Wer weiß schon jederzeit, was er will?
Ulrich Woelk legt mit „Hellere Tage“ einen anregenden Gegenwartsroman vor
Von Werner Jung
Ulrich Woelk, Profi für Zeitgeist und Geschichten, hat einen neuen Roman geschrieben, den man irgendwo zwischen Zeit- und Gesellschaftsroman einordnen kann und der dieser Tage in Berlin spielt. Protagonistin ist die Professorin Ruth Lember von der Humboldt-Universität, Vertreterin der Praktischen Philosophie – Schwerpunkt: Ethik. Sie ist 56 Jahre alt und zu Beginn der Erzählung auf dem Weg zu ihrem 91-jährigen, dementen und sterbenskranken Vater ins Heim, wo sie nur noch den Toten zu Gesicht bekommt. Später, beim Ordnen der Nachlasspapiere, stößt sie auf Liebesbriefe, die der Vater vor der Hochzeit mit Ruths Mutter während seiner Studienzeit von einem gleichaltrigen jungen Mann erhalten und – sauber geordnet – über die vielen Jahrzehnte aufbewahrt hat. Wenn man so will, bildet sich in dem widersprüchlich-zwiespältigen Bild des Vaters, das sich post mortem für seine Tochter ergibt (ein Mann, der seine offenkundige Homosexualität lebenslang verdrängt hat, aber ein sorgender Mensch und Ehemann gewesen ist), schließlich der ganze Roman ab.
Denn nichts ist fest, sicher, verlässlich, nicht die Menschen in ihrem Auftreten und Erscheinen, mithin schon gar nicht in ihren Beziehungen, die sie zueinander unterhalten oder in Bindungen versuchen auf Dauer zu stellen. Ruth Lember selbst trauert z. B. ihrer langjährigen Beziehung zu Ben hinterher, der eine Tochter, Jenny, in die Beziehung hineingebracht hat, um die sich Ruth wie eine Mutter kümmert; andererseits muss sie häufig über weit zurückliegende Liebschaften nachdenken, ständig auch über eine – scheint’s – verrückte Aktion, das Absägen eines Stromleitungsmastes während ihres Studiums, was ihr jüngst auf die Füße gefallen ist und inneruniversitär für erheblichen Wirbel gesorgt hat; dann verguckt sie sich schließlich noch in den älteren Mitbewohner von Jennys WG, eine zwielichtige Persönlichkeit, die sich von WG zu WG ohne festen Wohnsitz weiterbewegt. Handelt es sich bei diesem Harald möglicherweise um einen gesuchten Komplizen von Daniela Klette aus der sogenannten 3. RAF-Generation?
Das bleibt ebenso offen, wie das gesamte Erzählgeschehen mit Lücken, Brüchen und Sprüngen, mit Andeutungen und der Diskussion von Möglichkeiten und Alternativsetzungen spielt. Alles könnte auch ganz anders sein; Schein und Sein (philosophisch ausgedrückt) purzeln durcheinander, Kontingenz will und muss ausgehalten werden. Bei August Strindberg hieß es seinerzeit einmal im Stück Fräulein Julie: „Ich bin ihr Freund, Madame, aber vertrauen sie nicht auf mich.“ Verlässlichkeit – jedenfalls im banalen, oberflächlichen Sinne eines vermeintlich gesunden Menschenverstands – existiert nicht und nirgends; stattdessen regiert der Zweifel. Und so müssen sich die Protagonisten von Woelks anregend-aufregendem Roman – und das gilt für Ruth, die sich professionell damit befasst, ebenso wie für Jenny, aber auch für deren Freundinnen und Kollegen – immer wieder mit neuen Fragen beschäftigen. Entitäten – die Wahrheit, die Wirklichkeit, die Vernunft z. B. – gibt es nicht; vielleicht schmerzvoll, aber überaus hilfreich ist immer noch die diesbezügliche Einsicht Nietzsches, dass es nur die Wahrheit der 1000 Augen gibt – in anderen Worten: Man muss selbst herausfinden, wer man ist und was man ist. Lebenslang. Dazu dann noch die Idiosynkrasien.
Am Ende versteckt sich vielleicht in einem Gespräch zwischen Jenny und Ruth die tiefste Erkenntnis, die dieser Roman seinen Leserinnen und Lesern gleichsam en passant vermitteln möchte, dass nämlich Mann/Frau auch mal (und nicht nur!) „sexuell orientierungslos“ sein kann. Denn: „Wer weiß schon jederzeit, was er will?“
Ein Beitrag aus der Redaktion Gegenwartskulturen der Universität Duisburg-Essen
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