Von der „Werkpolitik des Nie-Fertigen“
Die Arbeitstechniken der Brüder Grimm
Von Martin Meier
Wem geistige Arbeit Lebenszweck ist, der wird auch historischen Formen und Strukturen wissenschaftlichen Arbeitens Interesse entgegenbringen. Wie forschten Wissenschaftler früher? Philip Kraut lässt diese Gelehrtenarbeit in einer aus seiner Dissertation hervorgegangenen Monographie am Beispiel der Brüder Jacob und Wilhelm Grimm sichtbar werden. Gleichsam zeichnet er das Bild einer Epoche wissenschaftlichen Arbeitens, in der auch Historiker und Philologen zum Vorteil des eigenen Werkes eng mit anderen Wissenschaftlern kooperierten. ]
Ihrer kulturhistorischen Bedeutung zum Trotze sei der größte Teil des wissenschaftlichen Nachlasses Jacob und Wilhelm Grimms bislang „weder philologisch untersucht, noch […] im Internet in digitaler Form zugänglich“, heißt es im Vorwort.
Krauts Monographie befasst sich mit unterschiedlichen philologischen Arbeitstechniken der Brüder Grimm. In fünf umfassenden Kapiteln behandelt er das Exzerpieren und Ordnen sowie den Entstehungsprozess ihrer Werke von der Lektüre bis zum vollendeten Druckwerk. Da die Grimms ihre Arbeiten nie als vollendet ansahen, erschließt Kraut auch das Kommentieren der Handexemplare und die grimmschen Praktiken des Rekonstruierens. Auf die Märchenforschung geht er nur am Rande ein, da der Umfang der diesbezüglichen Arbeiten gemessen am Gesamtumfang des Nachlasses eher gering sei.
Kraut stützt seine Darstellung vor allem auf unpublizierte Aufzeichnungen Jacobs und Wilhelms. Hierbei widmet er zunächst dem Exzerpieren sein Hauptaugenmerk und zeigt gelungen die Zusammenarbeit verschiedener Philologen, die über Briefwechsel Textauszüge austauschten. So fertigten Freunde der Grimms wie Georg Friedrich Benecke und Karl Lachmann Auszüge aus altdeutscher Literatur und standen mit den Grimms in einem Exzerpteaustausch. Letztere waren jedoch nicht nur auf die Zusammenarbeit mit anderen Fachgelehrten angewiesen, sondern auch auf Laien, im Falle der Grimms beispielsweise auf den jüngeren Bruder Ferdinand, der altdeutsche Quellen handschriftlich kopierte, sowie auf andere Zuträger und Kopisten. Ins Zentrum dieses umfassenden Kapitels stellt Kraut zunächst die Arbeit am Deutschen Wörterbuch. Nachfolgend wendet er sich dem Ordnen des vorhandenen Materials und der sogenannten Sagenkonkordanz zu, in die zahlreiche Exzerpte Eingang fanden. Im Falle dieser Sagenkonkordanz handelt es sich um ein systematisches handschriftliches Verzeichnis von Erzählmotiven, das nie publiziert wurde und somit auch keinen Einfluss auf die Erzählforschung nehmen konnte. Das Exzerpte-Kapitel einleitend bietet Kraut die folgende Definition: „Ich begreife die philologische Textform Exzerpt als Einheit der Unterscheidung von Textstelle und Kontext.“ Exzerpte bilden, so Kraut, die Grundlage wissenschaftlicher „Leistungsfähigkeit“.
Die Grimms exzerpierten aus deutschen, englischen, dänischen, schwedischen, italienischen, französischen und spanischen Büchern. Diese Tätigkeit wird im Druckwerk der Brüder Grimm bei weitem nicht so oft erwähnt wie in den persönlichen Korrespondenzen. Exzerpte als Ausgangspunkt weiterer Forschung und wissenschaftlicher Tätigkeit müssen gewissen Standards entsprechen. Die Grimms fertigten Exzerpte der Exzerpte an. Im Abschnitt „Kopieren“ vertritt Philip Kraut die These, dass die „hohe Konjunktur des Exzerpierens der Arbeitspraxis der Brüder Grimm in einem direkten wissenschaftstheoretischen Zusammenhang mit der historisch-philologischen Wende der Wissenschaften um 1800“ stehe.
Kraut charakterisiert die Arbeitspraktiken der Brüder Grimm anknüpfend an Gerhart von Graevenitz als topisch im Sinne einer „Tradition der individuellen Auswahl von Exzerptkategorien“. Nun ist jene topische Arbeitsweise der Grimms immer wieder auch kritisch betrachtet worden, da weit auseinander liegende Begriffe auf bestimmte Urbegriffe zurückgeführt werden. Dieses Verfahren wählten die Grimms auch für ihr Deutsches Wörterbuch. Das scheinbare Durcheinander sei aber durch ein Kreisen um bestimmte Urbegriffe geordnet, so Kraut. In Anlehnung an Marion Franks 1999 erschienene Dissertation Der Aufbau der Wörterbuchartikel Jacob Grimms meint der Verfasser, es habe sich um „durch Urbegriffe strukturierte, verschachtelte Systeme“ gehandelt, „die sowohl auf Lautgesetzen als auch auf etymologischen Spekulationen fußen”.
Die Entwicklung innerhalb der vergleichenden Sprachforschung konstatierend, erklärt Kraut, dass zunächst die Beziehungen zwischen sich ähnlich klingenden beziehungsweise geschriebenen Wörtern untersucht wurden, während die Brüder Grimm bereits verwandtschaftliche Beziehungen zwischen unähnlichen Worten herausarbeiteten.
Sich den Arbeitsmaterialien zuwendend stellt Kraut im dritten Kapitel die etwa 7000 Bände umfassende Bibliothek als wichtiges philologisches Arbeitsmittel der Brüder vor. Sie diente dem methodischen Studium durch Lesen, Kopieren und Notieren. Die Grimms standen hierbei nicht außerhalb der Tradition, sondern knüpften in allen Bereichen an vorhandene Praktiken an. Der Verfasser der vorliegenden Studie zeigt dies eindrucksvoll und verweist hier auf die Angewohnheit der Übertragung von Büchern durch handschriftliches Kopieren in gesonderten Notizheften. Die Grimms waren, wie alle ihre Kollegen, auf Buchkopien angewiesen und standen somit in gewisser Hinsicht in der Kopisten-Tradition des Mittelalters. Dennoch bestand ein elementarer Unterschied, denn die Abschreibetradition in den mittelalterlichen Klöstern war nicht an die Überlieferung des Originals gebunden, sondern verfuhr locker, teilweise ergänzend oder umschreibend, mit dem jeweiligen Text. Den Grimms hingegen war es um ein Abtragen der Schichten, gleichsam um die Erkennbarmachung des Urtextes beschaffen.
Besondere Probleme bereitete dem Autor nach eigenem Bekunden der Umgang mit den auf Zetteln notierten Arbeitsmaterialien. Da ihnen keine Publikationswürdigkeit zugedacht war, seien sie oft nur schwer lesbar, aber aufgrund ihrer Aufeinanderbezogenheit von offensichtlichem Wert. Es ist eine Kette aufeinanderfolgender Arbeitstechniken unverkennbar. Der Lektüre folgen die Exzerpte, diesen wiederum das Ordnen, schließlich die lineare Umsetzung in ein Manuskript. Parallel und unterstützend erfolgen das Kopieren und die Anfertigung handschriftlicher Notizen, die permanent nach Einarbeitung in das Manuskript vernichtet wurden. Im Zuge der Ausarbeitung der Manuskripte fügten sich die Extrakte nun als Argumentationsbasis in den Text ein und sicherten die Qualität des Werkes.
Abschließend untersucht Kraut den Umgang der Brüder Grimm mit ihren Handexemplaren. In ihnen fand eine Art des Selbstkommentierens der geleisteten Arbeit statt. Jene Randbemerkungen zeigen, dass die beiden Wissenschaftler ihre Werke grundsätzlich als nicht abgeschlossen wahrnahmen. So fand eine Art steter Evaluation des eigenen Schaffens statt. Jacob Grimm äußerte gegenüber dem Berliner Verlag Dümmler die Hoffnung, dass die geplante Herausgabe einer zweibändigen Sammlung kleinerer akademischer Schriften ruhig noch ein bis zwei Jahre aufgeschoben werden könne, denn es wäre ihm „leid, wenn die vielen dazu gesammelten Nachträge untergehen sollten“.
Anders als andere Autoren, die die Herausgabe ihrer gesammelten Werke gerne sehen, um damit den Eindruck organischer Geschlossenheit zu erzielen, ging es den Brüdern Grimm um eine die Unvollständigkeit des eigenen Schaffens betonende “Werkpolitik des Nie-Fertigen“.
Unter den Schlagworten ergänzen, revidieren, erweitern ließen sich nach Kraut die Arbeitspraktiken zusammenfassen, die auf ständig verbesserte Neuausgaben abzielten. Dieses akribische Vorgehen forderte auch Tribut. So empfand gerade Jacob Grimm die enorme Belastung, die die Arbeit an lexikalischen Werken mit sich brachte, die an sich nie zum Abschluss gelangte.
Ein etwas kurz geratenes Resümee beschließt die interessante Studie. Alles in allem sei die Arbeit der Grimms von Rekonstruktionsbemühungen getragen gewesen, die darauf abzielten, die Wahrscheinlichkeit des einst Gewesenen oder des Gewordenen darzulegen, konstatiert Kraut.
Abschließend bescheinigt er, dass die „speziell diachron-genetische Perspektive der historisch-vergleichenden Methode, die in den Arbeitsmaterialien [der Brüder Grimm]“ zur Geltung komme, „das revolutionär Neue, das – aus der Perspektive einer longue durée – diskontinuierliche Moment ihrer Arbeitsweise“ sei.
Kraut bietet eine quellengesättigte Arbeit, deren Text und Anmerkungsapparat den ungeheuren Fleiß ihres Verfassers erahnen lässt. Etwas zu bescheiden sieht er seine „kleine Studie“ auch nur als Voraussetzung zur künftigen Untersuchung von Rekonstruktionspraktiken. Seine Mühe hat sich allemal gelohnt, bietet er doch, neben Neuentdeckungen einiger unveröffentlichter Manuskripte, zahlreiche Ansätze für die weitere Forschung. So erklärt Kraut schon einleitend, dass die von ihm vorgelegte Studie durchaus ein praktisches Schema liefern könne, weitere historische Gelehrtennachlässe – von denen es ja noch viele gebe, die unbearbeitet seien – inhaltlich zu analysieren. In Kapitel 4.1 moniert Kraut zudem das Fehlen einer historisch-kritischen Gesamtausgabe. Es bleibt zu wünschen, dass diese Anregungen und Entdeckungen von der weiteren Forschung aufgegriffen werden.
|
||














