Die ‚kleinen‘ Sangspruchdichter und ihre großen Themen
Marie Ann Fleischmann würdigt in „Abseits der großen Meister“ die deutsche Lyrik des 13. und 14. Jahrhunderts
Von Thorsten Paprotny
Der Hohe Minnesang ist Geschichte, die Themen aber, die Walther von der Vogelweide und andere bewegten, sind es nicht. Marie Ann Fleischmann untersucht in ihrer kenntnisreichen, weitläufigen und philologisch höchst akkurat erarbeiteten Dissertation die – und dies ist nicht pejorativ gemeint – Dichtungen der kleinen Poeten aus dem 13. und 14. Jahrhundert. Es geht also nicht um die großen, weithin bekannten Sänger jener Zeit, sondern um Dichter, die auf gewisse Weise im Fluss des ausklingenden Minnesangs ihren Anteil zur Lyrik dieser Epoche beigetragen haben. Fleischmanns besonderes Interesse gilt den Akzentverschiebungen, die in den Versen Gestalt angenommen haben und in der öffentlichen Wahrnehmung jener Epoche der deutschen Dichtung eher randständig beachtet werden.
Anhand von sieben Thesen wird unter anderem erkundet, ob und wie sich der „späte Sangspruch“ im Schatten Walthers von der Vogelweide bewegte, von dessen Werk und Wirken er abhängig und nachhaltig geprägt war: „Die Bedeutung Walthers geht mitunter damit einher, dass er gleichermaßen Minnelyrik und Sangspruch pflegte – wie es nach ihm bis auf wenige Ausnahmen wie Konrad von Würzburg niemand mehr unternahm – und die beiden Gattungen somit inhaltlich wie formal aufeinander abstimmte.“
Die „starke Ich-Präsenz“, die Walthers Texte kennzeichnet, lässt im späten Sang deutlich nach: „Walthers selbstbewusstes Ich findet, wie auch die damit zusammenhängende Tendenz zu direkten, unverblümten Aussagen, kaum Nachfolger.“ Nun lässt sich erwägen, ob im Anschluss an Walther eine neue Formalisierung eintritt, bei der also das dominante lyrische Ich zurücktritt und von den späteren Sangspruchdichtern ein abweichendes Vorgehen praktiziert wird. Fleischmann macht deutlich, dass in der Germanistik Walther oft als „gattungsimmanenter Höhepunkt“ angesehen wurde, dem im Grunde niemand in adäquater Weise nachfolgen konnte. Doch Nachfolge, auch in der Dichtung, geschieht oft anders als erwartet. Insbesondere wenn, wie in dem vorliegenden Band, die Sichtweisen korrigiert werden, sodass nicht eine als genialisch verklärte Gestalt und deren Werk im Mittelpunkt stehen, sondern auch eine Vielfalt an Varianten und Ausformungen der späten Sangspruchdichtung betrachtet und analysiert werden.
Religiöse Motive treten deutlich zutage, wie die Autorin herausarbeitet: „Die Sangspruchdichter sehen schwarz für die diesseitige Welt und werde nicht müde, zu betonen, dass sich auch das ewige Leben im Jenseits nicht zum Guten wendet, wenn der Mensch der trügerischen Welt und ihren irdischen Versuchungen erliegt.“ Insoweit scheint die spätmittelalterliche Dichtung mehr als nur graduell pessimistischer koloriert als der hohe Minnesang. Auch wenn die „allgemeine Lebenslehre“ bedacht wird, wird die „Unbeständigkeit des Glücks“ von zahlreichen Sängern etwa mit dem Glücksrad verbildlicht, so etwa bei Dietmar dem Setzer und Johann von Ringgenberg. Ein gewisser Fatalismus zeichnet sich ab, die menschliche Einflussnahme auf den Lauf des Schicksals und dessen Launen sehr begrenzt. Bei Lehrsprüchen wird die Zahl 30 einige Male genannt, orientiert an der damaligen durchschnittlichen Lebenserwartung:
Fest steht jedoch, dass die Angabe einer konkreten Zeitspanne, die dem Menschen zur Umkehr bleibt, den Zweck erfüllt, den Druck auf den Belehrten zu erhöhen und zu verdeutlichen, dass man das Unabänderliche nicht auf unbestimmte Zeit hinausschieben kann. Die verbleibenden dreißig Jahre – ob wissenschaftlich korrekt gewählt oder nicht – setzen dem Menschen ein Ultimatum.
Nur derjenige Mensch erlangt Ehre, „der nach dem Willen Gottes lebt“. Die religiöse Motivik wird stärker, und der „Kummer des Sänger-Ichs“ bezieht sich nicht selten auf die „menschliche Ignoranz vor dem drohenden Unheil“. Wer tugendlos handelt, gefährdet das Heil seiner Seele, und dies wird der Hörerschaft mitgeteilt, die also nicht unterhalten, sondern belehrt und ermahnt wird, um die „menschliche Fahrlässigkeit“ zu überwinden und nach der Bekehrung ein tugendhaftes Leben zu führen. Deutlich wird dabei auch, dass in der „Verkehrten Welt“, also in dieser Welt, geistlicher und weltlicher Adel nicht zum Vorbild taugen, weil sie „allein nach ihrem eigenen Ermessen, sprich zu ihrem eigenen Vorteil“ handeln und nicht im Interesse aller. Sie befördern nicht die Tugend, sondern deren Verfall.
Ein fortbestehendes wesentliches Thema des späten Minnesangs ist das Frauenlob, verbunden mit dem Marienpreis. Das „Lob der Gottesmutter“ tritt deutlicher hervor. Das „hyperbolische Lob“ nimmt Traditionen des Hochmittelalters auf, bleibt aber auch hier, so etwa bei Mettfrid, im Bereich der theologisch gesicherten Wissensbestände. Maria fungiere als „Bindeglied zwischen Gott und den Menschen“, nicht also als Miterlöserin: „Sie steht mit dem Göttlichen als Ganzem, das heißt der Heiligen Dreifaltigkeit, in enger Verbindung, ohne jedoch selbst Teil davon zu sein.“
Fleischmann beschreibt zutreffend die eminente Bedeutung des Marienlobs, zeigt aber auch richtig die Grenzen desselben auf:
Während Maria innerhalb der Lobgebete die größte Rolle zukommt, beschränkt sich diese hier auf ihre Funktion als Bindeglied zwischen den Menschen und Gott/Christus. Maria wird in den Bittgebetssprüchen auch nur in Verbindung mit der Bitte an Gott/Christus angesprochen, keines der Gebete richtet sich ausschließlich an sie. Während die spätmittelalterliche Marienverehrung Maria und ihre Bedeutung in den höchsten Tönen preist, verharrt sie – wenn es ums Eingemachte geht – größtenteils in der statischen Rolle der Fürbitterin. Die durch Maria erhoffte Fürbitte dient dem Sänger-Ich als zusätzliche Versicherung: obwohl es selbst bereits vor Gott um dessen Gnade gebeten hat, bedarf es der zusätzlichen Bitte Marias.
Zwar bleibt zu bezweifeln, ob aus christlicher Perspektive etwa die Rolle der Fürbitterin nur als statisch anzusehen ist und nicht über die ihr eigene Dynamik im Rhythmus des Betens verfügt. Richtig jedoch ist, dass die Marienverehrung einen ihr gemäßen Raum erhält, ohne dass die Ausrichtung auf Gott relativiert, aber durch ihre Fürsprache noch mit einer besonderen Frömmigkeit hin verstärkt wird – indem sich also das Sänger-Ich auf dem Weg der Gottesmutter, die demütig Ja gesagt hat zum Willen Gottes, betend sich an Gott wendet.
Die geistlichen Themen scheinen, so Fleischmann, im „Sangspruch der nachfolgenden Dichtergeneration quantitativ zu explodieren“, besonders die Lob- und Bittgebete, die Walther von der Vogelweide in seinen Sangspruch kaum integriert hat. Aus dem Marienlob wird aber keine Marienvergöttlichung: „Während Maria innerhalb der Lobgebete öfter angesprochen wird als Christus bzw. Gott, tritt sie bei den Bittgebeten hinter die beiden zurück, bleibt auf ihre Rolle als Bindeglied zwischen Menschen und Gottheit beschränkt – welche als elementar und lobenswert beurteilt wird. Dennoch kommt der aktivere Teil dem Vater und Sohn zu.“
Marie Ann Fleischmann legt eine beeindruckende Studie zur Sangspruchdichtung im 13. und 14. Jahrhundert vor, die vor allem Germanistinnen und Germanisten, die sich mit jener Epoche der Lyrik beschäftigen, neue Einblicke schenken wird. Die detailliert wie souverän ausgearbeitete Dissertation könnte künftig zu einem Standardwerk über dieses Zeitalter der deutschen Dichtkunst werden und verdient darum jedes Lob sowie große Anerkennung.
Ein Beitrag aus der Mittelalter-Redaktion der Universität Marburg
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