Raserei in tiefer Trauer
Tokuro Nukuis Roman „Tokyo. Schwarzer Sommer“ inszeniert eine Männlichkeitskrise im Polizeimilieu
Von Lisette Gebhardt
Im japanischen Original trägt Tokuro Nukuis gediegener Roman den Titel Dōkoku 慟哭, was ein Gefühl großer Trauer bezeichnet. Das bereits seit der Vormoderne bekannte Motiv meint einen kaum mehr unterdrückbaren seelischen Schmerz, der sich einer Person bemächtigt und sich im Moment tiefster Erschütterung offenbart. Im Nô-Theater übermittelt die stumme Geste shiori oder ihre Steigerung morojiori (der Schauspieler hebt beide Hände vor die Stirn) diesen Gemütszustand, in dem ein gequälter Geist nicht selten sogar der Raserei verfällt und in die Sphäre des Wahnsinns gerät.
Ein Thriller? Ein Kriminalroman?
Tokuro Nukuis erfolgreiches Debütwerk aus dem Jahr 1993, im Deutschen Tokyo. Schwarzer Sommer, wurde vom Lübbe Verlag möglicherweise aus Verlegenheit als Thriller betitelt. Insofern könnte man im Rahmen des neuerdings obligatorisch im Impressum notierten „Produktsicherheit“-Auskunftsservices die Beanstandung zu Gehör bringen, dass es sich bei vorliegendem Werk sicher nicht um einen Thriller handelt. Auch mit der Genrebezeichnung Kriminalroman hätte man gewisse Schwierigkeiten – was aber keinesfalls heißen soll, der Text sei nicht lesenswert. Im Gegenteil. Liebhaber japanischer Literatur wissen ohnehin, wie wenig man im Allgemeinen solchen Etikettierungen trauen kann und stellen sich meist schnell auf die Besonderheiten des jeweiligen Werks ein. Tokyo. Schwarzer Sommer ist zunächst eine Milieustudie des beruflichen und privaten Umfelds von Polizeibeamten in der Präfektur Tôkyô.
Nukui schildert in den ersten Abschnitten den Dienstalltag eines Hauptkommissars im Dezernat für Tötungsdelikte und schweren Raub: Protagonist Saeki, ein im Hinblick auf die Stelle noch relativ junger Staatsdiener mit Elitelaufbahn, steht unter Druck. Zum einen gibt es Probleme im Polizeiapparat, dem man sinkende Moral vorwirft. Zum anderen versteht sich der ebenso hochintelligente wie unterkühlte Ermittler mit seiner anspruchsvollen Ehefrau (es ist die Tochter des Generalkommissars der Nationalen Polizeibehörde!) nicht sonderlich gut und hält sich oft bei der Reporterin Itsuko auf, obwohl er Vater einer kleinen Tochter ist. Herausgefordert wird er vor allem durch den Fall eines seit Dezember 1989 vermissten Mädchens, dessen Leiche man schließlich nackt und verwest in einem schwarzen Plastikmüllsack am Fluss findet. Doch es scheint noch ähnliche Fälle zu geben. Hauptkommissar Saeki und sein Untergebener, Kommissaranwärter Shigeo Okamoto, müssen dem Täter auf die Spur kommen.
Mörder und neureligiöse Missionare: Japan in den 1990ern
Als Porträt der japanischen Gesellschaft der frühen Heisei-Ära, die mit dem Tod des Shôwa-Kaisers 1989 begann, ist der „Schwarze Sommer“ durchaus informativ. Man erfährt aus zeitgenössischer Quelle vom Phänomen der „Otaku“, also von jungen Männern, die sich obsessiv ihrem Hobby (häufig Videospiele) widmen und sich ganz in die eigene Welt zurückziehen. Der Begriff dürfte den Freunden der japanischen Popkultur seit längerem geläufig sein. Weniger bekannt ist vielleicht, dass Otaku anfangs einen eher schlechten Ruf genossen, nicht zuletzt aufgrund des Kindermörders Tsutomu Miyazaki (1962–2008), der 1988–1989 aktiv war und auf dessen Taten Nukui wohl – damals vor aktuellem Hintergrund – Bezug nimmt.
Einen zweiten Handlungsstrang bildet der Einblick in eine neureligiöse Organisation. Anwerbungs- und Geschäftspraktiken sowie Lehre und Rituale erläutert der Roman eingängig – parallel zum Geschehen um Kommissar Saeki. Tatsächlich erlebten die sogenannten Neuen Religionen (shin shûkyô) im Japan der Post-Bubble-Jahre eine Hochphase, die erst mit dem AUM-Zwischenfall, d. h. dem Saringas-Angriff im Zentrum Tôkyôs im März 1995, abebbte. Nukui greift in erster Linie jene düsteren Seiten des japanischen Religionsbooms auf, mit denen die Vereinigung AUM Shinrikyô zwei Jahre nach dem Erscheinen seines Werks zu trauriger Berühmtheit gelangen sollte.
Düsternis und Wahn
Es gelingt Nukui gut, eine bedrohliche Atmosphäre zu erzeugen. Das Abseitige und Pathologische der Ära Heisei verdichten sich in der Doppelstruktur des Texts: Hier Saeki, der geniale Ermittler, dem selbst Schlimmes widerfährt und den es zunehmend in finstere Gefilde verschlägt, dort der einsame, verzweifelte Mann, der sich von einer Neuen Religion Rettung erhofft. Dann lockt dieser seine Opfer mit dem Welpentrick an, praktiziert schwarze Magie, schlachtet einen Hahn und hinterlässt eine weitere Leiche:
Er nahm wahr, wie das Leben des Hahns zusammen mit seinem Blut herausströmte. Das Leben selbst ergoss sich nun, zu Blut geworden, auf dem Körper des Mädchens. Damit waren alle Bedingungen erfüllt.
Während der ansprechend übersetzte Roman an seiner Oberfläche von der im Kriminalroman üblichen Suche nach dem Mörder berichtet, entfaltet sich auf der immer deutlicher zutage tretenden Subebene das aus dem Nô-Theater stammende Psychodrama um die irreversible Trauer eines Menschen:
In seiner Brust klaffte ein Loch. Das spürte er. Kein Arzt der Welt konnte es verschließen, dieses hoffnungslos schmerzende Loch. Durch dieses Loch blies ein Wind, der so eisig war, dass der Mann, obwohl es Sommer und schier unerträglich heiß war, auf einmal das Gefühl hatte, erfrieren zu müssen. Dieser eisige Wind durchfegte den Mann wieder und wieder.
Auf dem Höhepunkt seiner manischen Verblendung tritt der Betroffene in das Stadium des monogurui, der besessenen Raserei, ein, die im vormodernen Theater in einem „Wahnsinnstanz“ (kyôran) gipfelt. Auslöser des psychischen Ausnahmezustands ist ein existenzieller Kontrollverlust, als der tragische Held sich über sein Scheitern auf ganzer Linie klar wird, wobei dieses doch auch zu einem nicht geringen Teil den gesellschaftlichen Zwängen (giri) geschuldet wäre. Erlösung vom Schmerz erfährt der einschlägig Leidende im Nô-Spiel durch göttliches Eingreifen. In Nukuis Debütwerk geht Mitgefühl für die Verzweiflungstaten des vom Schicksal Gezeichneten vom früheren Kommissaranwärter Okamoto aus. Angesichts einer grausamen Welt und der dem menschlichen Dasein eigenen Unfähigkeit, die Dinge vor der Vergänglichkeit (mono no aware) zu retten, zeigt der wahre Mann Empathie, wenn er das Moment des Dôkoku erkennt.
Männlichkeitskrise
Für einen kriminalistisch angelegten Text aus den 1990ern war es sicher ein neuer Ansatz, die Krise der Männlichkeit zu thematisieren. Männliche Kontrolle und Machtansprüche, die die Shôwa-Ära prägten, beginnen in dieser Dekade zu bröckeln, der jüngeren Generation fällt es schwer, den Kodex der älteren Herren in seiner Härte aufrechtzuerhalten. Tokyo. Schwarzer Sommer liefert eine Erklärung dafür, was die Abwesenheit einer positiven Vaterfigur für Söhne und Töchter bedeutet, und zeigt sich im Hinblick auf eine Botschaft letztlich als Plädoyer zugunsten eines Lebens jenseits der Elitensozialisation.
Ein Beitrag aus der Redaktion Gegenwartskulturen der Universität Duisburg-Essen
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