Aus den Worten Funken schlagen
In seinem Essay „Ich erschreibe mir mein Leben“ erkundet Jano Sobottka Gestalt und Wirkung der Texte Paul Nizons
Von Günter Rinke
In seinem wichtigsten theoretischen Werk Der autobiografische Pakt unterschied der französische Literaturwissenschaftler Philippe Lejeune zwischen zwei möglichen imaginären Abmachungen zwischen Autor und Leser: dem Romanpakt und dem autobiografischen Pakt. Während bei Ersterem vorausgesetzt wird, dass die erzählte Geschichte fiktional ist, der Autor also nicht für ihre Wahrheit einstehen muss, soll diese Selbstverpflichtung auf die Autobiografie zutreffen. Der Autor oder die Autorin erzählt nach bestem Wissen und Gewissen von sich selbst. Ob das Erzählte der Wahrheit entspricht, ist nicht entscheidend, vielmehr geht es um den Wahrheitsanspruch. Lejeunes Buch erschien 1975.
Zwei Jahre später kam Serge Doubrovskys „Roman“ Fils (doppeldeutiger Titel) auf den Markt, der legendär wurde, weil darin erstmals der Begriff „Autofiktion“ gebraucht wurde. Die Erfindung dieses Begriffs beansprucht auch der Schweizer Autor Paul Nizon für sich: Er habe es ein paar Jahre später erfunden, ohne von dem Vorgänger Doubrovsky zu wissen. Das autofiktionale Werk, das Nizons schriftstellerischen Ruhm, wenn nicht begründete, so doch stark beförderte, hatte den Titel Das Jahr der Liebe und erschien erstmals 1981. Es nimmt im gesamten literarischen Schaffen Nizons eine zentrale Stellung ein. Sein Stoff und seine Form werden in Nizons Frankfurter Poetikvorlesungen reflektiert, und es existieren begleitende Tagebücher, die Aufschluss über die Textentstehung geben. Der späte Roman Das Fell der Forelle (2005) nimmt noch einmal Bezug auf die Situation, in der und aus der heraus Das Jahr der Liebe entstand.
Nun widmet sich der Literaturwissenschaftler Jano Sobottka den Texten des heute hochbetagten Paul Nizon. Er untersucht die Prinzipien seines Schreibens und seinen Einfluss auf die Gegenwartsliteratur. Die „Erfindung der Autofiktion“ schreibt Sobottka im Untertitel seines Essays zu einem wesentlichen Teil Nizon zu, verschweigt aber nicht, dass es Vorläufer gibt, vor allem Jean Paul mit seiner Selberlebensbeschreibung (geschrieben 1818/19). Aufgrund seiner genauen Kenntnis der Texte vermag es Sobottka, viele Hintergründe und Zusammenhänge des Nizonʼschen Gesamtwerks zu erhellen. Was allerdings auf den ersten Blick befremdet, ist eine fehlende Reflexion darüber, dass Das Jahr der Liebe, ebenso wie Doubrovskys Werk, die Gattungsbezeichnung „Roman“ trägt. Nach Lejeune müsste demnach für alle, die das Buch aufschlagen, der Romanpakt gelten. Fragen nach dem Wesen der Autofiktion hätten sich damit zwar nicht erledigt, jedoch müsste geklärt werden, ob es sich dabei um ein Romangenre, also so etwas wie eine Untergattung, handelt. Es ist natürlich möglich, dass das für Sobottka nicht der Rede wert war, weil es den Gesetzen des deutschen Literaturmarkts (im Unterschied zum französischen) bis heute entspricht, jeden längeren Prosatext als „Roman“ zu bezeichnen. Dennoch stellt sich mit der Gattungsbezeichnung die grundsätzliche Frage, ob zwischen Romanpakt und autobiografischem Pakt ein Drittes überhaupt möglich ist. An einer Stelle spricht Sobottka übrigens vom „schützenden Paratext ‚Roman‘“, ohne auf die Funktion dieser Gattungsbezeichnung näher einzugehen.
Nizon jedenfalls suchte nach einer Form für sein an eigenen Erlebnissen orientiertes Schreiben. Es sollte ja keine bloße „Nabelschau“ werden, für die es in seiner Lebenssituation Ende der 1970er Jahre genug Anlässe gab: die Trennung von Frau und Familie, der Umzug in eine kleine Wohnung in Paris, von der er als seinem „Schachtelzimmer“ spricht, eine neue Liebe zu der wesentlich jüngeren Odile, die sich in London aufhielt. Diese vorerst scheiternde Liebesgeschichte wird aber in Das Jahr der Liebe im Wesentlichen ausgespart, nur an einigen Stellen angedeutet. Hilfreich, um Nizons Text und vor allem seine Machart, zu verstehen, ist die von ihm selbst verwendete und von Sobottka ausgiebig genutzte Metapher von den „vier Orgelpfeifen“. Sie sollen im geplanten Buch nebeneinanderstehen. Und, so muss man wohl ergänzen, zusammenklingen – wie beim Spielen einer Orgel. Die Metapher übersetzt sich so: „ein möglichst starker Gegenwartsbezug (erste Pfeife) sowie die Kombination von Realem (zweite Pfeife), Imaginärem (dritte Pfeife) und Reflexivem (vierte Pfeife).“ Die erste und zweite Pfeife dürften einander im Klang ähneln, während die dritte und vierte neue Klangfarben ins quasi-musikalische Kunstwerk bringen. Die Reflexion richtet sich vor allem auf die Schwierigkeiten und Möglichkeiten des Schreibens, auf die Schreibsituation und die Stellung des Schriftstellers in der Gesellschaft.
Die Ebene des Imaginären, erfahren wir durch Sobottka, sei insbesondere durch das Sexuelle besetzt, das im Buch – soll man nun doch sagen „im Roman“? – eine prominente Stelle einnimmt. Das sexuelle Begehren, das „vorrangig bei Bordellbesuchen“ ausgelebt werde, sei eng mit dem Schreiben verquickt. Sein Erwachen, so diagnostiziert es Nizon an sich selbst, sei „mit dem Erwachen eines dichterischen Zwangs eins“ gewesen. Die Beschreibungen von Begegnungen mit Prostituierten in Das Jahr der Liebe klingen jedenfalls so, als seien sie auf der Realitätsebene angesiedelt und nicht als Phantasien oder Traumvorstellungen zu verstehen. Solche Traumsequenzen sind am Ende des Textes aneinandergereiht und zeigen einen sich verselbständigenden Schreibfluss an, den der Autor laut seiner Reflexionen über das Schreiben (Orgelpfeife 3) anstrebte.
Ob man ihm das Orgelpfeifenschema, das Nizon in seinen Frankfurter Vorlesungen anbietet, überhaupt abnehmen muss, ist eine Frage, die erlaubt sein sollte. Sind nicht auch andere Einteilungen möglich, etwa: Wahrnehmungen der Pariser Umgebung, Erinnerungen an frühere Wohnorte und Erlebnisse, Träume im engeren Sinn, dazu die Reflexionen? Auch ein Figurenschema kann aufschlussreich sein: Auf das rationale, mit nüchtern-distanziertem Alltagsverstand argumentierende Alter Ego des Ich-Erzählers, Beat, geht Sobottka ein. Nicht aber auf Figuren, die für das schreibende Ich untaugliche alternative Lebensmodelle repräsentieren: scheiternde Möchtegern-Schriftsteller, einen erfolgreichen, tüchtigen Onkel, den ein Schlaganfall aus dem aktiven Leben reißt, die Kurgäste, die er „die Abgeschriebenen“ nennt, ein Künstler, der sich fröhlich zu Tode trinkt.
Eine kritische Würdigung von Nizons Selbstdarstellung in seinem Hauptwerk war offenbar nicht das Ziel Sobottkas. Auch nicht eine genaue Romananalyse. Hauptsächlich ging es ihm wohl darum, dessen Werke als Vorbild oder Initialzündung für viele andere Autoren und Autorinnen darzustellen, die Autofiktion verfasst haben. Daher kann das Buch als kleines Kompendium der Gegenwartsliteratur gelesen werden. Hier eine ungeordnete Auswahl der Namen, die von Sobottka angesprochen werden: Wolfgang Herrndorf, Navid Kermani, Julia Schoch, Karl Ove Knausgård, Andreas Maier, Jan Brandt, Stefanie Sargnagel, Annie Ernaux, Didier Eribon, Joachim Meyerhoff, Thomas Melle, Elfriede Jelinek und Terézia Mora. Angesichts dieser nicht einmal vollständigen Liste mag es kleinlich erscheinen, wenn der Rezensent fragt, weshalb Peter Kurzeck mit seinem mehrbändigen Werk Das alte Jahrhundert nicht auftaucht. Kurzeck und Nizon haben manches gemeinsam, etwa die für beide essentielle Verbindung von Schreiben und Gehen (Nizons Frankfurter Vorlesungen heißen Am Schreiben gehen). Nizons Motto, das Sobottkas Buch den Titel gibt: „Ich erschreibe mir mein Leben“, könnte auch für Kurzeck gelten.
In der seit Längerem ausgiebig geführten Diskussion um das Wesen von Autofiktion ist Sobottkas Essay ein weiterer Beitrag, den man nicht ohne eine gewisse Ratlosigkeit weglegt. Über Paul Nizons Schreibmethode und -motivation ist von ihm einiges zu lernen. Die bei fortschreitender Lektüre sich einstellende Verwirrung findet eine Erklärung im Text selbst, tritt doch der von Deleuze/Guattari auf die Philosophie übertragene Begriff ‚Rhizom‘ zunehmend in den Vordergrund. Nizons Schaffen seit den 1970er Jahren wird als „stetig wachsendes Rhizom aus echten Lebensgeschichten, fiktionalen Nebenwegen und Selbstinterpretationen“ charakterisiert. Vielleicht ist es so, dass jemand, der dieses Werk beschreibt, selbst auf Nebenwege und wieder zurück gerät – was wiederum den Leseprozess erschwert oder gar den Blick trübt.
Interessanter als eine Gattungsdebatte, in der eine Grenzziehung zwischen Autofiktion und autobiografischem Roman schwierig bis unmöglich bleiben dürfte, könnte die Frage sein, weshalb als autofiktional geltende Texte in neuerer Zeit so erfolgreich sind. Sie dürfte nur jeweils auf den einzelnen Fall bezogen zu beantworten sein. Etwa für Das Jahr der Liebe: Da ist zum einen die Situation völliger Freiheit bei maximaler Unsicherheit (wird das Schreiben gelingen? Wird es meine materielle Existenz sichern?); zum zweiten die Situation, die ein hohes Interesse weckt. So hat das erzählende Ich eine kleine Wohnung in Paris geerbt, Nähe Place Clichy, Vergnügungsviertel, erotische Verlockungen, berühmte Vorgänger, die dort ein Bohème-Leben führten, man denke nur an Henry Miller. Zum Dritten ist da die Sprache, über die man gern mehr erfahren hätte. Denn ob Autofiktion oder nicht – es bleiben Sprachkunstwerke, und Nizon gelingt es immer wieder, die assoziative Dynamik der Sprache freizusetzen, sodass sich beim Lesen ein Sog entwickelt, wie er den Schreibenden auch erfasst haben mag. Das war schon in Nizons Erstling Canto (1963) so, in den danach entstandenen Texten weniger. Auch deshalb war Das Jahr der Liebe ein Neuanfang. „Mit Worten Feuer schlagen. Ohne Funken müßte man verfinstern“, heißt es in Nizons Caprichos Im Bauch des Wals (1989).
Es ist Sobottkas Verdienst, uns diese funkelnden, sprühenden Texte näherzubringen und zu ihrer Lektüre anzuregen.
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