Erfahrungen stoßen uns nicht einfach zu

Fritz Breithaupt setzt sich in „Einmal, Zweimal, Keinmal“ mit Kulturtechniken der Kognition auseinander. Allerdings bleiben einige Fragen offen

Von Hermann RotermundRSS-Newsfeed neuer Artikel von Hermann Rotermund

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Pygmalion und Elise sind die beiden Hauptfiguren einer Erzählung des Schweizer Aufklärers Johann Jakob Bodmer aus dem Jahr 1749. Der Bildhauer Pygmalion verliebt sich wie in der antiken Vorlage in eine von ihm selbst geschaffene Skulptur, die wunderbarerweise lebendig wird. Dadurch wird es möglich, dass er seine erste Liebe erlebt. Bodmer verschiebt dann die Perspektive auf sie, Elise, die einfach alles zum ersten Mal erlebt. Sie nimmt die anderen Statuen wahr, die der Bildhauer geschaffen hat, umarmt und küsst sie, ist aber enttäuscht darüber, dass sie leblos bleiben. Elises Naturwahrnehmung – die Sonne empfindet sie als aktive Malerin der Natur – ist für sie überwältigend, aber weckt in ihr den Wunsch nach mehr. So ist es auch bei ihrer sexuellen Erfahrung mit Pygmalion, die sie fragen lässt, ob es nicht noch mehr Männer als nur diesen einen gibt. Fritz Breithaupt erzählt diese Geschichte nach, um darauf hinzuweisen, dass eine Ersterfahrung dann „erfolgreich“ ist, wenn Einzelne ihre aktive Beteiligung daran wahrnehmen. Menschen sind Autoren ihrer Erfahrungen, schreiben sich selbst in diese ein und werden dadurch zu einem (vielleicht neuen) Ich. Das ist eine von vielen Thesen, die im Buch Einmal, Zweimal, Keinmal aus literarischem Material, aus alltäglichen Begebenheiten und aus punktuellen akademischen Studien entwickelt werden. Es gibt drei Kapitel und insgesamt 23 Unterkapitel, die jeweils mit einer These enden. Die Kapitel schließen mit Zusammenfassungen ab, die eine Hypothese enthalten, und ein Schlussteil sammelt noch einmal die im Verlaufe der Untersuchungen identifizierten kognitiven Akte ein, die das „Machen“ von Erfahrungen lenken.

Der in den USA lehrende Kognitions- und Literaturwissenschaftler Fritz Breithaupt hat sich vor allem einen Namen mit seinen Büchern über Empathie gemacht, die psychologische und erzähltheoretische Perspektiven kombinieren. Beispielsweise zeigt er in Die dunkle Seite der Empathie (2017), dass die tendenzielle Selbstaufgabe des Beobachters gegenüber dem starken Ich eines bewunderten Subjekts nicht selten ist, und in Das narrative Gehirn (2022), wie die Idee des Traumas als erzählerisches Narrativ Karriere machte.

In dem hier besprochenen Buch will er erklären „wie wir Erfahrungen machen“. Dazu drängt sich gleich vorweg eine Nachfrage auf, die das „Wir“ betrifft. Breithaupt verwendet das Pronomen äußerst häufig. Es adressiert nicht nur die Leser und ihr Interesse an den behandelten Gegenständen, es hat auch deklaratorischen Charakter, indem es feststellt, dass ein nicht näher bezeichnetes Kollektiv auf eine bestimmte Weise wahrnimmt, empfindet und urteilt. Welches Kollektiv ist das aber? Die ganze Weltbevölkerung – oder nur eine bestimmte, jedoch nie näher bezeichnete Gruppe? Nun gibt es seit etwa 2010 kritische Untersuchungen psychologischer Studienergebnisse, die auf inneruniversitären Tests in den USA basieren und dann universelle Gültigkeit beanspruchen. Dafür wurde die Abkürzung WEIRD geprägt (Western, Educated, Industrialized, Rich and Democratic). Ist das „Wir“ Breithaupts also womöglich WEIRD? Es ist jedenfalls anzuraten, die angedeutete Problematik bei der Lektüre immer mitzudenken. Breithaupt hebt auch selbst an einer Stelle hervor, dass die von ihm beschriebenen kognitiven Akte nicht losgelöst von der jeweiligen sozialen Umwelt mit ihren sprachlichen Formen und kulturellen Praktiken betrachtet werden sollten – allerdings ohne das zu konkretisieren.

Den drei im Titel benannten Erfahrungsstationen, denen die Kapitel gewidmet sind, kann eine Vielzahl unerwarteter Erkenntnisse mitgenommen werden. Das erstmalige Erlebnis führt oft nicht zu einer bleibenden Erfahrung, weil es als unvollständig und unabgeschlossen bewertet wird. Entscheidend bei den ersten Malen sind die Einrahmung, Perspektivierung und deklarative Bewertung der jeweiligen Erlebnisse. Breithaupt nennt sie „Kulturtechniken“. Die Wiederholung einer Erfahrung ist mit Prozessen des Vergleichens und Bewertens verbunden, auch des „Edierens“ von Erwartungen, Einstellungen und der eigenen Erinnerungen. Diese Vorgänge erzeugen einen Wissensspeicher: „Je mehr wir etwas als Wiederholung erkennen, desto eher wird es für uns zu einer Erfahrung.“ Alle Prozesse, die Erlebnisse in Erfahrungen überführen, sind von einer hohen mentalen Aktivität angetrieben, die in vielen Fällen unbewusst verläuft.

Bei den (noch) nicht gemachten, imaginären Erfahrungen der dritten Station des Buchs werden leider Aspekte nicht wieder aufgenommen, die in der Einleitung angedeutet sind, wo es heißt:

Wer denkt, dass Erfahrungen, die noch nicht passiert sind, die vielleicht nie passieren werden und die bloß imaginiert sind, keinen Einfluss auf unser Leben haben, mag sich nur daran erinnern, wie die Vorstellungen eines atomaren Dritten Weltkriegs die Menschen der Nachkriegszeit und der Friedensbewegung zum Handeln bewegt haben – vielleicht mehr als jedes reale Ereignis der Epoche. Gerade das nur Vorgestellte, das zutiefst Befürchtete oder auch das Erträumte kann zum Grund und Boden alles unseres Denkens und Handelns werden.

Unter den Modi der imaginären Erfahrung finden sich psychedelische Erfahrungen, Träume, auch Wachträume, und „antithetische Vorstellungen“. Letztere werden am Beispiel bekannter Dramen und Prosatexte Goethes erläutert, wo es manchmal darum geht, dass ein bestimmtes vorstellbares Ereignis unbedingt zu vermeiden ist. Dabei wird die emotionale Beteiligung von Lesern und Leserinnen angestachelt und eine Präsenz des Nicht- oder Noch-nicht-Eingetretenen erzeugt. Über diese literarischen Beispiele geht Breithaupt nicht hinaus. Doch gerade das aktuelle Heraufbeschwören von politischen und militärischen Bedrohungen, von Suchtgefahren durch Social Media und der Auslöschung der Menschheit durch die KI wäre hier ein interessantes und geradezu notwendiges Argumentationsfeld. Wie beeinflussen solche nicht-gemachten Erfahrungen ganz unabhängig von der Wahrscheinlichkeit ihrer Realisierung das Handeln und die Lebensqualität von Menschen?

Der Autor versteht sein Buch als modernen Beitrag zur „Erfahrungsseelenkunde“. Mit diesem Begriff bezeichnete Karl Philipp Moritz das Gebiet, dem eine von ihm 1783 bis 1793 herausgegebene psychologische Zeitschrift gewidmet war. Zur Erfahrung gibt es, so Breithaupt, nicht viele Studien. Daher bezieht sein Buch viel Alltagswissen ein und stützt sich oft auf lehrreiche Anekdoten. Die Auswahl der einzelnen Aspekte wird allerdings nicht systematisch begründet, sondern scheint eher zufällig, sowie in alle Richtungen erweiterbar zu sein. Am Ende des Buchs ruft Breithaupt seine Leserinnen und Leser auf, ihm Nachrichten zu schicken und ihn auf unberücksichtigte Kulturtechniken der Erfahrung hinzuweisen. Tatsächlich regt das Buch vielleicht gerade durch seine erklärte Unabgeschlossenheit zum Mitdenken und zur Reflexion der Produktionspraxis eigener Erfahrungen an.

Unerwartet bei einem Suhrkamp-Hardcover ist der leserunfreundliche Umgang mit einigen Grafiken, die in den Text eingestreut sind. Beschriftungen im Schriftgrad von 5 Punkt sind im Allgemeinen ohne Lupe nicht lesbar.

Kein Bild

Fritz Breithaupt: Einmal, zweimal, keinmal. Wie wir Erfahrungen machen.
Suhrkamp Verlag, Berlin 2026.
200 Seiten, 26,00 EUR.
ISBN-13: 9783518588390

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