Hauen und Schlagen im Bild
Thomas Kaufmann begibt sich auf die Spuren des Bauernkrieges als „Medienereignis“
Von Jörg Füllgrabe
Die gegenwärtige (Informations-)Welt funktioniert vor allem im Kontext elektronischer Medien, egal ob die mittlerweile als nahezu überholt angesehenen linearen Programme des Rundfunks oder die ‚zeitgemäßeren‘ der digitalen Welt zugrunde gelegt werden. Das jahrhundertelang wirksame Medium der Zeitung – gleich in welcher Form – ist demgegenüber nicht nur ins Hintertreffen geraten, sondern weitgehend von so untergeordneter Bedeutung, dass es für den alltäglichen Diskurs kaum noch von Belang ist. Dieser Wandel des Mediums ist gewissermaßen interdependent zu dem, was Inhalt und Form der alltäglichen Neuigkeiten und Berichterstattungen darüber angeht. Denn auch das ist in der jüngeren Vergangenheit zu beobachten: die permanente Empörung und nahezu durchgängige Aufregung über nahezu alles. Tatsächlich wäre vieles davon wohl kein ‚Thema‘, würde es gar nicht erst – über die technologischen Möglichkeiten und eine Entprofessionalisierung des Sich-Äußerns – in die Welt gebracht.
Und doch: Alles neu? Von der absoluten Geschwindigkeit her definitiv, von der relativen und auch vom Duktus her keineswegs, denn vor etwa einem halben Jahrtausend gab es ebenfalls eine Eruption in der Informationsgesellschaft und eine nachgerade als Hyperpräsenz zu kennzeichnende Ausbruchswelle an Polemik, Denunziation, Desinformation und Propaganda, die letzten Endes zu Mord und Totschlag führte. An deren Ende standen neben den physischen Verletzungen vielleicht in noch weit größerem Umfang mentale Wunden, deren Auswirkungen kaum abzuschätzen sein dürften. Es geht um den deutschen Bauernkrieg, dem der an der Georg-August-Universität Göttingen lehrende Thomas Kaufmann das Werk Der Bauernkrieg. Ein Medienereignis gewidmet hat, in dem er die Perspektive auf diese in der Nomenklatur der DDR-Forschung als ‚frühbürgerliche Revolution‘ bezeichneten Unruhen und gewaltsamen Erhebungen hinsichtlich ihres medialen Niederschlages betrachtet. Die Kernthese bietet er bereits auf dem Buchrücken unübersehbar an: „Reformation und Bauernkrieg entstammen gleichermaßen der Druckerpresse.“
Dies macht Nähe (Medien sind aktiv am Generieren von Ereignissen beteiligt) wie Ferne (Technologie impliziert trotz allem Langsamkeit) jener Epoche zur Gegenwart deutlich. Das vorliegende Buch ist nicht zuletzt dadurch gekennzeichnet, dass es mehr ist, als der Titel hergibt, denn der Blick auf die Bauernkriegsunruhen erfolgt zwar durch die medienwissenschaftliche Brille, aber daneben gibt es einerseits noch genügend allgemeine historische Informationen, und es wird nicht zuletzt auch eine Art Rückblick auf die propagandistischen Auseinandersetzungen im Vorfeld der Bauernerhebung(en) vor dem ereignisreichen Jahr 1525 geworfen. Dass schließlich auch noch die Nachwirkungen der Wahrnehmung bäuerlichen Aufbegehrens thematisiert werden, ist fast schon selbstverständlich.
Im Verlauf der Beantwortung seiner Leitfrage(n) geht der Verfasser auf verschiedene Perspektiven ein, die anhand sowohl der jeweiligen Grundposition im Allgemeinen wie auch der konkreten medialen Umsetzung erwiesen werden. Dabei werden allgemein historische wie mediengeschichtliche Aspekte vieldimensional untersucht, um aus den Teilen ein Ganzes zu machen. Eine triviale Formulierung, allerdings der erkennbaren Vorgehensweise gerade dieser Publikation angemessen. In den insgesamt vier großen Kapiteln werden unter anderem die „Zeichen der Zeit“ gelesen, „[l]ange Schatten“ erörtert und – sattsam bekannt – die publizistische Verrohung als eine Komponente der Spirale der Gewalt identifiziert. Und doch, das ist in den gängigen Darstellungen zum Themenfeld meist eher randständig vermerkt, gab es auch „[p]ublizistische Deeskalationen“, in denen sich zwar Wegeführungen zu argumentativen Lösungen der anstehenden Konflikte erkennen lassen, denen aber nicht gefolgt wurde.
Dass sich ebenfalls thematische Selbstreferenzialität finden lässt, ist vermutlich unvermeidlich, und Aussagen wie „Der Bauernkrieg ist ein außerordentlich komplexes historisches Thema, in dem sich gesellschaftsgeschichtliche, ökonomische, politische, militärische, soziale, rechtliche, kirchen-, religions-,kommunikations-, kultur- und mentalitätshistorische Gesichtspunkte mit regionalen und globalen Perspektiven verbinden“ bringen auch in einer Einleitung wenig Gewinn, weil das nahezu für jedes historische Ereignis gilt. Dass das Buch eine ansprechende und geschickte Dramaturgie aufweist und der Blick von den Vorläufen über die Kernereignisse des eigentlichen Bauernkrieges bis in die ‚Nachbeben‘, so etwa die fundamental-radikalen Täufer, gelenkt wird, macht einen Großteil des Reizes der Publikation aus, dabei ist es nicht lediglich l’art pour l’art, die hier dargeboten wird, sondern solide und argumentativ nachvollziehbare Arbeit.
Es erscheint folgerichtig, zum Ende hin eine Art ‚Demontage‘ unter dem Titel „Heldendämmerung – Abschied von sinnstiftenden Narrativen“ anzugehen. In Bezug auf die Zeithistorizität der ‚Entthronten‘ ist das jedoch zum einen nicht immer ganz gerecht(fertigt) und – gemessen an den vorangehenden Kapiteln – auch zu knapp. Zum anderen bringt dieser Appendix die argumentative Symmetrie der Publikation nicht wirklich voran beziehungsweise stört sie sogar. So bei Thomas Müntzer, der beispielsweise mit der ersten kompletten deutschen Messe theologisch Bedeutsames geleistet hat, hier aber zu konturlos dargestellt wird. Und auch die Information, dass etwa nach Florian Geyer die 8. SS-Kavalleriedivision benannt wurde, bringt nur wenig; dafür kann der Namensgeber nun wirklich nichts. Hier wäre ein umfangreiches Fazit, in das dann auch diese Dekonstruktivismen ausführlich hätten eingearbeitet werden können, angemessener gewesen.
Aber es gibt ja nicht nur zu lesen: Bebildert ist das Buch ebenfalls, und das ist sicherlich einer Publikation angemessen, die sich mit dem Phänomen frühneuzeitlicher Medien befasst, welche wiederum in erster Linie – vor allem, wenn es um die Breitenwirksamkeit zu tun war – als Flugblätter respektive Flugschriften verbreitet wurden. Deren Reiz lag nicht zuletzt in den mitunter reichlich polemischen Darstellungen oder, genauer gesagt, Verunglimpfungen der Gegenseite. Ein Bild, sei die Darstellung noch so abstrus, sagt bekanntlich mehr als tausend Worte – und hinsichtlich dieser per se aufschlussreichen Bebilderung im Werk liegen Licht und Schatten dicht nebeneinander. Ein unbestreitbares Plus: Die in den Text eingebetteten Abbildungen sind alle ausführlich beschrieben, das heißt, es erfolgt eben nicht nur eine Titelnennung, sondern es werden auch weitere umfangreiche Informationen geliefert. Das Minus: Nicht jede der Abbildungen ist so groß gehalten, dass sie sich wirklich als eigenständige Informationsquelle eignet.
Den Großblöcken folgt ein eineinhalbseitiger Dank des Verfassers, in dem zugleich auch ein knapper Blick auf dessen Motivation geworfen wird, sowie ein umfangreicher Anhang aus Literatur und Anmerkungen, die, was dem Lesefluss förderlich sein kann, anstelle von Fußnoten hintangestellt sind. Ein gelungener Aufbau, aber ein Fazit fehlt – und sei es noch so knapp gehalten. Das ist sicherlich das einzige grundsätzliche Manko dieser Veröffentlichung. Ob dem Verfasser in seiner radikalen These „Den Bauernkrieg gab es, weil er medial initiiert und inszeniert wurde“ tatsächlich vollumfänglich gefolgt werden sollte? Das ist dann wohl eher eine Entscheidung der oder des Einzelnen. So oder so gehört es in die Handbibliothek derjenigen, die dem Themenfeld ‚Bauernkrieg‘ mehr als lediglich peripheres Interesse entgegenbringen.
Ein Beitrag aus der Mittelalter-Redaktion der Universität Marburg
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