davon, die Protagonistin solle sich einen Hund zulegen, erinnert diese sich an ihr Meerschweinchen, das sie als junge Teenagerin halten durfte.

Ständig listet die Erzählerin Preise, Markennamen und Nährwerte auf – die 29,79 € teuren 80 Lindor-Kugeln à 74 Kalorien pro Stück, die um 44 % reduzierten Blütenzarten Haferflocken von Kölln und die 39 Cent teuren Laugenbrezeln aus dem Rewe-Backshop, die aber nicht so lecker sind wie die 1,20 € teuren von Ditsch. Jene protokollartigen, zahlenlastigen Passagen werden schnell monoton – sie spiegeln die zwanghaft repetitiven Verhaltensmuster und Gedanken der Essstörung formal wider, machen den hohen Leidensdruck der Protagonistin sichtbar und ermöglichen dem*der Leser*in, ihr Denken nachzuvollziehen. Nicht nur die Zahlen der Kalorien und Preise sind wiederkehrende Elemente; immer wieder denkt die Protagonistin darüber nach, was sie alles sagen möchte, aber nicht schafft zu sagen: „Ich möchte Lina sagen, […]“, „Ich möchte Richard sagen, […]“, „Ich möchte meiner Therapeutin sagen, […]“. Wie die vielen Zahlen sind auch die Gedanken repetitiv und lassen die Besessenheit und die psychische Belastung der Protagonistin spürbar und damit nachvollziehbar werden – „Es ist immer die gleiche Gedankenabfolge. Ich langweile mich selbst und verändere trotzdem nichts.“

„Es ist nicht das leichteste Buch, auch wenn es eine Halbe Portion ist. Empfehlt es fleißig weiter, auch wenn ihr es vielleicht anstrengend fandet. Schon okay, ich finds auch anstrengend“, beschreibt Pape ihren Roman auf ihrem Instagram-Profil zutreffend. Quälend echt dokumentiert sie die Unbarmherzigkeit der Krankheit und wie Armut und Zwang miteinander verflochten sein können – ein schmerzhaftes, zugleich fesselndes Debüt.

Ein Beitrag aus der Redaktion Gegenwartskulturen der Universität Duisburg-Essen

Titelbild

Elisabeth Pape: Halbe Portion. Roman.
Suhrkamp Verlag, Berlin 2025.
377 Seiten, 22,00 EUR.
ISBN-13: 9783518475126

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