Liebe in Zeiten des Kapitalismus

Die dänische Autorin Asta Olivia Nordenhof arbeitet in ihrer Romanserie „Scandinavian Star“ ein teuflisches Verbrechen literarisch fulminant auf

Von Beat MazenauerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Beat Mazenauer

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Es geht um Geld und um Liebe. Geld regiert und korrumpiert die Welt, in der Liebe aber steckt die Kraft zum Widerstand. Doch was vermag die Liebe, fragt Asta Olivia Nordenhof, wenn wir gar nicht wüssten, „was liebe ist / bevor wir / den kapitalismus / abschaffen“?

Die dänische Lyrikerin und Prosaautorin geht in ihrer siebenbändig angelegten Romanserie aufs Ganze. Sie reiht sich damit ein in eine nordische Tradition, für die Karl Ove Knausgårds Mein Kampf-Reihe, Jon Fosses Künstlerroman Heptalogie I-VII oder Solvej Balles unvollendete Romanserie Über die Berechnung des Rauminhalts stehen.

Die Überschrift Scandinavian Star bezieht sich auf eine reale Schiffskatastrophe. In der Nacht des 7. Aprils 1990 brach auf der Scandinavian Star, einer Fähre zwischen dem dänischen Frederikshavn und Oslo, ein Brand aus, der 159 Menschen das Leben kostete. Die Untersuchungen ergaben, dass ein Lastwagenfahrer, der selber Opfer wurde, Schuld daran tragen solle. Diese Unglücksthese, die vom Gutachter und später vom Gericht primär verfolgt wurde, weckte bei Fachleuten allerdings erhebliche Zweifel, denn das Schiff war viel zu hoch versichert und insgesamt wüteten vier Brände auf der Fähre, die durch den ausgeschalteten Brandschutz erst recht angefacht wurden. Erst 2020 brachte eine TV-Dokumentation die Wahrheit ans Licht: Es war ein schnöder Versicherungsbetrug, der bis heute ungesühnt geblieben ist. Genau darin erkennt Nordenhof den Kern einer herrschenden Ordnung, in der Menschen sterben, „damit andere Gewinn machen können“. Scharf folgert sie daraus: „Der Kapitalismus ist ein Massaker.“

Asta Olivia Nordenhof geizt nicht mit schneidenden Formulierungen und kantigen Sätzen. Doch ist sie zu gewieft, um damit bloß einen müden Thesenroman zu schreiben. Ebensowenig reizt es sie, in die Köpfe von Versicherungsbetrügern zu schlüpfen, um ihre dubiosen Kalküle zu ergründen. Lieber macht sie sich anderswo, an den Rändern der Gesellschaft, auf die Suche nach dem Aroma des Verbrechens, dem Ruch des Betrugs. Dabei erweist sie sich als eine findige Fährtenleserin, die ebenso widerborstig wie gefühlvoll zu erzählen weiß und alle poetischen Register souverän zu bespielen versteht.

Der erste Band nun, Geld in der Tasche, erzählt die Geschichte von Maggie und Kurt, zwei Versagern am Rand der kapitalistischen Gesellschaft. Kurt führt ein kleines Busunternehmen in der dänischen Provinz und lebt mit Maggie auf einem Bauernhof. Er ist ohne Eltern aufgewachsen und hat sich mit den Geschwistern verkracht. Maggie wurde mit 14 erstmals vergewaltigt – doch, wendet die auktoriale Erzählerin sogleich ein: „Vergewaltigt ist mein Wort, nicht ihres.“ Das Stigma aber bleibt. Als sich Kurt und Maggie viele Jahre zuvor in einer Kneipe in Christianshavn begegnen, sind beide längst durch Niederlagen gebrannte Kinder. Trotz unzähliger Liebschaften und schmerzhafter Beziehungen erleben sie damals einen wahren Moment der Zuneigung, von der später nicht viel übrig bleibt, außer einer toxischen Verbindung, die sich zwischen Abhängigkeit und Demütigung austobt. Zu zweit sind Maggie und Kurt verzweifelt einsam, bis Maggie tatsächlich an jenem Krebs stirbt, den ihr Kurt im Zorn einmal angewünscht hat; worauf auch Kurt bald stirbt, weil ihm ohne Maggie fad ist.

Zwischen den beiden bewegt sich ihre Tochter Sofie. Sie hält Distanz, wenngleich sie der Mutter mehr zugetan ist. Maggie hegt Sofie gegenüber eine doppelte Angst: Sie will sie vor den eigenen Fehlern bewahren (– wenn sie nur wüsste, wo genau sie einst falsch abgebogen ist); zugleich fürchtet sie, dass sich Sofie, die „Psychoanalyse aus feministischer Perspektive“ studiert, von ihr entfernt und ein eigenständiges Leben führt. Sofies neugierige Frage – „Mama, warst du eigentlich Feministin, als du jung warst?“ – versetzt Maggie in peinliche Verlegenheit, denn sie hält ihr früheres Leben verschlossen. Aber sie ist glücklich, als Sofie ihr gesteht, sie habe ein Mädchen kennengelernt. Sie spürt, dass sie sich um Sofie keinerlei Sorgen mehr zu machen braucht. 

Sofie spielt in Geld in der Tasche verschiedene Rollen. Sie ist Ruhepol und Ansprechpartnerin, manchmal auch Erzählerin und so etwas wie ein Alter Ego der Autorin. Indem diese die verhakten Geschichten von Maggie und Kurt in Rückblenden neu zusammensetzt, befreit sie sie aus der glättenden Chronologie. Die disparate Erzählweise wird so zum Abbild der labilen Hauptfiguren und ihres prekären gesellschaftlichen Status. Weder Maggie noch Kurt sind schlechte Menschen, sie haben sich bloß schlechte Manieren angewöhnt. Die intimen Details, die Nordenhof ihnen mit forscher Unverblümtheit zuschreibt, bezeugen, wie fremdbestimmt sie beide bis tief in ihre Träume und Illusionen hinein leben. Echt war vielleicht nur jener blitzhafte Moment in Christianshavn, als sie einander erkannten. Auf Dauer bleibt ihre Liebe aber ein Missverständnis. Mit der Tragödie der Scandinavian Star verbindet sie schließlich, dass Kurt sein Geld in einen Fährbetrieb investiert und „alles im Handumdrehen an ein paar Männer (verliert), die es viel besser als er verstehen, ihr Geld zu vermehren“. Doch das bleibt nur am Rande angedeutet. Im Zentrum des 1. Bandes umreißt Nordenhof in einem separaten Kapitel die Chronologie dieses Skandals schneidend unverblümt, um den Drehschwindel in ihrem Kopf zu besänftigen und die betrügerischen Transaktionen zu verstehen.

Geld in der Tasche ist ein furioses Buch, das perspektivisch und formal immer in Bewegung bleibt. Die sprung- und lückenhafte Erzählung verleiht ihm eine rastlose Unruhe, in der sich die Selbstaushöhlung des kapitalistischen Systems ebenso wie die innere Zerrüttung von Menschen wie Maggie und Kurt abbildet. In den scharfen Beobachtungen, nuancierten Stimmungen, verrückten Bildern und harschen Sätzen gibt sich bereits die Lyrikerin Nordenhof zu erkennen, die eingangs im 2. Band Das Teufelsbuch das Wort ergreift. In lyrischer Zeilensetzung heißt es da, habe sie versucht, die Geschichte bis zum Brand weiterzuerzählen.

ich schrieb drei Versionen
dieses Buches
und ich hasste
sie alle
was sollte ich bloß
dort
im Kopf
dieses Mannes
(…)
Scheiß auf die Männer

So verlegt sich Asta Olivia Nordenhof auf ein anderes Feld und legt einen erotischen Thriller vor, der sich um einen faustischen Pakt dreht. Eine junge Autorin nimmt zu Zeiten von Corona das Angebot einer Zufallsbekanntschaft an und reist zu ihr nach London. Sie weiß selbst nicht, ob es die männliche Anziehungskraft ist oder die Aussicht, während der obligatorischen Quarantänewochen endlich eine Kurzgeschichte niederzuschreiben, die sie seit langem im Kopf hat. Darin erzählt sie von Daphne alias Olivia, die als Prostituierte im gehobenen Segment arbeitet. Eines Tages erhält diese von einem smarten Geschäftsmann, der sich nur als T. vorstellt, ein frivoles Angebot. Sie soll ihn auf einer Reise nach Unbekannt begleiten, ohne Fragen zu stellen, aber auch ohne weitere Verpflichtungen und mit der Möglichkeit, jederzeit aussteigen zu können. „Ich brauche einen Menschen mit einem reinen Herzen, das heißt einen Menschen ohne Gewissen“, begründet T. sein Angebot.

Mit dem 1. Band verglichen, präsentiert sich diese Erzählung geschliffener, so glatt und schlüpfrig wie dieser Teufelspakt, der nichts fordert, außer der Käuflichkeit der Protagonistin. So wie Daphne ihren Preis bezahlt, nachdem sie aus dem rätselhaften Pakt ausgestiegen ist, beschleicht auch ihre Erzählerin mehr und mehr ein Unbehagen in der fremden Wohnung: „Ohne das Geld als Richtschnur, ohne die Angebotsliste und den Vertrag fühlt man sich in seiner Rolle als gespielte Frau plötzlich wie ein falscher Fünfziger.“

Alles ist käuflich, alle werden käuflich gemacht, das ist die Moral des Teufelpakts wie des Scandinavian Star-Betrugs. Das Teufelsbuch beinhaltet indes noch weitere Teile: „ein paar Gedichte über Liebe“ und „eine Rede aus dem Irrenhaus“, in denen mit lyrischer Kraft und Eindringlichkeit die versöhnende Kraft der Liebe und des Teilens in der Gemeinschaft beschworen wird:

es gibt keine
große schraube
die wir nicht
herausschrauben könnten.

Nordenhofs Projekt ist ein kühnes Unterfangen, das sie mit einer unerschrocken eigensinnigen Erzählweise einlöst. In seinem Kern geht es um Kapitalismus und Gier und wie Menschen sich dagegen behaupten. Dafür zieht die Autorin gekonnt alle erzählerischen Register. Der 1. Band schildert eine komplizierte Beziehungsgeschichte, Band 2 ist ein „erotischer Thriller über Geschäftsmänner und Teufel“, Band 3, Maria Atlantis, der im Herbst 2026 auf Dänisch erscheinen wird, taucht gemäß Vorschau ins Reich des Mythisch-Magischen ab.

In ihren Büchern lässt Asta Olivia Nordenhof auch eigene biografische Erfahrungen anklingen. Sie selbst ist in schwierigen Verhältnissen aufgewachsen, hat in prekären Jobs gearbeitet und psychische Probleme bekundet, die erst im Kopenhagener Literaturinstitut als kreativ angesehen worden seien, wie sie Ronald Düker in der ZEIT vom 3. Juni 2026 erzählte. So erhält die empathisch vorgetragene Zuversicht auch eine sehr persönliche Note. Dabei nimmt die Autorin ihre Leser:innen mit in die Pflicht:

Ihr müsst
selbst dafür sorgen
dass es in diese Reihe passt

So schreibt man „einen politischen Roman über den Kapitalismus im 21. Jahrhundert“, schwärmte der Kritiker Mikkel Krause Frantzen in der Zeitung Politiken. In Zeiten von Netflix & Co., wäre zu ergänzen. Nordenhof legt es mit ihrer Romanserie aber weniger auf das Serielle an als auf die damit verbundene Brüchigkeit der Form und der Perspektive, mit der sie die kompakte „große“ Erzählung unterläuft. Wandelbar und variabel gelingt ihr das flirrende Sittenbild eines prekären gesellschaftlich-ökonomischen Systems, das umso mehr vom Geld getrieben wird, je ungleicher dieses Geld verteilt ist. Darin liegt das toxische Aroma des Verbrechens.

Kein Bild

Asta Olivia Nordenhof: Geld in der Tasche. Roman.
Aus dem Dänischen von Ursel Allenstein.
Claassen Verlag, Berlin 2026.
174 Seiten, 24,00 EUR.
ISBN-13: 9783546101035

Weitere Rezensionen und Informationen zum Buch

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Asta Olivia Nordenhof: Das Teufelsbuch. Der zweite Teil der Scandinavian Star Reihe.
Aus dem Dänischen von Ursel Allenstein.
Claassen Verlag, Berlin 2026.
192 Seiten, 24,00 EUR.
ISBN-13: 9783546101042

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