Ein Paukenschlag
Ramie Targoff Buch „Shakespeares Schwestern“ über englische Autorinnen der Renaissance ist überaus informativ
Von Rolf Löchel
Ramie Targoffs Untersuchung beginnt mit einem zwar überraschenden, in ihrem Titel Shakespeares Schwestern jedoch schon vorbereiteten Paukenschlag: Mit einer handfesten Kritik an Virginia Woolfs so oft zitierter Antwort auf die selbstgestellte Frage, was wohl mit einer Schwester Shakespeares geschehen wäre, hätte deren literarisches Talent dem seinen nicht nachgestanden. Es wäre ihr übel ergangen und keinesfalls hätte sie schreiben, gar publizieren können. Targoff behauptet nun, dass Woolf „mit ihrer düsteren Sicht auf die Autorinnen im England der Renaissance schrecklich falsch [lag]“. Und dies, obwohl sie es hätte besser wissen können, denn Woolfs Freundin Vita Sackville-West wusste nicht nur um zumindest eine Schriftstellerin zu Zeiten Shakespeares namens Anne Clifford, sondern hat auch literarische Werke von ihr veröffentlicht. Die allerdings wurden von Woolf als belangloses Geschreibsel abgetan. Targoff aber behauptet nicht nur, dass sich die feministische Schriftstellerin in beiden Fällen irrte und es sehr wohl „eine kleine[] Gruppe von Zeitgenossinnen Shakespeares [gab], die genau das taten, was Woolf für unmöglich hielt“, sondern auch, dass Cliffords Werk durchaus von hoher Qualität ist. Um die Richtigkeit ihrer Behauptung zu belegen, hat sie eine schier unglaubliche Recherchearbeit in einschlägigen Archiven geleistet, die etliche unbekannte Informationen über englische Autorinnen der Renaissance zutage förderte. Sind die überlieferten Quellen lückenhaft, erwägt sie verschiedene Varianten eines Geschehens.
Targoff hat vier zeitgenössische Autorinnen Shakespeares ausgewählt, um sie und ihre Werke beispielhaft vorzustellen: die bereits genannte Anne Clifford (1590-1676), Mary Sidney (1561-1621), Aemilia Lanyer (1569-1645) und Elizabeth Cary (1585-1693).
Die Autorin hat ihr Buch nicht nach den vier Autorinnen untergliedert, behandelt sie also nicht jeweils für sich, sondern hat ihr Buch chronologisch angelegt. Dabei geht sie nicht nur sehr ausführlich und anhand zahlreicher lebensgeschichtlicher Details auf den Werdegang der „vier außergewöhnlichen Frauen“ ein, „deren Lebenskraft im Schreiben lag“, sondern gibt zugleich Einblicke in die Geschichte der englischen Renaissance; zumal in die Sitten und Gebräuche des Hofes und des Adels mit ihren zahllosen Ränken und einigen rollenden (KönigInnen-)Köpfen. Das alles ist nicht nur interessant, Targoff versteht es auch, geradezu fesselnd davon zu berichten, mögen die umfangreichen Ergebnisse ihrer Recherchen sie gelegentlich auch dazu verführen, allzu ausufernd von bestimmten Ereignissen zu erzählen, wie etwa im Falle der Beschreibung des Todes und der Aufbahrung Königin Elisabeths I.. Auch ist manches davon für die schriftstellerische Tätigkeit der Frauen eher irrelevant, leuchtet aber doch den Hintergrund aus, vor dem die Frauen lebten und schrieben, die alle auf die eine oder andere Weise eine Verbindung zum königlichen Hof hatten. Mary Sidney etwa war in jungen Jahren „eine der adligen Kammerfrauen Elisabeths“ und erlangte damit „die prestigeträchtigste Stellung, die ein Mädchen im England der Renaissance erreichen konnte“. Für die Dreizehnjährige hätte es Targoff zufolge „keine bessere Einführung in die Macht des Theaters und der Dichtung an Elisabeths Hof geben können“. Denn sie wurde zur „Zeugin eleganter Darbietungen der Kunst des Schmeichelns, Überredens und Verführens“.
Aemilia Lanyer wiederum stammte aus einer Musikerfamilie in Venedig, wuchs aber in England bei Verwandten auf, wo sie eine „ausgezeichnete humanistische Bildung“ erhielt., denn sie lebte „in einem stillen Haushalt voller gebildeter Frauen“. Ihr Langgedicht Description of Cook-ham (1609)„gilt heute allgemein als das erste ‚Landhausgedicht’ in englischer Sprache“. Zwar verbrachte sie fast ihr ganzes Leben auf der Insel, fühlte sich „aber nie ganz dazugehör[ig]“. Als Erwachsene legte sie ihren ganzen „Ehrgeiz“ darin, „aus ihrer niederen Herkunft aufzusteigen“.
Während Clifford „aus der englischen Aristokratie“ und Lanyer „aus der Mittelschicht“ stammte, so kam Elizabeth Cary „aus der Renaissance-Entsprechung des wohlhebenden Bürgertums“. Offensichtlich handelte es sich bei ihr um ein „Wunderkind“, denn „mit vier Jahren konnte sie bereits lesen, in ihrer Jugend brachte sie sich selbst Französisch, Spanisch, Italienisch, Latein und ein wenig Hebräisch bei“. Sonderlich glücklich verlief ihre weitere Biografie allerdings nicht, denn als Siebzehnjährige wurde sie mit einem Fremden verheiratet, der ganz unverhohlen nur auf ihr Geld aus war. So lebten sie denn auch die ersten vier Jahre der Ehe getrennt.
Die älteste der Frauen, Mary Sidney, begann ihre literarische Karriere als Herausgeberin der Werke ihres verstorbenen Bruders Philip, griff aber in ihrer Trauer auch selbst zur Feder. Initiierte der Tod eines ihr nahestehenden Menschen ihre AutorInnenschaft, so wurde sie durch den Tod eines anderen beendet. Denn nachdem ihr Ehemann verstorben war, verstummte sie. Dass sie als Witte nicht mehr schrieb, „lässt“ Targoff zufolge „erahnen, in welch einer schwierigen Lage sich Schriftstellerinnen befanden, die in weniger glücklichen Verhältnissen lebten“. Dann hatte Virginia Woolf also offenbar doch nicht so ganz Unrecht. Zumal die Witwenschaft auch die schriftstellerische Karriere von Aemilia Lanyer beendete.
Um einiges interessanter noch als der geschichtliche Hintergrund und auch als die Biografien der vier Frauen sind aber Targoffs Zusammenfassungen und Analysen ihrer Werke, die mit mancher geradezu feministischen Textstelle, ja ganzen Themenstellungen aufwarten und überdies durch literarische beziehungsweise lyrische Brillanz glänzen. Mary Sidney etwa war der erste Mensch überhaupt, der „das gesamte Buch der Psalmen in englische Poesie übertrug“, wobei „Strophen und Versmaß“ ihrer Übersetzungen „eine wahrhaft bemerkenswerte Beherrschung der dichterischen Form“ bezeugen. Vor allem aber macht sie in dem Werk zugleich „den Unterdrückungscharakter des weiblichen Gehorsams […] ruhig, aber unübersehbar deutlich“. Denn in der Übersetzung der Psalmen erkannte sie die „Möglichkeit, zu beschreiben, wie es sich anfühlt, eine Braut, eine Mutter und vor allem eine Frau zu sein“.
Auch Aemilia Lanyer schrieb „eifrig Gedichte über das Patriarchat und die Unterdrückung der Frauen“ und fasste auch ihre Sozialkritik in Versform:
What difference was there when the world began
Was it not Virtue that distinguished all
All sprang but from one woman and one man
Then how doth Gentry come to rise and fall?
Or who is he that very rightly can
Distinguish of his birth, or tell at all
In what mean state his Ancestors have been,
Before someone of worth did honor win?
Das beeindruckendste aller vorgestellten Werke von Frauen aber ist ihr Langgedicht Deus Rex Judaeorum (1611), in dem sie eine „neue feministische Nacherzählung des Sündenfalls und der Kreuzigung“ unternimmt. In dem Gedicht, das ganz offensichtlich ihre Geschlechtsgenossen ansprechen soll, stellt sie nicht etwa Adam und Jesus in den Mittelpunkt, sondern Eva und die Frauen um den Gekreuzigten. Sie beschreibt „die Leidensgeschichte Christi aus dezidiert weiblicher Perspektive“. Als Beispiel hierfür führt Targoff die Szene an, in welcher der römische Statthalter Pontius Pilatus entscheidet, ob Jesus gekreuzigt werden soll. In Matthäus 27:19 wird beiläufig erwähnt, dass seine dort namenlos bleibende Ehefrau zu ihm geschickt habe, um ihm sagen zu lassen: „Habe du nichts zu schaffen mit diesem Gerechten; denn ich habe heute viel erlitten im Traum um seinetwillen“, so die Übersetzung der Luther-Bibel. In Lanyers Nachdichtung aber hält sie über mehrere Seiten hinweg „eine der stärksten Verteidigungsreden für die Frauenrechte“, „die das Christentum jemals gehört hatte“.
Elizabeth Cary wiederum ist eine der vielen Autorinnen (nicht nur der Renaissance, sondern weit darüber hinaus), die „versuchte[n] […] ihr Talent mit dem Hinweis auf ihre naturgegebene Unterlegenheit kleinzureden“. Ganz zu Unrecht, wie Targoff anhand ihres Book called Mariamne, The Tragedy oft he fair Mariamne Quen of Jewry (1613) zeigt, das nicht weniger als ein „Meilenstein in der Geschichte der englischen Literatur“ ist. Denn es handelt sich um „das erste Originaltheaterstück einer Frau, das in England jemals publiziert wurde“. Ähnlich wie Sidney und Lanyer fand auch Elizabeth Cary im Schreiben „einen Weg, ihre Unzufriedenheit mit den Lebensbedingungen der Frauen durch schöpferische Literatur Ausdruck zu verleihen“. Das Stück behandelt die Ermordung der hasmonäischen Prinzessin Mariam durch ihren als Tyrann bekannten Gatten Herodes den Große. Zwar bezahlt Mariam in Carys Stück ihre Widerständigkeit mit dem Leben, doch wird sie im Unterschied zu „anderen rebellischen Ehefrauen im Theater dieser Zeit […] niemals ‚gezähmt’“. Targoff erinnert hier an die Figur der Katharina in Shakespeare‘s The Taming of the Shrew (entstanden ca. 1594, Erstdruck 1623). Carys zweites wichtiges Werk The History of the Life, Reign, and Death of Edward II (1626/27) wird in keiner der zeitgenössischen Quellen erwähnt. Als es 1680, also vierzig Jahre nach ihrem Tod, endlich gedruckt wurde, wurde es wie selbstverständlich ihrem Ehemann Henry Cary zugeschrieben und rief wegen seiner „Männlichkeit“ allgemeine „Begeisterung“ hervor. Dass es tatsächlich nicht von ihm, sondern von seiner Frau Elizabeth stammt, belegt ihre Unterzeichnung des Vorwortes, die damals allerdings geflissentlich übersehen wurde.
Anne Cliffords Genre schließlich war das autobiographische Schreiben. Von 1603 bis zu ihrem Tod mehr als siebzig Jahre später schrieb sie „Jahreschroniken und tagesbezogene Tagebücher“. Außerdem verfasste sie Anfang der 1650er Jahre eine Autobiografie mit dem Titel The Life of Me. Dass sie in den Tagebüchern „persönliche[] Gefühle und Erfahrungen“ niederschrieb, könne heute „als ganz gewöhnlich erscheinen“. Damals jedoch war es Targoff zufolge „weit vom Üblichen entfernt“. Denn zu ihrer Zeit „dienten“ die in aller Regel von Männern geschriebenen Tagebücher ausschließlich dazu, „deren öffentliches Leben aufzuzeichnen“.
Wie Targoff zeigt, haben alle vier Frauen Außergewöhnliches geleistet und, wenn nicht wie Mary Sidney und Aemilia Lanyer explizit, dann doch zumindest implizit feministisches Gedankengut verbreitet. Dem vorliegenden Band kommt das nicht gering zu schätzende Verdienst zu, bewiesen zu haben, dass es auch zu Shakespeares Zeiten Schriftstellerinnen gab, „die ihren männlichen Pendants absolut ebenbürtig waren“. Das kann den Blick auf die Geschichte des weiblichen Schreibens nachhaltig verändern.
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