Drei Frauen aus drei Generation lieben ihr Daheim

Die Frauen im Roman „Die Riesinnen“ von Hannah Häffner sind nicht nur körperlich riesig, sie sind herrlich unangepasst und eigen

Von Mechthild HesseRSS-Newsfeed neuer Artikel von Mechthild Hesse

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Wittenmoos im Südschwarzwald, wo der Roman Die Riesinnen angesiedelt ist, „liegt in einer schmalen, länglichen Senke, eine Pfütze von einem Dorf… Einige Höfe… sind ihr eigenes Dorf, ihre eigene Welt, und man kommt sich winzig und vergänglich vor, wenn man vor ihnen steht oder in ihnen lebt…“

Mit der Beschreibung des Dorfs, umgeben von einem dunklen Wald, „der von den Flanken ewig heranrollt, in einem Schwarz, das seinen Launen folgt“, beginnt der Roman, in dem das Dorf mit seinem Wald eine wesentliche Rolle spielt. Er erzählt die Geschichte von drei Generationen von Müttern: von Liese, Cora und Eva Riessberger, für die das Dorf „die Welt bedeutet“.

Die verheiratete Liese sehnt sich nach der Fremde. Doch aufgrund häuslicher Pflichten und innerer Hemmungen bleibt sie im Dorf – auch als ihr (oft gewalttätiger) Mann Bernhard bei einem Unfall stirbt. Sie, die mit ihrem roten Haar und dem dürren, knöchernen Körper zunächst schüchtern, unbeholfen und unselbstständig erscheint, schafft es mit Willenskraft, sich gegen die Schwiegereltern durchzusetzen und die Metzgerei zu übernehmen, die eigentlich für Bernhard gedacht war: „Die Riesin, ja, aber die Metzgerin ist sie jetzt auch. Sie glaubt nicht, dass sie das jemals hat sein wollen, aber Tatsache ist ja, dass sie immerhin etwas ist, etwas, wozu sie keiner gemacht hat, nur sie selbst.“ Den Wunsch fortzugehen, lässt sie fallen.

Ihre Tochter Cora, auch eine Art Außenseiterin im Dorf und in der Schule, hat ebenso rote Haare wie ihre Mutter, ist ihr sonst sehr unähnlich. Sie löst sich nach dem Abitur aus der Dorfgemeinschaft (die keine Gemeinschaft ist) und macht den Sprung in die Welt. Ohne Planung lässt sie sich in Europa herumtreiben, wohnt bei Leuten, die sie zufällig trifft, erfreut sich des spontan-ungeordneten Lebens in Paris und Amsterdam und landet schließlich in Italien. Cora plant, nach dem Italienaufenthalt mit einer dänischen Freundin nach London aufzubrechen, aber eine durch Arglosigkeit und Naivität hervorgerufene Schwangerschaft macht ihr einen Strich durch die Rechnung. Da sie weder weiß, wohin, noch, von wem sie überhaupt schwanger ist, ist sie gezwungen, wieder nach Hause zurückzukehren. Die Mutter nimmt sie wieder auf, ohne viel zu fragen.

Die Eroberung der Welt sollte es sein, hätte es werden können. Geworden ist es eine Rückkehr, ein Neubeginn… Es gibt Leichteres, als mit einem Kind, das man eigentlich nicht wollte, ein Leben zu beginnen, das man eigentlich nicht will, und dafür dann auch noch verurteilt zu werden.

Wie auch bei Cora wird das Aufwachsen von Coras Kind Eva in Wittenmoos ausführlich erzählt. Im Gegensatz zu Cora ist Eva aber im Dorf und in der Schule beliebt. Eine Ähnlichkeit zu Mutter und Großmutter gibt es jedoch: Eva hat schon als Kleinkind eine tiefe Liebe zum Wald:

Selbst als sie merken, dass Eva ein Waldkind ist, ist es, als hätte sie es von Liese geerbt und nicht von Cora. Sie bewegt sich dort so sicher, als wäre sie zwischen den Bäumen geboren und Zeit ihres Lebens nie hervorgekommen. Sie fasst an, was es anzufassen gibt, vollkommen ohne Angst, betrachtet alles ohne Ehrfurcht, dafür mit großer Freundlichkeit.

Trotz dieser Liebe zum Wald geht Eva aber zum Studium in die Großstadt, nach Stuttgart, lernt dort Johannes kennen, mit dem sie auch eine Zeitlang zusammenwohnt. Dann merkt sie jedoch, dass sie weder in die Stadt gehört noch in ein anderes Milieu, nämlich in das von Johannes und seiner akademischen Familie und zieht zur Mutter zurück.

Zunächst scheint sie zufrieden, wieder in Wittenmoos so nahe am Wald zu wohnen und in der Metzgerei und Gaststätte der Oma zu arbeiten. Sie nimmt Kontakt auf zu Franz Eschbach, dem Menschen, der im Dorf von allen gemieden wird:

[D]er Kern [des Dorfs] bleibt dabei, mit dem Eschbach spricht man nicht, man ist es einfach gewohnt, und er inzwischen wohl auch. Selbst Liese, die so nicht ist, ganz bestimmt nicht so ist, redet mit dem Eschbach nicht. Eva hat sich schon darüber gewundert, Liese ist keine, die Dinge tut, nur weil man sie eben so tut.

Später entschließt sich Eva, Forstwirtschaft zu studieren, in einer Gegend nördlich von Wittenmoos, wo sie auch eine Stelle als Forstwirtin in einem Naturpark bekommt.

Die Stille hier ist tief und satt. Es gibt die Abwesenheit von Geräuschen, und es gibt Stille, die einen anderen Ursprung hat, so wie hier, wo es raschelt und rauscht, wo stille nichts mit Stillstehen zu tun hat, sondern mit Wachsen und Erneuern, mit Werden und Sterben, und damit, sich nicht aus dem Tritt bringen zu lassen, seit Jahrtausenden nicht. Dort, wo alles so bleibt, wie es ist, ist Stille immer Teil eines Ganzen, eine Art Versprechen.

Sie erkennt, dass sie hierhin gehört. Dann lernt sie Dan kennen, mit dem sie auch schweigen kann. „Sie sind fast so weit, dass sie in Ruhe voneinander still sein können, aber nur fast.“

Dieser „Heimatroman“ überzeugt mit seinen außergewöhnlichen, gegen den modernen Trend lebenden  Personen. Die drei Protagonistinnen erfahren trotz der Attraktivität der Städte mit ihrer Unterhaltungsindustrie eine tiefe Zufriedenheit an ihrem Ort, im Wald, auf dem Land. Obwohl alle drei ursprünglich ihrem Dorf den Rücken kehren wollen, finden sie doch auf dem Land eine Art Erfüllung. Der einfache, dennoch ungewöhnliche Stil passt zur Unangepasstheit der Protagonistinnen. Es macht Spaß, die Geschichte von diesen selbstbestimmten Frauen zu lesen. 

 

Titelbild

Hannah Häffner: Die Riesinnen. Roman – »Wüst, wild, bewegend und voller Poesie.« DORIS KNECHT.
Penguin Verlag, München 2026.
416 Seiten, 24,00 EUR.
ISBN-13: 9783328604334

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