„Dieser Satz ist nicht von mir.“

Thomas Kunsts „Masleboi“ zeigt, wie sich jenseits von Autofiktion erzählen lässt

Von Werner JungRSS-Newsfeed neuer Artikel von Werner Jung

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Gewarnt – und dies ganz grundsätzlich – sei vor Texten, die sich offensiv und ostentativ gegen alle Realismusparadigmen, mehr und weitergehend noch gegen alle Referentialitäten aussprechen; noch mehr aber vor Rezensionen und Rezensent*innen, die nur mangelhaft eigenes Unvermögen mit dem schlauen Hinweis auf das Nietzsche-Bonmot zu kaschieren wissen, wonach nicht schon alles gleich unverständlich sei, was man selbst nicht verstehe.

Aber was sollen nun Leser*innen von einem Text – in diesem Fall: einem Roman – halten, der einerseits zwar noch so etwas kennt wie Chronotopoi (also Verdichtungen und Verortungen in Raum und Zeit) und auch Figuren/Protagonist*innen sowie Handlungen (Aktionen wie das Reisen, aber auch Erinnerungen an Kindheit und Jugend), andererseits und vehement aber zugleich dies dadurch wieder in Frage stellt, dass monomanisch das eigene Schreiben und die Reflexion darüber thematisiert werden, dass der möglichen Kritik am Text dadurch der Wind aus den Segeln genommen wird, dass sowieso von der Zwecklosigkeit allen Erzählens die Rede ist und dass der Verfasser dieses Textes, eben „Masleboi“, alles, was auch nur andeutungsweise – und damit ist der überwiegende Teil aktueller nationaler wie internationaler Literatur abgestraft – nach Autofiktionalität ausschaut, „abgrundtief verabscheut“:

Du sagtest eben beim Frühstück zu mir, dass ich im nächsten Buch auf unser Mädchen verzichten solle, weil die Welt in meiner Literatur sonst nicht mehr größer werden könne, die Welt von einem, der zu selbstbezogene, historisch anmaßende, biographisch zu eng anliegende Autofiktionalität so abgrundtief verabscheute wie kaum ein anderer. Ein Königreich für die Klassenunterschiede zwischen moralisierender Literatur und moderner Imagination. Ein Königreich für die Weltherrschaft der Demut. Ein Königreich für das Ende der weinerlichen Schrift. Ein Königreich für den Anfang aller Denkfehler in der Durchblutung unserer Vorstellungskraft.

In diesem Zusammenhang muss der Rezensent an eine diesbezügliche Formulierung von Max Frisch aus dessen Gantenbein-Roman denken: „Es ist nicht die Zeit für Ich-Geschichten. Und doch vollzieht sich das menschliche Leben oder verfehlt sich am einzelnen Ich, nirgends sonst.“ Schließlich hat der Rezensent (von obigem Schlage, wie zugegeben sei) noch eine wahre Preziose gefunden, eine von denen, die man sich gerne notiert, um sie bei passenden Gelegenheiten zum Besten zu geben: „Das Abendland ist an seinen Öffnungszeiten gescheitert.“ Wow. Nächster Satz dann: „Dieser Satz ist nicht von mir.“

Ein Beitrag aus der Redaktion Gegenwartskulturen der Universität Duisburg-Essen

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Thomas Kunst: Masleboi. Roman.
Suhrkamp Verlag, Berlin 2026.
222 Seiten, 25,00 EUR.
ISBN-13: 9783518432778

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