"Ziel der Scham ist das Verschwinden"

Wilhelm Genazino bei "Text und Kritik"

Von Alexandra PontzenRSS-Newsfeed neuer Artikel von Alexandra Pontzen

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Kanonisierung ist ein historischer Prozess, seine Stationen lassen sich immer erst im Nachhinein verfolgen. Für die Kanonisierung eines noch lebenden Autors in die so genannte "Gegenwartsliteratur" mit dem unausgesprochenen Siegel 'wertvoll' sind solche Stationen: Wahrnehmung und Anerkennung durch das breitenwirksame "Literarische Quartett" (solange es existierte), die Verleihung eines angesehenen deutschen Literaturpreises und die Aufnahme in die von Heinz Ludwig Arnold herausgegebene Reihe "Text und Kritik". Wilhelm Genazino hat inzwischen alle drei Stationen durchlaufen: Die diesjährige April-Ausgabe von "Text und Kritik. Zeitschrift für Literatur" ist ihm gewidmet, in diesen Tagen wird er mit dem Büchner-Preis geehrt. Einem breiteren Publikum ist der 1943 geborene, lange und nun wieder in Frankfurt lebende Autor, der seit den 1960er Jahren Erzählungen, Essays, Hörspiele und Romane veröffentlicht, seit 2001 bekannt, als das "Literarische Quartett" seinen Roman "Ein Regenschirm für diesen Tag" würdigte.

Bis dato existiert über den Autor und seine zahlreichen, meist schmalen Werke keine Forschungsliteratur im engeren Sinne, vielmehr bestimmen, wie die ausführliche Bibliografie des TuK-Bandes nachweist, vorrangig Besprechungen in der Tagespresse sowie Festreden anlässlich der - nicht wenigen - Preisverleihungen das Bild Genazinos. Beide Genres, feuilletonistische Literaturkritik und öffentliche Preisrede, konzentrieren sich auf literarische Wertung respektive Würdigung. Mit dem Artikel von Thomas Reschke und Michael Töteberg im "Kritischen Lexikon zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur" liegt ein kompakter Überblick über Themen, Entwicklungen und Akzentverschiebungen in Genazinos Werk vor, doch ist der Artikel auf dem Stand von 2001 und naturgemäß der knappen Information verpflichtet.

Ort und Gelegenheit, intensiver spezielle Aspekte zu verfolgen, bietet der Band der "Text und Kritik"-Reihe, mit 108 Seiten allerdings nur etwa so umfangreich wie die Erzählbände Genazinos. Die insgesamt zehn Aufsätze, fast ausnahmslos von Wissenschaftlern, die geboren wurden, nachdem Genazinos erste Texte bereits erschienen waren, konzentrieren sich auf den jüngsten, allgemein als autobiografisch und poetologisch verstandenen Roman "Eine Frau, eine Wohnung, ein Roman" von 2003 und den ersten größeren Erfolg des Autors, die so genannte "Abschaffel"-Trilogie aus den 70er Jahren.

So nimmt Hannes Krauss die Neuauflage und Vermarktung der "Abschaffel"-Romane als Trilogie zum Anlass, die anachronistische Bezeichnung und den Mangel an textgeschichtlicher Situierung durch den Verlag zu monieren: Erst als Produkt der 70er Jahre des 20. Jahrhunderts würde "Abschaffel" verständlich als Buch "über die Schwierigkeiten einer Generation, erwachsen zu werden; es handelt von ihrer Ankunft im Alltag". Dieser zeithistorische Bezug und die Spiegelfunktion, die der Roman für die Entwicklung der Nach-68er übernehme, erkläre (und entschuldige) die Überfrachtung der Figur Abschaffel. Sie sei, so Krauss überzeugend, zu sprach- und selbstanalytisch und als Figur zu überkonstruiert, um sich in der Angestelltenrolle zu erschöpfen: "In jedem Fall ist Abschaffel mehr als ein Angestellter." So urteilt auch Claudia Stockinger, die aus den von ihr gleichwohl als Angestellten-Romanen titulierten "Abschaffel"-Werken spätere Tendenzen im "bislang vorliegenden Gesamtwerk" des Autors ableitet.

Auch Oliver Sill geht es um die soziohistorische Verortung einer Genazino-Figur, wenn er "Fremde Kämpfe" (1984) als einen "der wichtigsten deutschsprachigen Romane der achtziger Jahre" deutet. Mit Rückgriff auf Bourdieu, Beck und Schulze erscheint der Protagonist Wolf Peschek insofern als "Held" dieses Jahrzehnts, als in seinem Arbeitslosenschicksal das "individualisierte Massenschicksal" (Beck) als historisch neuartiges Phänomen der 80er Jahre des letzten Jahrhunderts vor Augen trete. Seinen Weg von der Scham zur Schande reflektiert Peschek - insofern ein typischer Genazino Held - als "Verwandlung von Außenursachen in Eigenschuld": "Was er hätte sagen müssen, verlangte die Form eines Geständnisses: ich muss dir gestehen, dass ich seit heute ohne Arbeit bin. Aber einem Geständnis geht immer eine Schuld voraus und eben diese Schuld konnte er nicht bei sich finden."

Auch Roman Bucheli sieht im Roman "Fremde Kämpfe" einen Wendepunkt in Genazinos Schaffen, den "Abschied von einer Poetik des gradlinigen Erzählens", dem in den späteren Texten das "Ringen um einen sowohl narrativen wie reflexiven Erzählerstandpunkt" folge. Der zunehmenden Selbstreflexivität entspreche eine gewendete Blickrichtung, bei der "zur Nebensache gerät, was vors Auge kommt; entscheidend ist, was das Gesehene bei dem Betrachter auslöst". Insofern hat Genazinos "Poetik des genauen Blicks" eine rezeptionsästhetische Dimension und zeigt Wirkung, indem sie den lesenden Voyeur "an der Bedenkenlosigkeit seines Beobachtens zweifeln lässt". Das für Genazino zentrale Thema der Scham als Wunsch nach dem (Sich-)Verbergen steht in einem spannungsvollen Verhältnis zum Movens des Erzählens, dem Wunsch, Dinge und Namen durch Entbergen zu retten. Dieses paradoxe Modell auf den Akt der Lektüre und das Selbstverständnis des Genazino-Lesers zu übertragen wäre ein fruchtbarer, weiter zu verfolgender Ansatz.

Buchelis Rat, "Genazinos Merksätzen sollte man besser mit Misstrauen begegnen", sollte man befolgen, sonst gerät man in Gefahr, dem an Selbstexplikationen reichen essayistischen Texten des Autors die vollständige Deutungsmacht über das erzählerische Werk zuzugestehen.

Samuel Mosers Beitrag "Aspekte der Individuation bei Wilhelm Genazino" scheint in den Sog der suggestiven poetologischen Reflexion des Autors geraten, die ausnahmslos affirmativ gelesen und in Struktur und Diktion des Aufsatzes widergespiegelt wird. Was der Leser hier vermissen mag, findet sich bei Marit Hofmann nur zu sehr: Hofmann verfolgt die Konstellation der "beobachteten Beobachter" bis hin zum letzten Roman "Eine Frau, eine Wohnung, ein Roman", in dessen Beschreibung einer Schriftstellergenese ein "Höchstmaß an Selbstreflexivität" erreicht und die Selbstreferenz "zum strukturellen Prinzip geworden" sei.

In der "Konstruktion des Textes aus dem wahrnehmenden Blick" sieht auch Werner Jung den Kern von Genazinos Schaffen. Er deutet das gesamte erzählerische wie essayistische Werk als Versuch einer "literarischen Phänomenologie der Wahrnehmung", in der die Welt der Blicke, der "An- wie Augenblicke" poetisch und poetologisch inszeniert werde. Zur Inszenierung gehört bei Genazino die Abwesenheit fast mehr noch als die Präsenz; Anja Hirsch verfolgt das Motiv des "zwischen Lust und Angst" situierten Verschwindens, das sie sowohl als Movens der Figuren ansieht wie auch - exemplarisch im Bändchen "Das Licht brennt ein Loch in den Tag" von 1996 - als Strategie des Erzählverfahrens.

Tilman Spreckelsen erläutert, inwiefern der jüngste Roman "Eine Frau, eine Wohnung, ein Roman" nur scheinbar die Geschichte einer Initiation erzählt, Held und Erzähler in Wirklichkeit aber die Idee der gesellschaftlichen Teilhabe unterlaufen - durch Distanz, (Selbst-)Beobachtung und "listige Verweigerung von Zugehörigkeit". Vorläufer für diese Mischung aus "dezidiertem Unbehagen an der Integration in die traditionelle Arbeitswelt, lustvoller Planlosigkeit im Tagesablauf und der Beobachtung der eigenen Person im Zufälligen" sieht Spreckelsen schon im ersten Band der "Abschaffel"-Trilogie von 1977.

Auch Wilhelm Amann erkennt unter dem Roman die Folie des Bildungsromans mit seiner Idee der Selbstverwirklichung (im Künstlertum). Das bei Genazino entwickelte Modell der Autorschaft als Korrektiv einer kleinbürgerlichen Nachkriegsherkunft und -existenz stehe einerseits in der Tradition der seit den 1990er Jahren zu verzeichnenden "Wiederkehr des Erzählens" durch die "literarische Vergegenwärtigung von Zeitgeschichte in Form autobiografischer Geschichtserzählungen" und stemme sich schon qua Titel - "Eine Frau, eine Wohnung, ein Roman" - gegen das bürgerliche Lebensmotto 'ein Kind zeugen, einen Baum pflanzen, ein Haus bauen'. Andererseits situiere sich Autorschaft - wenn auch transitorisch - durchaus in imitativer Manier als Nachfolge Kafkas oder als bloße "Chiffre originärer Individualität" von unzufriedenen Lokaljournalisten.

Fazit: Der "Text und Kritik"-Band spiegelt den Vorwurf, Genazino habe sich vom "poetischen Soziologen" zum "Schönschreiber" entwickelt, den Hubert Winkels angesichts des allgemein als Wendepunkt im Werk betrachteten Buchs "Der Fleck, die Jacke, das Zimmer, der Schmerz" (1989) erhob, insofern wider, als der Schwerpunkt des Bandes auf den poetischen Verfahren, der Selbstreferenzialität, der Ästhetik der Wahrnehmung und Fragen der Autorschaft liegt. Zeithistorische, soziologische und gesellschaftskritische Aspekte werden demgegenüber deutlich seltener behandelt; die - dem Autor kongeniale - Synthese beider bleibt die Ausnahme. Stattdessen greifen fast alle Beiträger zum Rettungsanker der selbstexplikativen Äußerungen und der in den Essays entfalteten Poetik des Autors. Sie gehört nicht zu den stärksten Seiten Genazinos, und die Zuflucht bei ihr schärft nicht notwendig den Blick auf die Erzähltexte, sondern verengt, verschleiert und bricht ihn zuweilen sogar.

Auch diese Syntheseanstrengungen sind ebenso wie das Bemühen, sich über ein "bislang vorliegendes Gesamtwerk" verbindlich zu äußern, und die bisweilen etwas verkrampfte Suche nach "Anschlussstellen" Ausdruck der Kanonisierungstendenz.

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Heinz Ludwig Arnold (Hg.): Wilhelm Genazino. Text + Kritik, Bd. 162.
edition text & kritik, München 2004.
108 Seiten, 14,00 EUR.
ISBN-10: 3883777552

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