Wundersame Geldvermehrung
Elfriede Jelinek prangert in ihrem neuen Buch „Unter Tieren“ die Gewinngier der Banken und Reichen an
Von Herbert Fuchs
„ […] der Abstand der Reichen zu den Armen wird immer größer, na, wenigstens an der Börse konkurrieren nur noch die Reichen miteinander. Einmal werden plötzlich so viele reich wie nie, und im nächsten Moment werden viele so arm wie nie. Die Kleinanleger werden auf jeden Fall geschlachtet […].“
Diese Sätze liest man etwa nach der Hälfte des neuen Buches Unter Tieren von Elfriede Jelinek. Sie könnten, da sie so überzeugend klingen, als Motto über einem Großteil des Buches stehen. Denn das macht eigentlich nichts anderes, als diese Sätze, so oder ähnlich, zu wiederholen, zu variieren, auszuführen, mit Beispielen und Anspielungen zu erweitern, mit immer neuen Nuancen zu versehen, ins Anekdotenhafte zu führen, sie immer wieder aufs Neue und mit überraschenden Einfällen durchzuspielen und auf verschiedene „Sprecher“ aufzuteilen, eben auf die Tiere, die dem Buch den Titel geben, wie zum Beispiel Kühe, Hunde, Ratten und andere.
Natürlich stellt Elfriede Jelinek das alles dann doch erheblich differenzierter dar, als es die Sätze oben vermuten lassen. Es geht der Autorin um die „Kleinen“ und die „Großen“ in der Gesellschaft. Zwar wollen alle Geld, insofern stimmen die Sätze, aber nur die ganz oben, die Finanzbehörden, die Steuerbehörden, die Aktionäre und die Begüterten, vor allem aber die Banken, wachen über seine Vermehrung. Die Mehrzahl der Bürgerinnen und Bürger ist dazu da, mit ihrem Geld die an der Quelle, also die sowieso schon Wohlhabenden und Finanzstarken, noch reicher zu machen.
Das klingt einfach. Jelinek spielt dabei mit den Alltagserfahrungen der Leserinnen und Leser. Die verstehen die Thesen und Beispiele, weil vieles davon ihrem Empfinden und Erlebten entspricht. Die Lesenden wissen, zu welcher der Geldgruppen sie gehören, in der Regel zu einer weit unten: „Wir sind gewiegt worden und wurden für zu leicht befunden. Nur die Luft nimmt uns auf.“
Wie es den „Kleinen“ im Geldkreislauf ergeht, veranschaulicht Jelinek mit dem bekannten Märchen Hans im Glück. Der Märchenheld tauscht sein „jahrelang hart erarbeitetes Gold“ gegen immer andere Tiere und dann am Ende gegen zwei Steine ein, die ihm noch obendrein beim Trinken in einen Brunnen fallen.
Was für eine Erleichterung, jetzt muß er sie nicht mehr schleppen, was ist der doch für ein Glückspilz! Endlich gehts heim zu Muttern, also ins Grab. In den Tod. Hans tauscht also das Wertvollere gegen etwas immer Kleineres und weniger Wertvolles, bis er selbst das Nichts ist, das er immer schon war, dafür aber glücklich. Vorher war er nicht glücklich, jetzt schon, und das hat nichts mit Genügsamkeit zu tun.
Elfriede Jelinek schildert eine Gesellschaft, in der die Geld- und Vermögensverhältnisse höchst ungleich verteilt sind, eine Raubtiergesellschaft, unbarmherzig gegenüber den Schwächeren, egoistisch, raffgierig. Unter Tieren kommt als Buch über Finanz- und Geldgeschäfte daher, geht aber in vielen Abschnitten weit darüber hinaus, spricht über Klimawandel und Kriege und schüttet über die Menschen, die nicht in der Lage sind, dagegen etwas zu tun, Spott und Häme aus. Ihre Schilderungen werden zu einem Abgesang auf die menschliche Gesellschaft insgesamt. Ihr scheint nicht mehr viel zu helfen zu sein.
In diesem Zusammenhang an Sophokles’ berühmtes Chorlied aus der Antigone zu denken, ist nur konsequent. Jelinek ändert allerdings Wesentliches. Sie wird eindeutig, wo Sophokles den Menschen einmal gut, dann wieder böse sein lässt:
Klar, es gibt viel Ungeheuerliches, Sie wissen, wie es weitergeht, das Ungeheuerste, der Mensch, Ungeheuer genügt auch, der jagt im winterlichen Sturm über das graue Meer und gelangt, von Brechern umtost, ans Ziel. Der Mensch ist Entsetzen, ich sollte die Wege beschreiben, die er dabei zumüllte, die Behausungen, die er mit Geschossen enthüllte, die Zimmer, die er durch Tod entmüllte, die Kleider, mit denen er sich verhüllte, bevor er ihnen ein Ticket nach Nirgendwo spendiert hat, die abgenutzten Wegzeichen, mit denen er, an andren vorbei, ans Ziel gelangen möchte, sie sollen für alle andren unsichtbar sein, die Zeichen, die ihm zu Hilfe eilen, nein, er eilt ja viel mehr zu ihrer Hilfe und hinterläßt dabei seine giftigen Ausscheidungen, und zwar aus Haß, daß er längst ausscheiden mußte aus dem Kreislauf der Waren.
Die Autorin verankert, was sie zu den Vermögenden schreibt, in der Wirklichkeit. Wie in ihrem vorangegangenen Buch Angabe der Person nennt sie auch in Unter Tieren Namen von Personen, die seinerzeit heftig in der Öffentlichkeit diskutiert wurden und immer noch einen üblen Nachklang haben. René Benko, der einstige Immobilien-Zar und mehrfache Milliardär, der schließlich Insolvenz anmelden musste und gegen den staatsamtlich wegen schweren Betrugs und anderer Vergehen ermittelt wird, gehört zu diesen dubiosen Geld-Promis. Der Wirecard-Skandal und Elon Musk werden erwähnt, auch der amerikanische Präsident, der seinen unerhörten Reichtum offensichtlich während seiner Amtszeit zu einem noch unerhörteren ausbaut. Sigi und Helga K. sind weitere Beispiele, die vor allem in Österreich auf unschöne Weise bekannt geworden sind. Gemeint sind der Unternehmer Siegfried Wolf und die Finanzamtsleiterin Helga K., die gegen Bestechungsgelder die Steuerschulden des Millionärs stark reduzieren wollten. Der Skandal wurde aufgedeckt, zeigt aber die fatale Nähe zwischen Großkapital und Finanzbehörde, wenn es um Steuern und einen ungerechtfertigten Erlass von Steuerschulden geht.
Jelinek schlachtet diese und ähnliche Finanzskandale weidlich aus. Und sie spitzt das Problem weiter zu. Sie zeigt, wie die Begüterten ihr Luxusleben auf Kosten derjenigen einrichten und führen, die weniger besitzen. Sie lassen, schreibt sie, „ganze Brücken wegsägen (…), damit ihre Jachten sicher und gut durchkommen.“ Sie wendet sich direkt an ihre Leserinnen und Leser: „Macht es Ihnen auch so viel Spaß, ihren Geschäften zuzusehen? Der Immobilienmogul überschreitet gerade eine Grenze und kauft sich die Zeitung, auf die er und in der er steht. Seine Gebäude stehen ja auch überall, ich habe keine Ahnung, was sie dort machen.“
In solchen Sätzen schafft sich die Wut der Autorin – sie benutzt das Wort im Text – über die Zustände, die sie schildert, Luft und ihre Enttäuschung darüber, die korrupten Vorgänge beschreiben, aber nicht verhindern zu können. Ihr bleibt lediglich, ihre Leserinnen und Leser damit zu konfrontieren. Natürlich kann man kritisieren, wie es einige tun, dass auf diese Weise Missverhältnisse zwar öffentlich gemacht, aber nicht verändert werden. Nur sollte man, wenn man diese Haltung einnimmt, die Möglichkeiten von Literatur nicht unterschätzen. Eine emotionale Aufrüstung gegen Ungerechtigkeit, wie es das Buch Unter Tieren vielleicht erreicht, stößt letztlich auch eine intellektuelle Auseinandersetzung damit an.
Die inhaltlichen Aspekte geben dem Buch Gewicht. Genauso entscheidend für seine Bedeutung ist aber die Sprache. Elfriede Jelinek rückt in ihrer Schreibweise eng an die Lesenden heran. Durch ihre direkten Ansprachen fängt sie sie regelrecht ein. Sie „müssen“ ihr zuhören und das, was sie schreibt, zustimmend abnicken. Sie lässt ihnen gar keinen Raum, die Vorgänge anders, als sie sie schildert, zu sehen. Auf sie prasselt ein Wortschwall nieder, der sie regelrecht mitreißt, eine Fülle an Bildern, die immer wieder neue Sichtweisen öffnet, an anekdotenhaften Einschüben, die einen ständigen Wechsel von Einschätzungen und Bewertungen erzwingen, an sprunghaften Szenen, die zum Teil nur lose miteinander verknüpft sind, aber einen assoziativen Zusammenhang herstellen.
Wie kann eine Autorin wie Jelinek die Ungerechtigkeit eines Systems anschaulicher machen als dadurch, es von außen betrachten und beschreiben zu lassen, zum Beispiel von Tieren? Und wie kann die unterschwellige Hilflosigkeit dieser Ungerechtigkeit gegenüber in einer angemesseneren Sprache dargestellt werden als durch Spott, Sarkasmus, Ironie und die Lächerlichmachung und Anprangerung der Gläubiger wie gutgläubigen Schuldner? Vielleicht sind der scharfe Spott und die rigorose Verächtlichmachung der Mächtigen wie der Ohnmächtigen in dieser unmoralischen Geld-Welt die einzige Waffe, die der Erzählerin zur Verfügung steht. Sie erreicht damit keine positiven Veränderungen, aber sie zeigt ihre grundsätzliche Empörung über das System, und das ist nicht wenig.
Elfriede Jelinek öffnet vor den Leserinnen und Lesern eine Welt aus verschiedenen Redeweisen, Stilformen und Sprachspielen und lädt sie zu einer Reise in ein Sprach-Abenteuer sondergleichen ein, das fordernd und gelegentlich anstrengend ist, die aber, die „mitmachen“, mit neuen Einblicken belohnt. Sie versteht es gekonnt, scheinbar Divergierendes so zusammenzuführen, dass ein sinnvolles Ganzes entsteht. Dabei gelingen ihr wahre dichterische Kabinettstückchen, aufklärerische, beißend-spöttische, auch komische. Wie sie zum Beispiel im „Bär“-Kapitel völlig „logisch“ und nachvollziehbar von Plato zum binären Zahlensystem und über ihr Schreiben („ich Null“) zu einer Eins mit „sechs Stück Nullen, mindestens“ kommt und damit wieder bei ihrem Thema über Banken und Millionen-Kredite anlangt, ist eine literarische Meisterleistung. Es sind solche Passagen, und es kommen viele dieser Art im Buch vor, die ein besonderes Lesevergnügen darstellen und die Faszination des Buches ausmachen. Sie sind große Literatur. Wer wissen will, was Kredite mit den Einsen und Nullen, dem Sein und dem Nichts (das Kapitel enthält eine vergnügliche Parodie auf ontologisches Philosophieren), mit dem Einen und dem Vielen zu tun haben, der lese diese Seiten, obwohl die Leserinnen und Leser zu den Nullen gehören, wie die Autorin sagt, zu den „Verlorenen“. Sie entrinnen ihrem Spiel mit Einsen und Nullen, mit Sein, Ist und Werden nicht, werden niemals zu einer Eins mit vielen Nullen dahinter.
Der Titel Unter Tieren passt zu einem Buch, in dem die Autorin zwar viel von menschlichem Tun und Wollen im Zusammenhang mit Geld schreibt, aber keine sprechenden Menschen – hat es denen etwa die Sprache verschlagen? – auftreten lässt. Das Reden übernehmen Tiere, Haustiere, auch wilde Tiere wie Bär und Fuchs oder, von weit her, ein Känguru. Die Tiere wissen alles über die Geldgeschäfte der Menschen und durchschauen ihre verruchten Winkelzüge und dumm-naiven Fehltritte; die Autorin kann sie alles dazu sagen lassen, in spöttischen, sarkastischen, anklagenden Worten und in hoffnungslosen, verzweifelten.
So sieht sich der Fuchs beispielsweise als zynischer Tierethiker „dazu verpflichtet, andere Tiere zu befreien, wenn auch nicht für lange. Bis sie mundgerecht und bissfest sind“. Und er spottet über die zinslosen Sparguthaben: „Es trifft nur Arme. Ja, nehmen Sie ruhig, es trifft sowieso nur Arme.“
Ganz anders die Kuh. Sie spricht klagend darüber, wie sie als Nutztier von den Menschen bis auf den letzten Knochen ausgenommen wird: „Es nützt mir letztlich nichts. Am Ende nützt mir nichts.“ Sie wird so oder so irgendwann zur Schlachtbank getrieben, wo sie auf dem „glitschigen Boden“ vor ihren Schlächtern mit einem Bolzen im Kopf in die Knie geht.
Die Autorin lässt die, die zu den Ausgenutzten gehören, über ihre Situation nicht im Zweifel und verhöhnt sie mit Versen eines Schubertlieds: „Ich wandle still und wenig froh, und immer sagt mein Seufzer: wo? Na, dort! Haben Sie keine Augen im Kopf? Ihr Geld verschwindet in fremden Taschen, entsteht dort aber immer neu. Tischlein, Deck dich, Tier, Duck dich!“
Sich dem mitreißenden Wortstrom der Autorin auszusetzen und ihrer erfindungsreichen Sprache, ist eine besondere Leseerfahrung. Das Buch empfiehlt sich als Lektüre für den bequemen Sessel zu Hause. Unter Tieren kann in manchen Kapiteln mit einem Schmunzeln als unterhaltsame „Geld regiert die Welt“-Komödie gelesen werden. Es ist allerdings mehr als das, nämlich ein zutiefst verstörendes und beunruhigendes, pessimistisches Buch über uns, nämlich die listigen wie dummen, gerissenen wie naiven, dreisten wie braven Menschen. Seine Schlussseiten klingen schon fast wie ein Nachruf auf eine menschliche Welt.
Unter Tieren wurde bereits für das Theater adaptiert. Nicolas Stemann hat es im Rahmen der Salzburger Festspiele im Sommer 2026 auf die Bühne gebracht, wo es offensichtlich vom Publikum begeistert aufgenommen wurde. Die Inszenierung soll die Theatersaison des Wiener Burgtheaters im Herbst 2026 eröffnen. Auch dort wird es, das darf man voraussagen, ein Bühnenerfolg werden.
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