Dahinter steckt immer ein kluger Kopf

Der österreichische Schriftsteller Michael Köhlmeier räsoniert in „Das Gute. 53 Zuneigungen” klug, wissensreich und beredsam und belegt, dass die Liebe zum Menschen mit der Selbstliebe beginnt

Von Nora EckertRSS-Newsfeed neuer Artikel von Nora Eckert

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Erst kürzlich hat Michael Köhlmeier den Max-Frisch-Preis verliehen bekommen. Damit ist die 1974 begonnene lange Liste mit inzwischen weit über zwanzig Auszeichnungen und Ehrungen um einen weiteren Preis für eine ungebrochen hochproduktive und erfolgreiche schriftstellerische Arbeit gewachsen. Auf der Webseite des alle vier Jahre von der Stadt Zürich vergebenen Preises heißt es: „Die Jury ehrt damit ein Werk, das in seiner Vielfalt und Tiefe die großen Fragen der menschlichen Existenz und der demokratischen Gesellschaft verhandelt.“ Was das konkret bedeutet, dafür gibt das hier zu besprechende und jüngst im Hanser Verlag erschienene Buch ein passendes Beispiel. In 53 Artikeln, die der Autor “Zuneigungen” nennt, macht sich Köhlmeier Gedanken sozusagen über Gott und die Welt. Was freilich nicht gänzlich ausschließt, dass manche große Frage am Ende doch nur in kleiner Münze gewechselt wird.

In der von Karl-Heinz Ott gehaltenen Laudatio heißt es ferner:

Sein ganzes Werk besteht aus einem einzigen Nebenbei: aus unablässigen Abschweifungen und Parenthesen, mit ständig neuen Erlebnissen, Erinnerungen und Sichtweisen. Sie alle ergeben ein uferloses Geflecht aus Geschichten und Gedanken, die sich überlappen, widersprechen, miteinander kollidieren.

Die Welt Köhlmeiers beginnt in der Antike und umfasst ein offenbar unerschöpfliches Kulturwissen, das bis in unser Heute hineinreicht, und von dem der Autor in seinen Erörterungen unermüdlich Gebrauch macht. Es seien Dichter wie Montaigne, Frisch, Dostojewski gewesen, so erfahren wir aus seiner Dankesrede, die ihn gelehrt hätten, „dass ich weder mein Leben noch die Welt, in die es gebettet ist, in ein System bringen kann. Es wäre ein Roden, Jäten und Mähen, ein Übersehen und Zertreten.“

Es tauchen Begriffe wie Zuversicht, Charme, Gewissen, Gedankenfreiheit, Schämen, Langeweile und noch viele weitere auf. Darin verstreut eine kleine Galerie mit Prominenten der Geschichte wie etwa Arminius, auch bekannt als Hermann, der Cherusker, Bismarck, Robespierre, Augustinus und Coco Chanel, um an ihnen menschliche Eigenschaften zu exemplifizieren. Für das beeindruckende Porträt des Schriftstellers Karl Philipp Moritz nimmt sich Köhlmeier ein wenig mehr erzählerischen Raum. Er resümiert: „Er hat alles aus seinem eigenen Ich geschöpft. […] Seit Anton Reiser hat das Wort Ich in der Literatur einen neuen Klang.“

Im Fall von Daniel Defoes Robinson Crusoe klärt uns Köhlmeier an anderer Stelle darüber auf, dass der Roman in der Hitparade der missverstandenen Bücher ganz weit oben stehe. Hier werde nicht der individuelle Anarchismus besungen, sondern der Staat idealisiert mit der klaren Botschaft: Halten wir an ihm fest, auch wenn er – wie auf der Insel – abwesend ist. Defoe habe „die heilige Richtigkeit der Institutionen, der profanen wie der religiösen, der staatlichen wie der kirchlichen“ im Sinn gehabt.

Anderes klingt dagegen eher nach Ratgeber-Literatur und Spruchweisheiten („Höflichkeit ist Freundlichkeit auf Abstand“ oder mehr als das Gesicht verrate die Stimme über den Menschen) und wieder anderes erscheint argumentativ allzu vage, ist aber immerhin elegant geschrieben. Dass dies trotzdem alles zusammen in einem anregenden Sinne unterhaltsam ist, versteht sich fast von selbst. Denn hier erfüllt sich Goethes Rat: „Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen.“

Der Einstieg ist der Zuversicht gewidmet: Hier heißt es, Fortschritt und Zuversicht seien eine Zeitlang gemeinsam marschiert, aber irgendwann trennten sie sich und der Fortschritt verdunkelte sich. Daraus zieht der Autor dann so etwas wie Merksätze einer Philosophie für den Alltag: „Der Zuversichtliche trägt das Gewicht der Welt, und es ist ihm leichter als der Goldklumpen dem Hans im Glück.“ Auf der anderen Seite: „Der Pessimist dagegen hat immer und auf alle Fälle recht. Nur – was hat er davon?“

Köhlmeier ist sicher, Charme sei ein exklusives Geschenk. Exklusiv deshalb, weil man nicht beschließen könne, charmant zu sein, man habe es wie ein Talent in den Genen oder eben nicht. Das ist eine der zahlreichen Feststellungen, die aus der Menschenbeobachtung des Autors resultieren. Darum neigt Köhlmeier dazu, seine Gedanken hier als Gewissheiten zu präsentieren: „Dem Charmanten ist jede Art von Empörung fremd. Er nimmt in ironischer Distanz an der Welt teil. Charme kann Eifersucht erregen – aber keinen Hass.“ Aber ist das wirklich so? Als ob es für Hass Grenzen und Hemmungen gäbe.

Wo Köhlmeier Harriet Beecher Stowes literarischen Welterfolg Onkel Toms Hütte als ein Buch ehrt, das die Welt besser und gerechter gemacht habe, da wäre zu wünschen gewesen, der Autor hätte sich wenigstens Rat bei jemandem wie James Baldwin geholt. Dieser hatte in „Everybody’s Protest Novel“ eine ganz andere Antwort parat, indem er den Roman als selbstgerecht und sentimental kritisierte und als einen Roman, der rassistische Stereotypen festschreibe. Auch Köhlmeiers Bekenntnis, Schillers Leidenschaft für die Freiheit sei ihm nie geheuer gewesen, verblüfft im ersten Moment. Doch die Forderung nach Gedankenfreiheit in Schillers Don Carlos klingt in Köhlmeiers Ohr wie die Frage „Darf ich denken, was ich will?“. Immerhin wusste schon ein Volkslied im 18. Jahrhundert: Die Gedanken sind frei. Der Haken ist freilich, dass Schiller es so nicht gemeint und verstanden hat, wie es Köhlmeier im Ohr hat. Der Klassiker hatte mit Sicherheit nicht das unter der Schädeldecke verschlossene Oberstübchen gemeint, sondern die politische Freiheit.

Anderes ist arg weit hergeholt und kommt über einen schiefen Vergleich nicht hinaus. Muss man die Bibel bemühen und die sprichwörtliche babylonische Sprachverwirrung, um bei der gendergerechten Sprache herauszukommen? Heißt das nicht, übers Ziel hinausschießen? Klar, die bekannten Argumente wiederholen sich auch bei Köhlmeier – wie etwa die erschwerte Lesbarkeit. Aber musste man Sprache und Schrift nicht immer erst erlernen, bevor man sie beherrscht? Was wäre daran je selbstverständlich gewesen?

Enttäuschend ist auch, wenn der sonst so souverän argumentierende Autor, beim Thema geschlechtliche Identität für einen Moment auf Comedy-Niveau abfällt: „Ich habe mich erkundigt, es gebe bis zu sechzig.“ Selbstbenennungen sind das eine und der amtliche Personenstand das andere. Letzterer kennt in Deutschland drei Möglichkeiten: weiblich, männlich, divers beziehungsweise kein Eintrag. Also, wozu den polemischen Ton, wenn Menschen sich selbst zu beschreiben versuchen?

Aus dem „Gendern“ gewissermaßen Weltgeschichte zu machen, erscheint indes als eine Art intellektueller Phantomschmerz: „Der Historiker in vierhundert Jahren wird vielleicht konstatieren, wir lebten in einer Zeit eines nie dagewesenen Umbruchs. In dem Zeitalter, in dem sich das ‚Wir‘ aufgelöst hat. Das sogenannte ‚Gendern‘ habe erst den Beginn angezeigt.“ Ist es nicht eher so, dass wir schon eine Weile eine Vervielfältigung des „Wir“ erleben, weil die Identitätspolitiken nicht zuletzt die Einsicht vermitteln, dass wir gleich nur in unserer Verschiedenheit sein können?

Andererseits trifft auch zu, was Karl-Heinz Ott in der oben zitierten Laudatio so ausdrückt: Das Werk besteht aus einem einzigen Nebenbei. Die 53 Zuneigungen illustrieren dies trefflich und auch Inspirierendes wird man ihnen nicht absprechen können. Da geht einer in der Welt herum, sieht, liest und hört, schreibt alles auf, um es zu erzählen und von Zeit zu Zeit zwischen zwei Buchdeckel zu packen. Wer sich auf ein solch buntes Gedankenallerlei einlässt, entstanden vor allem aus Menschenbeobachtung, die zeigt, wie der Mensch ist und nicht, wie er sein soll, wird wohl, wie schon gesagt, nicht leer ausgehen. Am Ende kommt der Autor so oder so auf das Gute – auf das Gute als das Schöpferische.

Kein Bild

Michael Köhlmeier: Das Gute. 53 Zuneigungen.
Hanser Berlin, Berlin 2026.
304 Seiten, 24,00 EUR.
ISBN-13: 9783446286832

Weitere Rezensionen und Informationen zum Buch