Wie man das Leben überlebt
In ihrem neuen, wie immer autobiographisch geprägten Buch „Die späten Tage“ nähert sich Natascha Wodin schonungslos der eigenen Gegenwart und blickt auf bestimmende Momente ihres Lebens zurück
Von Dietmar Jacobsen
Sie hat eine letzte große Liebe gefunden, die sie mit weit über 70 Jahren nicht mehr erwartet hat. Und gerade deshalb erfüllt sie sie mit Dankbarkeit, aber auch mit Angst. Angst um einen Partner, der täglich schwächer zu werden scheint. Angst vor der eigenen zunehmenden Hinfälligkeit – die Spazierwege werden immer kürzer, die Pausen auf den Wegen länger –, von Alleinsein und Tod steigt.
Und trotzdem gilt es, das „Leben zu überleben“, tagsüber, wenn sich die Ich-Erzählerin ausruht und auf die Nächte vorbereitet, in denen sie am Schreibtisch sitzt und Wörter zu Sätzen zusammenfügt. Seit ihrer achtjährigen Ehe mit Wolfgang Hilbig (1941-2007) –, der in Die späten Tage wie bereits in Wodins Roman Nachtgeschwister unter dem Namen Jakob, auftaucht – ist Natascha Wodin Nachtarbeiterin, schreibt, wenn andere schlafen, und muss sich von ihrem neuen Gefährten mit der Bemerkung „Im Kreml brennt noch Licht“ foppen lassen.
Friedrich also: „Als ich ihn kennenlernte, war er auch schon ein alter Mann, aber er beherrschte noch den Kopfstand und ging im Winter täglich zum Eisbaden in den See.“ In Weimar geboren und noch vor dem Mauerbau in den Westen gegangen, war er zuerst ihr Leser, ehe er ihr Lebensgefährte wurde. Wodins Roman über das Leben ihrer Mutter Sie kam aus Mariupol, mit dem sie 2017 den Preis der Leipziger Buchmesse gewann, hatte ihn zu einem Brief an die Autorin ermutigt. Und obwohl sie offensichtlich bis dahin in „antipodischen Welten“ gelebt hatten – er in dem Lübecker Haus, das er über drei Jahrzehnte mit seiner an Krebs verstorbenen Frau Martha bewohnt hatte, sie in ihrer Berliner Wohnung und einen Großteil des Jahres in ihrer kleinen Schreibklause am mecklenburgischen Schaalsee, in der viele ihrer letzten Werke entstanden –, entwickelte sich die Leser-Autorin-Beziehung schnell zu einer Liebesgeschichte. Deren Intensität beglückte und erstaunte: Es „gab […] das Verliebtsein, das Brennen, das Wunder, noch einmal das Unsterblichsein. Ich kannte bisher kein Paar, dem das in so hohem Alter widerfahren war.“
Inzwischen ist man seit sechs Jahren zusammen. Man hat Höhen und Tiefen erlebt, sich getrennt und erneut zusammengefunden, erbittert gestritten, um sich kurz darauf wieder zu versöhnen. Ist gemeinsam älter geworden, gebrechlicher auch. Geblieben aber bei allem Auf und Ab, wie es wohl jede Beziehung kennt, ist letzten Endes Dankbarkeit. Dankbarkeit für die Anwesenheit eines anderen Menschen, für die Möglichkeiten zum Gedankenaustausch – nicht immer genutzt, aber allein das Wissen darum, sich, wenn es notwendig ist, verständigen zu können, wirkt beruhigend.Dankbar vor allem aber für das gemeinsame Bestehen einer immer schwieriger zu lebenden Gegenwart.
Nicht ohne Grund vergleicht Natascha Wodin dieses Miteinander im Alter mit der klassischen Philemon-Baucis-Konstellation. Bereits auf der zweiten Seite des Buches fällt die Bemerkung: „Wir wussten, dass uns die gemeinsame Basis fehlte, aber wir konnten der Versuchung nicht widerstehen, uns noch einmal zu zweit in der Welt einzurichten, uns gegen Einsamkeit und Tod zu verbünden und schließlich so etwas wie Philemon und Baucis zu werden.“ Ovids freundliches altes Paar aus den Metamorphosen, zurückgezogen lebend am Rande einer phrygischen Stadt, wird von den Göttern letzten Endes belohnt für seine Güte und Menschenfreundlichkeit. Vor allem aber geht der größte Wunsch der beiden Alten in Erfüllung: gemeinsam zu sterben, damit keiner allein bleibt und am Grab des anderen trauernd stehen muss.
Alt zu werden ist nichts Schönes, zeigt sich die 1946 als Tochter einer ukrainischen Zwangsarbeiterin und ihres russischstämmigen Mannes in Deutschland geborene Autorin überzeugt. Und sie ruft zu ihrer Unterstützung eine Reihe von Dichterinnen und Dichtern auf, die ähnlich wie sie gedacht und formuliert haben, angefangen mit der österreichischen Schriftstellerin Ilse Helbich, die „erst mit achtzig Jahren“ ihre Gedanken niederzuschreiben begann, über die von ihr so treffend benannte „Anderswelt einer Hochbetagten, in der Bilder der Vergangenheit, Träume und Gedanken ineinander fließen, sich nicht mehr voneinander unterscheiden lassen“. Gottfried Benns Verskunst hallt nach in ihren vielleicht letzten Liebesnächten mit einem Mann, der „behauptete, sich bereits in einem Prozess der Entkörperlichung zu befinden“ – und sich dennoch jung zu fühlen meinte in seiner wiedererwachten Leidenschaft. Und Susan Sontags Satz „Jeder, der geboren wird, besitzt zwei Staatsbürgerschaften, eine im Reich der Gesunden und eine im Reich der Kranken“ ergänzt sie mit „Analog dazu gibt es auch eine Staatsbürgerschaft für das Reich der Jungen und eine für das Reich der Alten“. Nur dass man über Letztere wenig weiß, „obwohl alle, die nicht jung sterben, irgendwann in dieses Reich wechseln müssen“.
Die späten Tage ist ein Buch der Erinnerung, der schonungslosen Gegenwartsanalyse und des Abschieds. Es ist Wodins zwölfte Publikation in deutscher Sprache. Wie in allen vorangegangenen Büchern dieser seit ihrem großen Erfolg mit dem Roman Sie kam aus Mariupol endlich auch einem größeren Kreis von Leserinnen und Lesern bekannten Autorin hat sie in ihm eigenes Erleben und Denken literarisch verarbeitet. Das ist nicht immer leicht zu lesen, nimmt Wodin doch kein Blatt vor den Mund, erlaubt sich, auch das Unerhörte, das Empörende, ja das Schambehafteteam Alter zu thematisieren:
Fast alle alten Frauen, die ich kenne, schämen sich ihres Alters. Auch ich schäme mich […] ich schäme mich an der Supermarktkasse […] ich schäme mich auf einer Treppe […] ich schäme mich im Restaurant […]. Ich schäme mich meiner Vergesslichkeit, meiner Inkontinenz, meiner geschwollenen Füße, ich schäme mich auf Schritt und Tritt, und vor allem schäme ich mich meiner Scham.
Dass nicht alle Leserinnen und Leser ihre Wahrheiten teilen werden, stört Natascha Wodin im Übrigen nicht. Denn das Alter, so schwierig es auch auszuhalten sein mag, hat auch etwas Befreiendes. Es befreit von Rücksichten, lizenziert Meinungen, die beileibe nicht von allen geteilt werden, ja lässt den alten Menschen gegenüber der Gefahr, mit seinen persönlichen Ansichten auch einmal anzuecken, fast gleichgültig werden. Und so unterscheidet sich letztlich auch ihr Blick auf die gegenwärtige Situation unserer Welt und auf den Krieg, der nicht nur die Stadt ihrer Mutter, Mariupol, ein weiteres Mal zerstört hat, von den von Medien und Politik hierzulande überwiegend vertretenen Ansichten. Nein, Natascha Wodin will es nicht hinnehmen, wenn ein NATO-Generalsekretär zu „Kriegsmentalität“ ermuntert und sie einen ihrer Lieblingsautoren, Lew Tolstoi, plötzlich gegen den Vorwurf verteidigen muss, „ein Wegbereiter des Angriffs auf die Ukraine zu sein.“ Soll man ihr das wirklich verübeln?
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