Wie kommen Menschen in den Tag?
Christoph Ribbat interessiert sich für Weisen des Aufwachens
Von Günter Helmes
Der Paderborner Amerikanist Christoph Ribbat ist in den letzten zehn Jahren mit einer ganzen Reihe von Büchern hervorgetreten. Zwei davon, Im Restaurant. Eine Geschichte aus dem Bauch der Moderne (2016) und Die Atemlehrerin. Wie Carola Spitz aus Berlin floh und die Achtsamkeit nach New York mitnahm (2020), wurden in literaturkritik.de besprochen.
Bei der Lektüre dieser Besprechungen fällt auf, wie unterschiedlich die vorgestellten Bücher jeweils guter Gründe halber beurteilt wurden. War mit Blick auf das jüngere der beiden Bücher u.a. von einem „souverän erzählende[n] Autor“ und von einem „flüssig zu lesenden, doch zugleich theoriebewussten und -durchdrungenen“ Biographieren die Rede, wurde für das frühere Buch ein „konzeptioneller Ansatz“ vermisst, eine gewisse Theorieferne beklagt, von „möglichst viele[n] Anknüpfungspunkte[n] für beliebige Assoziationen“ und einer „losen Aneinanderreihung von vielen Einzelteilen“ gesprochen und die auf „‚die Kraft der Geschichten und die Effekte der Montage‘“ vertrauende Präsentationsform in Frage gestellt.
Bedauerlicherweise verhält es sich so, dass für das jüngste Buch Ribbats vor allem jene Monita in Anschlag zu bringen sind, die gerade vorgetragen wurden. Wobei herauszustellen ist, dass sich das in fünf Kapitel minderer Trennschärfe unterteilte, mit 138 Anmerkungen versehene Buch in einem unterhaltenden, an einschlägiger intellektueller Aktivierung und gedanklichem Mehrwert nicht sonderlich interessierten Sinne gut liest.
Lesern ist zu empfehlen, die Lektüre mit den ersten gut viereinhalb Seiten des knapp sechsseitigen, misslicher Weise am Buchende platzierten Paratextes „Über dieses Buch“ zu beginnen – der Rest sind Danksagungen, die besser separat ausgesprochen worden wären –, handeln diese doch davon, worum es im Buch geht, vor allem aber davon, worum es nicht geht, wovon jedoch gehandelt werden könnte. Gehandelt nämlich dann, wenn es um den vom Autor thematisierten morgendlichen „physischen Akt des Aufwachens“ in privater Umgebung nach „relativ ausgiebiger Nachtruhe“ und „nicht um den metaphysischen Gebrauch des Begriffs“ geht.
Wobei anzumerken ist, dass die behauptete explizite Beschränkung auf die „Privatsphäre“ und der damit einhergehende Ausschluss institutionengebundenen oder semi-öffentlichen Aufwachens (bspw. im Gefängnis, Krankenhaus oder im Betrieb) auf einen zweiten Blick nicht überzeugt. Gerade beim Aufwachen ist das vermeintlich Private, das Häusliche zumindest für die meisten Menschen faktisch massiv von Gesellschaftlich-Institutionellem durchwirkt. So wie in anders gelagerten Fällen – im zweiten Kapitel erzählt Ribbat u.a. ausführlich am Beispiel von Elisabeth I. und Ludwig XIV. von „offizielle[n]“ Weckvorgängen bei Hof und von zum Schlaf am Arbeitsplatz nötigender Kinderarbeit, im fünften Kapitel vom Arbeitsalltag eines Dienstmädchens – von einer Privatsphäre der Aufwachenden allenfalls im Ungefähren die Rede sein kann.
Im Einzelnen aufzulisten, was Ribbat alles außen vorlässt, würde im Übrigen zu weit führen. Es genügt festzuhalten, dass er sympathischer Weise selbst darauf hinweist, dass sein Buch aufgrund „begrenzte[r] Kompetenzen“ eine „recht limitierte Geschichte“ erzählt, die sich, „mit nur wenigen Seitenblicken in andere Kulturen“, „durchweg auf einen schmalen kulturellen Gürtel zwischen Westeuropa und Nordamerika“ bezieht. Da auch dieser bei näherem Bedenken doch ansehnlich große „Raum“ zwar mit historischem Tiefgang gar bis in die Urgeschichte, aber nur in Teilen ausgeleuchtet wird, wirkt es, Werbetext hin oder her, mehr als vollmundig und einem Verlag wie Insel unangemessen, wenn auf der Rückseite des Buches von einer „Geschichte der Menschheit am Morgen“ gesprochen wird.
Im ersten Kapitel „Pauls Traum“ werden u.a. mit „Schlafdruck“, „Schlafträgheit“, „Schlaftrunkenheit“, „Grenze zwischen Schlafen und Wachen“, „Träume“, Frühaufsteher, Kreativität, Produktivität, „Selbstreflexion“, „Selbstoptimierung“, „Eile“, „Stress“ sowie „Freiheit“ und „Selbstbestimmung“ eine ganze Reihe von Stichworten eingeführt, von denen im Fortgang im Zusammenhang mit dem Aufwachen immer wieder die Rede sein wird.
Darüber hinaus wird eine Begründung dafür gegeben, warum es verlohne, „die Geschichte des Aufwachsens zu studieren.“ Dies sei dann der Fall, wenn man „nach dem Erwachen öfter unentschlossen“ sei, „ob man dem morgendlichen Leistungsdruck nachgeben oder ihm widerstehen will oder nicht [sic]“. Ob der Autor mit dieser die Alltagswirklichkeit eines Großteils der Bevölkerung wohl verfehlenden, vielmehr ein Luxusproblem verhältnismäßig Weniger ins Feld führenden Begründung überzeugen kann? Zu dieser Begründung passt jedenfalls die angesichts der Arbeitsmodalitäten der Vielen befremdende Hochachtung, die dem „heroische[n] Moderationspersonal von Radio- oder TV-Morgensendungen“ entgegengebracht wird, „das zu unmenschlichen Zeiten aufwachen muss.“ Ob beispielsweise Mütter von Kleinkindern diese Hochachtung teilen?
Zum dritten wird in „Pauls Traum“ ein „besonderes Erwachen“ in Erinnerung gerufen, das – aurora musis amica – zu einem Welthit und Evergreen, zu Yesterday von den Beatles führte. Auf zwei separierten, den bisher skizzierten Inhalt des Kapitels rahmenden Seiten wird einlässlich die Entstehungsgeschichte von Yesterday nacherzählt. Dabei hat das meiste – typisch dies auch für große Teile der nachfolgenden Kapitel – mit dem Aufwachen als solchem als einem Prozess von begrenzter Dauer allenfalls am Rande, mehrheitlich aber nichts mehr zu tun. Das bedeutet selbstverständlich nicht, dass man sich von all dem Anekdotischen, Episodischen, Biographischen, Alltagskulturellen sowie Kultur-, Wissenschafts- und Sozialgeschichtlichen, das ebenso unaufdringlich wie kurzweilig entfaltet wird, nicht gerne auf ein Lesestündchen hin entführen lässt. Doch ändert dies nichts daran, dass man es thematisch ein um andere Mal mit Abschweifungen zu tun hat. Günstigstenfalls könnte man von erweitertem Kontext sprechen.
Im zweiten Kapitel „Hahn und Wecker“, das als weitere Veranschaulichung getroffener Feststellungen stichwortartig angesprochen werden soll, geht es in thematisch bunter, Geschichten meist häppchenweise präsentierender Mischung neben Elisabeth I., Ludwig XIV. und Kinderarbeit um Vielerlei: u.a. – und dem eigenen Programm zuwiderlaufend – um das verordnete oder erbetene, mittels technischer Apparaturen, internem Personal oder „öffentliche[n] menschliche[n] Wecker[n]“ bewerkstelligte Aufwachen in Platons antiker philosophischer Akademie, in mittelalterlichen Klöstern, in englischen Internaten, in der Sklavenhaltergesellschaft der amerikanischen Südstaaten, in englischen, französischen und italienischen Städten sowie in Bergmanns- und Arbeiterinnenheimen.
Darüber hinaus geht es um die Weiterentwicklung und die der Profitmaximierung dienende Popularisierung besagter technischer Weck-Apparaturen, um Träume jeglicher Couleur, „Traumaufzeichnungsprojekte“ und Traumdeutungen aller Art zwischen Kirche, Sigmund Freud, Mary Calkins und indigenen Völkern, um Benjamin Franklin und dessen ebenso religiös wie kapitalistisch motiviertes, das frühe Aufstehen predigendes „Zeitmanagement“ (das in seinen eigenen Fabriken zu regelmäßigen Kindesmisshandlungen führte), um die Geschichte der Schlaforte und -stätten, um ‚Aufwach‘-Gedichte von Annette von Droste-Hülshoff, Friedrich Hölderlin, Joseph von Eichendorff, Eduard Mörike und Wilhelm Müller und ‚Aufwach‘-Bilder von Dürer und Mary Cassatt, um Apologien des späten Aufwachens als „Statussymbol vornehmer Leute“, um anti-zivilisatorische Experimente à la Henry David Thoreau und um Thomas Edisons Zurückweisung von Schlaf und Traum als unsinnig.
Auf eben diese Fund auf Fund darreichende Art und Weise gelangt der Leser über die Kapitel „Aus dem Schlaf gerissen“, „Ins Bad“ und „Zum Frühstück“ bis in unsere Gegenwart, beispielsweise auch zum 7. Oktober 2023. Ein ums andere Mal versetzt dabei die Fülle an zusammengetragenem Wissen aus unterschiedlichsten Bereichen in Erstaunen. Doch hat diese sich ebenso unabdingbarem wie unermüdlichem Jagen und Sammeln verdankende Fülle in diesem Falle ihren Preis, formt sie sich doch nicht zu einem wohlkomponierten, auf eine oder auch mehrere Thesen hinauslaufenden Ganzen. Einem Ganzen, das bekanntlich mehr ist als die Summe seiner Teile.
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