Vorschule der Distanzwahrung

Über Publikationen rund um das Werk Arno Schmidts, die pünktlich zur Eröffnung der Marbacher Ausstellung erschienen sind

Von Jan SüselbeckRSS-Newsfeed neuer Artikel von Jan Süselbeck

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

"Man kann Bücher leider nur einmal zum ersten Mal lesen", schreibt Jan Philipp Reemtsma in seiner Aufsatzsammlung "Über Arno Schmidt. Vermessung eines poetischen Terrains". Doch der kleine Seufzer findet seine Beschwichtigung in dem prompten Nachsatz: "Die großen Autoren entschädigen für diese traurige Einmaligkeit dadurch, daß ihre Bücher bei der zweiten und dritten Lektüre sich erst wirklich entfalten."

Wer sich etwas länger mit der Prosa Arno Schmidts auseinandergesetzt hat, weiß, wie sehr dieser Satz gerade auf die Werke dieses Autors zutreffen kann. Und wer sogar schon einmal die eine oder andere Arno-Schmidt-Tagung besucht oder auch nur geraume Zeit die ulkigen "Fan"-Diskussionen auf der Arno-Schmidt-Mailinglist (ASML) verfolgt hat, der ahnt darüber hinaus, welche - dort vielen Teilnehmern erstaunlicherweise immer noch unbekannte - Bedingung erfüllt werden müsste, sollte sich dieser literarische Reiz der Schriften wirklich einmal im Bewusstsein der allgemeinen Rezeption durchsetzen können. Laut Reemtsma fruchtet die besagte Zweit- und Drittlektüre nämlich erst dann wirklich, "wenn man sich ein Stück weit von [den Büchern] emanzipiert. [...] Das ist etwas, was man lernen muß, wenn man älter wird: daß der Genuß von Kunstwerken nicht in der vermeintlichen Annäherung an sie (oder gar ihre Urheber) besteht, sondern in der distanzwahrenden Vermessung jenes Stückes Welt, das sie - und nur sie - uns haben sichtbar werden lassen."

Autoren wie Schmidt verführen aber, scheint es, gerade auch höhere Semester dazu, genau diese Prämissen Reemtsmas zeitlebens zu ignorieren. Die Sekundärliteratur zu Schmidt, deren teils immer noch bemitleidenswerte Standards man etwa auf den jährlichen Treffen der altehrwürdigen "Gesellschaft der Arno-Schmidt-Leser" (GASL) und in bestenfalls durchwachsen redigierten Basis-Periodika wie dem "Zettelkasten", dem "Schauerfeld" oder auch dem "Haide-Anzeiger" studieren kann, krankt seit jeher an genau jenem Mangel an Distanz, die Reemtsma in seinen Beiträgen einfordert.

Die anmaßende joviale Kumpelei mit der Imago Schmidts als eines 'allwissenden' 'großen Einzelgängers' aus dem Heideort Bargfeld wird hier von auffälligerweise zumeist greisen Platzhirschen in biografistischer und verdinglichter Perspektive mit einem Gestus fortgesponnen, der noch die Protagonisten der "Sesamstraße" als vergleichsweise würdige Vermittler philosophischer Wahrheiten erscheinen lässt.

Die Texte aber, um die es in den Diskussionen solcher Gesellschaften gehen sollte, geraten dabei häufig aus dem Blick. Nicht so bei Reemtsma, dem Mitbegründer und Förderer der Arno Schmidt Stiftung, Bargfeld. Sein im Suhrkamp Verlag aufgelegter Sammelband vereint allerlei Essays, Betrachtungen und mittlerweile fast schon klassische Aufsätze, die ihr Autor seit Mitte der 80er Jahre publiziert hat. Hierzu gehören eher zurückgenommene, einführende Bemerkungen, wie sie Reemtsma für Booklets eigener Hör-CD-Lesungen aus Schmidts Büchern verfasste und die für Fachleute eher von marginalem Interesse sein dürften - vor allem aber auch textnah argumentierende Untersuchungen, die vom Gros der Schmidtkenner bisher kaum zum Anlass genommen wurden, den Ansatz bloßen "Dechiffrierens" intertextueller oder autobiografischer Andeutungen endlich einmal abzulegen, um dort weiter zu forschen, wo Reemtsmas inspirierende Betrachtungen aufhören.

Nun also bekommen sie wichtige Aufsätze wie denjenigen über "Krieg und Nachkrieg im Werk Arno Schmidts", der den dortigen nationalsozialistischen "Kontaminierungen" mit genauem Blick nachspürt, gewissermaßen noch einmal auf dem Silbertablett präsentiert, in einer gebundenen Ausgabe.

Das Buch erschien termingerecht zur Eröffnung der laufenden und in der Presse bereits viel besprochenen, großen Marbacher Arno-Schmidt-Ausstellung, die Reemtsma und seine Kollegen konzipiert haben. Hierzu gibt es auch einen mit vielen und teils erstmals veröffentlichten Fotos und Abbildungen versehenen Katalog. Auch der beginnt mit der passenden - diesmal sogar biblischen - Mahnung in Bernd Rauschenbachs Essay "'Was Worte sind, wißt Ihr -?'": "'Im Anfang' (weiß der neutestamentliche Evangelist Johannes) 'war das Wort. Alle Dinge sind durch dasselbige gemacht, und ohne dasselbige ist nichts gemacht.' [Joh. 1, 1]"

Nicht genug betont werden kann bei der Betrachtung von Schmidts avantgardistischem Prosawerk außerdem, was Rauschenbach über die literaturgeschichtliche Situation nach Auschwitz bemerkt: "Das Unbehagen, mit den deutschen Wörtern und der deutschen Sprache weiterarbeiten zu müssen, die von Nazi-Dichtern wie Dietrich Eckart oder vom Propagandaminister Goebbels und seinem Rundfunk-Kommentator Hans Fritzsche über ein Jahrzehnt lang vergewaltigt worden waren, teilte Schmidt mit vielen seiner jungen Nachkriegskollegen." Allerdings habe Schmidt eine "andere Konsequenz" gezogen als seine schreibenden Zeitgenossen, indem er sich der "künstlich verarmten und eine[r] ihrer kargen Umgebung angepassten[n] 'Kahlschlag-Literatur'" verweigert habe als einer, dem "die Sprache im Munde brennt" (Schmidt).

Bemerkenswert kritische Perspektiven auf Schmidts Versuch, sich als avancierter Autor von seinen Konkurrenten abzugrenzen und es dabei sogar mit dem großen James Joyce aufzunehmen, bietet eine weitere aktuelle Veröffentlichung, die man derzeit auf den Marbacher Büchertischen ausliegen sehen kann. Die Rede ist von der neuesten Ausgabe der ersten literaturwissenschaftlichen Arno-Schmidt-Zeitschrift überhaupt, dem vom Bielefelder Schmidtforschungs-Doyen Jörg Drews seit den 70er-Jahren herausgegebenen und bei der Münchner "edition text + kritik" erscheinenden "Bargfelder Boten".

Darin finden sich diesmal drei Briefe des Schriftstellers der "Gruppe 47", Wolfgang Hildesheimer, der sich 1970 empört an die "Darmstädter Akademie für Sprache und Dichtung" wandte und mit seinem Austritt drohte, falls man dort die Entscheidung gefällt habe, Schmidts Buch "Der Triton mit dem Sonnenschirm" als "Buch des Monats" zu küren. Dem war zu Hildesheimers Erleichterung nicht so, doch schreibt er hier aus eigenen Übersetzungsarbeiten an Joyces "Finnegans Wake" heraus eine schmissige Spontankritik an Schmidts fragwürdigen Joyce-Interpretationen, die in ihrer knappen Hellsichtigkeit und Schärfe auch heute noch beeindruckt: "Ich möchte alle Kritiker, die dieses Buch ["Der Triton mit dem Sonnenschirm", J.S.] gelobt haben, der Unkenntnis von Joyce beschuldigen", wettert Hildesheimer in seinem Eröffnungsbrief vom 5. Februar 1970. Dies sei "das Kapital, aus dem Schmidt Zinsen schlägt. Gewiss stimmen die in diesem Buch ausgeführten Wortanalysen, er hat sich wohlweislich Beispiele ausgesucht, in denen er brillieren kann. Aber er hat sie nicht einmal für seine Übersetzungsbeispiele angewandt, sie sind eine Vulgärversion des Textes".

Am 10. Februar legt Hildesheimer dann noch einmal nach: Er sehe sich einer "psychologischen Lösung" in der Frage danach nahe, wie Schmidt den großen Joyce überhaupt mit einer so abstrusen These interpretieren könne, wie er es im "Triton mit dem Sonnenschirm" getan habe. Dort glaubte Schmidt nämlich herausgefunden zu haben, "Finnegans Wake" stelle in erster Linie "eine Form der Autobiographie [...] mit besonderem Gewicht auf der konfliktreichen Beziehung zwischen James und seinem Bruder Stanislaus" dar, wie Thomas Combrink in seinem hier nachgestellten Kommentar zu Hildesheimers Briefen erinnert.

Welche "psychologische Lösung" Hildesheimer hier nun genau vorschwebte, erläutert er in seinen Briefen leider nicht - doch ahnt man, was der aus der Resignation an den unverbesserlichen deutschen Verhältnissen nach 1945 und nicht zuletzt wohl auch wegen unschöner Erfahrungen mit Schriftstellerkollegen der "Gruppe 47" ins Schweizer Exil ausgewanderte jüdische Schriftsteller meinte, wenn er zuspitzt: "Schmidts Deutung kommt mir vor, als analysiere einer die neunte Symfonie von Mahler anhand der Fagottstimme."

Auch hier lässt sich lernen, was es heißen kann, sich von Schmidts wortmächtiger Positionierung zu distanzieren, um so zu einer darum nicht minder lustvollen Neubewertung seiner Texte zu gelangen: "(Ich versichere Ihnen, daß derlei Distanzwahrung einem ganz unmittelbaren Spaß an der Lektüre ganz und gar nicht im Wege steht.)", schreibt ja auch Reemtsma zu Beginn seines Bands "Über Arno Schmidt".

Hildesheimers zeitgenössischer Kommentar demonstriert, dass Schmidt ein gewisser notorischer deutscher Größenwahn, der Überlebenden der Judenverfolgung an seiner Sprach- und Wortkunst allerdings mehr auffiel als dem an der Stelle gern schwerhörigen Heimatpublikum, ebenso eigen sein konnte, wie seinen Kollegen in der "Gruppe 47", von denen er sich so gern und lautstark abzugrenzen versuchte. Auch wenn Schmidt sich der "Kahlschlag"-Literatur verweigerte, wie Rauschenbach im Katalog zur Marbacher Ausstellung bemerkt - er blieb doch, auf seine Weise, auch ein sehr deutscher Autor.

Was das im Einzelnen für die Interpretation seiner komplexen Texte bedeuten kann, dazu mögen die hier besprochenen Publikationen neue Anregungen liefern.


Titelbild

Arno Schmidt? Allerdings! Der Katalog zur Marbacher Ausstellung.
Herausgegeben von Susanne Fischer, Jörg. W. Gronius, Petra Lutz, Bernd Rauschenbach und Jan Philipp Reemtsma.
Deutsche Schillergesellschaft, Marbach 2006.
208 Seiten, 20,00 EUR.
ISBN-13: 9783937384153

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Jörg Drews (Hg.): Bargfelder Bote. Materialien zum Werk Arno Schmidts. 6 Bände.
edition text & kritik, München 2006.
27,00 EUR.
ISBN-10: 3921402506
ISBN-13: 9783921402504
ISSN: 03428036

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Titelbild

Jan Philipp Reemtsma: Über Arno Schmidt. Vermessungen eines poetischen Terrains.
Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 2006.
294 Seiten, 22,80 EUR.
ISBN-10: 3518417622

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